{"id":6765,"date":"2021-11-29T09:18:37","date_gmt":"2021-11-29T08:18:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=6765"},"modified":"2021-11-29T09:18:53","modified_gmt":"2021-11-29T08:18:53","slug":"kammermusik-als-prinzip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/11\/29\/kammermusik-als-prinzip\/","title":{"rendered":"Kammermusik als Prinzip"},"content":{"rendered":"<h1>Ein durchaus pers\u00f6nlicher Beitrag zum Thema \u201eGemeinsam\u201c<\/h1>\n<p>Kammermusik und Ensemblespiel haben an der mdw einen im internationalen Vergleich sehr hohen Stellenwert in der k\u00fcnstlerischen Ausbildung. Das war nicht immer so und ist das Ergebnis sehr bewusster Entscheidungen und konsequenter Aufbauarbeit.<\/p>\n<p>Die Erfahrung selbstverantworteten Musizierens im Ensemble auf internationalem Spitzenniveau ist f\u00fcr uns wesentlich f\u00fcr die Entwicklung zur eigenst\u00e4ndigen k\u00fcnstlerischen Pers\u00f6nlichkeit. \u00dcber den musikalisch-interpretatorischen Kontext hinaus k\u00f6nnen wir das Zusammenspiel im Ensemble aber geradezu als Modell f\u00fcr erfolgreiches, wechselseitig inspirierendes und unterst\u00fctzendes Wirken und Verhalten in allen sozialen Kontexten verstehen \u2013 eben Kammermusik als Prinzip sozusagen!<\/p>\n<p>Mein ganzes berufliches Leben als Musiker und Lehrer war und ist gepr\u00e4gt von kammermusikalischer Praxis und ihrer Reflexion: 40\u00a0Jahre in einem immer noch international aktiven Streichquartett (mit immer noch denselben Mitgliedern!) und 30\u00a0Jahre als Kammermusiklehrender an der mdw und in vielen internationalen Projekten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_6768\" aria-describedby=\"caption-attachment-6768\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6768\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image1-9-1024x587.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"487\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image1-9-1024x587.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image1-9-300x172.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image1-9-768x440.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image1-9-1536x880.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image1-9-384x220.jpg 384w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image1-9-850x487.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image1-9.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6768\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Gerard Spee<\/figcaption><\/figure>\n<p>Seit mehr als 20\u00a0Jahren denke und erlebe ich dar\u00fcber hinaus aber auch meine leitende und gestaltende Arbeit in den verschiedensten Funktionen an der Universit\u00e4t gemeinsam mit meinen Teams im \u00fcbertragenen Sinn als Kammermusik.<\/p>\n<p>Kammermusik ist Musizieren im Ensemble, und \u201eensemble\u201c aus dem Franz\u00f6sischen hei\u00dft \u00fcbersetzt \u201egemeinsam\u201c. Ensemble beginnt ja schon, wenn zwei Menschen etwas gemeinsam machen, und es kann nat\u00fcrlich auch bis zur Orchestergr\u00f6\u00dfe reichen. Mir geht es also um ein allgemeines Modell gemeinsamen Tuns. Nicht die Bedeutung und die fantastische Qualit\u00e4t des unvergleichlichen Kammermusikrepertoires stehen f\u00fcr mich hier jetzt im Mittelpunkt, auch nicht die historische Abkunft von der \u201eKammer\u201c bei Hofe oder die b\u00fcrgerliche Hausmusikkultur und schon gar nicht das \u201akleine Format\u2018, das in die Kammer oder gar in ein \u201eKammerl\u201c geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wenn wir verstehen, was beim gelingenden gemeinsamen Musizieren in einem kammermusikalischen Setting alles eine Rolle spielt, dann k\u00f6nnen wir Analogien zu anderen Bereichen herstellen und produktiv n\u00fctzen! Welche Ph\u00e4nomene, Ebenen der Kommunikation und der Komplexit\u00e4t gilt es beim Kammermusikspielen zu verstehen, damit es gelingen kann? Ich versuche es modellhaft zu beschreiben:<\/p>\n<p>Gehen wir davon aus, dass alle Beteiligten der Kammermusikgruppe ihre Instrumente kompetent spielen k\u00f6nnen, sich einbringen und etwas beitragen wollen, alle sich auch f\u00fcr das Ergebnis verantwortlich f\u00fchlen und sich mit den ans Publikum kommunizierten Inhalten und letztlich mit dem Ensemble identifizieren wollen. Es gibt f\u00fcr ein Ensemble in der klassischen Musik ein recht klar definiertes gemeinsames Ziel: die m\u00f6glichst gelungene Interpretation eines vielleicht vor Jahrhunderten, vielleicht erst unl\u00e4ngst von einer Komponistin oder einem Komponisten erdachten und auf Papier festgehaltenen Musikst\u00fccks. Dieses \u201eWerk\u201c mit seinem \u201eText\u201c ist die Vorlage und Vorgabe f\u00fcr das gemeinsame Tun. Schauen wir uns jetzt die Prozesse an, die auf Basis dieser Vorlage dann stattfinden. Wir finden hermeneutische Zirkel, verschiedene Ebenen der Kommunikation, Interdependenzen und vor allem Komplexit\u00e4t. Auf einer ersten hermeneutischen Ebene kommunizieren wir Musiker_innen mit dem \u201eText\u201c: Wie lesen wir ihn, und wie deuten wir ihn? Was verstehen wir, was verstehen wir nicht? Was m\u00fcssen wir vielleicht erg\u00e4nzen, was ver\u00e4ndern? Auf Basis dieser Kommunikation mit der Vorlage m\u00fcssen wir uns als Kammermusiker_innen \u00fcber alle Parameter verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen, die f\u00fcr das sinnvolle gemeinsame \u201eSpiel\u201c notwendig sind: Welche Stimme wann welche Funktion hat, welche wechselnden \u201eKoalitionen\u201c der Verlauf des St\u00fcckes verlangt, wo es um gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Homogenit\u00e4t und wo um klare Distinktion geht und so weiter. Bei dieser Kommunikation mit dem Werk gibt es also schon \u2013 auch bevor gespielt wird \u2013 eine kommunikative Herausforderung zwischen den Ensemblemitgliedern, da ja nicht notwendigerweise alle den Text gleich lesen, deuten oder gar emotional verstehen. Es braucht daher bereits bei unserer gemeinsamen Erkundung der M\u00f6glichkeiten Respekt f\u00fcreinander, die offene Bereitschaft f\u00fcr eine andere Sicht der Dinge und die F\u00e4higkeit zur L\u00f6sung von Dissens. Wenn dann tats\u00e4chlich gespielt wird, kommt es auf einer zweiten Kommunikationsebene zum hochkomplexen und interdependenten Beziehungsgeflecht der Ensemblemitglieder untereinander. Vergegenw\u00e4rtigen wir uns, dass es bei jedem einzelnen Mitglied f\u00fcr die Hervorbringung der gew\u00fcnschten Klangereignisse am eigenen Instrument ja schon \u00e4u\u00dferst komplexer Prozesse bedarf; beim Ensemblespiel laufen diese Prozesse aber eben nicht unabh\u00e4ngig, also \u201eungest\u00f6rt\u201c, sondern jeweils bei allen individuell und zur gleichen Zeit ab, und sie m\u00fcssen produktiv zusammenwirken. Wenn ich als Spieler meinen Part spiele, bin ich also einerseits in der Kommunikation mit dem Werk bzw. mit dem\/der Komponist\/in und folge dabei meiner Klangvorstellung von dem, was ich lese. Ich muss andererseits aber gleichzeitig \u00fcberpr\u00fcfen, ob das, was ich mit meinem Instrument spiele, auch tats\u00e4chlich so klingt, wie ich es mir vorstelle, und bei Bedarf sofort etwas \u00e4ndern \u2013 sowieso eine lebenslange Herausforderung f\u00fcr Profis! Dasselbe gilt nun selbstverst\u00e4ndlich \u2013 und eben gleichzeitig \u2013 f\u00fcr alle Beteiligten im Ensemble. Alle m\u00fcssen, w\u00e4hrend sie selbst mit ihrem eigenen Spielen besch\u00e4ftigt sind, gleichzeitig h\u00f6rend wahrnehmen k\u00f6nnen, was die anderen spielen, das wiederum mit der eigenen Vorstellung und Erwartung abgleichen sowie \u00fcberdies auf alles, was von der eigenen Erwartung abweicht, auch sofort kreativ reagieren k\u00f6nnen. Dieser kommunikative Austausch im Ensemble auf mehreren Ebenen kann also mit Fug und Recht als komplexes System bezeichnet werden: Der Zustand aller Beteiligten in der Interaktion ver\u00e4ndert sich st\u00e4ndig!<\/p>\n<figure id=\"attachment_6769\" aria-describedby=\"caption-attachment-6769\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6769\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-6-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-6-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-6-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-6-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-6-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-6-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-6-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6769\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Gerard Spee<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als Kammermusiker_innen lernen wir notwendigerweise, gleichzeitig zu geben und anzunehmen, gleichzeitig zu \u201esenden\u201c und zu \u201eempfangen\u201c. Entscheidend ist dabei die F\u00e4higkeit zum wirklichen Aufeinanderh\u00f6ren, damit bei der Auff\u00fchrung des Werkes ein im Moment sinnvoller Diskurs miteinander gef\u00fchrt werden kann, sei es im \u201eZustimmen\u201c oder im kontrastierenden \u201eWiderspruch\u201c. Die dritte Kommunikationsebene ist die Kommunikation mit dem Publikum: Wie senden wir unsere \u201eMessage\u201c, wie sp\u00fcren wir, ob sie wahrgenommen wird, und wie reagieren wir auf die \u201eResponse\u201c der Zuh\u00f6rer_innen? Auch diese Kommunikation ist daher keine Einbahnstra\u00dfe, und sie l\u00e4uft gleichzeitig mit den schon beschriebenen Kommunikationsstr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Last, but not least haben wir als vierte Ebene der Kommunikation noch die \u201eMetaebene\u201c, also das, was jenseits der Inhalte sowohl zwischen den Ensemblemitgliedern untereinander als auch mit dem Publikum \u201egesendet\u201c und \u201eempfangen\u201c wird! Ist das, was wir mit unserem K\u00f6rper und unserer Gestik sagen, kongruent mit dem, was wir zueinander in Worten bzw. mit unseren T\u00f6nen sagen? Wird das, was wir dem Publikum mit unserem Spiel mitteilen, als authentisch wahrgenommen? Vermittelt sich ein insgesamt positiver \u201eVibe\u201c, stimmt unsere Erscheinung mit dem vermittelten Inhalt \u00fcberein? Wie wirkt die Gruppe als Ganzes? Das kognitive und intuitive Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Bedeutung dieser kommunikativen Ebenen und Beziehungen ist f\u00fcr mich mit der Zeit auch jenseits des Musizierens zur generellen Grundhaltung f\u00fcr das gemeinsame und explorative Arbeiten mit Menschen geworden \u2013 mit den Studierenden, in den Organisationseinheiten und Projektgruppen und schlie\u00dflich auch im Rektorat.<\/p>\n<p>\u201eKammermusik als Prinzip\u201c braucht \u00dcbung und die Energie, \u201ees immer wieder zu versuchen\u201c: Respekt und Wertsch\u00e4tzung, die Bereitschaft, die andere Meinung zuzulassen, Konflikt- und Streitkultur und schlie\u00dflich Loyalit\u00e4t und Toleranz wollen genauso ge\u00fcbt sein wie sichere Intonation, klare Artikulation, rhythmische Stabilit\u00e4t und Klangkontrolle beim Musizieren. Kammermusik ist f\u00fcr mich die beste Lebensschule \u2013 sie hat mich gelehrt, dass die wichtigste Form der Disziplin die Selbstdisziplin ist und dass wir im Ensemble nicht unsere Partner_innen, sondern nur uns selbst ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. F\u00fcr unser soziales Miteinander w\u00fcnsche ich mir also m\u00f6glichst viel vom \u201ePrinzip Kammermusik\u201c!","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kammermusik und Ensemblespiel haben an der mdw einen im internationalen Vergleich sehr hohen Stellenwert in der k\u00fcnstlerischen Ausbildung. 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