{"id":7218,"date":"2022-02-28T13:43:48","date_gmt":"2022-02-28T12:43:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7218"},"modified":"2022-02-28T16:50:08","modified_gmt":"2022-02-28T15:50:08","slug":"trauerndestimmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/02\/28\/trauerndestimmen\/","title":{"rendered":"Trauernde Stimmen. \ufeffEthnographische Notizen zum musikalischen Umgang mit dem Tod"},"content":{"rendered":"Seitdem unser politisches, gesellschaftliches und kulturelles Leben ma\u00dfgeblich von den Auswirkungen der Pandemie gepr\u00e4gt ist, ist die Pr\u00e4senz des Todes im \u00f6ffentlichen Diskurs merkbar gestiegen. Regelm\u00e4\u00dfige Todesstatistiken, Sterbende auf Intensivstationen, der Verlust von Mitmenschen: \u00dcber den Tod wird wieder vermehrt gesprochen, er hat sich eine gewichtige Position im gesellschaftlichen Diskurs quasi r\u00fcckerobert. Denn bis vor kurzer Zeit war im globalen Norden das Bewusstsein f\u00fcr unsere eigene Verg\u00e4nglichkeit im allt\u00e4glichen Leben eher gering, insbesondere im urbanen Kontext. Nach und nach haben wir den Tod in Altenheime, Spit\u00e4ler, Hospize ausgelagert, ihn zu einem Thema des Alters gemacht, \u00fcber das wir uns ja sp\u00e4ter Gedanken machen k\u00f6nnen \u2013 dann, wenn es so weit ist.<\/p>\n<p>Das betrifft auch die Rituale, mit denen wir dem Tod begegnen oder eben nicht begegnen k\u00f6nnen. Gerade die letzten Jahre haben gezeigt, wie wenig Routine wir im Umgang mit dem Tod haben. Uns fehlen erprobte Weisen, auf den Tod zu reagieren, ihm kulturell Bedeutung zu geben. Das trifft auch auf Musik zu. Mit der schwindenden Relevanz von Religion versuchen Trauernde h\u00e4ufig, durch die Auswahl von nicht sakraler Musik dem Abschiednehmen eine pers\u00f6nlichere Note zu verleihen.<\/p>\n<p>Das zeigt beispielsweise die Best-of-Liste der Bestattung Wien zum Thema \u201eMusik bei Trauerfeiern\u201c. Die Empfehlungen spiegeln die statistische H\u00e4ufung von f\u00fcr Trauerfeiern ausgew\u00e4hlten Musikst\u00fccken wider, die durchaus auch f\u00fcr den gesamt\u00f6sterreichischen Kontext repr\u00e4sentativ ist. Bezeichnenderweise in die Rubriken \u201eKlassik\u201c, \u201ePop\u201c, \u201eVolkslied\u201c und \u201eSchlager\u201c unterteilt, sind Lieder wie Andrea Bocellis <i>Time to say Goodbye<\/i> (gelistet unter \u201ePop\u201c), Frank Sinatras <i>My Way <\/i>oder auch Andreas Gabaliers <i>Amoi seg\u2019 ma uns wieder<\/i> (beide gelistet unter \u201eSchlager\u201c) beliebte Dauerbrenner der zeitgen\u00f6ssischen Sepulkralmusik, um mit dem Fachterminus f\u00fcr Trauermusik auch auf die Umdeutung der Funktion dieser Songs zu verweisen. Die Bestattung Wien bietet in der Auflistung der Lieder gleich die Vermittlung passender Interpret_innen an: die Begr\u00e4bniss\u00e4nger_innen, eine Berufsgruppe, der vergleichsweise wenig gesellschaftliche Wertsch\u00e4tzung entgegengebracht wird, obwohl sie als professionelle Musiker_innen f\u00fcr den Klang der Trauer verantwortlich sind.<\/p>\n<p>Wie sieht es aber mit der musikalischen Expressivit\u00e4t der Trauernden selbst aus? Sich k\u00fcnstlerisch auszudr\u00fccken w\u00e4re f\u00fcr den Prozess der Trauerverarbeitung zweifelsohne hilfreich. Die Hinterbliebenen bleiben aber still, und auch die Trauerg\u00e4ste verharren in \u201estiller Anteilnahme\u201c, wie es hei\u00dft. Kaum vorstellbar, dass der Trauerschmerz artikuliert wird \u2013 in Form von stimmlicher Expressivit\u00e4t nach au\u00dfen gelangt, h\u00f6rbar wird. Auch das Sprechen \u00fcber Tod wird ausgelagert. Trauerreden werden in Wien h\u00e4ufig von Trauerredner_innen vorgetragen, die bei der Bestattung Wien angestellt sind und die verstorbene Person nicht gekannt haben. All diese Ph\u00e4nomene machen das Bed\u00fcrfnis von Trauernden deutlich, ein Begr\u00e4bnis zu personalisieren \u2013 tats\u00e4chlich bleibt es im urbanen Kontext h\u00e4ufig bemerkenswert unpers\u00f6nlich.<\/p>\n<p>Vor allem im Vergleich zu Beispielen der musikalischen Trauer aus meinen ethnomusikologischen Forschungen bei der kroatischen Minderheit des Burgenlandes. Dass sich gerade bei dieser Community eine ausgepr\u00e4gte musikalische Tradition zu Tod, Sterben und Trauer bis in die heutige Zeit gehalten hat, liegt nicht zuletzt an der Bedeutung des Katholizismus und entsprechender volksreligi\u00f6ser Riten im Alltag burgenlandkroatischer D\u00f6rfer. Wesentlich ist aber die nicht immer friktionsfreie Identit\u00e4t als ethnische Minderheit. Stirbt ein Mitglied der d\u00f6rflichen Community, dann f\u00fchrt dies auch zu einer kulturellen R\u00fcckbesinnung \u2013 das Kroatische und die daran gekn\u00fcpften musikalischen Traditionen erm\u00f6glichen eine kulturelle Selbstvergewisserung der Lebenden im Angesicht des Todes. Das Singen der Totenwachtlieder am Vorabend des Begr\u00e4bnisses ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Bis in die 1970er Jahre wurde N\u00e4chte hindurch beim im Haus aufgebahrten Leichnam gebetet und gesungen. Das burgenl\u00e4ndische Leichenaufbahrungsgesetz verwies diese Tradition pl\u00f6tzlich aus dem privaten Raum in die in dieser Zeit in ganz \u00d6sterreich neu errichteten Aufbahrungskapellen. Die Totenwache hat sich aber gehalten. Sie dauert zwar nicht mehr N\u00e4chte hindurch, aber immerhin einige Stunden am Vorabend des Begr\u00e4bnisses, in denen die Dorfgemeinschaft Totenwachtlieder singt, mit denen sie von der verstorbenen Person Abschied nimmt \u2013 oder auch umgekehrt. So hei\u00dft es beispielsweise in einem der beliebtesten Totenwachtlieder:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Do\u0161la mi je ura skrajna, nosit te me van stanja.<br \/>\n[Meine letzte Stunde ist gekommen, ihr werdet mich aus dem Haus tragen.]\n<p style=\"text-align: center;\">Svaki \u0107e pojt po vom putu, pti\u010dic glasa ve\u0107 ne \u010dut,<br \/>\n[Jeder wird diesen Weg gehen, die Vogelstimmen nicht mehr h\u00f6ren,]\n<p style=\"text-align: center;\">ke ta spivat zvrhu mene, kad mi tijelo prah bude.<br \/>\n[die singen werden ober mir, wenn mein Leib Staub sein wird.]\n<p>Oder auch:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Zbogom moje sirotice, vi ste majku zgubile.<br \/>\n[Lebt wohl, meine armen Kinder, ihr habt die Mutter verloren.]\n<p>F\u00fcr den Trauerprozess scheint es hilfreich, im Kollektiv diese \u00fcber Generationen \u00fcberlieferten Texte zu singen, in denen sich die verstorbene Person von jenen verabschiedet, die singend ihrer gedenken. Doch auch bei den Burgenlandkroat_innen verschwinden bestimmte musikalische Trauerrituale aus dem Begr\u00e4bnisritus. Etwa das mittlerweile nur mehr selten erklingende Totenabschiedslied \u201eSpri\u010danje\u201c, eine von den Hinterbliebenen bezahlte Auftragsdichtung, die von Lehrern, Kantoren oder Vors\u00e4nger_innen, die die verstorbene Person gekannt haben, bei der Totenwacht vorgesungen wurde (siehe Dobrovich und Enislidis, 1999). Im Text verabschiedet sich die verstorbene Person von allen Verwandten und Bekannten und thematisiert auch ihren eigenen Tod. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel aus dem Pinkatal ist das einer jungen Frau, deren Ertrinken in der Pinka nicht unbedingt Folge eines Unfalls, sondern auch endg\u00fcltiger Ausweg aus prek\u00e4ren Lebensumst\u00e4nden gewesen sein mag.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">I ja sam se pro\u0161la prik\u010dera kupati,<br \/>\n[Und ich bin vorgestern baden gegangen,]\n<p style=\"text-align: center;\">zdrava i vesela, potnoga tela prat.<br \/>\n[gesund und fr\u00f6hlich, den verschwitzten Leib zu waschen.]\n<p style=\"text-align: center;\">Kot sam \u2019z briga v\u2019Pinku sigurno sko\u010dila,<br \/>\n[Als ich vom H\u00fcgel in die Pinka sicher sprang,]\n<p style=\"text-align: center;\">vodena dibina tu\u017enu mej\u2019 povlikla.<br \/>\n[hat die Tiefe des Wassers mich Traurige hineingezogen.]\n<p style=\"text-align: center;\">Kristu\u0161a na kri\u017eu, sulicom preboli,<br \/>\n[Christus haben sie am Kreuz mit einem Speer durchbohrt,]\n<p style=\"text-align: center;\">i mene su \u2019z vode sulicom van zeli,<br \/>\n[und mich haben sie mit einem Speer aus dem Wasser geholt,]\n<p style=\"text-align: center;\">kakov strah oba\u0161al, mene gledaju\u0107i,<br \/>\n[was fu\u0308r ein Schauer ging umher, als sie mich erblickten,]\n<p style=\"text-align: center;\">kad su mrtvo telo \u2019z vode van izneli.<br \/>\n[als sie meinen toten Leib aus dem Wasser herauszogen.]\n<p>Dieses \u00fcberlieferte Beispiel eines Spri\u010danje hat an die 20\u00a0Strophen und dauert in gesungener Form nahezu eine halbe Stunde \u2013 keine zur\u00fcckhaltende Trauerbesch\u00e4ftigung, der Tod wird hier in seiner ganzen Wucht \u00f6ffentlich thematisiert.<\/p>\n<p>Die wohl eindrucksvollste Form einer expressiven Trauer\u00e4u\u00dferung und bis in die 1970er Jahre fixe Soundkulisse eines Begr\u00e4bnisses in der kroatischen Ortschaft Stinjaki\/Stinatz im S\u00fcdburgenland sind Totenklagen. Hier wird aus der individuellen Perspektive der Trauernden von den Verstorbenen Abschied genommen \u2013 geweint, geklagt, geschrien. Totenklagen waren gesellschaftliche Norm \u2013 die n\u00e4chsten weiblichen Verwandten hatten zu klagen. In melodisch stilisierten Klagesequenzen im F\u00fcnftonraum adressiert die Klagende die verstorbene Person, spricht sie direkt an, stellt allerlei Fragen, gr\u00fc\u00dft andere Verstorbene, erinnert an gemeinsame Stunden, liebensw\u00fcrdige Eigenheiten oder gar das Lieblingsessen, thematisiert aber auch die Zukunft des Leichnams in der dunklen Erde, die eigene Trauer, die Verzweiflung und das Verlassen-worden-Sein. Auff\u00e4llig ist die dezidiert weibliche Attribuierung des Rituals, die einerseits als Sph\u00e4re gesteigerter Handlungsmacht von Frauen gesehen werden kann, andererseits \u00fcber die Konnotation von psychischer Krise und Hysterie auch stereotype Weiblichkeitsbilder festschreibt (siehe K\u00f6lbl, 2021).<\/p>\n<p>In den 1980er Jahren verschwanden die Totenklagen (\u201eJavkanje\u201c) allm\u00e4hlich aus dem \u00f6ffentlichen Raum und wurden zum Tabu. Zu \u201er\u00fcckst\u00e4ndig\u201c und \u201ealthergebracht\u201c schien das Ritual \u2013 und es barg die Furcht vor der Assoziation mit \u201efremd\u201c und \u201eanders\u201c. In den H\u00e4usern, bei verschlossenen Fenstern und heruntergelassenen Rollos wurde allerdings weiter geklagt, durchaus auch um den Verstorbenen nichts schuldig zu bleiben. Die Praxis im Verborgenen f\u00fchrt dazu, dass junge Burgenlandkroat_innen Totenklagen nur mehr vom H\u00f6rensagen kennen; die musikalische Kompetenz haben ausschlie\u00dflich die alten Frauen im Dorf.<\/p>\n<p>Eine Sehnsucht nach derartigen Ritualen mag auch einer kulturpessimistischen Verkl\u00e4rung eines traditionellen Landlebens geschuldet sein \u2013 und tats\u00e4chlich ist es wohl hilfreich, den Umgang mit Tod an aktuelle Gegebenheiten anzupassen. Trotzdem bleibt auch angesichts der gegenw\u00e4rtigen Medikalisierung und Professionalisierung des Todes die Frage danach, welche Formen des expressiven Umgangs mit dem Tod uns in der Trauerverarbeitung helfen k\u00f6nnten und ob die Stille unserer Stimmen vielleicht eben nicht die probateste Form des Umgangs mit dem Tod ist.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Dobrovich, Jakob und Ingeborg Enislidis. 1999. <i>Spri\u010danje. Das Toten-Abschiedslied der Kroaten im Burgenland<\/i> (Volksmusik im Burgenland, Corpus musicae popularis Austriacae, Band\u00a011), Wien: B\u00f6hlau.<\/p>\n<p>K\u00f6lbl, Marko. 2021. \u201eGender Performativity in Burgenland Croatian Laments\u201c, in: Ursula Hemetek, Inna Naroditskaya und Terada Yoshitaka (Hg.): Music and Marginalisation: Beyond the Minority-Majority Paradigm (Senri Ethnological Studies, Band\u00a0105). Osaka: National Museum of Ethnology, 209\u2013226.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seitdem unser politisches, gesellschaftliches und kulturelles Leben ma\u00dfgeblich von den Auswirkungen der Pandemie gepr\u00e4gt ist, ist die Pr\u00e4senz des Todes im \u00f6ffentlichen Diskurs merkbar gestiegen. Regelm\u00e4\u00dfige Todesstatistiken, Sterbende auf Intensivstationen, der Verlust von Mitmenschen: \u00dcber den Tod wird wieder vermehrt gesprochen, er hat sich eine gewichtige Position im gesellschaftlichen Diskurs quasi r\u00fcckerobert.<\/p>\n","protected":false},"author":162,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1232,1247,1249,854],"class_list":["post-7218","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-special","tag-2022-1","tag-ephemer","tag-tod","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7218","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/162"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7218"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7218\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7431,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7218\/revisions\/7431"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7218"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7218"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7218"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}