{"id":7916,"date":"2022-09-29T09:50:37","date_gmt":"2022-09-29T07:50:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7916"},"modified":"2022-09-29T09:51:23","modified_gmt":"2022-09-29T07:51:23","slug":"minderheitenstimmen-an-der-mdw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/09\/29\/minderheitenstimmen-an-der-mdw\/","title":{"rendered":"Minderheitenstimmen an der mdw"},"content":{"rendered":"<h1>In memoriam Ru\u017ea Nikoli\u0107-Lakatos (1945\u20132022) und Willi Resetarits (1948\u20132022)<\/h1>\n<p>Zwei Todesnachrichten erreichten mich innerhalb weniger Tage: am 24. April war Willi Resetarits gestorben, am 4. Mai Ru\u017ea Nikoli\u0107-Lakatos. Zu beiden Pers\u00f6nlichkeiten hatte ich Beziehungen auf unterschiedlichen Ebenen, beide waren in meinem Leben wichtig und beide vermisse ich sehr. Warum sie f\u00fcr die mdw wichtig waren, sei im Folgenden erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die beiden musikalischen Ausnahmeerscheinungen waren in verschiedenen Genres t\u00e4tig, aber beide waren sie musizierende Minderheitenangeh\u00f6rige, die diese Identit\u00e4t in ihrer Musik und in gesellschaftspolitischem Engagement ausdr\u00fcckten. Daraus ergab sich schon fr\u00fch ein Ankn\u00fcpfungspunkt zur ethnomusikologischen Minderheitenforschung am Institut f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie, ab 2019 dann auch am Music and Minorities Research Center (MMRC).<\/p>\n<p>Willi Resetarits wurde 1948 in Stinatz, einer kroatischen Ortschaft des Burgenlandes, geboren. Sein Leben und sein Wirken sind hinl\u00e4nglich bekannt, denn sein Tod hat das ganze Land ersch\u00fcttert. Er war ein \u201e\u00f6sterreichischer Ausnahme-Entertainer und politisch engagierter Zeitgenosse\u201c, wie es am Cover seiner Autobiographie hei\u00dft. Weniger bekannt ist seine Verbindung zur mdw. Der Senat der mdw hat Willi Resetarits im November 2015 zum Universit\u00e4tsrat gew\u00e4hlt. Eine Position war durch den R\u00fccktritt von Angelika Kirchschlager vakant geworden in universit\u00e4tspolitisch sehr bewegten Zeiten. Durch die Wahl einer gesellschaftspolitisch so klar positionierten Pers\u00f6nlichkeit hat der Senat ein Zeichen f\u00fcr die mdw gesetzt. Ich zitiere aus der Presseaussendung vom 19. November 2015: \u201eDer Senat der mdw \u2013 Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst Wien hat den vielseitig profilierten und gesellschaftspolitisch engagierten Musiker Willi Resetarits zum neuen Mitglied des Universit\u00e4tsrats der mdw gew\u00e4hlt.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_7919\" aria-describedby=\"caption-attachment-7919\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7919\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image1-2-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image1-2-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image1-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image1-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image1-2-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image1-2-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image1-2-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7919\" class=\"wp-caption-text\">Willi Resetarits \u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Willi Resetarits hat u.\u2009a. mit den Schmetterlingen und als Ostbahn-Kurti die \u00f6sterreichische Popularmusik ma\u00dfgeblich mitgepr\u00e4gt und ist als Mitbegr\u00fcnder von SOS Mitmensch und des Wiener Integrationshauses beispielhaft f\u00fcr die gesellschaftliche Verantwortung k\u00fcnstlerischer Menschen. Er hat sich in seiner Amtsperiode eng mit dem Institut f\u00fcr Popularmusik vernetzt und ist bei Veranstaltungen der Universit\u00e4t aufgetreten. Seine burgenl\u00e4ndisch-kroatischen Wurzeln, die besonders in den letzten Jahren auch in seinem musikalischen Schaffen mehr in den Vordergrund traten, stellten einen engen Ankn\u00fcpfungspunkt zur Minderheitenforschung an unserem Institut dar. Und die enge Kooperation der Universit\u00e4t mit dem Integrationshaus im Zusammenhang mit gefl\u00fcchteten Jugendlichen ist ebenfalls ihm zu verdanken (siehe <a>mdw.ac.at\/ive\/projekte<\/a>).<\/p>\n<p>Ru\u017ea Nikoli\u0107-Lakatos, Romni aus der Gruppe der Lovara, wurde 1945 in Ungarn in der kleinen Stadt Papa geboren; 1956 fl\u00fcchtete die Familie im Zuge des \u201eUngarnaufstandes\u201c nach \u00d6sterreich. Hier lernte Ru\u017ea ihren sp\u00e4teren Ehemann Mi\u0161o kennen, und aus der Ehe stammen f\u00fcnf Kinder. Sascha, der Zweit\u00e4lteste, starb 2004. Es ist ein schier unvorstellbares Leid f\u00fcr eine Mutter, ihr Kind zu Grabe tragen zu m\u00fcssen. Und das war bei Weitem nicht der einzige Schicksalsschlag, der Ru\u017ea getroffen hat, drei Jahre sp\u00e4ter starb ihr Mann Mi\u0161o. Trotz all dieses Leids war sie einer der liebenswertesten, freundlichsten und positivsten Menschen, die ich jemals kennengelernt habe.<\/p>\n<p>Weit \u00fcber die Grenzen des Landes hinaus war sie f\u00fcr ihre Musik und f\u00fcr ihr Engagement f\u00fcr die Volksgruppe der Romnja und Roma bekannt. \u201eSo ist meine Frau Ru\u017ea zu einer Botschafterin unseres Volkes geworden. Mit ihrer Stimme fasziniert sie das Publikum, sie strahlt aus von der B\u00fchne und beschenkt jeden Zuh\u00f6rer mit ihren Liedern. Sa ande tumari pa\u0107iv! \u2013 Euch zu Ehren!\u201c (Mi\u0161o Nikoli\u0107).<\/p>\n<p>Das Institut f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie verdankt Ru\u017ea den Minderheitenschwerpunkt, und das kam so: Ru\u017ea war der Grund, warum ich begann, mich als Ethnomusikologin f\u00fcr Romamusik zu interessieren. 1988 trat sie in der von Bert Breit und Xaver Schwarzenberger gestalteten Fernsehdokumentation <i>Ihr werdet uns nie verstehen<\/i> auf. Am Ende des Films sang sie, auf der Reichsbr\u00fccke stehend, ein Lied. Dieses Lied hat mich im wahrsten Sinne des Wortes ber\u00fchrt, obwohl ich kein Wort verstand und von dieser Art Musik keine Ahnung hatte. Ich wollte lernen zu verstehen. Dies war die Grundlage f\u00fcr mehrere Drittmittel-Forschungsprojekte, die den Minderheitenschwerpunkt begr\u00fcndeten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7920\" aria-describedby=\"caption-attachment-7920\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7920\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-1-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-1-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-1-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7920\" class=\"wp-caption-text\">Ru\u017ea Nikoli\u0107-Lakatos \u00a9 Mehmet Emir<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ru\u017ea war damals in ihrer Community, der Romagruppe der Lovara, bereits eine ber\u00fchmte S\u00e4ngerin. Am liebsten sang sie die alten, traditionellen Lieder, die sie in ihrer Kindheit in Ungarn gelernt hatte, Lieder wie jenes, das in der ORF-Dokumentation vorkam. Sie war eine der \u201eBewahrer_innen\u201c dieser Tradition. Und es war ihr wichtig, dass diese Lieder weiterlebten. Sonst h\u00e4tte sie sich Anfang der 1990er Jahre auch nicht bereit erkl\u00e4rt, diese Lieder mir, einer jungen und naiven Forscherin, die vom Lied auf der Reichsbr\u00fccke fasziniert war und sonst nicht viel Ahnung hatte, vorzusingen. Das war keine der in der Ethnomusikologie sonst \u00fcblichen Dokumentationen, das war ein Geschenk, f\u00fcr das ich immer noch dankbar bin. \u201eSa \u0107a pa\u010divake, Uschi\u201c hat sie oft gesagt nach einem Lied, was so viel hei\u00dft wie \u201eDir zu Ehren\u201c. Ich durfte damals etwa 150 ihrer Lieder aufnehmen, die im Archiv des Instituts f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie an der mdw wohlverwahrt und teilweise publiziert sind. Damals begann sie auch \u00f6ffentlich aufzutreten, denn vorher hatte sie ausschlie\u00dflich f\u00fcr ihre Community gesungen. Ru\u017eas Karriere war eng mit Mi\u0161o und ihren S\u00f6hnen Sascha und Mischa verbunden, und es gab damals kein Festival mit sogenannter World Music in \u00d6sterreich ohne Ru\u017ea. Romamusik wurde insgesamt in der \u00d6ffentlichkeit immer mehr wahrgenommen, woran Ru\u017ea einen ganz wesentlichen Anteil hatte. Es gab auch kaum eine gr\u00f6\u00dfere Institutsveranstaltung, bei der sie nicht gebucht war, die ICTM-Weltkonferenz (2007), internationale Symposien, Buchpr\u00e4sentationen, Jubil\u00e4en und Gedenkfeiern. Im Dezember 2019 wurde sie mit dem nach ihr benannten Ru\u017ea-Nikoli\u0107-Lakatos-Preis f\u00fcr ihr Lebenswerk und ihren unerm\u00fcdlichen Einsatz f\u00fcr den Erhalt von Kultur und Sprache der Romnja und Roma ausgezeichnet. Bei dieser Veranstaltung im Porgy and Bess konnte sie aus Krankheitsgr\u00fcnden schon nicht mehr pers\u00f6nlich anwesend sein.<\/p>\n<p>Die beiden Pers\u00f6nlichkeiten verband ihre F\u00e4higkeit, die Macht der Musik dazu zu n\u00fctzen, die Welt ein wenig besser zu machen. Sie taten dies in unterschiedlichen Szenarien, die sich aber immer wieder ber\u00fchrten, z.\u2009B. standen sie gemeinsam im Musical <i>Coming Home. Ein musikalisches \u201ePannonical\u201c<\/i> von Christian Kolonovits 2004 auf der B\u00fchne in Oberwart, jener s\u00fcdburgenl\u00e4ndischen Stadt, in der 1995 das gr\u00f6\u00dfte Attentat der Zweiten Republik ver\u00fcbt worden war, bei dem vier Romaburschen starben. Auf der CD <i>Stimmen gegen Hass und Gewalt<\/i>, die nach dem Attentat als Zeichen der Solidarit\u00e4t mit den Opfern und als deutliches k\u00fcnstlerisch-politisches Signal produziert wurde, sind ebenfalls die Stimmen von Willi (als Ostbahn-Kurti) und Ru\u017ea zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Willi Resetarits und Ru\u017ea Nikoli\u0107-Lakatos haben \u00d6sterreich mitgepr\u00e4gt, waren Lichtgestalten in der Finsternis der rechtspopulistischen und xenophoben Entwicklungen und haben mit den Mitteln der Musikalit\u00e4t unglaublich viel bewirkt. Ihr Werk wird weiterleben, sie aber fehlen.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Todesnachrichten erreichten mich innerhalb weniger Tage: am 24. April war Willi Resetarits gestorben, am 4. Mai Ru\u017ea Nikoli\u0107-Lakatos. Zu beiden Pers\u00f6nlichkeiten hatte ich Beziehungen auf unterschiedlichen Ebenen, beide waren in meinem Leben wichtig und beide vermisse ich sehr. Warum sie f\u00fcr die mdw wichtig waren, sei im Folgenden erz\u00e4hlt.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":7918,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[1293,1310,1309,1308],"class_list":["post-7916","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-report","tag-2022-3","tag-minderheitenstimmen","tag-ruzanikoliclakatos","tag-williresetarits"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7916","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7916"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7916\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8122,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7916\/revisions\/8122"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7918"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7916"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7916"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7916"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}