{"id":7221,"date":"2022-02-28T13:39:43","date_gmt":"2022-02-28T12:39:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7221"},"modified":"2022-03-04T16:04:59","modified_gmt":"2022-03-04T15:04:59","slug":"musik-und-suizidalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/02\/28\/musik-und-suizidalitaet\/","title":{"rendered":"Musik und Suizidalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"Suizidalit\u00e4t ist nachweislich seit der Antike ein \u2013 zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichem Ma\u00df \u2013 pr\u00e4sentes Sujet unz\u00e4hliger Lieder, Opernarien und sogar einiger Instrumentalmusik. Unerf\u00fcllte Liebe, Verlust, Bewahrung der Ehre, Selbstopfer, Selbstzerst\u00f6rung oder die Flucht vor der Bestrafung durch M\u00e4chtigere geh\u00f6ren zu den Motiven musikalischer bzw. musikdramatischer Darstellungen von Theokrits <i>Hirtenges\u00e4ngen<\/i> \u00fcber zahlreiche \u201aAbbandonata\u2018-Arien (Arianna, Armida, Dido\u2026 ), Balladen und Moritaten (<i>Versto\u00dfen oder Der Tod auf den Schienen<\/i>) bis hin zum <i>Suicide Blues<\/i> oder Depressive Suicidal Black Metal. W\u00e4hrend manche St\u00fccke pr\u00e4suizidale Symptome wie eine starke Einengung aufweisen, wie der nur einen Ton wiederholende Beginn von Othellos Arie <i>Dio! Mi potevi scagliar<\/i>, zielen andere Lieder mittels Walzerfr\u00f6hlichkeit eher auf Abschreckung. Viele j\u00fcngere Songs bewegen sich musikalisch unspezifisch im Rahmen von Genrekonventionen, wobei sich manche Genres offenbar mehr als andere des tabubehafteten Themas annehmen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wurde Musik immer wieder auch suizidale Wirkung nachgesagt. Beispielsweise der Psychiater Jean Pierre Falret berichtete in seiner Abhandlung\u00a0\u00fcber den Selbstmord (1822) von einer jungen Frau, die bei Arien aus der Oper <em>Nina<\/em> Suizidneigungen empfunden habe; der als <i>Hungarian Suicide Song<\/i> ber\u00fchmt gewordene Song <i>Gloomy Sunday<\/i> (original: <i>Szomor\u00fa vas\u00e1rnap<\/i>) wurde von der BBC angeblich bis ins Jahr 2002 nicht gespielt, und in den USA kam es in den 1980er Jahren wiederholt zu Klagen von Eltern gegen Heavy-Metal-Musiker, deren Songs ihre Kinder angeblich zum Suizid angeregt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Obwohl letztere Klagen s\u00e4mtlich erfolglos waren, steht Heavy Metal noch immer an erster Stelle der \u201a\u00fcblichen verd\u00e4chtigen\u2018 Genres und fehlt auch heute in kaum einer Studie zum Verh\u00e4ltnis von psychischer Gesundheit bzw. von Suizidraten und Musikpr\u00e4ferenzen von Jugendlichen. Gruppen wie die 1982 gegr\u00fcndete kalifornische Band Suicidal Tendencies reagierten mit ihren Songs nicht zuletzt auf gesellschaftliche Symptome einer damals virulenten \u201aMoral Panic\u2018, die sich beispielsweise in der Gr\u00fcndung des Parents Music Resource Center durch die sogenannten Washington Wives Tipper Gore und Susan Baker ausdr\u00fcckte. Unter anderem beschuldigte Gore Musikindustrie und Musiker_innen, \u201einmitten einer nationalen Epidemie den Selbstmord von Teenagern zu f\u00f6rdern\u201c, ohne dabei kritisch zu reflektieren, dass solche einfachen Erkl\u00e4rungen sich selbstredend verbieten.<\/p>\n<p>Durch Medienberichterstattung und fiktionale Darstellungen von Suiziden angesto\u00dfene Nachahmungseffekte wurden nach Goethes Romanfigur \u201eWerther-Effekt\u201c benannt, und die Frage, ob im Rahmen von Literatur, Film oder Musik dargestellte Suizide tats\u00e4chlich Imitationssuizide oder gar Suizidepidemien ausl\u00f6sen k\u00f6nnen, wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Beispielsweise hat die Netflix-Serie <i>Tote M\u00e4dchen l\u00fcgen nicht<\/i> (2017\u20132020) eine entsprechende Debatte ausgel\u00f6st, in der u.\u2009a. der Vorwurf artikuliert wurde, sie romantisiere den Suizid der Hauptfigur Hannah Baker \u2013 ein Vorwurf, der vermutlich deshalb so laut ist, weil er ein jugendliches und damit spezifisch vulnerables Massenpublikum betrifft. Musik spielt in der Serie eine wichtige Rolle und sorgt mit der finster-traurigen Ambient Music von Eskmo und einer Reihe von suizidbezogenen \u201aTeenage Angst\u2018-Songs (u.\u2009a. Billie Eilishs <i>Bored<\/i>) aus allen Epochen der musikalischen Jugendkultur f\u00fcr eine entsprechende, emotional aufgeladene Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie der \u201eWerther-Effekt\u201c wird auch die Wirkung von Medienberichten und der Darstellung erfolgreich bew\u00e4ltigter suizidaler Krisen nach dem Vorbild der Papageno-Figur aus Mozarts <i>Zauberfl\u00f6te<\/i> als \u201ePapageno-Effekt\u201c bezeichnet. Die drei singenden Knaben halten ihn und zuvor die liebeskummergeplagte Pamina erfolgreich von ihren Vorhaben ab, weshalb hier eigentlich eher vom \u201eDrei-Knaben-Effekt\u201c zu sprechen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das Buch <i>Mein Leben mit Mozart<\/i> beginnt \u00c9ric-Emmanuel Schmitt mit den Worten: \u201eEr meldete sich als erster. Eines Tages, ich war f\u00fcnfzehn, schickte er mir eine Musik. Sie hat mein Leben ver\u00e4ndert. Oder vielmehr: Sie hat mich am Leben erhalten. Ohne sie w\u00e4re ich l\u00e4ngst tot.\u201c Der franz\u00f6sisch-belgische Autor schildert in der Einleitung zu seinen Briefen an Mozart eindr\u00fccklich, wie das Miterleben einer Probe von <i>Figaros Hochzeit<\/i> an der Oper von Lyon den tief verzweifelten und suizidalen Jugendlichen aus seiner Lebensm\u00fcdigkeit zur\u00fcckholte: \u201eMeine Lebensgeister kehrten zur\u00fcck. [\u2026] Mozart hatte mich gerettet. [\u2026] Heilung durch Sch\u00f6nheit\u00a0\u2026 Zweifellos w\u00e4re kaum je ein Psychologe auf die Idee gekommen, eine solche Therapie bei mir anzuwenden.\u201c Und in der Tat erscheint mitunter die Auswahl der Musik, die Jugendliche h\u00f6ren, um sich emotional zu regulieren, aus Sicht der Erwachsenen oder der therapeutischen \u201eExpert_innen\u201c eher kontraintuitiv. Wie wir in einer Studie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie feststellen konnten, w\u00e4hlten nicht wenige der befragten Patient_innen bewusst Musik aus, die in die oben erw\u00e4hnten Kategorien von \u201aProblem Music\u2018 geh\u00f6ren, um sich eben nicht selbst zu verletzen oder um sich von suizidalen Gedanken zu distanzieren (Stegemann et al., 2010).<\/p>\n<p>Ein gemeinsam vom Institut f\u00fcr Musikwissenschaft und Interpretationsforschung und vom Institut f\u00fcr Musiktherapie organisiertes Symposium findet \u2013 nach zwei Covid-19-bedingten Verschiebungen \u2013 am 6. und 7.\u00a0Mai 2022 im Liszt-Saal statt und bringt Vertreter_innen aus Kulturwissenschaft, Musikwissenschaft, Medizin, Musiktherapie, Psychotherapie und Suizidforschung zusammen, um das Thema aus diesen verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und zu diskutieren. Studierende der Musiktherapie und der Instrumental(Gesangs)P\u00e4dagogik (IGP) stellen daneben die Ergebnisse des im Wintersemester 2021\/22 veranstalteten Seminars zur Rolle der Musik in der Netflixserie <i>Tote M\u00e4dchen l\u00fcgen nicht<\/i> vor. Am Samstagabend wird das Symposium mit einer Podiumsdiskussion und einem Konzert mit Musik von Claudio Monteverdis <i>Lamento d\u2019Arianna<\/i> bis Georg Danzers <i>Heite drah i mi ham<\/i> abgeschlossen.<\/p>\n<p>Mit Beitr\u00e4gen bzw. unter Mitarbeit von Andy R. Brown, Julia Heimerdinger, Susanne Korn, Thomas Macho, Paul Plener, Hannah Riedl, Dan Rujescu, Claudius Stein, Thomas Stegemann, Benedikt Till, Harm Willms und Studierenden der mdw. Zusammenstellung und Einstudierung des Konzertprogramms: Tanya Aspelmeier und Ottokar Prochazka.<\/p>\n<p>Mehr Informationen unter:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/mdw.ac.at\/imi\/veranstaltungen\/musik-und-suizidalitaet\">mdw.ac.at\/imi\/veranstaltungen\/musik-und-suizidalitaet<\/a><\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Stegemann, T., Br\u00fcggemann-Etchart, A., Badorrek-Hinkelmann, A. &amp; Romer, G. (2010). Die Funktion von Musik im Zusammenhang mit selbstverletzendem Verhalten und Suizidalit\u00e4t bei Jugendlichen \u2013 eine explorative Fragebogenuntersuchung. <i>Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 59,<\/i> 810\u2013830.<\/p>\n<p>Schmitt, \u00c9.-E. (2008). <i>Mein Leben mit Mozart<\/i>. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch.<\/p>\n<p>Gore, Tipper (1987): <i>Raising PG kids in an X-rated society<\/i>, S. 107, Nashville: Abingdon Press.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Suizidalit\u00e4t ist nachweislich seit der Antike ein \u2013 zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichem Ma\u00df \u2013 pr\u00e4sentes Sujet unz\u00e4hliger Lieder, Opernarien und sogar einiger Instrumentalmusik.<\/p>\n","protected":false},"author":273,"featured_media":7224,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1232,1247,1248,854],"class_list":["post-7221","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2022-1","tag-ephemer","tag-suizid","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7221","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/273"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7221"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7221\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7493,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7221\/revisions\/7493"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7224"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7221"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7221"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7221"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}