{"id":756,"date":"2017-03-01T10:13:36","date_gmt":"2017-03-01T09:13:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=756"},"modified":"2017-03-01T10:41:03","modified_gmt":"2017-03-01T09:41:03","slug":"gender-studies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2017\/03\/01\/gender-studies\/","title":{"rendered":"Gender Studies"},"content":{"rendered":"<strong>\u201eDas Verstehen der Welt von innen heraus und als Teil von ihr &#8230;\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber das Selbstverst\u00e4ndliche nachzudenken, schmerzt mitunter. Denn ist es nicht der Vorteil des Selbstverst\u00e4ndlichen, es nicht hinterfragen zu m\u00fcssen? Es als gegeben nehmen zu k\u00f6nnen, als erprobt und als richtig? Warum sonst w\u00fcrde es als selbstverst\u00e4ndlich betrachtet werden? Nun, genau dies aber tun die Gender Studies. Sie hinterfragen das Fraglose. Das macht sie f\u00fcr viele Menschen zu einer gesch\u00e4tzten innovativen wissenschaftlichen Herangehensweise, f\u00fcr manche andere jedoch zu einem unerw\u00fcnschten Etwas, das es darauf abgesehen hat, sich \u00fcber Herk\u00f6mmliches und Bew\u00e4hrtes hinwegzusetzen.<\/p>\n<p>Dass die Welt sich in einem permanenten Ver\u00e4nderungsprozess befindet, merken wir mit etwas Aufmerksamkeit t\u00e4glich. Internationalisierung der Wirtschaft, Ver\u00e4nderungen der Arbeitswelt, Individualisierung, neue Informations- und Kommunikationsmedien versehen das Leben mit einem Signum, verlangen nach neuen Herangehensweisen und rufen gleichzeitig, wie das in historisch-transitorischen Momenten in der Regel der Fall ist, zugleich Stereotypen auf den Plan, um der Verunsicherung mit Konkretheit zu begegnen. Die Gender Studies schlagen hier eine andere Richtung ein. Sie sch\u00e4rfen den Blick f\u00fcr gesellschaftliche Mechanismen, suchen nach neuen Wegen des Weltverstehens, aber auch des Weltgestaltens. In diesem Sinne verstehen sie sich als eine gesellschaftskritische und wissenschaftskritische Wissenschaft, die in genau diesen krisenhaften Zeiten, wie wir sie gerade erleben, wesentliche Impulse setzen kann.<\/p>\n<p>Ein Blick auf die abendl\u00e4ndischen Denkverh\u00e4ltnisse ist dabei unabl\u00e4ssig. Wir meinen ganz klar zu wissen: Wenn es Tag ist, kann es nicht Nacht sein, wer alt ist, kann nicht jung sein, wenn eine Person eine Frau ist, kann sie kein Mann sein. Das ist doch einleuchtend. Das ist leicht zu erkennen, es ist selbstverst\u00e4ndlich. Oder nicht? Wir meinen auch zu wissen, wenn rational gedacht wird, spielt das Intuitive\u00a0keine Rolle, wenn etwas bewusst getan wird, wirkt das Unbewusste nicht. Das, was hier am Werk ist, ist ein Modus des Denkens, ein Modus des Entweder-oder, ein Trenn-Zwang, wie Dieter Wuttke ihn nannte. Dieser Modus hat sehr viel mit der historischen Auspr\u00e4gung der Geschlechterverh\u00e4ltnisse zu tun. Ende des 18. Jahrhunderts war ein neues Welt- und Geschlechterbild entstanden und damit eine neue Geschlechterordnung. Konnotationsketten wie \u201eGeist, m\u00e4nnlich, Kultur\u201c standen in der Bedeutsamkeit weit h\u00f6her als \u201eK\u00f6rper, weiblich, Natur\u201c. Eine Wissensordnung entwickelte sich. Selbst die Bedeutung von Wissenschaft und Kunst erfuhr erst damals eine Trennung. Doch die Wirkm\u00e4chtigkeit dieses Denkens reicht bis in unsere Zeit.<\/p>\n<p>Neuere Forschungen widerlegen nun diese Annahmen der Getrenntheit in vielen Bereichen. Ein aussagekr\u00e4ftiges Beispiel daf\u00fcr ist, wie wesentlich Emotionen f\u00fcr die Ausbildung des Kognitiven sind oder dass an Denkprozessen immer beide Gehirnh\u00e4lften beteiligt sind, und nicht, wie bisher behauptet, die linke nur f\u00fcr das Rationale, Logische und Analytische zust\u00e4ndig ist und die rechte f\u00fcr alles in Bezug auf Gef\u00fchle, Symbole und Intuition Verantwortung tr\u00e4gt. Unschwer sind auch in dieser Ordnung die Geschlechterzuschreibungen erkennbar. Erlauben wir jedoch, diese Verbundenheit wahrzunehmen, finden wir uns in einem Denken im Sowohl-als-auch, einem Denken im Und, das so viel mehr ist als seine Pole. Dieses Denken findet in vielen Bereichen Anwendung \u2013 in den Vorstellungen \u00fcber das Zusammenwirken von K\u00f6rper und Geist, Globalem und Lokalem und daher weiblich Konnotiertem und m\u00e4nnlich Konnotiertem. Komplexit\u00e4t wird in dieser Sichtweise zugelassen. Wie auch bei dem Begriff der Diversit\u00e4t, der Verschiedenheit, der Vielfalt. Dementsprechend sensibilisieren Gender Studies f\u00fcr Kategorien, die in interdependenter, voneinander abh\u00e4ngiger, ineinandergreifender Verbindung stehen, wie z. B. das Geschlecht, das freilich immer mit dem sozialen bzw. kulturellen Milieu, der Nationalit\u00e4t, der Ethnie, der Generation, der sexuellen Orientierung etc. zu denken ist.<\/p>\n<p>Der agentielle Materalismus nach der Philosophin und Physikerin Karen Barad geht von verschr\u00e4nkten, intra-agierenden Zust\u00e4nden von Natur und Kultur aus. Das \u201eVerstehen der Welt von innen heraus und als Teil von ihr\u201c steht f\u00fcr eine transdisziplin\u00e4re Auseinandersetzung und besch\u00e4ftigt sich mit der Bedeutung von Praktiken und damit auch mit der Frage, wie Wissen produziert wird. Wissen und Sein erscheinen ihr als nicht trennbar, das hei\u00dft, sie stellt auch diesen Dualismus infrage.<\/p>\n<p>Ein Konzept wie dieses sensibilisiert daf\u00fcr, eine Haltung einzunehmen, die sowohl WissenschaftlerInnen wie freilich auch K\u00fcnstlerInnen als SinnproduzentInnen ernst nimmt, und die Verantwortung, die Welt mit und durch das eigene Tun und Denken zu gestalten, bewusst wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Was nach diesen Ausf\u00fchrungen wahrscheinlich l\u00e4ngst deutlich ist: Gender als Umbrella Term, wie er auch im Kontext der mdw verstanden wird, also unter Einbezug aller Diversit\u00e4tskategorien und inklusive der Schnittstellen zu den Queer Studies, Trans Studies, Postcolonial Studies, der Erkenntnistheorie, der Wissenschaftsforschung etc., ist in allen Themen enthalten. Der an der mdw gesetzte Schwerpunkt \u201eWissenschaft, Kunst und Gender\u201c ist nicht zuletzt deshalb um einen Dialog der diversen Wissens\/Kulturen bem\u00fcht. Dialog verstanden als die Kunst gemeinsam zu denken, wie der am MIT (Massachusetts Institute of Technology) im Bereich Organisationsentwicklung t\u00e4tige William Isaacs es formulierte. Mit anderen Worten bedeutet das ein Sich-\u00dcben im Respekt f\u00fcr die anderen, im Respekt f\u00fcr sich selbst und im Respekt vor den Unterschieden.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDas Verstehen der Welt von innen heraus und als Teil von ihr &#8230;\u201c \u00dcber das Selbstverst\u00e4ndliche nachzudenken, schmerzt mitunter. Denn ist es nicht der Vorteil des Selbstverst\u00e4ndlichen, es nicht hinterfragen zu m\u00fcssen? Es als gegeben nehmen zu k\u00f6nnen, als erprobt und als richtig? Warum sonst w\u00fcrde es als selbstverst\u00e4ndlich betrachtet werden? 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