{"id":6815,"date":"2021-11-29T12:00:19","date_gmt":"2021-11-29T11:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=6815"},"modified":"2021-11-29T12:09:23","modified_gmt":"2021-11-29T11:09:23","slug":"duerfen-wir-das","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/11\/29\/duerfen-wir-das\/","title":{"rendered":"D\u00fcrfen wir das?"},"content":{"rendered":"<h1>Ein Forschungsprojekt hinterfragt Dresscodes im klassischen Konzert- und Opernbereich<\/h1>\n<figure id=\"attachment_6821\" aria-describedby=\"caption-attachment-6821\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6821\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-5-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-5-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-5-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-5-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-5-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-5-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-5-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6821\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Florian Tanzer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das bestehende Regelwerk des globalen Nordens f\u00fcr Auftrittskleidung und Verhalten auf der B\u00fchne geht, wie wir wissen, auf die sich im 19.\u00a0Jahrhundert etablierende b\u00fcrgerliche Kultur zur\u00fcck. In dieser Zeit entstanden auch das Konzertwesen, die Konzerth\u00e4user, die Konzertkultur. Gepr\u00e4gt durch die Vorstellung der ewigen Aktualit\u00e4t von Meisterwerken wie einer universellen Sprache der Musik fungierten sie als Momente b\u00fcrgerlicher Identit\u00e4tsgenerierung und Selbstnobilitierung.<\/p>\n<blockquote><p>Ich tr\u00e4ume von der B\u00fchne, seit ich acht bin, aber jetzt gibt es ganz viel, was ich \u00e4ndern m\u00f6chte, auch wenn ich das Spiel oft mitspiele.<span id='easy-footnote-1-6815' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/11\/29\/duerfen-wir-das\/#easy-footnote-bottom-1-6815' title='Alle Zitate von Projektteilnehmer_innen'><sup>1<\/sup><\/a><\/span><\/blockquote>\n<p>In den 20er Jahren des 21.\u00a0Jahrhunderts ist es unumg\u00e4nglich, sich der Historizit\u00e4t dieser Strukturen bewusst zu werden und zu hinterfragen. Im Bewusstsein um Traditionen werden wir frei, Schritte in Richtung Innovation zu setzen, auch wenn sich Studierende, Lehrende, Musikschaffende und Kulturmanager_innen immer noch fragen: \u201eD\u00fcrfen wir das eigentlich?\u201c Wir d\u00fcrfen, sollen und m\u00fcssen Konzerte neu denken! Und uns fragen: Zu welchen \u00e4sthetischen Erfahrungen k\u00f6nnten sie denn heute einladen? Zu welchem emotionalen Erleben? Welche einer pluralistischen Gesellschaftsstruktur entsprechenden Erfahrungsr\u00e4ume sind nun zu \u00f6ffnen? Neue Konzertformate sind gesucht. Das Aus-der-Reihe-Tanzen ist gefragt.<\/p>\n<blockquote><p>F\u00fcr mich ist es ein wichtiges Kriterium, wie ich mich anziehe. Es muss mit jedem St\u00fcck, das ich spiele, im Einklang stehen.<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_6820\" aria-describedby=\"caption-attachment-6820\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6820\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-8-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-8-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-8-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-8-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-8-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-8-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-8-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6820\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Florian Tanzer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Setzen wir der selbst ernannten Performance-Polizei, wie Daniel Leech-Wilkinson sie nennt, den Gatekeepern der unausgesprochenen Regeln, die den Status quo bewachen, zum Trotz den Fokus auf das Transformationspotenzial von S\u00e4nger_innen und Instrumentalist_innen, hinterfragen wir damit gesellschaftliche Wissens- und Machtordnungen. Wir bringen in unserem Projekt <i>Tired Attire \u2013 Dress Rehearsal<\/i> diese Thematik ins Bewusstsein, machen sie besprechbar und \u00f6ffnen den M\u00f6glichkeitsraum f\u00fcr alternative (Selbst-)Inszenierungen der K\u00fcnstler_innen.<\/p>\n<blockquote><p>Wieso muss denn alles so gegendert sein? Schauen wir in die Geschichte, so haben tats\u00e4chlich M\u00e4nner zuerst High Heels getragen. Im alten Persien fungierten sie als Reitschuhe der M\u00e4nner.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kleidung ist engstens mit Imagination bzw. Selbstimagination verflochten. Es geht nicht allein darum, den K\u00f6rper zu bedecken. Kleidung ist f\u00fcr das Gef\u00fchl des Seins in der Welt mitverantwortlich. Sich kleiden ist eine kulturelle Praxis, ein Doing Fashion, wie Gertrud Lehnert es nennt, und ein Doing Gender.<\/p>\n<p>Wearing, das Tragen von Kleidung, kann auch als experimentelle Forschungsmethode einer Arts-based bzw. Performance-based Research fungieren. Die Ber\u00fchrung des Stoffes auf der Haut, diese taktile, ja multisensorische Erfahrung beim Tragen von Kleidung, generiert Theorie im Dazwischen von Idee, Materie und Form.<\/p>\n<blockquote><p>Auch wenn bei Instrumentalist_innen das Instrument immer im Vordergrund steht, finde ich, die K\u00fcnstler_innen dahinter m\u00fcssen nicht unbedingt untergehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u201eAls Kost\u00fcm darfst du alles tragen, als Musiker_in nicht\u201c, so die international renommierte B\u00fchnen- und Kost\u00fcmbildnerin Hannah K\u00f6nig. \u201eZwischen Kost\u00fcmen und Outfit besteht ein gro\u00dfer Unterschied.\u201c In gemeinsamen Gespr\u00e4chen entwickelte sich in unserem Projekt ein Gesp\u00fcr f\u00fcr jede einzelne Pers\u00f6nlichkeit und ihre Kleidungsw\u00fcnsche. Die Kn\u00f6chel, die Knie nicht zeigen zu d\u00fcrfen, und auch nicht Schultern. Und trotzdem chic sein zu wollen. Schwarz sehr gerne zu tragen, aber nicht immer und nicht so schlicht. Wie weit k\u00f6nnen und wollen wir im Experimentieren mit Auftrittskleidung gehen? Der Papierrock war schon einen Versuch wert. Die Anregung \u201eH\u00fcll mich in Architektur!\u201c inspirierend.<\/p>\n<blockquote><p>Ich glaube, wenn wir die Dresscodes hinterfragen, k\u00f6nnen wir dazu beitragen, unsere Kunst zug\u00e4nglicher zu machen. Das m\u00f6chte ich als K\u00fcnstler mit meiner Kunst auf jeden Fall versuchen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Farbsemantiken und -diskurse spielen in soziokulturellen Ordnungen eine wesentliche Rolle. Was bedeutet es, wenn Schwarz und Wei\u00df in Ordnung sind, Farbe bei Auftritten jedoch gar nicht geht? Farben fungieren als sinngenerierende Medien f\u00fcr kulturelle Selbstvergewisserung. Auch dar\u00fcber gilt es zu reflektieren. Wer darf welche Farben f\u00fcr sich in Anspruch nehmen? Und warum? David Batchelor schreibt Kulturen des globalen Nordens sogar eine grundlegende Chromophobie, eine Angst vor Farben als konstituierendes Moment zu. Vielleicht ist das Bunte gerade deswegen ein Element, mit dem wir experimentieren k\u00f6nnen?<\/p>\n<blockquote><p>Es ist so sch\u00f6n, in Bunt aufzutreten und so anders, als ich es mir vorstellte. Ich dachte, es lenkt ab, aber eigentlich macht es genau das Gegenteil.<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_6819\" aria-describedby=\"caption-attachment-6819\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6819\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-11-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-11-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-11-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-11-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-11-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-11-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-11-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6819\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Florian Tanzer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Von der Intensit\u00e4t der Erfahrungen im Dress Rehearsal war jede_r einzelne Musiker_in ebenso \u00fcberrascht wie auch wir: Hannah K\u00f6nig, die die Kreationen entworfen, zusammengesteckt und gen\u00e4ht hat, Katharina Pfennigstorf, die Mitdenkerin, Florian Tanzer, der Visual Artist, und ich, die Gender- und Artistic-Research-Forscherin. Im Vergleich zu flachen Schuhen bewirkten Abs\u00e4tze ganz unerwartet eine andere Haltung, ein ungeahntes Gef\u00fchl der St\u00e4rke und Stabilit\u00e4t. Zu einem lose fallenden Kleid mit Applikation kam ein Lied in den Sinn, das gesungen werden wollte. Das selbstimaginierte, auf den K\u00f6rper zugeschnittene Outfit vereinte Freiheit und Gesch\u00fctzheit. Musik wurde als k\u00f6rperlich \u00e4sthetisches Ereignis in der Verbindung von Klang, Bewegung, Tanz in Raum und Zeit sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Was passiert in der Gesellschaft, wenn Funken der Stimmigkeit auf so vielen Ebenen erfahrbar werden?<\/p>\n<blockquote><p>Mit meiner Kunst f\u00fchle ich mich als K\u00fcnstler_in verantwortlich f\u00fcr gesellschaftliche Anliegen und Ver\u00e4nderungen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/ikm\/gender-call-projekte\/dressrehearsal\/\">Projekt<\/a> im Rahmen des Gender|Queer|Diversit\u00e4t Call_mdw 2020. Mitwirkende: Daniele De Vecchi, Julia Diaba, Bernarda Klinar, Paula Langthaler, Sonia Lehrhuber, Elia Merguet, Constantina Nicolaou, Katharina P\u00fcschel, Dalma Sarnyai<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Literatur:<\/b><\/p>\n<p>David Batchelor (2002), Chromophobie. Angst vor der Farbe, Wien.<br \/>\nDaniel Leech-Wilkinson (2016), Classical Music as Enforced Utopia, in: Arts and Humanities in Higher Education 15\/3\u20134, 325\u2013336.<br \/>\nGertrud Lehnert (2016), Ist Mode queer? Neue Perspektiven auf Modeforschung, Bielefeld.<br \/>\nEllen Samson (2018), Entanglement, Affect and Experience. Wearing As Experimental Research Methodology, in: International Journal of Fashion Studies 5\/1, 55\u201376.<br \/>\nMartin Tr\u00f6ndle (Hg). (2011), Das Konzert. Neue Auff\u00fchrungskonzepte f\u00fcr eine klassische Form, Bielefeld.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das bestehende Regelwerk des globalen Nordens f\u00fcr Auftrittskleidung und Verhalten auf der B\u00fchne geht, wie wir wissen, auf die sich im 19.\u00a0Jahrhundert etablierende b\u00fcrgerliche Kultur zur\u00fcck. In dieser Zeit entstanden auch das Konzertwesen, die Konzerth\u00e4user, die Konzertkultur.<\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":6818,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[1217,1220,33],"class_list":["post-6815","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-research","tag-2021-4","tag-dresscodes","tag-research"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6815","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6815"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6815\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6903,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6815\/revisions\/6903"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6818"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6815"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6815"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6815"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}