{"id":7958,"date":"2022-09-27T17:11:46","date_gmt":"2022-09-27T15:11:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7958"},"modified":"2022-09-29T09:24:56","modified_gmt":"2022-09-29T07:24:56","slug":"hollywood-und-das-exil-eine-kreative-symbiose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/09\/27\/hollywood-und-das-exil-eine-kreative-symbiose\/","title":{"rendered":"Hollywood und das Exil\u00a0\u2013 eine kreative Symbiose"},"content":{"rendered":"Im Laufe der ersten Jahrzehnte des 20.\u00a0Jahrhunderts sind drei Emigrationswellen zu verzeichnen: eine erste Phase in der Zeit vor und w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs. Von Anfang an war der US-Film von europ\u00e4ischen K\u00fcnstler_innen mitgestaltet worden. Auch das Studio-System, das f\u00fcr den amerikanischen Film eine Grundlage der Erfolgsgeschichte wurde, war gro\u00dfteils von Emigrant_innen ins Leben gerufen worden. Die zweite Phase wurde durch den Beginn und die ersten Erfolge des Tonfilms eingeleitet. Die k\u00fcnstlerischen und finanziellen Voraussetzungen in Los Angeles waren f\u00fcr viele Filmemacher_innen und Schauspieler_innen ein neues und erfolgversprechendes Bet\u00e4tigungsfeld, gleichsam ein kreativer \u201eGoldrausch\u201c im Westen der USA, den Beginn der sogenannten Goldenen \u00c4ra Hollywoods einleitend. Die dritte Phase war durch die massiven politischen und sozialen Umbr\u00fcche bedingt, die vom Aufstieg der Nationalsozialisten und dem Erstarken des Antisemitismus bestimmt wurden und schlie\u00dflich zur Machtergreifung der Nazis 1933 in Deutschland und zum \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs im Jahr 1938 gef\u00fchrt haben. Aufgrund der gro\u00dfen Anzahl der Emigrant_innen in den USA waren nun die Bedingungen nicht mehr f\u00fcr alle so lukrativ wie zuvor. Die Konkurrenz wuchs rapide an, und die Studios konnten die K\u00fcnstler_innen (Regisseur_innen, Schauspieler_innen, Musiker_innen) mehr unter sozialen und finanziellen Druck setzen. Viele waren in ihrer urspr\u00fcnglichen Heimat \u00e4u\u00dferst erfolgreich, fanden aber in Hollywood oft keine ad\u00e4quaten Lebens- und Arbeitsbedingungen vor. Trotz bestehender (europ\u00e4ischer) Reputation mussten sie oft in minder bezahlten Positionen arbeiten, konnten keine eigene Projekte umsetzen und ihre F\u00e4higkeiten nicht in geeigneter Weise entfalten. K\u00fcnstler_innen, die diesem Druck nicht gewachsen waren, zogen sich oft aus dem Filmgesch\u00e4ft zur\u00fcck.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7963\" aria-describedby=\"caption-attachment-7963\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7963\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-5-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-5-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-5-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-5-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-5-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-5-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-5-850x638.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7963\" class=\"wp-caption-text\">Erich Wolfgang Korngold bei der Oscar-Verleihung 1939 (The Adventures of Robin Hood) \u00a9 Kathrin Korngold Hubbard<\/figcaption><\/figure>\n<p>W\u00e4hrend dieser Phase kamen \u00fcber 1.500 deutschsprachige K\u00fcnstler_innen nach Hollywood und mussten sich gegen die bereits ans\u00e4ssige Emigrant_innengemeinde durchsetzen, was nicht allen gelang. Der europ\u00e4ische Film, vor allem die in Berlin ans\u00e4ssige Produktionsgesellschaft UFA, bot in den 1920er Jahren sehr gute Bedingungen und war f\u00fcr avantgardistische und expressionistische Filmstilrichtungen bekannt. Die UFA war f\u00fcr ihre innovativen Filmproduktionen ber\u00fchmt (<i>Metropolis<\/i> 1927, <i>Der blaue Engel<\/i> 1930). Der Exodus ergab sodann im Laufe der 1930er und 1940er Jahre eine k\u00fcnstlerische Ausd\u00fcnnung der deutschen Filmindustrie, die inhaltlich verflachte und von den faschistischen Machthabern aber zu propagandistischen Zwecken weiterhin aufrechterhalten wurde.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der Filmmusik als eigenes Genre ist ohne die Erfindung des Tonfilms nicht denkbar. Einen ersten Markstein setzte das Warner Bros. Studio mit dem ersten l\u00e4ngeren Tonfilm <i>The Jazz Singer<\/i> des Regisseurs Alan Crosland. Der Tonfilm und das neue Genre \u00e4nderten die Bedingungen grundlegend. W\u00e4hrend man in der Stummfilmzeit Ensembles und Orchester in den Lichtspieltheatern verwendete, wurden nun die Orchester direkt in den Studios gebraucht. Eigene Musikabteilungen wurden daher gegr\u00fcndet, deren Leiter anf\u00e4nglich die Oscar-Preise im Fach Filmmusik einstreiften und noch nicht die Filmkomponisten. Mit seiner Partitur zu <i>The Adventures of Robin Hood<\/i> von 1938 gelang es Erich Wolfgang Korngold schlie\u00dflich, die Oscar-Jury zu \u00fcberzeugen, Filmmusik nicht als Handwerk, sondern als Kunst anzusehen, daher wurde ihm als erstem Komponisten in der Filmgeschichte der Oscar zugesprochen. Auch die Schauspieler_innen waren nun mit der eigenen Stimme konfrontiert, solche mit einem ausl\u00e4ndischen Akzent wurden f\u00fcr bestimmte Charaktere eingesetzt (z.\u2009B. wurden deutschsprachige Emigrant_innen f\u00fcr die Darstellung von Nazis herangezogen).<\/p>\n<p>Der neue Tonfilm brachte auch neue Filmstile hervor, die durch die an Theatern so erfolgreichen Revuen, Operetten und Musicals beeinflusst waren (Marta Eggerth, Jan Kiepura). Der Filmsong als eigenst\u00e4ndige \u201eNummer\u201c wurde ins Leben gerufen (Walter Jurmann, Fritz Spielmann). Musiker_innen und Komponist_innen arbeiteten meist unter gro\u00dfem Druck, da sie sich dem Willen des Produzenten beugen mussten und auch erst in der Phase der Nachproduktion eingesetzt wurden. Manche Komponisten wie Max Steiner und Hugo Riesenfeld hatten einen gro\u00dfen Vorteil, da sie bereits in der Stummfilm\u00e4ra in die USA kamen oder weil sie wie Erich Wolfgang Korngold noch vor der gro\u00dfen (dritten) Emigrationswelle nach Hollywood einreisten. Alle jene, die erst sp\u00e4ter ankamen, wie Erich (Eric) Zeisl und Ernst Goldner (Ernest Gold), hatten es viel schwerer.<\/p>\n<p>Max Steiner war zwar vor der Machtergreifung der Nazis nach Hollywood gekommen, war aber auch nicht \u201everschont\u201c geblieben. Er konnte 1938 unter dramatischen Umst\u00e4nden seinen Vater Gabor Steiner (einen Impresario von mehreren Wiener Theatern) aus Wien herausholen, der Besitz seines Vaters wurde von den Nazis \u201earisiert\u201c. Im Fall des Filmes <i>Confessions of a Nazi Spy<\/i> bestand Max Steiner darauf, dass nicht sein Name, sondern nur die Musikabteilung des Studios im Vorspann erw\u00e4hnt wurde, da er seine Verwandten in Europa nicht gef\u00e4hrden wollte. Mit der Produktion von <i>King Kong<\/i> (1933) begann Steiners steile Karriere als \u201eVater der Filmmusik\u201c mit den heute noch ber\u00fchmten Filmen <i>Gone with the Wind<\/i> (1939) und <i>Casablanca<\/i> (1942).<\/p>\n<p>Erich Wolfgang Korngolds Filmmusikkarriere begann mit der Einladung von Max Reinhardt, die Musik von <i>A Midsummer Night\u2019s Dream<\/i> (1934) nach der Vorlage von Felix Mendelssohn Bartholdy zu gestalten. Korngold bearbeitete die Vorgabe so innovativ, dass die Musik zwar Aufsehen erregte, der Film jedoch ein Flop wurde. So wurde er in der Folge mit weiteren Filmmusikauftr\u00e4gen bedacht, etwa <i>Captain Blood<\/i> (1935) und <i>Anthony Adverse<\/i> (1936), bei denen noch die Filmabteilung ausgezeichnet wurde. Erst mit <i>Robin Hood<\/i> gewann Korngold als Komponist allein den Oscar. Nach 1945 war es sein Ziel, wieder in Europa und vor allem in Wien an seine Erfolge vor dem Weltkrieg anzukn\u00fcpfen, was ihm bedauerlicherweise nicht gelang. Auch das Publikum war w\u00e4hrend der Nazi-Zeit dem Terror des Regimes zum Opfer gefallen oder durch die Propaganda des \u201eDritten Reiches\u201c dem Juden Korngold nicht mehr zugetan. Auch sein heute beliebtes Violinkonzert fiel durch, da es zu viele Filmmusikankl\u00e4nge hatte. Und dies ist nat\u00fcrlich ein Fehlurteil, da Korngold nicht nach Filmmusik klingt, sondern Filmmusik nach Korngold\u00a0\u2026<\/p>\n<figure id=\"attachment_7960\" aria-describedby=\"caption-attachment-7960\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7960\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-7-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-7-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-7-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-7-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-7-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-7-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-7-850x638.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7960\" class=\"wp-caption-text\">Erich Wolfgang Korngold mit Paul Henreid und Bette Davis in einer Drehpause zu Deception 1946 \u00a9 Kathrin Korngold Hubbard<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als erste Filmmusik im Horrorfilmgenre gilt jene von Franz Waxman f\u00fcr <i>Bride of Frankenstein<\/i> (1935); die aus Wien stammenden Komponisten Hans Julius Salter und Ernst Toch haben jedoch diesem Genre wesentliche Akzente hinzugesetzt. Salter leitete in den sp\u00e4ten 1920er Jahren f\u00fcr die UFA das Orchester im gr\u00f6\u00dften Kinopalais Berlins. F\u00fcr die UFA verfasste er elf Filmmusiken, wurde aber 1933 aufgrund seiner j\u00fcdischen Wurzeln entlassen und floh in die USA. Dort schuf Salter schlie\u00dflich an die 200 Filmpartituren, darunter <i>The Wolf Man<\/i> (1941) und <i>House of Frankenstein <\/i>(1944), er errang f\u00fcnf Oscar-Nominierungen.<\/p>\n<p>Auch der bereits erfolgreiche Komponist Ernst Toch musste aufgrund seiner j\u00fcdischen Herkunft Europa verlassen. George Gershwin lud ihn zu einem Filmprojekt ein, das jedoch nicht realisiert wurde. F\u00fcr Paramount vertonte er elf Filme und errang Nominierungen f\u00fcr <i>Ladies in Retirement<\/i> (1941) und <i>Address Unknown<\/i> (1944). Wie Korngold versuchte er nach dem Weltkrieg, wieder in Europa Fu\u00df zu fassen, was aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden misslang. Zynisch meinte er, dass er der \u201emeistvergessene\u201c Komponist des 20.\u00a0Jahrhunderts w\u00e4re.<\/p>\n<p>Einen besonders schweren Stand im Filmgesch\u00e4ft hatte Erich Zeisl. Der heute bekannte Lied-Komponist kam zu einer Zeit nach Hollywood, als alle Posten bereits vergeben waren. Seine Versuche, sich an Filmproduktionen zu beteiligen, endeten immer mit der gleichen Entt\u00e4uschung, dass seine Arbeit im Abspann nicht gew\u00fcrdigt wurde. Daher gilt er als eines der Opfer der intensiven Konkurrenzk\u00e4mpfe innerhalb des Studio-Systems.<\/p>\n<p>Eine besondere Stellung hatte Hanns Eisler, der als Theoretiker und Kritiker der Filmindustrie bekannt wurde. Er besch\u00e4ftigte sich mit experimentellen Studien und machte Untersuchungen \u00fcber die Funktion der Musik im Film. In seiner mit Adorno gemeinsam herausgegebenen Schrift \u00fcber Filmmusik (1947) prangerte er das Genre an und sprach sich gegen Mechanisierung und Gedankenlosigkeit aus. 1943 wurde seine Filmmusik zu <i>Hangmen Also Die<\/i> (Regie Fritz Lang, Drehbuch Bert Brecht) f\u00fcr den Oscar nominiert.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Laufe der ersten Jahrzehnte des 20.\u00a0Jahrhunderts sind drei Emigrationswellen zu verzeichnen: eine erste Phase in der Zeit vor und w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs. Von Anfang an war der US-Film von europ\u00e4ischen K\u00fcnstler_innen mitgestaltet worden. 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