{"id":7209,"date":"2022-02-28T13:55:48","date_gmt":"2022-02-28T12:55:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7209"},"modified":"2022-02-28T13:56:10","modified_gmt":"2022-02-28T12:56:10","slug":"ephemeres-wissen-in-archiven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/02\/28\/ephemeres-wissen-in-archiven\/","title":{"rendered":"Ephemeres Wissen in Archiven"},"content":{"rendered":"Wir leben in einem Informationszeitalter. Nie wurden so viele Informationen produziert, und nie war es so einfach, diese rasch zu bekommen. Informationen sind allgegenw\u00e4rtig, oft ist von einer Flut an Daten die Rede. Gleichzeitig gehen t\u00e4glich ungez\u00e4hlte Datenmengen verloren, viele Inhalte sind ephemer bzw. \u00fcberhaupt nur f\u00fcr einen kurzen Augenblick geschaffen, um dann in den unendlichen Weiten des Internets zu verschwinden. Sie entsprechen dem Wortsinn des griechischen <i>ephemeros <\/i>\u201af\u00fcr einen Tag\u2018 in idealer Weise, oft zu Recht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7215\" aria-describedby=\"caption-attachment-7215\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7215\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image3-10-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image3-10-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image3-10-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image3-10-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image3-10-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image3-10-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image3-10-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7215\" class=\"wp-caption-text\">Aus dem Exilarte Archiv \u00a9 Stephan Polzer f\u00fcr Exilarte Zentrum f\u00fcr verfolgte Musik, 2019<\/figcaption><\/figure>\n<h5>Ambivalente Archive<\/h5>\n<p>Archive bewahren Vergangenes auf und leisten einen wichtigen Beitrag gegen die Verg\u00e4nglichkeit, gegen ephemere Informationen. Auf der anderen Seite sorgen sie durch das Skartieren, das Vernichten von digitalen wie analogen Unterlagen, auch f\u00fcr ein geordnetes Vergessen. Nur ein geringer Teil des heute in den Verwaltungen unterschiedlicher Institutionen produzierten Schriftguts kann als archivw\u00fcrdig angesehen werden und findet dementsprechend Eingang in die Archive. Durch den Vorgang der archivischen Bewertung findet ein aktives Entscheiden dar\u00fcber statt, was dem Vergessen anheimfallen soll und was nicht. Zu Archivgut werden nur jene Unterlagen, die in der laufenden Verwaltung nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig gebraucht werden und einen bleibenden Wert aus administrativen, historischen oder rechtlichen Gr\u00fcnden haben. Der Zugang von Archiven zum Erhalt von Informationen ist somit ambivalent.<\/p>\n<p>Die historische Arbeit ist zwangsweise eine Auseinandersetzung mit Verg\u00e4nglichkeit. Historisch forschen bedeutet, sich der Verg\u00e4nglichkeit zu stellen, und oft m\u00fcssen dabei L\u00fccken und Fehlstellen akzeptiert werden. Hier trifft die alte r\u00f6mische Rechtsmaxime zu: <i>Quod non est in actis, non est in mundo<\/i> \u2013 was nicht in den Akten steht, ist nicht in der Welt. Eine M\u00f6glichkeit, dem entgegenzuwirken und ephemeres Wissen einzufangen, sind Oral-History-Interviews, in denen nicht selten Informationen zutage treten, die nicht in schriftlichen Quellen zu finden sind.<\/p>\n<h5>Kampf gegen Verg\u00e4nglichkeit<\/h5>\n<p>Archive stoppen Prozesse der Verg\u00e4nglichkeit: durch optimale Lagerung, durch Datenmigration oder gezielte konservatorische Ma\u00dfnahmen. Um ein Beispiel zu nennen: Bei den Inhalten eines alten Tonbandes oder Films ist zum einen hohe Dringlichkeit zur Sicherung geboten, zum anderen k\u00f6nnen diese nur mit gro\u00dfem Aufwand gerettet werden. Die Tr\u00e4germaterialien sind nicht alterungsbest\u00e4ndig, l\u00f6sen sich zum Teil auf, und der Zerfall kann nur durch eine sehr k\u00fchle Lagerung hinausgez\u00f6gert werden. Es gibt alte Ton- oder Filmb\u00e4nder, die nur mehr ein einziges Mal abgespielt werden k\u00f6nnen, dann sind sie unbrauchbar. Um der Verfl\u00fcchtigung des gespeicherten Wissens entgegenzuarbeiten, braucht es hierbei auch die geeigneten und funktionst\u00fcchtigen Abspielger\u00e4te. Die Herstellung derselben wurde vor Jahrzehnten eingestellt, Ersatzteile sind nur schwer zu bekommen. Auch bei CDs oder CD-ROMs, die zum Teil noch in Verwendung sind, ist ein baldiger Verlust der Inhalte wahrscheinlich.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7214\" aria-describedby=\"caption-attachment-7214\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7214\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-16-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-16-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-16-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-16-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-16-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-16-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image2-16-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7214\" class=\"wp-caption-text\">Aus dem Exilarte Archiv \u00a9 Stephan Polzer f\u00fcr Exilarte Zentrum f\u00fcr verfolgte Musik, 2019<\/figcaption><\/figure>\n<p>Geradezu greifbar und augenscheinlich wird die Verg\u00e4nglichkeit von Inhalten bei alten Handschriften und Noten, die mit Eisengallustinte geschrieben wurden. S\u00e4urehaltige Inhaltsstoffe in den Tinten, die bis in das 19.\u00a0Jahrhundert \u00fcblich waren, greifen den Beschreibstoff in einer aggressiven Weise an, sodass es zum sogenannten Tintenfra\u00df kommt, zur Zersetzung des Papiers. Aufzuhalten ist der Prozess nur durch ein \u00e4u\u00dferst aufwendiges Papierspaltverfahren, durch das zumindest ein weiterer Zerfall verhindert werden kann. Ber\u00fchmtes Opfer des Tintenfra\u00dfes sind zahlreiche Autographe von Johann Sebastian Bach in der Staatsbibliothek zu Berlin, die in einer gro\u00dfangelegten und aufwendigen Restaurierungsaktion (1999\u20132003) gerettet werden konnten.<\/p>\n<p>An diesem Beispiel l\u00e4sst sich auch der Aspekt des Originals gut nachvollziehen. Warum kann es so wichtig sein, der Verg\u00e4nglichkeit von zerfallenden Autographen entgegenzuwirken, wenn doch der Inhalt, also Bachs Musik, in unz\u00e4hligen Drucken, Einspielungen und modernen Digitalisaten gesichert ist? Ganz zu schweigen von der Aura eines Originals und der kulturhistorischen Bedeutung, halten Autographe auch aus inhaltlicher Sicht wichtige Informationen verborgen. Ver\u00e4nderungen und Korrekturen \u2013 beispielsweise erkennbar an unterschiedlichen Tintenfarben oder Farbstiften \u2013 k\u00f6nnen aufschlussreiche Hinweise f\u00fcr die Entstehungsgeschichte der Werke liefern. Sauber durchgef\u00fchrte Ausbesserungen sind mitunter auch auf Digitalisaten nicht erkennbar. F\u00fcr die (musik-)historische Forschung relevant ist auch die Papieranalyse, wie das an der mdw beheimatete Forschungsprojekt <i>Paper and Copyists in Viennese Opera Scores, 1760\u20131770<\/i> zeigt. So geben etwa Wasserzeichen Auskunft \u00fcber Alter und Herkunft, womit eine zeitliche und \u00f6rtliche Einordnung von Quellen m\u00f6glich ist.<\/p>\n<h5>Digitale Wissensspeicher<\/h5>\n<p>Digitalisierung kann heute als eine der wichtigsten Aufgaben von Archiven gesehen werden. Sie setzt uns in die Lage, einen ma\u00dfgeblichen Schritt gegen die Verg\u00e4nglichkeit zu tun. In manchen F\u00e4llen ist die Digitalisierung die einzige M\u00f6glichkeit, Inhalte f\u00fcr die Nachwelt zu bewahren. Es gibt digitales Archivgut, bei dem klar ist, dass es ohne Handlungsschritte bald verloren sein wird: Durch die Datenmigration geht zwar die urspr\u00fcngliche Form verloren, jedoch kann der Inhalt gesichert werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7216\" aria-describedby=\"caption-attachment-7216\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7216\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image4-9-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image4-9-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image4-9-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image4-9-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image4-9-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image4-9-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image4-9-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7216\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Marcell Nimfuehr\/Kollektiv Fischka<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Digitalisierung analoger Inhalte erm\u00f6glicht in vielen F\u00e4llen erst den bequemen Zugang zu den Quellen: Als Beispiel kann das derzeit an der mdw laufende Vorhaben zur Implementierung eines Digitalen Archivportals genannt werden. Das ist der transdisziplin\u00e4re Zusammenschluss der Archive und Sammlungen an der Universit\u00e4t, durch den der historische Quellenschatz der mdw sichtbar gemacht wird. Damit werden die unterschiedlichen Best\u00e4nde f\u00fcr die Forschung zug\u00e4nglich sein, dar\u00fcber hinaus entstehen durch das digitale Zusammenf\u00fchren und Vernetzen der Quellen inhaltliche Querverbindungen und es werden Analysen m\u00f6glich, die in analoger Form nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4ren. Dabei k\u00f6nnen Analyse-Tools, wie das eben im mdw-Projekt <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/imi\/tellingsounds\/\"><i>Telling Sounds<\/i><\/a> entwickelte LAMA (Linked Annotations for Media Analysis), zum Einsatz kommen und wertvolle Arbeit leisten. Aus diesen Gr\u00fcnden gew\u00e4hrleistet das Archivportal die digitale Erschlie\u00dfung und Sicherung des kulturellen Erbes der mdw. Wichtige Anregungen auf diesem Gebiet, vor allem in Hinblick auf die Verbindung von Wissenschaft und Kunst, leistet das unter anderem an der mdw beheimatete Artistic-Research-Projekt <a href=\"https:\/\/rottingsounds.org\/\"><i>Rotting Sounds<\/i><\/a>, das sich mit den Verfallserscheinungen digitaler Kl\u00e4nge besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Besonders ephemer sind digitale Daten im World Wide Web, wo sich bereits zahlreiche L\u00fccken ergeben haben. Die Erforschung des Web- bzw. Au\u00dfenauftritts der mdw, der medialen Wirkung sowie des eigenen Selbstverst\u00e4ndnisses und der damit vermittelten Werte ist eine reizvolle Aufgabe, doch klafft zwischen den Anf\u00e4ngen der Computerisierung an der Universit\u00e4t und heute ein gro\u00dfes Loch in der \u00dcberlieferung. Auch in der Gegenwart sind viele dieser Fragen (noch) nicht gekl\u00e4rt: So sind etwa die Inhalte der unterschiedlichen Social-Media-Kan\u00e4le der mdw in bester Weise als ephemer zu bezeichnen und damit schwer f\u00fcr die Nachwelt zu bewahren. Eine wichtige Aufgabe der Gegenwart und Zukunft wird es sein m\u00fcssen, dieses Loch nicht gr\u00f6\u00dfer werden zu lassen, \u00fcberlegt auszuw\u00e4hlen und archivw\u00fcrdige digitale Inhalte nicht verloren gehen zu lassen.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben in einem Informationszeitalter. Nie wurden so viele Informationen produziert, und nie war es so einfach, diese rasch zu bekommen. Informationen sind allgegenw\u00e4rtig, oft ist von einer Flut an Daten die Rede. Gleichzeitig gehen t\u00e4glich ungez\u00e4hlte Datenmengen verloren, viele Inhalte sind ephemer bzw. \u00fcberhaupt nur f\u00fcr einen kurzen Augenblick geschaffen, um dann in den unendlichen Weiten des Internets zu verschwinden.<\/p>\n","protected":false},"author":274,"featured_media":7212,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1232,1247,616,615,854],"class_list":["post-7209","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2022-1","tag-ephemer","tag-archiv","tag-archive","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7209","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/274"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7209"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7209\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7440,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7209\/revisions\/7440"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7212"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}