{"id":7204,"date":"2022-02-28T14:14:31","date_gmt":"2022-02-28T13:14:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7204"},"modified":"2022-02-28T14:14:54","modified_gmt":"2022-02-28T13:14:54","slug":"reizvolles-verschwinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/02\/28\/reizvolles-verschwinden\/","title":{"rendered":"Reizvolles Verschwinden"},"content":{"rendered":"<h1>Das Ephemere und die performativen K\u00fcnste<\/h1>\n<p>\u201eSage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes\u00a0\u2026\u201c \u2013 Homers Epos, das von den Irrfahrten des Odysseus k\u00fcndet (hier in der \u00dcbersetzung von Johann Heinrich Vo\u00df), beginnt mit der Anrufung der Muse. Sie soll von den Heldentaten erz\u00e4hlen. Wir h\u00f6ren zu, verspricht die Stimme im Pro\u00f6mium, und <i>Die Odyssee<\/i> beginnt\u00a0\u2026 Geschichte erz\u00e4hlen und dem Erz\u00e4hlten zuh\u00f6ren. Nichts anderes meint Epos in seiner urspr\u00fcnglichen Form, der Rhapsode tr\u00e4gt einen Text vor und ver\u00e4ndert diesen w\u00e4hrend des Sprechens immer wieder. Das Erz\u00e4hlte hat dabei eine volatile Gestalt, immer wieder memoriert und als gesprochenes Wort doch immer auch vom endg\u00fcltigen Verklingen bedroht. Homers Musen-Worte mussten daher aufgeschrieben werden, um heute noch \u201ah\u00f6rbar\u2018 zu sein. Sie ver\u00e4nderten damit aber grundlegend ihre Gestalt, aus vielfachen Rhapsoden-Auftritten wurde stummer Text.<\/p>\n<p>Der Schritt vom nur momentan H\u00f6rbaren hin zum Festgehaltenen aber ist eine Metamorphose, in der sich eine der Antriebskr\u00e4fte von Kultur erkennen l\u00e4sst. Mit den verschiedensten Kulturtechniken versuchen wir, Fl\u00fcchtiges festzuhalten: Wir sammeln Dinge, um uns an Personen oder Orte zu erinnern, wir kennen Symbole, um einem kurzen Augenblick zu materiell greifbarer Dauer zu verhelfen, wir begehen Rituale als in Form gefasste Wiederholungen von Momenten, die sonst in der Zeit verloren gehen w\u00fcrden, wir setzen Zeichen unseres Daseins\u00a0\u2013 schreiben Memoiren, lassen uns portr\u00e4tieren, machen Selfies oder ritzen unsere Namen in Baumrinden oder\u00a0\u2026 \u2013 und haben, nicht erst seit den \u00e4gyptischen Pyramiden, Totengedenkkulturen entwickelt, um der K\u00fcrze unseres Daseins einen dauerhaften Kontrapunkt zu setzen. Vor allem entwickeln wir Codes, um das blo\u00df Gesprochene, blo\u00df Geh\u00f6rte so aufzuzeichnen, dass es haltbar wird \u2013 will hei\u00dfen: wieder erz\u00e4hlbar, wieder auff\u00fchrbar, wieder erlebbar.<\/p>\n<p>Mit dem Festhalten des Ephemeren also befasst sich Kultur \u2013 und scheitert regelm\u00e4\u00dfig an dieser Idee, zumindest dann, wenn man Festhalten als identisches Wiederholen oder \u201aKopieren\u2018 missversteht: Nicht das Gesagte selbst kann in Schrift haltbar gemacht werden, allenfalls dessen semantischer Gehalt (der freilich selbst wiederum an Haltbarkeit verliert, denn kaum etwas ver\u00e4ndert sich schneller als der Kontext, den wir aber notwendig zum Verstehen brauchen). Und alles Gesagte, Gesungene, Gespielte ver\u00e4ndert sich im Wiederholtwerden, ist also streng genommen nicht wiederholbar, allenfalls variierbar: Kein Auftritt, Konzert oder Opernabend ist wiederholbar, auch wenn die Spielpl\u00e4ne genau dies verhei\u00dfen. Wenn aber das Festhalten immer wieder misslingt \u2013 notwendigerweise misslingen muss\u00a0\u2013, warum, so l\u00e4sst sich fragen, werden wir nicht m\u00fcde, es zu versuchen? Was h\u00e4lt uns, was fasziniert uns am Ephemeren?<\/p>\n<p>Das Ephemere\u00a0\u2013 also das, was laut Definition nur f\u00fcr kurze Zeit besteht, was vor\u00fcbergehend und verg\u00e4nglich ist\u00a0\u2013 begleitet uns allt\u00e4glich und trifft uns metaphysisch. Unter Ephemera versteht etwa die Kulturgeschichte Dinge, die im t\u00e4glichen Leben eher beil\u00e4ufig, jedenfalls blo\u00df kurz verwendet werden \u2013 von Gebrauchsgrafiken auf Briefpapier oder Etiketten \u00fcber Bierdeckel bis hin zu Eintrittskarten, kurz: Dinge, die wir verwenden und bald wegwerfen. Zu den Ephemera in der Musik z\u00e4hlten \u00fcbrigens Liedflugbl\u00e4tter, Gebrauchsgegenst\u00e4nde, die Lieder popularisierten, gedruckt auf billigem Papier, durch viele H\u00e4nde gewandert, dann weggeschmissen oder\u00a0\u2013 selbst billiges Papier war wertvoll\u00a0\u2013 weiterverwendet wurden. Heute sind wir dankbar f\u00fcr diese Ephemera, die sich gegen alle Wahrscheinlichkeit erhalten haben: Auf diese Weise haben wir immerhin einige Sedimentschichten vergangener popul\u00e4rer Liedkulturen in H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Metaphysisch freilich wird die Frage nach dem Ephemeren dann, wenn unser Augenmerk auf das Verg\u00e4ngliche zielt, das Vor\u00fcbergehende, und damit auch auf unsere eigene Existenz. Die je nach Kultur spezifische Art des Totenkults und Totengedenkens sowie die Vorstellung, die wir uns vom Tod machen\u00a0\u2013 wobei er doch, wie nicht nur Sigmund Freud meinte, das gr\u00f6\u00dfte unserer R\u00e4tsel bleibt\u00a0\u2013, sind Versuche, auf den Affront, der die Verg\u00e4nglichkeit f\u00fcr uns ist, eine Antwort zu finden. Diese dem Ephemeren eigene, kaum fassbare Spannweite zwischen Allt\u00e4glichkeit und Metaphysik wird noch erg\u00e4nzt durch unser Suchen nach dem einen gl\u00fcckhaften Moment \u2013 \u201eVerweile doch, du bist so sch\u00f6n!\u201c\u00a0\u2013, von dem wir nichts verl\u00e4sslicher wissen, als dass er nicht dauerhaft ist. Gl\u00fcck, so meinte Theodor W. Adorno, sei ein Zustand, den man sich erst vergegenw\u00e4rtigt, wenn man ihn verlassen hat. Anders gesagt: Das zuverl\u00e4ssigst Ephemere ist das Gl\u00fcck.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7206\" aria-describedby=\"caption-attachment-7206\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7206\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image0-22-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image0-22-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image0-22-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image0-22-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image0-22-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image0-22-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/post-1_image0-22-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7206\" class=\"wp-caption-text\">Videoaufzeichnungen f\u00fcr die mdwMediathek als eine der M\u00f6glichkeiten, um Auff\u00fchrungen vor dem Verschwinden zu bewahren \u00a9 Daniel Willinger | dwphoto.at<\/figcaption><\/figure>\n<p>F\u00fcr die paradoxe Idee aber, das Ephemere festzuhalten, stehen insbesondere die performativen K\u00fcnste bereit. Eine ihrer \u00e4sthetisch reizvollsten Aufgaben besteht darin, das Verschwinden erlebbar zu machen und genussvoll hinauszuz\u00f6gern. Komponist_innen haben sich nicht erst seit dem 20. Jahrhundert (das ein Faible f\u00fcr die <i>Silence<\/i>\u00a0\u2013 die Abwesenheit des Tones \u2013 entwickelt hat) dem Ausgestalten des Verklingens gewidmet. Dabei ist auch jede Auff\u00fchrung\u00a0\u2013 Theater, Musik, Tanz \u2013 ein Erleben des Ephemeren; im Schlussakkord oder beim letzten Vorhang bleibt uns nichts als die Erinnerung an das Geh\u00f6rte, Gesehene, Erlebte. Dass jede Ton- oder Video-Aufnahme nur ein Teil einer Live-Performance ist, liegt auch daran: Ephemeres ist gerade nicht dauerhaft und nicht wiederholbar (der besondere Reiz des Wiederholens w\u00e4re freilich ein ganz eigenes Thema). Dar\u00fcber hinaus scheint es, als widmeten sich die performativen K\u00fcnste geradezu mit Hingabe dem Verschwinden: Wie verklingt ein Ton? Was bleibt nach dem gesprochenen Wort, nach einer Bewegung im Raum? Wer auf der B\u00fchne steht, wei\u00df, dass eine besondere Aufgabe darin besteht, dieses Ephemere zu gestalten, auszudehnen und sein notwendiges Verschwinden mit \u00e4sthetischem Reiz so zu verbinden, dass der Schmerz des Verlusts schon im Moment des Erlebens bewusst wird.<\/p>\n<p>So \u00e4sthetisch also das Verklingende sein kann, so unbarmherzig ist es f\u00fcr alle, die sich dem (endg\u00fcltigen) Verklingen entgegenstellen wollen. Gerade die performativen K\u00fcnste brauchen daf\u00fcr \u201aHilfsmittel\u2018, um nach ihrem Auff\u00fchrungsmoment nicht g\u00e4nzlich zu verschwinden. Zusammen mit K\u00f6rperged\u00e4chtnis und individuellen Memorierf\u00e4higkeiten sind Kulturtechniken des Aufzeichnens notwendig, um Aufgef\u00fchrtes vor dem Verschwinden zu bewahren. Solche Kulturtechniken sedimentieren sich in Notationen (von Musik oder Tanz), Text- und Regieb\u00fcchern, Videoaufzeichnungen, Bildmaterial, Studienb\u00fcchern, Interpretationslehren, Beschreibungen u.\u2009a.\u00a0m. Sind diese Aufzeichnungssysteme und -medien vorhanden, braucht es in weiterer Folge Menschen und Institutionen, die f\u00fcr die Bewahrung dieser Quellen verantwortlich zeichnen. Denn nur was \u00fcberhaupt aufbewahrt wird, kann wieder(ge)holt werden. Von dieser H\u00fcrde k\u00f6nnen all diejenigen Quellen erz\u00e4hlen, die nie in Archive oder Bibliotheken aufgenommen wurden und denen schon auf diese Weise der Weg zum Wiedergeh\u00f6rtwerden fr\u00fchzeitig versperrt blieb. Dies betraf nicht nur Musik von Komponistinnen, aber, da sich verschiedene Konzepte von Weiblichkeit schon seit Sapphos Zeiten probat mit dem Ephemeren verbinden lie\u00dfen, diese besonders nachhaltig.<\/p>\n<p>Alle Aufzeichnungssysteme \u2013 gleich ob schriftliche oder technische \u2013 ver\u00e4ndern sich mit der Zeit. Darum braucht es neben dem Aufbewahren selbst auch das Wissen \u00fcber das Lesen und Verstehen dieser Systeme. Nur so kann das Verschriftlichte wieder zur Auff\u00fchrung gelangen. Lange Zeit etwa galten die Notationsformen des Mittelalters als nicht mehr auff\u00fchrbar, weil das Wissen, wie sie zu lesen sind, verloren gegangen war. Auch die Frage, wie Homers <i>Odyssee<\/i> rhapsodisch vorgetragen klang, kann man allenfalls in Ans\u00e4tzen rekonstruieren. Viele Klangwelten, auch wenn wir sie uns historisch imaginieren k\u00f6nnen, sind auf diese Weise endg\u00fcltig verloren. Dieser Verlust l\u00e4sst sich zu Recht tief bedauern: Wie gern h\u00e4tten wir Sappho rezitieren oder Ira Aldridge als Othello erlebt, h\u00e4tten Ludwig van Beethoven beim Improvisieren oder Clara Schumann als Pianistin zugeh\u00f6rt! Aber auf das tiefe Bedauern folgt eine reizvolle und herausfordernde Einsicht: Gerade das Ephemere der performativen K\u00fcnste schafft Raum f\u00fcr Neues\u00a0\u2013 neue Interpretationen, eigene Klangvorstellungen, gegenw\u00e4rtige Ideen.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes\u00a0\u2026\u201c \u2013 Homers Epos, das von den Irrfahrten des Odysseus k\u00fcndet (hier in der \u00dcbersetzung von Johann Heinrich Vo\u00df), beginnt mit der Anrufung der Muse. Sie soll von den Heldentaten erz\u00e4hlen. Wir h\u00f6ren zu, verspricht die Stimme im Pro\u00f6mium, und Die Odyssee beginnt\u00a0\u2026 Geschichte erz\u00e4hlen und dem Erz\u00e4hlten zuh\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"author":75,"featured_media":7051,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1232,1247,854],"class_list":["post-7204","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2022-1","tag-ephemer","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7204","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/75"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7204"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7204\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7443,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7204\/revisions\/7443"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7051"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7204"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7204"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7204"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}