{"id":7530,"date":"2022-04-28T11:22:05","date_gmt":"2022-04-28T09:22:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7530"},"modified":"2022-04-29T09:18:03","modified_gmt":"2022-04-29T07:18:03","slug":"es-faengt-schon-an-wenn-wir-ganz-jung-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/04\/28\/es-faengt-schon-an-wenn-wir-ganz-jung-sind\/","title":{"rendered":"\u201eEs f\u00e4ngt schon an, wenn wir ganz jung sind\u201c"},"content":{"rendered":"<h1>Aging and Aging Trouble<\/h1>\n<p>Wir alle altern. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Seit der Geburt. Nicht erst seit dem 50., 55. oder 60.\u00a0Geburtstag. Irgendwann jedoch, so scheint es, sind wir alt. Keine Bewegung mehr, sondern Stillstand. Zuschreibungen \u00fcber Zuschreibungen prasseln auf jene ein, die eine kalendarische Marke \u00fcberschritten haben. Individualit\u00e4t war einmal. Was sich Einzelne w\u00fcnschen, welche Ideen und Kr\u00e4fte sie befl\u00fcgeln, erscheint gesellschaftlich nicht mehr relevant.<\/p>\n<p>Ein unangenehmes Thema also? Ja, vielleicht. Aber ein Notwendiges. Und eines, das von keiner unserer Existenzen zu trennen ist. Ein engstens mit Lebenskonzepten Verwobenes. Wir sind immer wieder f\u00fcr etwas zu alt oder auch zu jung\u00a0\u2013 f\u00fcr Zug\u00e4nge zum Bildungssystem, f\u00fcr Filme und Websites, f\u00fcr ein Stipendium, F\u00f6rderungen, Preise, daf\u00fcr, ein Baby zu bekommen, stylishe Kleidung zu tragen, ein neues Leben zu beginnen. So meinen es die Regeln der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Obgleich es in Bezug auf Sexismen, Rassismen, Homophobie, Klassismen und Ablismen noch jeweils viel an Bewusstseinsarbeit zu tun gibt, hat sich ein politisches Selbstverst\u00e4ndnis \u00fcber gesellschaftliche Macht- und Ausschlussmechanismen etabliert. Gerade auch an einem Ort wie dem einer Universit\u00e4t sind Menschen diesbez\u00fcglich vielfach sensibilisiert. Trotzdem ist niemand vor dem Verletzen und Abwerten anderer gefeit. Gerade in denjenigen Dimensionen, f\u00fcr die wir noch nicht so viel Sensibilit\u00e4t entwickelt haben, passiert es, Menschen so zu behandeln, wie wir selbst nicht behandelt werden wollen. So mit ihnen zu sprechen, wie wir, sollten wir einmal in dieser Lage sein, nicht angesprochen sein wollen. Und wir alle werden in diese eine spezifische Lage kommen, wenn wir es \u00fcberhaupt erleben\u00a0\u2013 immer \u00e4lter zu werden. Aging is living. Trotzdem wird Alter prim\u00e4r als Differenzmarker verwendet. Und obgleich wir vermeintlich essentialistische Merkmale\u00a0\u2013 Geschlecht, Ethnie, soziale Zuordnung, sexuelle Orientierung, Bef\u00e4higung etc.\u00a0\u2013 als Ungleichheitskategorien und Machtinstrumente bereits dekonstruierend als soziale Konstrukte durchschaut haben, meinen wir zu erkennen, dass jemand alt ist\u00a0\u2013 am Geburtsdatum, an den Falten, der Farbe des Haares, an der Verlangsamung der Schritte, der M\u00fcdigkeit etc.<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe in den letzten Jahren dazu geforscht, wie Agism Frauen schadet. Wir alle kennen diese gesellschaftlichen Zuschreibungen: Wenn M\u00e4nner wei\u00dfe Haare haben, zeichnet sie das als weise aus, Frauen hingegen als alt und unattraktiv. Durch die Medien bekommen wir tagt\u00e4glich zu h\u00f6ren: Alt zu sein ist etwas Schlimmes, jung zu sein hingegen gut. Noch sch\u00e4dlicher jedoch ist, was ich internalisierten Agism nenne, d.\u2009h., diese gesellschaftlichen Wertungen in uns hineinzunehmen. Sie zu akzeptieren, schr\u00e4nkt uns ein, denn es passiert unbewusst. Wir m\u00fcssen uns damit auseinandersetzen! Zum Beispiel: Zu alt daf\u00fcr zu sein, etwas Neues zu beginnen. Als ich meine zweite Doktorarbeit zu Ende schrieb, war ich 73 Jahre. In den USA gibt es bereits eine Gegenbewegung dazu, zu den Nachteilen des Alterns zu forschen. Wir m\u00fcssen begreifen, was spannend und gut daran ist, Stichwort: \u201apositive aging, wise aging, holistic aging.\u2018<\/p><\/blockquote>\n<p><i>Evelyn Torton Beck, Emerita f\u00fcr Women\u2019s Studies, University of Maryland, Washington, D.C. und Ehrendoktorin der mdw<\/i><\/p>\n<blockquote><p>2003 habe ich Judith Butlers Konzept von Gender Trouble auf eine Reise in die Gerontologie und Aging Studies geschickt. Aging Trouble dr\u00fcckte die Unruhe, das Unbehagen in einer Zeit, in welcher der Altersdiskurs hohe Wellen schlug, aus. Es ist zu fragen, welche, vielleicht auch subversiven Strategien gibt es, diese \u00fcberkommenen Alterskonstruktionen, Alterstopoi, die realiter bestimmen, wie wir uns alternd performativ inszenieren d\u00fcrfen, zu unterlaufen. Die K\u00fcnste stellen dabei ein qualitativ wertvolles Korrektiv zur Gerontologie dar. Und ja, ich verstehe mich in Anlehnung an Walter Benjamin als PassAGEnwerkerin, rites de passage, aber auch in r\u00e4umlicher Anordnung. Und ich fragte mich, welche Narrative f\u00fcr diese biografischen \u00dcberg\u00e4nge des Alterns dazu zur Verf\u00fcgung stehen, ob nicht andere zu finden sind, sie zu gestalten.<\/p><\/blockquote>\n<p><i>Miriam Haller, Kulturwissenschafterin, Kulturgeragogin, Kompetenzzentrum f\u00fcr Kulturelle Bildung im Alter und Inklusion (kubia) in Nordrhein-Westfalen<\/i><\/p>\n<p>Susan Sontag pr\u00e4gte den Begriff des Double Standard of Aging schon 1973. Sie kritisiert Altern als gesellschaftliche Verurteilung von Frauen, die der Beendigung ihrer Selbstimagination gleichkommt. Sie machte damals bereits deutlich, dass wir es mit einer kulturell definierten Kategorie zu tun haben, die Realit\u00e4ten erzeugt. Sie basieren, auch wenn es heute bereits vereinzelt Gegenbilder gibt, auf der Polarisierung von Jung und Alt, die sich im globalen Norden folgenderma\u00dfen darstellt: Aktivit\u00e4t, Energie, Kraft das m\u00e4nnlich konnotierte Jungsein, w\u00e4hrend die weiblich konnotierte Inkompetenz, Hilflosigkeit, Passivit\u00e4t f\u00fcr das Altsein steht.<\/p>\n<blockquote><p>Der Blick auf \u00e4ltere Frauen in der \u00d6ffentlichkeit hat sich tragischerweise ja kaum ver\u00e4ndert. Ethel Smyth, Komponistin, Dirigentin, Schriftstellerin, Managerin, Suffragette, ging 1877 im Alter von 19 Jahren gegen den Willen der Eltern von England nach Leipzig, um Komposition zu studieren. Sie brachte ihre erste Oper ihren W\u00fcnschen gem\u00e4\u00df noch vor ihrem 40. Geburtstag auf die B\u00fchne. Eine enorme Leistung, da es keinerlei weibliche Vorbilder gab. Bezeichnenderweise wird in den Quellen vor aller Werkkritik immer wieder ihr Alter in Kombination mit ihrer k\u00f6rperlichen Erscheinung betont, z.\u2009B. \u201azwar nicht mehr jung, aber von kindlicher Freude\u2018 oder \u201aeine etwa 48-j\u00e4hrige Engl\u00e4nderin in farblosem, sackartigem Gewand\u2018. In ihrer Autobiografie wirkte sie diesem sexistischen, ableistischen \u2013 sie wurde sp\u00e4ter taub \u2013, homophoben \u2013 als Lebensgef\u00e4hrtin von Virginia Woolf im bereits fortgeschrittenen Alter \u2013 Agism immer wieder mit Humor entgegen.<\/p><\/blockquote>\n<p><i>Angelika Silberbauer, Univ.-Assistentin am Institut f\u00fcr Musikwissenschaft und Interpretationsforschung, Vorsitzende des Arbeitskreises f\u00fcr Gleichbehandlungsfragen (AKG) an der mdw<\/i><\/p>\n<p>Je intensiver wir uns mit Gender Studies bzw. Diversit\u00e4t in einer transdisziplin\u00e4ren Perspektive auseinandersetzen, desto sensibler reagieren wir auf institutionell normative, sozialpolitisch gesetzte Alterszuschreibungen. Das ist anstrengend, ist aber ein wesentlicher Impuls zur Menschlichkeit. Denn die ethischen und politischen Dimensionen dieses Themas laufen immer in einem Punkt zusammen: Wie gehen wir mit uns selbst und miteinander um? Diese Frage ist immer wieder aufs Neue zu stellen. Denn wir alle, ausnahmslos, sind mit dem \u00c4lterwerden, mit Aging und Aging Trouble konfrontiert\u00a0\u2013 wenn wir es erleben.<\/p>\n<p>Eine mdw-Veranstaltung zum Internationalen Frauen*tag 2021. <i>aging and aging trouble. was alle erfahren, wenn sie es erleben.<\/i> Ein Gespr\u00e4ch mit Evelyn Torton Beck, Miriam Haller und Angelika Silberbauer. Moderation: Doris Ingrisch<\/p>\n<p>Zum Nachsehen und -h\u00f6ren: <a href=\"http:\/\/mdw.ac.at\/ggd\/aging-trouble\">mdw.ac.at\/ggd\/aging-trouble<\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir alle altern. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Seit der Geburt. Nicht erst seit dem 50., 55. oder 60.\u00a0Geburtstag. Irgendwann jedoch, so scheint es, sind wir alt. Keine Bewegung mehr, sondern Stillstand. 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