{"id":6739,"date":"2021-11-29T10:42:08","date_gmt":"2021-11-29T09:42:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=6739"},"modified":"2021-11-29T10:42:33","modified_gmt":"2021-11-29T09:42:33","slug":"kollektiv-kreativ-die-faszination-gemeinsam-zu-arbeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/11\/29\/kollektiv-kreativ-die-faszination-gemeinsam-zu-arbeiten\/","title":{"rendered":"Kollektiv kreativ. Die Faszination, gemeinsam zu arbeiten"},"content":{"rendered":"<h5>Wie es ist, wenn pl\u00f6tzlich die Instrumente verstummen, kein Kanon mehr angestimmt werden kann, Orchester, Ch\u00f6re j\u00e4h ihre Arbeit einstellen m\u00fcssen, hat das vergangene Jahr gelehrt. Das gemeinsame Musizieren, das Singen im Chor ist aber mehr. Das erkunden Alois Gla\u00dfner, Professor f\u00fcr Chordirigieren an der mdw und Leiter des WebernKammerchors, Markus Geiselhart, Posaunist, Komponist und Lehrbeauftragter f\u00fcr Big-Band-Leitung an der mdw, und Flavio Marchetti, der La Banda Film als Kollektiv gr\u00fcndete.<\/h5>\n<figure id=\"attachment_6741\" aria-describedby=\"caption-attachment-6741\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6741\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image0-7-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image0-7-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image0-7-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image0-7-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image0-7-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image0-7-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image0-7-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6741\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p>In der Musik, auch im Schauspiel spricht man von einem Ensemble. \u00dcbersetzt hei\u00dft dieser franz\u00f6sische Begriff \u201egemeinsam\u201c. Kann man gemeinsam tats\u00e4chlich kreativ sein, oder bleibt das Sch\u00f6pferische, das Kreative bei einem Chor, einem Orchester, einer Band dem Individuum, das vorne steht, \u00fcberlassen?<\/p>\n<p><b>Alois Gla\u00dfner (AG):<\/b> Ich kann das aus dem Chorbereich beleuchten. Es geht um dieses Spannungsfeld zwischen Kollektiv und Individualit\u00e4t, sich mit all seinen F\u00e4higkeiten und M\u00f6glichkeiten einzubringen, gleichzeitig aber immer auch Teil des Ganzen zu sein. Das ist ein sehr spezifisches Umfeld, was sehr gesund ist, weil weder die \u00fcberschie\u00dfende Haltung \u201eIch muss die Welt retten\u201c noch das Sich-Verstecken im Ensemble zum Ziel f\u00fchrt. Ch\u00f6re fordern auf, sich einzubringen, aber sie lassen auch nicht zu, dass man dominiert. F\u00fcr mich ist ein Chor ein wunderbares Laboratorium, um Teamf\u00e4higkeit zu erlernen.<br \/>\n<b><\/b><\/p>\n<figure id=\"attachment_6743\" aria-describedby=\"caption-attachment-6743\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6743\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-4-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-4-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-4-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-4-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-4-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-4-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image2-4-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6743\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>Markus Geiselhart (MG):<\/b> Bei der Big Band treten aus dem Kollektiv immer einzelne Solist_innen hervor und k\u00f6nnen mit improvisierten Soli der Musik ihren ganz eigenen Stempel aufdr\u00fccken. Danach ist es dann wieder wichtig, sich im Kollektiv einzuordnen. Aber auch eine Big Band oder ein Jazzorchester fordert, wie jedes andere Ensemble, einander zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Sie haben La Banda als Film-Kollektiv gegr\u00fcndet. Sie sind der Produzent, also der Chef. Wie funktioniert bei Ihnen das gemeinsame Arbeiten?<\/p>\n<p><b>Flavio Marchetti (FM):<\/b> Das Wort Chef lehne ich ab, auch als Produzent bezeichne ich mich nicht so gern, denn das evoziert bei vielen das Klischeebild vom Zigarre rauchenden Cabrio-Fahrer. So bin ich nicht und will ich auch nicht werden. Ich sehe mich als Erm\u00f6glicher. La Banda besteht aus vier Personen: einer Regisseurin\/Drehbuchautorin, einem Kameramann, einer Editorin und mir. Diese kollektive Arbeit war von Anfang an unsere St\u00e4rke. Als wir vor 20 Jahren studierten, wurde unterrichtet, dass Filmemachen die einsame, geniehafte T\u00e4tigkeit einer einzelnen Person ist. Wir lehnten dieses Modell ab. Damit waren wir gewisserma\u00dfen erfolgreich im Gegensatz zu anderen, die keine Gewichtung auf sozialen Austausch und kollektives Arbeiten gelegt hatten.<\/p>\n<p>Als T\u00e4tigkeit eines Genies wird doch auch das Dirigieren gesehen? Wie schafft man die Gratwanderung zwischen Leitung und Teil-des-Ganzen-Sein?<\/p>\n<p><b>AG:<\/b> Das Dirigieren gilt als letzter Hort der absoluten Autorit\u00e4t. Aber dieses Bild stammt noch aus der Sp\u00e4tromantik, wo dieser Beruf entstanden ist. Ein rein autorit\u00e4rer Zugang ist heute nicht mehr m\u00f6glich. Am Pult initiiert und gestaltet man gemeinsam mit dem Ensemble einen musikalischen Prozess. Man ist nur mittelbar t\u00e4tig und muss ein Kollektiv f\u00fcr eigene Ideen gewinnen. Dirigieren ist heute eher ein Fokussieren als ein Machen. Aber man braucht Gestaltungswillen, der ist das Entscheidende.<br \/>\n<b>MG:<\/b> Auch bei einer Big Band ist die Leitung eine Vermittlungsaufgabe. Aber es kommt auch auf die Art des Ensembles und die Probenzeit an. Bei Studierenden geht es eher darum, dass sie <i>verschiedene<\/i> Stilmittel kennenlernen und <i>z.\u2009B. auch erleben<\/i>, wie das ist, wenn man gemeinsam atmet. Mit professionellen Bands hat man oft nur <i>wenig Probezeit<\/i>, da fehlt oft die Zeit f\u00fcr gemeinsame kreative Prozesse. Beim kollektiven Arbeiten geht es um gegenseitige Befruchtung von Ideen, um Kreativit\u00e4t und um gegenseitiges Zuh\u00f6ren. Das ist auch im Leben total wichtig.<\/p>\n<p>F\u00e4rbt das auch aufs Leben ab?<\/p>\n<p><b>AG: <\/b>Absolut. Man sp\u00fcrt, ob jemand in einem Ensemble sozialisiert ist oder im solistischen Bereich.<br \/>\n<b>FM:<\/b> Ich sehe Filmarbeit auch als Beziehungsarbeit. Man muss emotional intelligent sein, das hei\u00dft, dass man sich auf unterschiedliche Arbeitsweisen einl\u00e4sst. Die Vorstellung, dass das Filmemachen eine reine Zusammenf\u00fcgung von technischen Einzelteilen ist, ist mittlerweile Geschichte. Und das ist gut so.<br \/>\n<b>AG:<\/b> Das unterschreibe ich. Das ist ein ganz wesentlicher Teil des Prozesses. Ein Chor oder ein Orchester ist ein Instrument mit einer eigenen Seele, eigenen Vorlieben. Die Kunst ist, das zu ersp\u00fcren. Das ist ein sensibler Prozess. Wenn die Offenheit auf beiden Seiten da ist, entstehen magische Momente. Es ist immer ein Geben und Nehmen \u2013 auf beiden Seiten. Leitungsmodelle k\u00f6nnen sehr unterschiedlich aussehen. Es gibt ja auch Ensembles, die ohne Dirigent_in spielen, aber irgendjemand leitet immer, wenn Menschen miteinander musizieren.<br \/>\n<b>MG:<\/b> In der Big-Band-Tradition gibt es immer wieder Orchester, wo niemand am Pult stand. Zum Beispiel Duke Ellington. Er sa\u00df am Klavier und hat seine Band von dort aus geleitet. Aber diese Big Bands fr\u00fcher haben bis zu 300 Konzerte im Jahr gespielt. Auf den Reisen bzw. w\u00e4hrend einer Tournee entstand auch zwischenmenschlich etwas, das in einem normalen Probenbetrieb nicht herstellbar ist. Es tut mir leid, auch f\u00fcr die Studierenden heute, dass das immer mehr verloren geht, da gr\u00f6\u00dfere Tourneen von Gro\u00dfensembles im Jazzbereich immer seltener werden.<br \/>\n<b>FM:<\/b> Beim Film entwickelt sich im besten Fall sp\u00e4testens w\u00e4hrend des Drehs ein Kollektiv. Und wenn ein Regisseur\/eine Regisseurin w\u00e4hrend der Dreharbeiten \u00fcberfordert oder unsicher wird, greift er\/sie im besten Fall auf die Expertise und Verantwortung dieses Kollektivs zur\u00fcck. Dann zieht man den Wagen gemeinsam aus dem Schlamm. Wenn die \u00dcberforderung verleugnet wird und der F\u00fchrungsstil noch autorit\u00e4rer wird, kann das Kollektiv das eigene Potenzial auch nicht entfalten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_6744\" aria-describedby=\"caption-attachment-6744\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6744\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-4-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-4-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-4-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-4-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-4-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-4-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image3-4-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6744\" class=\"wp-caption-text\">v. l. n. r.: Michael Schindegger, Natalie Schwager, Flavio Marchetti, Katharina M\u00fcckstein; La Banda Film \u00a9 La Banda Film<\/figcaption><\/figure>\n<p>Kann ein Orchester nicht auch Schw\u00e4chen eines Dirigenten ausgleichen?<\/p>\n<p><b>AG:<\/b> Das Entscheidende ist das innere Bed\u00fcrfnis, etwas zu gestalten, und dann geht es um hohe kommunikative Kompetenz, damit ich meine Vorstellung einem Kollektiv vermitteln kann und einen Prozess in Gang setze, der etwas entstehen l\u00e4sst. In einem Symphonieorchester gibt es klare Strukturen, das ist ein in hohem Ma\u00dfe sich selbst organisierendes Ganzes. Deshalb kann ein gutes Orchester eine schwache dirigentische Leistung auffangen. Bei einem Chor ist das anders. Die Menschen selbst sind das Instrument. Und dieses Instrument muss durch s\u00e4ngerisches, vom Atem gef\u00fchrtes Dirigat erst bef\u00e4higt und zum Klingen gebracht werden. Schlechtes Dirigat wirkt sich im Chor daher viel unmittelbarer aus.<br \/>\n<b>MG:<\/b> Aber man h\u00f6rt es auch beim Orchester.<br \/>\n<b>AG:<\/b> Die Settings sind immer unterschiedlich, die Modelle der Zusammenarbeit sind ziemlich universell.<br \/>\n<b>MG:<\/b> Es kommt darauf an, mit wem ich arbeite. Was man oder wie man es vermittelt, ist immer gleich. Ich sehe mich als Teil des Ganzen, wenn ich vor einer Band stehe. Und es geht auch darum, Energie zu entfachen. Die Musiker_innen sind das Wichtigste f\u00fcr den Dirigenten, die Dirigentin, und das Wichtigste beim Dirigieren ist, dem Musiker, der Musikerin Selbstvertrauen zu geben. Wenn man einen Musiker, eine Musikerin vor dem Einsatz ansieht, kann man ihm\/ihr sehr helfen. Es gibt <i>aber auch welche<\/i>, die verschlimmern die Angst vor dem Einsatz.<\/p>\n<p>Beim Film wird vom Regiesessel aus dirigiert. Wie wichtig ist das Team, wie Cutter oder Kameraleute?<\/p>\n<p><b>FM:<\/b> Es gibt die romantisierte Figur vom geniehaften Regisseur, der alles alleine macht. Nat\u00fcrlich gibt es auch Ausnahmen von Filmemacher_innen, vor allem im Dokumentarfilmbereich, die sehr viel alleine machen. Aber auch in diesen Filmen ist eine Form der kollektiven Arbeit trotzdem immer pr\u00e4sent. Das Filmemachen basiert auf einem Spannungsverh\u00e4ltnis. Unterschiedliche Ideen und Vorstellungen werden in einer gemeinsamen Filmsprache zusammengef\u00fcgt. Dieser Prozess kann zwar auch spannungsgeladen sein, aber das ist auch das Sch\u00f6ne daran.<\/p>\n<p>Wie ist es mit Frauen am Dirigentenpult oder im Regiesessel? Manche werden sich fragen, warum in unserer Runde keine Frauen diskutieren. Wie ist die Ausgewogenheit im Lehrpersonal?<\/p>\n<p><b>FM:<\/b> Als ich vor 20 Jahren studiert habe, war der Frauenanteil unter dem Lehrpersonal der Filmakademie eine Katastrophe. Mittlerweile gibt es auch Frauen, die in den k\u00fcnstlerischen F\u00e4chern unterrichten, aber wir sind noch weit entfernt von einer ausgewogenen Besetzung.<br \/>\n<b>AG:<\/b> Im Vorjahr wurden fast gleich viele Frauen und M\u00e4nner im Dirigierstudium aufgenommen, heuer waren es wieder deutlich mehr M\u00e4nner. Wir haben da noch ein St\u00fcck Wegs vor uns. Rollenbilder \u00e4ndern sich nur langsam. Es scheint so, als ob sich Frauen F\u00fchrungsrollen manchmal noch nicht so einfach zutrauen.<br \/>\n<b>MG:<\/b> Ich glaube, das h\u00e4ngt mit der Sozialisierung zusammen, das beginnt schon im Kindergarten. Und wenn es darum geht, welches Instrument zur Verf\u00fcgung steht. Ich spiele Posaune und komme aus einer Blasmusikkapelle wie die meisten Blechbl\u00e4ser. Dort w\u00e4re fr\u00fcher niemand auf die Idee gekommen, einem M\u00e4dchen ein tiefes Blechblasinstrument anzubieten. Und ich bef\u00fcrchte, da hat sich an vielen Orten bis heute leider nicht viel ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Ist das beim Film \u00e4hnlich?<\/p>\n<p><b>FM:<\/b> Da haben sich Bilder verfestigt, die man wieder loswerden muss. Ich sehe da eine gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit bei Film und Musik \u2013 weil was die Gleichberechtigung betrifft: Wir befinden uns noch im Steinzeitalter. Das hat mit vielen Faktoren zu tun. Unter anderem, dass es lange keine Vorbilder gab.<br \/>\n<b>MG:<\/b> Zumindest zu wenig! Aber Vorbildrollen sind ganz wichtig.<br \/>\n<b>FM:<\/b> Die m\u00e4nnlichen Vorbilder und Archetypen haben \u00fcber die Jahrzehnte die Filmgeschichte dominiert. Der Mann als Held und die Frau als reines Lustobjekt. Dieses Paradigma hat sich so tief in unserer Wahrnehmung verinnerlicht, dass wir das Kino noch nicht endg\u00fcltig vom m\u00e4nnlichen Blick trennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im September er\u00f6ffnete die Metropolitan Opera in New York mit einer Oper von Terence Blanchard. Er war der erste schwarze Komponist, der in der Geschichte der Met aufgef\u00fchrt wurde. Wo aber sind schwarze Dirigenten?<\/p>\n<p><b>MG:<\/b> In den USA durften Schwarze nicht einmal in klassische Konzerte bzw. gab es getrennte Konzertorte f\u00fcr Schwarze und Wei\u00dfe. Es gibt doch diese Geschichte von Frank Sinatra, als er mit dem Tommy Dorsey Orchester gespielt hat. Das war eine wei\u00dfe Band. Als man den Arrangeur der Band, Sy Oliver, einen Schwarzen, nicht in dasselbe Hotel wie die Band lassen wollte, schlug Sinatra zu. Das war in den 1940er Jahren. Und ich bef\u00fcrchte, es braucht noch immer ein oder zwei Generationen, bis das aufgebrochen ist.<br \/>\n<b>FM:<\/b> Es gibt Leute, die benachteiligt sind, und Minderheiten, denen der Zugang zu bestimmten Ausbildungen erschwert wird. Wenn ich tagt\u00e4glich Diskriminierungen erlebe, kann der Weg zu einem k\u00fcnstlerischen Beruf in einer leitenden Funktion zum Spie\u00dfrutenlauf werden.<br \/>\n<b>MG:<\/b> Beim Jazz war es anfangs eher umgekehrt. Das war eine ziemlich stark von Schwarzen gepr\u00e4gte Musik, die dann teilweise infrage gestellt haben, ob Wei\u00dfe das \u00fcberhaupt spielen k\u00f6nnen. In den letzten 70 Jahren hat sich dennoch in Europa eine unfassbar spannende Jazz-Szene entwickelt. Das hat sehr viel mit Rollenbildern zu tun. Da ist erschreckend viel festgefahren. Es geht jetzt endlich darum, Rollenbilder aufzubrechen, dass f\u00fcr jeden Menschen alles m\u00f6glich ist.<br \/>\n<b>FM:<\/b> Deshalb braucht man Ma\u00dfnahmen wie die Geschlechterquote in der Filmbranche.<br \/>\n<b>MG:<\/b> Ich glaube, Vorbilder sind viel wichtiger.<\/p>\n<figure id=\"attachment_6745\" aria-describedby=\"caption-attachment-6745\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6745\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-2-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-2-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-2-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-2-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/post-1_image4-2-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6745\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Besteht da nicht die Gefahr, dass Quote Qualit\u00e4t ausschlie\u00dft?<\/p>\n<p><b>FM:<\/b> Keinesfalls. \u00d6sterreich ist das erste Land, das diese Gleichstellungsma\u00dfnahmen eingef\u00fchrt hat. Es geht um ein Stufenmodell mit dem Ziel, die Gleichstellung von M\u00e4nnern und Frauen bei der Mittelvergabe zu erreichen, bei der die k\u00fcnstlerische Qualit\u00e4t der eingereichten Projekte doch von gro\u00dfer Bedeutung ist. Die \u201eGef\u00e4hrdung der Qualit\u00e4t\u201c ist die Rhetorik von denen, die die Quotenregelung als eine Bedrohung ihrer Privilegien sehen. Was auch wahr ist. Ich stehe hinter diesem Modell, weil wir nicht mehr auf Ver\u00e4nderung warten k\u00f6nnen.<br \/>\n<b>AG:<\/b> Quoten sind immer eine Notl\u00f6sung. Aber es kann in gewissen Situationen dadurch Impulse geben. Wir m\u00fcssen uns immer anschauen, wo wir uns bewegen. Bei Probespielen von Orchestern sieht niemand, wer hinter dem Vorhang spielt. Aber bei F\u00fchrungsrollen ist das nicht so. Die kann man nicht blind besetzen. Beim Dirigieren f\u00e4nde ich eine Quote problematisch, weil wir noch nicht in allen dirigentischen Bereichen die erforderliche qualitative Breite haben. Deshalb sind F\u00f6rderungsma\u00dfnahmen absolut notwendig und wichtig. Und auch die Vorbildwirkung von erfolgreichen Dirigentinnen spielt eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Lernt man das gemeinsame Arbeiten nach Monaten der Vereinzelung, des Konzertstreamings wieder mehr zu sch\u00e4tzen?<\/p>\n<p><b>MG:<\/b> Wenn man gemeinsam singt, musiziert, da entsteht eine Energie. Ein Konzerterlebnis, wo man ein Ensemble erlebt, wo das Publikum diese Energie sp\u00fcrt und man selbst die Energie vom Publikum. Das ist durch nichts zu ersetzen, auch nicht durch Streaming.<\/p>\n<p>Diese Energie gibt es beim Film wahrscheinlich nicht.<\/p>\n<p><b>FM:<\/b> Doch. Wenn man den Film, den man gemeinsam geschaffen hat, dem Publikum in einem vollen Kinosaal pr\u00e4sentiert. Wir leben zwar in der Zeit der Streaming-Anbieter, aber wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass Kino noch immer eine kollektive Erfahrung ist!<br \/>\n<b>AG:<\/b> Die Faszination, dass man an einem gro\u00dfen gemeinsamen Ganzen arbeitet, das mehr ist als die Summe der Teile. Das sp\u00fcrt man. Man ist Teil eines Kollektivs, in dem die Summe der einzelnen Mitglieder aufgeht, das ist ein Aspekt, warum wir gemeinsam musizieren. Das mag pathetisch klingen, aber es macht in gewisser Weise s\u00fcchtig.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie es ist, wenn pl\u00f6tzlich die Instrumente verstummen, kein Kanon mehr angestimmt werden kann, Orchester, Ch\u00f6re j\u00e4h ihre Arbeit einstellen m\u00fcssen, hat das vergangene Jahr gelehrt. Das gemeinsame Musizieren, das Singen im Chor ist aber mehr.<\/p>\n","protected":false},"author":35,"featured_media":6742,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1217,1175,1229,854],"class_list":["post-6739","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2021-4","tag-gemeinsam","tag-kollektiv","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6739","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/35"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6739"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6739\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6959,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6739\/revisions\/6959"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6742"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6739"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6739"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6739"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}