{"id":7628,"date":"2022-04-28T13:31:44","date_gmt":"2022-04-28T11:31:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7628"},"modified":"2022-05-20T08:49:26","modified_gmt":"2022-05-20T06:49:26","slug":"wir-haben-es-staendig-mit-emotional-unerfahrenen-menschen-zu-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/04\/28\/wir-haben-es-staendig-mit-emotional-unerfahrenen-menschen-zu-tun\/","title":{"rendered":"\u201eWir haben es st\u00e4ndig mit emotional unerfahrenen Menschen zu tun\u201c"},"content":{"rendered":"<h5>Christian Berkel gibt sein Deb\u00fct als Theaterregisseur und inszeniert bei den <i>Festspielen Reichenau<\/i> 2022 <i>Fr\u00fchlings Erwachen <\/i>mit Studierenden des Max Reinhardt Seminars. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die existenzielle Lebenskrise der Pubert\u00e4t, \u00fcber zerr\u00fcttete Familienverh\u00e4ltnisse und die Kraft des Theaters.<\/h5>\n<p>Sie sind als Schauspieler zahlloser deutscher und internationaler Theater- und Filmproduktionen bekannt. Bei den diesj\u00e4hrigen Festspielen Reichenau treten Sie erstmals als Regisseur in Erscheinung. Was hat Sie an die Regie herangef\u00fchrt?<\/p>\n<p><b>Christian Berkel (CB):<\/b> Ich habe Ende der 1980er Jahre in Berlin neben der Schauspielerei an der DFFB (Deutsche Film- und Fernsehakademie) ein Studium f\u00fcr Regie und Drehbuch gemacht. Damals war ich noch n\u00e4her am Theater\u00a0\u2013 ich hatte 16\u00a0Jahre \u00fcberwiegend Theater gespielt, \u00fcbrigens auch einmal am Akademietheater. Dann ging es aber so heftig mit dem Drehen los, dass ich keine Zeit gefunden habe, diese andere Seite zu vertiefen. Irgendwann fing ich mit dem Schreiben an und habe inzwischen zwei Romane ver\u00f6ffentlicht, die sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen. Das Interesse an der anderen Seite, dem Schreiben und Inszenieren, ist immer st\u00e4rker geworden.<\/p>\n<p>In Reichenau werden Sie Frank Wedekinds <i>Fr\u00fchlings Erwachen<\/i> inszenieren, mit Studierenden des Max Reinhardt Seminars in den Rollen der Jugendlichen. Was verbindet Sie mit diesem St\u00fcck?<\/p>\n<p><b>CB:<\/b> Ich stand Anfang 20 selbst in D\u00fcsseldorf als H\u00e4nschen Rilow auf der B\u00fchne und wurde daraufhin von Hermann Beil ans Schauspielhaus Bochum engagiert. Damals begann f\u00fcr mich die wichtigste Zusammenarbeit in meiner Theaterlaufbahn. Das wusste Maria Happel nicht, als sie mich fragte, wie es mir mit <i>Fr\u00fchlings Erwachen<\/i> ergehe und ob ich glaube, dass man das noch inszenieren kann. Beim Wiederlesen war ich verbl\u00fcfft von der Kraft des St\u00fccks und hatte eine riesige Lust, es zu machen.<\/p>\n<p>Was reizt Sie daran?<\/p>\n<p><b>CB:<\/b> Bestimmte Probleme muss man sich in unterschiedlichen Zeiten immer wieder aufs Neue ansehen. Ich kenne kein St\u00fcck in der Literaturgeschichte, wo alle Themen der Pubert\u00e4t so durchgespielt werden, mit unglaublich genauen Beobachtungen. Es thematisiert den juvenilen Selbstmord, die Sexualit\u00e4t in all ihren Schattierungen, alles, was junge Menschen besch\u00e4ftigt, irritiert, was die Pubert\u00e4t, diese erste tiefe Lebenskrise ausmacht. Sp\u00e4ter im Leben hat man die Erfahrung gemacht, dass man aus der Krise auch wieder herauskommt. In der Pubert\u00e4t wei\u00df man das noch nicht. Das gibt dieser Lebensphase ihre Wucht und ihren Schrecken. Dass der junge Mensch nicht wei\u00df: Schaffe ich das? Das erste Verliebtsein, das erste Scheitern, die ersten Verletzungen\u00a0\u2013 \u00fcberlebe ich das \u00fcberhaupt?<\/p>\n<figure id=\"attachment_7630\" aria-describedby=\"caption-attachment-7630\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7630\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-15-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-15-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-15-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-15-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-15-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-15-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-15-850x1274.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-15.jpg 1423w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7630\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Gerald von Foris<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Jugendlichen in <i>Fr\u00fchlings Erwachen <\/i>sind in dieser Krise einer absolut verst\u00e4ndnislosen, abweisenden Erwachsenenwelt ausgeliefert\u00a0\u2013 ist das heute anders?<\/p>\n<p><b>CB:<\/b> Wir erleben auch heute eine Gesellschaft, die verlernt hat, junge Menschen auf ein Gef\u00fchlsleben vorzubereiten\u00a0\u2013 das hat sich nicht sehr ver\u00e4ndert. Wir lernen eigentlich von klein auf, Gef\u00fchle nicht wahrzunehmen und zu verdr\u00e4ngen. Sie k\u00f6nnen das auf jedem Kinderspielplatz erleben! Wir haben es also st\u00e4ndig mit emotional unerfahrenen, unge\u00fcbten Menschen zu tun. Das f\u00fchrt bei Erwachsenen zu Konflikten in Beziehungen, \u00fcber die man nicht zu sprechen gelernt hat. Wedekind zeigt das bereits in unterschiedlichen Schattierungen auf.<\/p>\n<p>Den Jugendlichen wie Wendla wird es zum dramatischen Verh\u00e4ngnis, dass ihre Eltern nicht mit ihnen sprechen, sie nicht aufgekl\u00e4rt werden. Kann man das heute noch nachempfinden?<\/p>\n<p><b>CB:<\/b> Abgesehen davon, dass nat\u00fcrlich jeder Teenager wei\u00df, wie Kinder entstehen, w\u00e4re es nat\u00fcrlich auch heute noch ein massives Problem, wenn ein 14-j\u00e4hriges M\u00e4dchen schwanger wird. Ein Grundproblem hat sich kaum ver\u00e4ndert: Wir leben zwar in einer wahnsinnig sexualisierten Zeit, aber wir sind immer noch genauso sprachlos im Umgang mit Sexualit\u00e4t und mit Emotionen wie zu Wedekinds Zeit. Da ist das St\u00fcck faszinierend, und ich glaube, dass es da nach wie vor provoziert.<\/p>\n<p>Wendla, die sp\u00e4ter schwanger wird und durch eine Abtreibung stirbt, k\u00e4mpft gegen diese Sprachlosigkeit an, sie stellt ihrer Mutter explizite Fragen, wird damit aber allein gelassen und ins Ungl\u00fcck gest\u00fcrzt, letztlich in den Tod getrieben. Wedekind schildert dieses existenzielle Drama auf Augenh\u00f6he mit den Jugendlichen.<\/p>\n<p><b>CB:<\/b> Die Scham ist ein gro\u00dfes Thema des St\u00fccks und die damit verbundene Schande\u00a0\u2013 die immer einer sozialen \u00c4chtung gleichkommt. Sehen Sie sich die Familienverh\u00e4ltnisse in dem St\u00fcck an. Wendla hat keinen Vater. Die Mutter, die die Engelmacherin holt, hat Angst vor der Schande. Sie ist eine verlassene Frau, alleinerziehend und sozial ge\u00e4chtet\u00a0\u2013 wenn jetzt auch noch herauskommt, dass ihre Tochter schwanger ist, dann ist sie gesellschaftlich tot. Sie geht lieber das Risiko ein, dass ihre Tochter stirbt, als dass sie sozial stirbt. Das ist brutal. Die andere Familie, bei Moritz Stiefel, hat keine Mutter. Es gibt sie offenbar, sie ist nicht tot, aber sie kommt nicht einmal zur Beerdigung des Sohnes. Wo wir hinschauen, haben wir zerr\u00fcttete Familienverh\u00e4ltnisse. Aber zerr\u00fcttet in einer Form, die uns heute alles andere als unbekannt ist. Wir leben in einer Zeit, in der die Patchworkfamilien, Trennung, Kinder, die nur mit einem Elternteil aufwachsen, fast die Regel darstellen. Wir tun so, als sei das v\u00f6llig in Ordnung. Aber es ist f\u00fcr die Kinder ein tiefer Vertrauensverlust, wenn das passiert.<\/p>\n<p>Die Eltern, nicht nur in <i>Fr\u00fchlings Erwachen<\/i>, geben ihre eigenen Probleme kommentarlos an die eigenen Kinder weiter. Wie l\u00e4sst sich die erw\u00e4hnte Sprachlosigkeit auf die B\u00fchne bringen? Mit welchen Gedanken gehen Sie da in die Probenarbeit?<\/p>\n<p><b>CB:<\/b> Wedekind war sehr fasziniert von der Zirkuswelt und ist auch selber eine Zeit lang mit einem Zirkus umhergezogen. Er war eng mit dem Kabarett verbunden und hat sich immer wieder dar\u00fcber ge\u00e4u\u00dfert, dass es ihm wichtig war, in allen Szenen auch den Humor herauszuarbeiten. Er bem\u00fcht sich immer um die Tragikom\u00f6die, um beide Aspekte\u00a0\u2013 es ist ein bei\u00dfender, teilweise ins Satirische gehender Humor. Das ist ein Aspekt, der f\u00fcr mich ganz wichtig ist und den wir auch im B\u00fchnenbild spiegeln werden\u00a0\u2013 der neue Saal des Festspielhauses ist bereits wie eine Arena angelegt. Das Bild Zirkus ist f\u00fcr mich auch eine Lebensmetapher, eine zeitlose Metapher. Zirkus ist etwas, das uns in die fr\u00fche Kindheit zur\u00fcckf\u00fchrt, das Erlebnis des Verkleidens, des Anders-Seins, aber auch das Erlebnis, nach vorne zu preschen, uns auszuprobieren\u00a0\u2013 eine Metapher, die sehr gut zu dem St\u00fcck passt und es aus einer vielleicht allzu starren Interpretation l\u00f6sen kann. Diesen Weg will ich mit den Schauspielerinnen und Schauspielern gehen.<\/p>\n<p>In Ihrer Inszenierung stehen erfahrene Schauspieler_innen in den Erwachsenenrollen den Studierenden des Max Reinhardt Seminars als Jugendliche gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><b>CB:<\/b> Es ist ein unglaublicher Reiz, dieses St\u00fcck mit so jungen, ganz am Anfang stehenden Schauspielerinnen und Schauspielern zu machen. Ich habe mir drei Jahrg\u00e4nge am Max Reinhardt Seminar angeschaut und war von dem Niveau extrem beeindruckt. Der Gro\u00dfteil der Besetzung kommt aus dem zweiten Jahrgang \u2013 das ist fast wie ein Ensemble! So hochbegabt, dass eigentlich jede und jeder von diesen jungen Leuten durchaus f\u00fcr alle Hauptrollen infrage k\u00e4me.<\/p>\n<p>Was bedeutet es Ihnen, nach langen Jahren im internationalen Film, aber auch nach den pandemiebedingten Einschr\u00e4nkungen des kulturellen Lebens, wieder f\u00fcr die B\u00fchne zu arbeiten?<\/p>\n<p><b>CB:<\/b> Theater ist ein Grundbed\u00fcrfnis. Wir sind keine Einzelwesen. Wir brauchen den anderen, wir sind eine Gesellschaft, und wir brauchen es, dass wir gespiegelt werden und uns ausdr\u00fccken\u00a0\u2013 darum geht es ja auch in <i>Fr\u00fchlings Erwachen<\/i>. Die Pandemie hat in der Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen, und ich f\u00fcrchte, die R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t wird nicht so einfach passieren. Wir haben einen Naivit\u00e4tsverlust erlebt, der ist heftig. Das Bed\u00fcrfnis nach Theater ist gro\u00df, und die B\u00fchnenkunst hat die wichtige Aufgabe, hier anzukn\u00fcpfen. Wir haben erlebt, dass sich unsere Welt innerhalb k\u00fcrzester Zeit in ihren Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten extrem ver\u00e4ndern kann, dass wir zu unserem eigenen Schutz das Gegenteil von dem machen, was eine Gesellschaft eigentlich tut. Das werden wir nicht so ruckzuck aus den Knochen kriegen.<\/p>\n<p><i>Fr\u00fchlings Erwachen<\/i> in der Regie von Christian Berkel ist von 3.\u00a0Juli bis 6.\u00a0August 2022 bei den <i>Festspielen Reichenau<\/i> zu sehen. Details und Karten unter <a href=\"http:\/\/theaterreichenau.at\">theaterreichenau.at<\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Berkel gibt sein Deb\u00fct als Theaterregisseur und inszeniert bei den Festspielen Reichenau 2022 Fr\u00fchlings Erwachen mit Studierenden des Max Reinhardt Seminars. 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