{"id":7567,"date":"2022-04-29T10:30:27","date_gmt":"2022-04-29T08:30:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7567"},"modified":"2022-04-29T10:30:50","modified_gmt":"2022-04-29T08:30:50","slug":"selbstbewusstsein-kann-eine-taeuschung-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/04\/29\/selbstbewusstsein-kann-eine-taeuschung-sein\/","title":{"rendered":"\u201eSelbstbewusstsein kann eine T\u00e4uschung sein\u201c"},"content":{"rendered":"<h5>Ab Oktober wird der international gefeierte Dirigent Andr\u00e9s Orozco-Estrada (44) an der mdw unterrichten. Wie er das konkret angehen m\u00f6chte, erkl\u00e4rt er im Gespr\u00e4ch.<\/h5>\n<p>W\u00e4hrend seiner internationalen Karriere nahm sich Orozco-Estrada immer Zeit, den musikalischen Nachwuchs zu f\u00f6rdern, sei es in Zusammenarbeit mit jungen Orchestern oder bei Masterclasses, die er weltweit gehalten hat. Bereits mit 15\u00a0Jahren begann Orozco-Estrada seinen Dirigierunterricht, damals lebte er noch in Medell\u00edn, Kolumbien. 1997 ging er zum Studium nach Wien an die mdw und besuchte die Klasse von Uro\u0161 Lajovic. Ab Oktober kehrt er nun in anderer Rolle zur\u00fcck an die mdw: Er wird selbst Dirigieren unterrichten.<\/p>\n<p>Wie haben Sie Ihre Studienzeit in Erinnerung?<\/p>\n<p><b>Andr\u00e9s Orozco-Estrada (AOE):<\/b> F\u00fcr mich waren das die sch\u00f6nsten und aufregendsten Jahre in meinem Leben. Damals gab es noch den Schilling, und die Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst hie\u00df Hochschule. Ich kam gerade aus Kolumbien nach Wien. Jeder Tag war ein Abenteuer, es gab so viel Neues zu entdecken, nicht nur beim Studium, sondern auch die Sprache, die Mentalit\u00e4t, das Essen. Ich musste mich erst akklimatisieren.<\/p>\n<p>Wie ging es Ihnen mit dem Deutschlernen?<\/p>\n<p><b>AOE: <\/b>Ich muss gestehen, das war nicht leicht. Uro\u0161 Lajovic, bei dem ich in der Dirigierklasse gewesen bin, sprach hochdeutsch, das ging gut. Aber es gab auch Lehrer, die extrem im Dialekt geredet haben. Ich erinnere mich da vor allem an meinen Lehrer f\u00fcr Chor. Ich habe oft nicht einmal die H\u00e4lfte verstanden. Weil er recht streng war, habe ich mich nicht getraut nachzufragen.<\/p>\n<p>Ab Herbst unterrichten Sie selbst Dirigieren. Werden Sie denn auch streng sein?<\/p>\n<p><b>AOE:<\/b> Es ist eine absolute Ehre f\u00fcr mich, dass ich an dieser Universit\u00e4t unterrichten darf. Eine altmodische Art von Strenge interessiert mich allerdings gar nicht. Ich bin nicht der Typ, der schreit oder schimpft. Aber nat\u00fcrlich werde ich kritisch sein. Die Studierenden sollen verstehen, was die Verantwortung ist, die man als Dirigent_in hat. Dann beginnt man, mit sich selbst streng zu sein. Die eigene Disziplin habe ich auch hier an der Universit\u00e4t gelernt. Das m\u00f6chte ich versuchen weiterzugeben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7569\" aria-describedby=\"caption-attachment-7569\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7569\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-10-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-10-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-10-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-10-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-10-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-10-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/post-1_image0-10-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7569\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Martin Sigmund<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es bringt also gar nichts, wenn nur die Lehrenden streng sind, aber man selbst keine Disziplin aufbringt?<\/p>\n<p><b>AOE:<\/b> Wichtig ist, welche Einstellung man in sich tr\u00e4gt, welche Mentalit\u00e4t man f\u00fcr den Beruf entwickelt. Das Studium ist genau der richtige Moment, um diese zu entwickeln. Bevor ich nach Wien kam, hat mir meine erste Lehrerin gesagt: Das Dirigieren muss man im Bauch haben. Ich habe das am Anfang nicht verstanden. Aber mittlerweile ist mir klar, was sie gemeint hat. Im Bauch sitzen die Nerven und die Emotionen. Die muss man in den Griff bekommen. Man ist in diesem Beruf viel unterwegs, was auch nicht leicht ist.<\/p>\n<p>Man muss resistent gegen Stress werden?<\/p>\n<p><b>AOE:<\/b> Unter anderem. Es geht darum, was das Umfeld von einem verlangt, was das Orchester m\u00f6chte, aber auch, was man selbst von sich verlangt. Carlos Kleiber hatte angeblich oft Panik, auf die B\u00fchne zu gehen, weil er meinte, er sei nicht gut genug. Auf der einen Seite braucht es diese Ehrfurcht und diese Bescheidenheit, um nach musikalischer Perfektion zu streben. Auf der anderen Seite ben\u00f6tigt man auf der B\u00fchne oder im Orchestergraben ein gesundes Selbstbewusstsein. Diese Kombination ist wichtig, aber schwierig.<\/p>\n<p>Sie haben bisher erstaunlich wenig \u00fcber Technik gesprochen.<\/p>\n<p><b>AOE:<\/b> Das sind die Grundvoraussetzungen, sozusagen das Fundament, das man gemeinsam erarbeitet. Aber letztlich sind das nur Baumaterialien, daraus entsteht noch kein Haus. Das m\u00fcssen die Studierenden wie Architekt_innen dann selbst planen und bauen. Sie m\u00fcssen sich fragen: Was f\u00fcr eine Art Dirigent_in m\u00f6chte ich werden? Da geht es stark um die eigene Pers\u00f6nlichkeit. Es d\u00fcrfen ja nicht alle H\u00e4user gleich ausschauen. Das w\u00e4re langweilig.<\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen die jeweiligen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen Ihrer Studierenden herausfinden?<\/p>\n<p><b>AOE:<\/b> Ja, obwohl ich denke, dass das fr\u00fcher leichter war. Viele junge Dirigent_innen haben kein klares Vorbild. Das muss nicht schlecht sein, aber viele wissen gar nicht mehr, wohin sie wollen. Durch die Globalisierung ist es fast schwieriger geworden, eine Pers\u00f6nlichkeit zu entwickeln, weil alles m\u00f6glich ist. Aber, um es deutlich zu sagen: Mich interessiert nicht, dass meine Studierenden so wie ich dirigieren. Sie sollen gut dirigieren, mit ihrer eigenen Pers\u00f6nlichkeit. Das ist das gro\u00dfe Ziel, an dem ich arbeiten m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Wie wichtig ist Talent?<\/p>\n<p><b>AOE:<\/b> Man muss in diesem Beruf dranbleiben, mit Hingabe und Disziplin. Ich habe schon w\u00e4hrend des Studiums Kolleg_innen erlebt, die hatten kein riesiges Talent, aber sie haben mit ganzer Leidenschaft gearbeitet und sind dadurch ihren Weg gegangen. Es hat vielleicht l\u00e4nger gedauert als bei den talentierten Dirigent_innen. Aber manchmal ist es sogar besser, man erreicht sein Ziel langsam. Und ist nicht schon in jungen Jahren ein Star.<\/p>\n<p>Sind die Studierenden selbstbewusster als fr\u00fcher?<\/p>\n<p><b>AOE:<\/b> Selbstbewusstsein kann eine T\u00e4uschung sein. Wenn man Tausende Follower in den Sozialen Medien hat, hat man schnell das Gef\u00fchl, ber\u00fchmt zu sein. Es geh\u00f6rt zum Studium, das zu relativieren. Das habe ich auch selbst erlebt. Ich habe meine Aufnahmepr\u00fcfung mit 19 bestanden, aber hatte davor schon mit 14 mein erstes Konzert dirigiert. Ich kam mit einem gewissen Selbstbewusstsein an die Universit\u00e4t, ich wusste, dass ich dirigieren kann. Ich erinnere mich noch genau, als ein Professor damals meinte: \u201eSie haben sehr viel Energie, aber jetzt beruhigen Sie sich erst einmal. Schlagen Sie pr\u00e4zise. \u00dcberlegen Sie: Was braucht das Orchester von Ihnen?\u201c Ich ging weinend nach Hause, nicht weil der Professor so gemein war, sondern weil ich erkennen musste, dass er recht hat. Dass ich nicht so viel kann, wie ich dachte.<\/p>\n<p>Man muss also lernen, konstruktiv mit Kritik umzugehen?<\/p>\n<p><b>AOE:<\/b> Absolut. Ich wei\u00df nicht, wie kritikf\u00e4hig moderne Menschen sind. Das werde ich beim Unterrichten herausfinden. Fragen Sie mich in einem Jahr noch einmal, vielleicht sagen einige dann, ich sei zu streng. Aber was ich durch diese Kritik von meinem Lehrer damals gelernt habe, war nicht nur, dass ich Kritik annehmen kann, sondern, dass ich selbstkritisch werden musste. Das war eine der wichtigsten Lektionen f\u00fcr mich. Nur so kommt man weiter im Leben. Als Mensch. Und als Dirigent.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab Oktober wird der international gefeierte Dirigent Andr\u00e9s Orozco-Estrada (44) an der mdw unterrichten. 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