{"id":7289,"date":"2022-02-25T15:22:50","date_gmt":"2022-02-25T14:22:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7289"},"modified":"2022-02-28T11:41:00","modified_gmt":"2022-02-28T10:41:00","slug":"rezension-instrumentalisten-und-instrumentale-praxis-am-hof-albrechts-v-von-bayern-1550-1579","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/02\/25\/rezension-instrumentalisten-und-instrumentale-praxis-am-hof-albrechts-v-von-bayern-1550-1579\/","title":{"rendered":"Rezension: Instrumentalisten und instrumentale Praxis am Hof Albrechts\u00a0V. von Bayern 1550\u20131579"},"content":{"rendered":"<h5>Bernhard Rainer: <i>Instrumentalisten und instrumentale Praxis am Hof Albrechts\u00a0V. von Bayern 1550\u20131579<\/i>. Wien: Hollitzer Verlag 2021 (Musikkontext\u00a016), 304\u00a0S., mit Abbildungen.<\/h5>\n<p>Wer Musik von Orlando di Lasso bisher vor allem als <i>a\u00a0cappella <\/i>vorgetragene \u201aVokalmusik\u2018 geh\u00f6rt hat, kann in Bernhard Rainers Buch nun neue Facetten entdecken. Etwa, wie Lasso Musik durch Arrangement, Instrumentierung oder variantenreiches Auff\u00fchren effektvoll inszenierte. Doch die Ergebnisse der vorliegenden Studie gehen \u00fcber die prominenteste Figur des M\u00fcnchner Hofes im sp\u00e4ten 16.\u00a0Jahrhundert weit hinaus. Zugleich macht die Verwebung von \u201aklassischer\u2018 musikwissenschaftlicher Arbeitsweise und der Perspektive des aktiven Musikers dieses Buch insgesamt so anregend.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7293\" aria-describedby=\"caption-attachment-7293\" style=\"width: 217px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.hollitzer.at\/buch\/instrumentalisten-und-instrumentale-praxis-am-hof-albrechts-v-von-bayern-1550-1579\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-7293\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-23-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-23-217x300.jpg 217w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-23-742x1024.jpg 742w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-23-768x1060.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-23-1113x1536.jpg 1113w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-23-1484x2048.jpg 1484w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-23-850x1173.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-23.jpg 1546w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7293\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Hollitzer Verlag<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im ersten der drei Kapitel listet Rainer anhand von Rechnungen und anderen Hofakten auf, wer sich an der Instrumentalmusik beteiligte. Die Kantorei Albrechts V. umfasste bei Regierungsantritt im Jahr 1550 sechs Instrumentalmusiker, um dann in den 1570er Jahren auf 14 bis 18\u00a0Instrumentalisten anzuwachsen. Dabei zeigt sich in der Internationalisierung des Personals ein Trend, der an vielen H\u00f6fen der Zeit in Europa zu beobachten ist: W\u00e4hrend unter den S\u00e4ngern mehr und mehr Franko-Flamen angestellt werden, besteht die Instrumentalkapelle ab 1565 ausschlie\u00dflich aus Italienern. Rainer zeigt auch, wie die Musiker angeworben wurden, wie ihre soziale Stellung am Hof war und welche internationalen Netzwerke sie bildeten. Die Ber\u00fchmtesten gingen etwa nach dem Dienst in M\u00fcnchen nach Venedig, wo sie beim Aufbau der dortigen Kapelle wirkten und ihre M\u00fcnchner Erfahrungen einbrachten. Faszinierend sind die vielf\u00e4ltigen F\u00e4higkeiten der Musiker. Anders als heute, wo meist ein einzelnes Instrument zu beherrschen ist, sind die Musiker der Hofkapelle <i>Multiinstrumentalisten<\/i> \u2013 sie sind auf eine Stimmlage (z.\u2009B. <i>Altus<\/i>) spezialisiert, in der Wahl des Instrumentes aber weitgehend flexibel. Hinzu kommt, dass immer wieder ganze Familienverb\u00e4nde \u2013 etwa vier Br\u00fcder \u2013 zugleich angeworben werden. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wie routiniert solche Gruppen musikalisch zusammengespielt haben d\u00fcrften, auch wenn das soziale Gef\u00fcge gelegentlich von Fehden ersch\u00fcttert wurde. So erschoss der S\u00e4nger Massimo Troiano, auf dessen Berichten das vorliegende Buch wesentlich beruht, 1570 den Geiger Giovanni Battista Tiburtini. Ein Manko des Buches ist leider, dass ein Personen- und Werkregister fehlt. Dieses w\u00fcrde, wie auch h\u00e4ufigere Einordnungen der gewonnenen Erkenntnisse in die gro\u00dfen Linien bisheriger Forschung, die schnelle Handhabung des Buches erleichtern.<\/p>\n<p>Das zweite Kapitel erweist sich als leicht verst\u00e4ndlich geschriebene, grundlegende Einf\u00fchrung in das Instrumentarium des 16.\u00a0Jahrhunderts. Dabei gelingt Rainer die Identifizierung und Zuordnung zahlreicher Instrumente, die sich in den Quellen oft hinter schwer deutbaren Begriffen (wie z.\u2009B. \u201edolzaina\u201c) verbergen.<\/p>\n<p>Im Verlauf der ersten beiden Kapitel w\u00e4chst beim Lesen die Neugier stetig, <i>was<\/i> diese bunte, gut eingespielte, \u00fcberaus flexible und mit einer Vielzahl an Instrumenten ausgestattete Kapelle wohl spielte. Dieser Frage widmet sich Bernhard Rainer im umfangreichsten dritten Kapitel. Zun\u00e4chst stellt er das Panorama an Musizierpraktiken vor, bei denen Instrumente beteiligt waren (\u201eProduktionsweisen\u201c). Es folgt eine Reihe von Fallstudien, bei denen Rainer die Erkenntnisse der ersten beiden Kapitel mit detaillierten Repertoirestudien und Auff\u00fchrungsberichten sowie zahlreichen weiteren textlichen und ikonographischen Quellen f\u00fcr instrumentales Musizieren der Zeit verkn\u00fcpft. Dadurch kann er zahlreichen Auff\u00fchrungsberichten, die fast durchweg von Troiano stammen, konkrete Werke nebst Instrumentierungsvorschl\u00e4gen zuordnen. Dabei sticht die umfangreichste Fallstudie zur ber\u00fchmten Abbildung der M\u00fcnchner Kantorei vom Hofmaler Hans Mielich hervor. Dort sind um ein Tasteninstrument auf einem Tisch in der Mitte alle Instrumentalisten und S\u00e4nger der Kapelle versammelt. Nicole Schwindt, die sich zuletzt mit der Abbildung besch\u00e4ftigte, sah trotz der greifenden, streichenden und blasenden Instrumentalisten kein Abbild einer realen Musiziersituation. Dem widerspricht Bernhard Rainer vehement. Seine Interpretation, dass die Abbildung als eine \u201eArt Zwischenform\u201c, zugleich als \u201erealistisches \u201astrukturelles\u2018 Bildnis\u201c der Kapelle wie auch als \u201e\u201aphotographische\u2018 Darstellung einer Auff\u00fchrung\u201c von Lassos <i>Bu\u00dfpsalmen<\/i> zu sehen ist (S.\u00a0231), \u00fcberzeugt insgesamt. Als Argumente kann er nicht nur auf die Erkenntnisse der Kapitel I und II zur\u00fcckgreifen, sondern auch auf die Ergebnisse eines <i>Reenactments<\/i> im Rahmen eines CD-Projekts (S.\u00a0222). Hier leitete Rainer Musikerkolleg_innen an, die Mielich-Abbildung exakt nachzustellen und praktisch zu erproben. Streich- und Blasinstrumente wie die \u201eCornamusa\u201c wurden eigens rekonstruiert und nachgebaut.<\/p>\n<p>Alles in allem m\u00f6chte ich Bernhard Rainers Buch unbedingt empfehlen. Wer sich f\u00fcr Instrumentarium und Instrumentation im 16.\u00a0Jahrhundert interessiert, wer Musik dieser Zeit \u201ahistorisch informiert\u2018 auff\u00fchrt, wer neue Facetten von Lassos Musik kennenlernen m\u00f6chte, wird hier eine erstklassige Studie vorfinden.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Musik von Orlando di Lasso bisher vor allem als a\u00a0cappella vorgetragene \u201aVokalmusik\u2018 geh\u00f6rt hat, kann in Bernhard Rainers Buch nun neue Facetten entdecken. 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