{"id":7577,"date":"2022-04-29T10:27:27","date_gmt":"2022-04-29T08:27:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7577"},"modified":"2022-04-29T10:28:02","modified_gmt":"2022-04-29T08:28:02","slug":"dirgent_innen-im-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/04\/29\/dirgent_innen-im-wandel\/","title":{"rendered":"Dirgent_innen im Wandel"},"content":{"rendered":"<h5>Teodor Currentzis, Arturo Toscanini oder Herbert von Karajan werden h\u00e4ufig als Diktatoren am Pult bezeichnet, denen ein demokratisches F\u00fchrungsprinzip wie jenes von Bruno Walter, Marie Jacquot oder Johannes Wildner entgegengehalten werden kann. Aber muss ein Dirigent, eine Dirigentin heute anders arbeiten, und sind die Anspr\u00fcche an Dirigent_innen der Gegenwart ver\u00e4ndert?<\/h5>\n<p>Bevor die Position des Dirigenten besetzt wurde, trafen Musiker vom Cembalo oder von der ersten Geige aus zentrale Entscheidungen \u00fcber Tempo, Klang und Lautst\u00e4rke.<\/p>\n<p>Die Profession der Dirigent_innen ist im Vergleich zu jener der Komponist_innen noch jung, geht doch das Taktieren auf Jean-Baptiste Lully vor \u00fcber 300 Jahren zur\u00fcck. Lully gab schon Anweisungen mit einem Taktstock, der damals noch auf den Boden geschlagen wurde. Diese Urform des Batons aber war kausal f\u00fcr Lullys Ableben. Er soll n\u00e4mlich versehentlich den schweren Stab auf seinen Fu\u00df niederfahren haben lassen und an den Folgen verschieden sein. Carl Maria von Weber gilt mit dem Dirigat des <i>Freisch\u00fctz<\/i> als weiterer Vorreiter f\u00fcr die Profession der Dirigent_innen.<span id='easy-footnote-1-7577' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/04\/29\/dirgent_innen-im-wandel\/#easy-footnote-bottom-1-7577' title='Gerhart von Westerman, Knaurs Konzertf\u00fchrer, Donauland, 1952, S. 478.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> Richard Wagner<span id='easy-footnote-2-7577' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/04\/29\/dirgent_innen-im-wandel\/#easy-footnote-bottom-2-7577' title='Christian Thielemann, Mein Leben mit Wagner, C.H. Beck, 2012, S. 58.'><sup>2<\/sup><\/a><\/span> sieht in seinem Text \u00fcber <i>sein<\/i> Dirigieren das Tempo als zentrale Qualit\u00e4t des Kapellmeisters, denn \u201ehier der Punkt sich findet, wo der Dirigent sich als den rechten oder den unrechten zu erkennen zu geben hat\u201c.<span id='easy-footnote-3-7577' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/04\/29\/dirgent_innen-im-wandel\/#easy-footnote-bottom-3-7577' title='Richard Wagner, \u00dcber das Dirigieren, &lt;a&gt;https:\/\/books.google.at\/books?id=QkzfCAAAQBAJ&lt;\/a&gt;, S. 535.'><sup>3<\/sup><\/a><\/span>\n<figure id=\"attachment_7580\" aria-describedby=\"caption-attachment-7580\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-7580\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image1-11-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image1-11-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image1-11-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image1-11-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image1-11-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image1-11-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image1-11-850x1274.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image1-11.jpg 1423w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7580\" class=\"wp-caption-text\">Marie Jacquot \u00a9 Christian Jungwirth<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Verwendung des Batons an sich sowie dessen L\u00e4nge sind Geschmacksache, wie sich am Beispiel Waleri Gergijew veranschaulichen l\u00e4sst, der Exemplare in der L\u00e4nge eines Zahnstochers f\u00fcr tauglich h\u00e4lt. Der Taktstock kann aber auch als Mittel dienen, Zornesausbr\u00fcchen Form zu verleihen, wie es Arturo Toscanini h\u00e4ufig illustriert haben soll.<span id='easy-footnote-4-7577' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/04\/29\/dirgent_innen-im-wandel\/#easy-footnote-bottom-4-7577' title='Rudolf Augstein, Ein Dirigent, ja, das bin ich, &lt;i&gt;Spiegel&lt;\/i&gt;, 1977.'><sup>4<\/sup><\/a><\/span>\n<p>Warum brauchen wir Dirigent_innen, wenn es doch erfolgreiche Ensembles wie etwa das Orpheus Chamber Orchestra oder das West-Eastern Divan Orchestra gibt, die ohne zentrale Leitung auskommen?<span id='easy-footnote-5-7577' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/04\/29\/dirgent_innen-im-wandel\/#easy-footnote-bottom-5-7577' title='Valeria Lucentini, Der Dirigent ist tot, &lt;i&gt;Revue Musicale Suisse&lt;\/i&gt;, 2017, S. 42.'><sup>5<\/sup><\/a><\/span>\n<p>Der Bedarf an Kapellmeister_innen besteht laut dem Dirigenten und Universit\u00e4tsprofessor Johannes Wildner immer. Er sieht die Notwendigkeit eines allgemeinen Ordnungs- oder F\u00fchrungsprinzips, das der Vielstimmigkeit des Orchesters einen roten Faden verleihen kann. Die Dirigentin und mdw Alumna Marie Jacquot sieht die Maxime der Dirigent_innen in der Einigung \u00fcber die musikalische Interpretation. Durch das Engagement der Dirigent_innen werde laut Jacquot auch die Effektivit\u00e4t des Probenbetriebes erheblich gesteigert und Programme werden in einem kurzen Zeitraum auff\u00fchrbar. Eine Effizienzsteigerung, die nur von Hans Knappertsbusch unterboten werden kann, denn \u201eKna\u201c war f\u00fcr das Unterlassen der Proben bekannt.<\/p>\n<p>Wenn Elias Canetti Dirigent_innen als plakatives Beispiel der Macht beschreibt, dr\u00fcckt sich diese Macht einerseits in der Kontrolle \u00fcber das Orchester, andererseits in der \u00fcber das Publikum aus. Laut Canetti ist der Dirigent alleiniger Herrscher \u00fcber \u201eLeben und Tod der Stimmen\u201c.<span id='easy-footnote-6-7577' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/04\/29\/dirgent_innen-im-wandel\/#easy-footnote-bottom-6-7577' title='Elias Canetti, Masse und Macht, Fischer, 1994, S. 468.'><sup>6<\/sup><\/a><\/span> Marie Jacquot sieht sich und ihre Profession jedoch viel eher in einer demokratisch-ordnenden Tradition. Sie beschreibt einen klaren Trend und eine Weiterentwicklung des Berufs, indem die Musiker_innen als Menschen gesehen werden und nicht als blo\u00dfer Klangk\u00f6rper. F\u00fcr Johannes Wildner geht es um das \u201eSchaffen eines breiten, formativen Angebots\u201c, das einen hohen Grad an Konsens zwischen dem Dirigat und den Musiker_innen schaffen soll. Als zeitgen\u00f6ssisches Gegengewicht zu demokratischen Ans\u00e4tzen kann Teodor Currentzis positioniert werden. Ein Klangmeister, der ein Ideal des Ausdrucks in sich formt und das Ergebnis durch die Musiker_innen zu modellieren sucht, dabei jedoch Probenablauf, Dauer oder zu repetierende Stellen seinem Willen und Wunsch verpflichtet. Er ist auch f\u00fcr unkonventionelle Techniken bekannt, wie das Erlernen von barocken T\u00e4nzen, bevor ein Werk aus jener Epoche geprobt wird. Arturo Toscanini oder Herbert von Karajan k\u00f6nnen auch eher dem Pol der autokratischen Entscheidung am Pult zugeordnet werden, so Johannes Wildner.<\/p>\n<p>Marie Jacquot sowie Johannes Wildner entstammen der Wiener Dirigierschule von Hans Swarowsky. Dieser legte vor allem Wert auf historisch-teleologische Interpretation und rigoroses Studium der Partitur und Geschichte des Werkes. Beim Auftritt und der Vorstellung vor Publikum, so Wildner, handle es sich aber nur um drei Prozent der T\u00e4tigkeit und Verpflichtung der Dirigent_innen. Die Routine der Profession beschreibt er folgenderma\u00dfen: \u201eMan kommt zu einem Orchester oder zu einem Theater, probt und probt noch einmal, probt-general und f\u00fchrt auf\u00a0\u2013 und f\u00fchrt Folge-Auff\u00fchrungen auf.\u201c<\/p>\n<p>Die Dirigentin Marie Jacquot beschreibt ihren Alltag als abwechslungsreich, aufregend und bewegt, gibt jedoch zu bedenken, dass nicht alles so rosig sei. Denn es handle sich nicht nur um harte Arbeit, auch sei ihr Beruf einer normalen \u201eWork-Life-Balance\u201c nicht unbedingt zutr\u00e4glich und fordere viel Flexibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Digitalisierung hat auch vor den Dirigent_innen nicht haltgemacht. Marie Jacquot ist multimedial gewandt, sie ist Gestalterin eines Podcasts und gern gesehener Gast in zahlreichen akustischen oder audiovisuellen Formaten. Au\u00dferdem ist die Dirigentin davon \u00fcberzeugt, dass der Online-Auftritt wichtiger sei denn je, wobei nicht unbedingt die Musik immer im Mittelpunkt stehe. Johannes Wildner sieht einen Einzug der Technik in Unterricht und Spiel. Wobei der einfachere Vergleich der Dirigate eine Vielzahl an M\u00f6glichkeiten biete, sich zu informieren, der Wandel im Orchester sich z.\u2009B. im Gebrauch von Tablets statt Partituren und bluetoothf\u00e4higen Fu\u00dfpedalen manifestiert. Er gibt zu bedenken, dass Interpret_innen daher doch immer ein Risiko des technischen Defektes und einer gewissen Abh\u00e4ngigkeit eingehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7581\" aria-describedby=\"caption-attachment-7581\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-7581\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image2-1-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image2-1-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image2-1-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image2-1-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image2-1-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image2-1-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image2-1-850x1274.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image2-1.jpg 1423w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7581\" class=\"wp-caption-text\">Johannes Wildner \u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Laut Jacquot geh\u00f6ren ein kritischer Umgang mit Rassismus in historischen Werken, das Behandeln von Thematiken in Zusammenhang mit LGBTQ und die Auswahl der Komponist_innen des Repertoires zu den Anforderungen an Dirigent_innen von heute. Auf alle F\u00e4lle fordere der Beruf eine aktive Besch\u00e4ftigung, Problematisierung und Information von den Meister_innen am Pult. Das wird auch in der \u00f6ffentlichen Forderung nach Stellungnahmen in Zusammenhang mit dem Russisch-Ukrainischen Krieg sichtbar.<span id='easy-footnote-7-7577' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/04\/29\/dirgent_innen-im-wandel\/#easy-footnote-bottom-7-7577' title='Axel Br\u00fcggemann, Liebe Sparkasse, hilf Teodor Currentzis, &lt;a&gt;https:\/\/crescendo.de\/klassikwoche10-2022-netrebko-gergiev-currentzis-1000298387&lt;\/a&gt;'><sup>7<\/sup><\/a><\/span> Dirigent_innen kam auch in der Vergangenheit eine politische Dimension zu, heute wird aber vielleicht deren Handeln gesellschaftlich kritischer diskutiert und gesteht den Virtuos_innen keine allumfassende Immunit\u00e4t mehr zu.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><\/h5>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teodor Currentzis, Arturo Toscanini oder Herbert von Karajan werden h\u00e4ufig als Diktatoren am Pult bezeichnet, denen ein demokratisches F\u00fchrungsprinzip wie jenes von Bruno Walter, Marie Jacquot oder Johannes Wildner entgegengehalten werden kann. 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