{"id":728,"date":"2017-03-01T10:14:31","date_gmt":"2017-03-01T09:14:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=728"},"modified":"2017-12-11T14:53:25","modified_gmt":"2017-12-11T13:53:25","slug":"musik-war-immer-ein-business","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2017\/03\/01\/musik-war-immer-ein-business\/","title":{"rendered":"\u201eMusik war immer ein Business\u201c"},"content":{"rendered":"<strong>Mit 29 Jahren deb\u00fctierte sie ohne Probe als Aida an der Wiener Staatsoper \u2013 als erste J\u00fcdin nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 15. Dezember feiert die Sopranistin, Gesangslehrerin und Karrierestifterin Hilde Zadek ihren 100. Geburtstag.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_749\" aria-describedby=\"caption-attachment-749\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-749\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Zadek_Marschallin-730x1024.jpg\" alt=\"Hilde Zadek\" width=\"400\" height=\"561\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Zadek_Marschallin-730x1024.jpg 730w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Zadek_Marschallin-214x300.jpg 214w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Zadek_Marschallin-768x1077.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Zadek_Marschallin.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-749\" class=\"wp-caption-text\">Als Feldmarschallin F\u00fcrstin Werdenberg in Richard Strauss\u2018 Rosenkavalier<br \/> \u00a9zur Verf\u00fcgung gestellt<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mit der Marschallin aus Richard Strauss\u2019 Rosenkavalier, die sie in \u00fcber hundert Vorstellungen weltweit verk\u00f6rperte, f\u00fchle sie sich bis heute verbunden, denn diese Figur sei ein Symbol f\u00fcr stete Entwicklung, sagt Hilde Zadek. Wenn sie ihre Stimme erhebt, nimmt man den neapolitanischen General aus der n\u00e4mlichen Oper wahr, nicht jedoch, dass sie in einigen Monaten ein Jahrhundert Leben absolviert haben wird. Leiten lie\u00df sie sich stets nur von einem: Dem Bed\u00fcrfnis zu singen. \u201eF\u00fcr mich war Singen nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung.\u201c Ihr Empfinden f\u00fcr die Musik bezog sie stets aus dem gro\u00dfen Ganzen und das bestehe aus Nehmen und Geben. \u201eUnd wir nehmen aus der Vergangenheit mindestens so viel wie aus der Gegenwart\u201c, meint Zadek, deren Vergangenheit Unfassbares birgt.<\/p>\n<p>Als Tochter einer j\u00fcdischen Familie 1917 in Bromberg\/Posen im heutigen Polen geboren, musste sie sich fr\u00fch gegen die aufkeimende Barbarei in ihrer Heimat zur Wehr setzen. Das tat sie \u2013 und zwar tatkr\u00e4ftig. Einer Mitsch\u00fclerin vergalt sie deren antisemitische Anfeindungen per Faustschlag. F\u00fcr das Leben des Teenagers in den ohnehin gef\u00e4hrlichen Zeiten konnte nun niemand mehr garantieren.<\/p>\n<p>Zadek emigrierte nach Pal\u00e4stina und kam als Praktikantin in ein Kinderheim, wo sie mit dreizehn Dreij\u00e4hrigen in einem Zimmer leben musste. Jahre sp\u00e4ter sollte sie sich vor allem mit Widerwillen an den Speiseplan erinnern, denn au\u00dfer Haferflocken und Grie\u00dfbrei gab es nichts. Sie wusste, dort wollte sie nicht bleiben, und fand eine Stelle als S\u00e4uglingsschwester in einem Krankenhaus in Jerusalem. Eine der \u00c4rztinnen leitete auch das \u00f6rtliche Konservatorium und er\u00f6ffnete Zadek die Welt der Musik in Jerusalem.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser Jahre war Zadeks Vater von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht worden. Aus der Ferne organisierte sie dessen Entlassung und die Emigration der Eltern. Ihre Eltern konnten Deutschland verlassen, unter der Bedingung, dass sie ihren ganzen Besitz zur\u00fccklassen. Die Familie gr\u00fcndete 1940 eines der ersten Kinderschuhgesch\u00e4fte in Jerusalem, wo Zadek f\u00fcnf Jahre lang arbeitete und damit ihr Gesangsstudium am Jerusalemer Konservatorium verdiente. Dass sie jemals wieder ihre Stimme erheben k\u00f6nnte, war f\u00fcr sie damals jedoch alles andere als selbstverst\u00e4ndlich. Denn ihre Stimme war in den ersten Jahren der Emigration verstummt. Erst mit der Vereinigung der Familie fand Hilde Zadek wieder zur Musik zur\u00fcck. Sie erwirkte ein Stipendium in Z\u00fcrich, wo sie als Au-pair-M\u00e4dchen Unterhalt und Unterricht verdiente und die sp\u00e4teren Regisseure Thomas und Matthias Langhoff erzog.<\/p>\n<figure id=\"attachment_752\" aria-describedby=\"caption-attachment-752\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-752\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/zadek10.jpg\" alt=\"Hilde Zadek\" width=\"400\" height=\"551\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/zadek10.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/zadek10-218x300.jpg 218w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-752\" class=\"wp-caption-text\">Hilde Zadek als Aida an der Wiener Staatsoper, 1947 \u00a9privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bei einem Sch\u00fclerkonzert fiel die junge Sopranistin dem Wiener Operndirektor Franz Salmhofer auf, der sie nach Wien holte. Ihre erste Partie sollte Verdis Aida werden. Weder des Italienischen noch der Rolle m\u00e4chtig, nahm sie diese an und absolvierte das Studium der nicht unbetr\u00e4chtlichen Partie in wenigen Tagen und \u00fcberzeugte gar den Dirigenten Josef Krips.<\/p>\n<p>Ressentiments gegen ein Publikum, das noch wenige Jahre zuvor einem Regime angeh\u00f6rte, das ihr Leben bedrohte, hegte sie keine. \u201eIch habe mich entschieden das Wiener Publikum zu lieben, sonst h\u00e4tte ich nicht f\u00fcr sie singen k\u00f6nnen\u201c, erkl\u00e4rt sie. Vor m\u00f6glichen Problemen mit ehemals regimetreuen Dirigenten scheute sie nicht zur\u00fcck. \u201eKarl B\u00f6hm war ein Nazi. Keine Frage, dass er die Juden nicht besonders mochte\u201c, sagt Zadek und f\u00fcgt mit Nachdruck hinzu, dass in der Kunst private Probleme zu verschwinden haben. Bis auf eine Ausnahme, die sich in Form eines Zettels an der Windschutzscheibe ihres Autos anl\u00e4sslich einer Auff\u00fchrung von Richard Wagners Walk\u00fcre manifestierte, sah sie sich keinen antisemitischen Angriffen ausgesetzt. \u201eIch glaube, dass ich in Wien vom Publikum absolut akzeptiert worden bin, die J\u00fcdin inklusive\u201c, res\u00fcmiert sie.<\/p>\n<p>Als \u201eJahrhundertereignis im besten Wortsinn\u201c beschreibt sie ihr Sch\u00fcler, der Bariton von Weltformat Georg Nigl. Ihre zweite Karriere begann Zadek in den Sechzigerjahren als Gesangslehrerin am Konservatorium der Stadt Wien. Neben Nigl z\u00e4hlen Adrianne Pieczonka, Alfred \u0160ramek oder Georg\u00a0Tichy zu ihren Sch\u00fclern. Die S\u00e4ngerin Linda Plech erinnert sich an eine Lehrerin, die von sich und ihren Sch\u00fclern alles forderte. Nigl, der selbst in Stuttgart Gesang unterrichtet, wei\u00df von den Anstrengungen des Unterrichtens. \u201eBeim Gesangsunterricht kann sich der Lehrer nie zur\u00fccklehnen und einfach zuh\u00f6ren. Man ist st\u00e4ndig gefordert. Es ist unglaublich, nach den Meisterkursen hatte sie von uns allen noch immer die meiste Energie\u201c, erinnert er sich. Anders als namhafte Kollegen \u201ehat sich Zadek auf jeden Studierenden eingelassen und die individuelle Pers\u00f6nlichkeit gef\u00f6rdert. Und obwohl sie menschliche Abgr\u00fcnde kennengelernt hat, ist sie von unendlicher Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und stets offen f\u00fcr Neues. Mit 92 lernte sie den Umgang mit dem Internet\u201c, erz\u00e4hlt Nigl. Sie hat zahlreiche ProfessorInnen auf den Weg gebracht: Gertraud Berka-Schmid, Maria Venutti, Margit Fleischmann, Margarete Jungen, Georg Nigl.<\/p>\n<figure id=\"attachment_750\" aria-describedby=\"caption-attachment-750\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-750\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Zadek9.jpg\" alt=\"Hilde Zadek\" width=\"400\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Zadek9.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Zadek9-281x300.jpg 281w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Zadek9-309x330.jpg 309w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-750\" class=\"wp-caption-text\">Hilde Zadek \u00a9privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auch im Opernbetrieb bewahrte sich die S\u00e4ngerin, die einst Teil des legend\u00e4ren Wiener Mozart-Ensembles der Staatsoper war, stets den realistischen Blick auf gegenw\u00e4rtige Entwicklungen. 1998 gr\u00fcndete sie einen Wettbewerb unter ihrem Namen. Damit wolle sie \u201eAnf\u00e4ngern die M\u00f6glichkeit geben, sich der Welt vorzustellen und sich aneinander zu messen und zu steigern\u201c, sagt Zadek. Dass viele junge S\u00e4ngerInnen den H\u00e4rten des Betriebs heute nicht standhalten,\u00a0kommentiert sie trocken: \u201eDas war immer so. Und das ist auch in der Tierwelt so. Die St\u00e4rksten halten das aus, die Schw\u00e4chsten bleiben am Rande liegen. Und das ist auch gut so.\u201c Dass sich heute viele als Opfer der Vermarktung sehen, l\u00e4sst Zadek nicht gelten. \u201eMusik war immer ein Business, denken Sie doch an die Minnes\u00e4nger im Mittelalter! Es kommt nur darauf an, was man aus dem Business macht.\u201c Anna Netrebko etwa, markantestes Beispiel des heutigen Starbetriebs, gefalle ihr. \u201eSie hat eine glockenreine Stimme. Und sie ist ehrlich. Wenn es mehr Pers\u00f6nlichkeiten wie Netrebko auf der Opernb\u00fchne g\u00e4be, lie\u00dfe sich das wunderbar vermarkten\u201c, sagt Zadek mit dem Realismus der Marschallin.<\/p>\n<p>Anders als diese denkt sie nicht daran, die Uhren anzuhalten: \u201eIch finde es wunderbar, 100 zu werden. Ich w\u00e4re auch bereit, 200 zu werden. Solange man selber das Gef\u00fchl hat, dass man kreativ an der Zeit teilnimmt, ist es wunderbar, lange zu leben.\u201c","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit 29 Jahren deb\u00fctierte sie ohne Probe als Aida an der Wiener Staatsoper \u2013 als erste J\u00fcdin nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 15. Dezember feiert die Sopranistin, Gesangslehrerin und Karrierestifterin Hilde Zadek ihren 100. Geburtstag. 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