{"id":7286,"date":"2022-02-25T15:25:37","date_gmt":"2022-02-25T14:25:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7286"},"modified":"2022-02-28T17:03:38","modified_gmt":"2022-02-28T16:03:38","slug":"musikvermittlung-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/02\/25\/musikvermittlung-lernen\/","title":{"rendered":"Musikvermittlung lernen"},"content":{"rendered":"<h5>Wie sich Musiker_innen Wissen und K\u00f6nnen im Bereich der Musikvermittlung aneignen und was das f\u00fcr die Aus- und Weiterbildung bedeutet.<\/h5>\n<p>Aktivit\u00e4ten im Bereich der Musikvermittlung sind f\u00fcr viele klassische Musiker_innen mittlerweile ein integraler Bestandteil der beruflichen T\u00e4tigkeit. Unabh\u00e4ngig davon, ob sie Portfoliokarrieren aufweisen, die verschiedene berufliche T\u00e4tigkeiten miteinander verbinden, oder sich in festen Anstellungen befinden, sind sie beispielsweise in Konzerte f\u00fcr Kinder, l\u00e4ngerfristige Kooperationen zwischen Kultureinrichtungen und Schulen, neue Konzertformate f\u00fcr unterschiedliche Publika oder Community-Projekte mit diversen Bev\u00f6lkerungsgruppen involviert. Dabei realisieren sie \u00fcber das Spielen ihres Instrumentes hinaus Praktiken, auf die sie in der Regel in ihrem Instrumentalstudium nicht vorbereitet wurden. Zwar entstanden als Reaktion auf die steigende Bedeutung von Musikvermittlung, vor allem im klassischen Konzertbetrieb, seit der letzten Jahrtausendwende im deutschsprachigen Raum vereinzelt eigene Studieng\u00e4nge und Weiterbildungen, zum Teil wurden auch Curricula von k\u00fcnstlerischen und k\u00fcnstlerisch-p\u00e4dagogischen Studien modifiziert, eine ad\u00e4quate formale Vorbereitung von Musiker_innen auf diese T\u00e4tigkeit ist bis dato jedoch weitgehend nicht gegeben.<\/p>\n<p>In meiner Dissertation untersuche ich daher, wie Musiker_innen, die in der Musikvermittlung t\u00e4tig sind, sich das daf\u00fcr n\u00f6tige Wissen und K\u00f6nnen aneigneten. Aus den Erkenntnissen leite ich Empfehlungen zur Aus- und Weiterbildung von Musiker_innen an Hochschulen und in Musikbetrieben ab. Meine Daten stammen aus Interviews mit zw\u00f6lf in \u00d6sterreich lebenden Musiker_innen, die als Forschungspartner_innen auch in Form kommunikativer Validierungen in den Forschungsprozess involviert waren. Die Auswertung erfolgte vor dem Hintergrund von praxistheoretisch und pragmatistisch informierten Annahmen \u00fcber Sozialit\u00e4t und Lernen mit der Situational Analysis von Adele\u00a0E. Clarke.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich messen die Musiker_innen ihrem Instrumentalstudium kaum Bedeutung f\u00fcr ihre T\u00e4tigkeit in der Musikvermittlung bei. Ausnahmen bilden hier lediglich Orchesterprojekte, die in Kooperation mit p\u00e4dagogischen Instituten stattfanden, und Hauptfachlehrende, von denen Impulse zu einer spezifischen, dem Publikum zugewandten Musizierhaltung kamen. Aus einer Defizitwahrnehmung heraus konstruierten einige Forschungspartner_innen ein individuelles Curriculum, wobei sie einerseits Schwierigkeiten hatten, dies mit den Anforderungen ihres Studiums zu vereinbaren, und andererseits aufgrund ihrer extracurricularen T\u00e4tigkeiten mit Devaluation seitens Lehrender und Mitstudierender konfrontiert waren.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber lie\u00dfen sich vielf\u00e4ltige Lernprozesse in informellen Kontexten rekonstruieren, die sich \u00fcber die gesamte Lebensspanne der Forschungspartner_innen erstrecken, sowie einschneidende Momente, in denen sich im Zusammenhang mit Praktiken der Musikvermittlung signifikante und nachhaltige Identit\u00e4tstransformationen ereigneten. Besonderen Stellenwert haben selbstgegr\u00fcndete Ensembles als Versuchslabore\u00a0\u2013 Rineke Smilde spricht von Artistic Laboratories\u00a0\u2013, in denen die Musiker_innen frei von strukturellen oder institutionellen Einschr\u00e4nkungen und in einer lernf\u00f6rderlichen Atmosph\u00e4re des gegenseitigen Vertrauens neue Formate entwickeln und erproben konnten. Hospitationen bei anderen Orchestern spielten im Sinne eines Lernens am Modell ebenfalls eine wichtige Rolle und boten die M\u00f6glichkeit, beobachtete Praktiken in die eigene T\u00e4tigkeit zu integrieren und weiterzuentwickeln. Als \u201elegitime periphere Partizipation\u201c im Sinne von Jean Laves und Etienne Wengers Theorie situierten Lernens erwies sich die Teilnahme der Musiker_innen an bestehenden Praktiken der Musikvermittlung, in deren Rahmen sich h\u00e4ufig signifikante Andere\u00a0\u2013 Musikerkolleg_innen oder Musikvermittler_innen\u00a0\u2013 als f\u00fcr die Lernprozesse bedeutsame Menschen herauskristallisierten. Auf bestehende Machtstrukturen verweist die Erkenntnis, dass Intendanten und Chefdirigenten sich bei einigen Orchestermusiker_innen als Gatekeeper erwiesen, die ein weiteres Engagement und damit weiteres Lernen in Praktiken der Musikvermittlung entweder erm\u00f6glichten oder verhinderten.<\/p>\n<p>Musikhochschulen stehen vor der Herausforderung, Musiker_innen auf eine T\u00e4tigkeit im Bereich der Musikvermittlung vorzubereiten und entsprechende Angebote zu entwickeln. Die Analyse der Lernwege meiner Forschungspartner_innen verweist auf den Bedarf sowohl an spezifischen Lehrangeboten als auch an Freir\u00e4umen f\u00fcr ein Lernen und Experimentieren in k\u00fcnstlerischen Versuchslaboren. Dies zieht die Notwendigkeit der Weiterentwicklung von bestehenden Curricula und die Entwicklung neuer Studienangebote nach sich, wie es beispielsweise der Master Contemporary Arts Practice (CAP) an der mdw sein wird. Zudem ben\u00f6tigen die Studierenden unter ihren Hauptfachlehrenden Role Models, deren k\u00fcnstlerisches Portfolio \u00fcber die traditionellen Karrierewege im klassischen Musikbetrieb hinaus auch Praktiken der Musikvermittlung umfasst. F\u00fcr bereits im Beruf stehende Musiker_innen werden ma\u00dfgeschneiderte Angebote der professionellen Fort- und Weiterbildungen ben\u00f6tigt, die in Kooperationen zwischen Hochschulen und Kulturinstitutionen entstehen k\u00f6nnten. Letztlich bedarf es der Arbeit an einem weiten Verst\u00e4ndnis von k\u00fcnstlerischer Exzellenz, deren unverzichtbares Fundament die K\u00f6nnerschaft am Instrument ist, die dar\u00fcber hinaus aber auch p\u00e4dagogische Sensibilit\u00e4t und soziale Verantwortung umfasst.<\/p>\n<p>Die Dissertation wird im Juni 2022 im Transcript-Verlag erscheinen.<\/p>\n<h5><\/h5>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sich Musiker_innen Wissen und K\u00f6nnen im Bereich der Musikvermittlung aneignen und was das f\u00fcr die Aus- und Weiterbildung bedeutet.<\/p>\n","protected":false},"author":177,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[1232,1236,150,33],"class_list":["post-7286","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-research","tag-2022-1","tag-musikvermittlung","tag-dissertation","tag-research"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7286","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/177"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7286"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7286\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7404,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7286\/revisions\/7404"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7286"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7286"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7286"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}