{"id":673,"date":"2017-03-01T10:11:24","date_gmt":"2017-03-01T09:11:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=673"},"modified":"2017-03-01T10:11:24","modified_gmt":"2017-03-01T09:11:24","slug":"georges-aperghis-machinations","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2017\/03\/01\/georges-aperghis-machinations\/","title":{"rendered":"Georges Aperghis: Machinations"},"content":{"rendered":"<strong>Penelope Messidi ist Dissertantin bei Martin Eybl am Institut f\u00fcr Musikwissenschaft und Interpretationsforschung der mdw. F\u00fcr das <em>mdw-Magazin<\/em> gibt sie Einblick in ihre laufende Dissertation <em>Georges Aperghis: Machinations<\/em>.<\/strong><\/p>\n<p>Die Dissertation Georges Aperghis: Machinations besch\u00e4ftigt sich mit der Urauff\u00fchrungsversion des musiktheatralischen Werkes <em>Machinations<\/em> f\u00fcr vier Frauen und Elektronik von Georges Aperghis (2000); ein Meilenstein im Schaffen eines Komponisten, dessen Name untrennbar mit der Erkundung und Erneuerung des Genres <em>th\u00e9\u00e2tre musical<\/em> verbunden ist.<br \/>\nDurch eine interdisziplin\u00e4re analytische Ann\u00e4herung, die Aspekte der Musikwissenschaft, Dramaturgie, Philosophie und Linguistik einbezieht, widmet sich die Arbeit speziell der Dramaturgie des St\u00fcckes, dem Umgang mit der Sprache jenseits ihres semantischen Kontextes und der Behandlung der Stimme. Das untersuchte Werk weist nicht zuletzt wegen der Benutzung von elektronischen Medien (Zuspielband und Live-Elektronik, Video) eine hochgradige Komplexit\u00e4t auf. Eingehend untersucht wird auch das Verh\u00e4ltnis einer erst nach der Urauff\u00fchrung entstandenen und absichtlich auf das phonematische Material reduzierten Partitur gegen\u00fcber dem Reichtum ihrer musikalischen und szenischen Realisation.<\/p>\n<p>Die prozesshafte Arbeitsweise von Aperghis wirft eine Schl\u00fcsselfrage auf: Wie kann man dieses Werk im Hinblick auf seine Besonderheiten befragen und ein g\u00fcltiges analytisches Vokabular etablieren, um <em>Machinations<\/em> in seiner vorliegenden Gestalt ad\u00e4quat zu beschreiben?<br \/>\nHier erscheint die H\u00f6ranalyse, mit der Darstellung und Interpretation der klanglichen und sprachlichen Ph\u00e4nomene, der akustischen Gegebenheiten und kompositorischen Prozesse der einzig m\u00f6gliche Weg, um die besonderen Zusammenh\u00e4nge in diesem St\u00fcck, in Bezug auf kompositorische Entw\u00fcrfe, dramaturgische Verl\u00e4ufe und aktuelle szenische Umsetzung in einer deutlich nachvollziehbaren Weise offenzulegen.<\/p>\n<p>Eines der zentralen Themen der Dissertation, das hier einen ersten Einblick in die Arbeit gew\u00e4hren soll, ist die Untersuchung des Umgangs mit der Sprache als kompositorische Methode.<br \/>\nCharakteristisch f\u00fcr das gesamte vokale und musiktheatralische Schaffen von Aperghis ist die Behandlung der Sprache an den Grenzen und jenseits ihres semantischen Kontextes. Die Phoneme, Produkte der Segmentierung der Sprache, werden aufgrund ihrer klanglichen Qualit\u00e4ten als musikalisches Material verwendet, aber gleichzeitig erhalten sie die N\u00e4he zum Zeichensystem aus dem sie stammen \u2013 die franz\u00f6sische Sprache \u2013 und je nach Grad ihrer Verfremdung aus diesem schweben sie in der Ambivalenz zwischen Bedeutung und reinem Klang.<br \/>\nDie Untersuchung der Systematik und der Organisationsprinzipien der phonematischen Abfolgen, der Technik ihrer Erstellung und ihrer Klassifizierung best\u00e4tigt einen strukturalistischen Ansatz in der Behandlung der Sprache.<\/p>\n<figure id=\"attachment_675\" aria-describedby=\"caption-attachment-675\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-675\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/machinations.jpg\" alt=\"Machinations\" width=\"1000\" height=\"584\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/machinations.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/machinations-300x175.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/machinations-768x449.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/machinations-850x496.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-675\" class=\"wp-caption-text\">Still aus der Videoaufnahme der Auff\u00fchrung von &#8222;Machinations&#8220; im Jahr 2007 am IRCAM Paris (Festival Archipel) \u00a9IRCAM<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gleichzeitig offenbart die Beschaffenheit der Phoneme, ihre Orthografie, aber auch die Art ihrer Zusammenf\u00fcgung \u2013 ihrer <em>Komposition<\/em> \u2013 einen musikalischen Inhalt und seinen Reichtum an immanenten Gestaltungsm\u00f6glichkeiten. Es l\u00e4sst sich erkennen, dass es sich, obwohl mit den Zeichen der Sprache notiert, um eine musikalische Notation handelt.<br \/>\nDie Texte wurden in Bezug auf die verschiedenen Arten ihrer Dekonstruktion, Aufspaltung und Ausdehnung, den Grad ihrer semantischen Unsch\u00e4rfe und ihre syntaktische Organisation analysiert. In gleichzeitiger Analyse des dazu\u00a0eingeflochtenen musikalischen Materials l\u00e4sst sich eine weitere Schnittstelle zwischen Sprache und Musik erkennen, wobei musikalische Sachverhalte den Fluss des Textes zu organisieren scheinen, als \u00fcbern\u00e4hmen sie syntaktische Funktionen.<\/p>\n<p>Untersucht wurden auch die verschiedenen Mittel, mit denen die Matrix der Sprache installiert wird; wie diese das pl\u00f6tzliche Entstehen von Bedeutung aus dem Klang nicht semantischer phonematischen Abfolgen beeinflusst, und wie diese Bedeutung die theatralische Geste best\u00e4tigt oder destabilisiert. Der theatralische Raum entsteht genau in der Suggestion und Ambivalenz zwischen Bedeutung und reinem Klang.<br \/>\nDie Elektronik wurde u. a. in Bezug auf die Besonderheiten des phonematischen Materials untersucht, das sie verwandelt. Die Effekte wurden nicht unabh\u00e4ngig von den Charakteristika dieses Materials erzeugt, und somit k\u00f6nnen die elektronischen Transformationsprozesse als eine Weiterf\u00fchrung der Arbeit an der Sprache beschrieben werden, die hier einen h\u00f6heren Grad an Komplexit\u00e4t erreicht.<\/p>\n<p>Ein <em>Livret<\/em> von Fran\u00e7ois Regnault mit Texten von Heron von Alexandria bis Alan Turing liefert eine kurze Aussicht auf die Geschichte der Maschine, von den ersten Automaten bis zu den heutigen Computern. Um dieses Libretto, das trotz seiner Fragmentierung eine gewisse Narrativit\u00e4t garantiert, bewirken die st\u00e4ndige Verwandlungen der sprachlichen Ph\u00e4nomene die Erschaffung offener Assoziationsfelder.<br \/>\nDer Drang der Zuh\u00f6rerin\/des Zuh\u00f6rers, dem Geh\u00f6rten immer einen Sinn zu verleihen, leitet sie\/ihn in einer schon der Thematik des St\u00fcckes immanenten Spannung zwischen Determinierung und Willk\u00fcr, maschineller Pr\u00e4zision und menschlicher Fehlleistung (und vice versa), Vorbestimmung und Zufall einzutauchen. Etwas wie eine \u201e\u00dcbersetzungsmaschine\u201c in einem Sturm von Signifikanten \u2013 sie\/er scheitert immer wieder daran, klare Strukturen zu erkennen, und kommt mit etwas in Ber\u00fchrung, das \u00fcber der Grenze der Sprache liegt: In der Welt der vorsprachlichen Repr\u00e4sentation, vor dem Denken, wo die sinnliche Erfahrung noch nicht organisiert ist.<\/p>\n<p>Die Verwendung der Sprache als Bedeutungstr\u00e4ger und gleichzeitig Lieferant klanglichen Materials bezeugt auch die N\u00e4he von Aperghis zu einem poststrukturalistischen Denken. Untersucht wird daher sein Umgang mit der Sprache auch im Hinblick auf eine Philosophie, die der Komponist als die geistige und \u00e4sthetische Grundlage seiner k\u00fcnstlerischen T\u00e4tigkeit begreift.<br \/>\nDieses Denken er\u00f6ffnet uns auch \u00fcber <em>Machinations<\/em> hinaus neue Perspektiven \u00fcber das H\u00f6ren und Reflektieren von Musik.<\/p>\n<p><em>Alle aktuellen Informationen zum Doktoratsstudium an der mdw sowie dem regelm\u00e4\u00dfig stattfindenden\u00a0<\/em><em>DissertantInnenkolleg finden Sie unter <a href=\"http:\/\/www.mdw.ac.at\/93\" target=\"_blank\">www.mdw.ac.at\/93<\/a><\/em>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Penelope Messidi ist Dissertantin bei Martin Eybl am Institut f\u00fcr Musikwissenschaft und Interpretationsforschung der mdw. F\u00fcr das mdw-Magazin gibt sie Einblick in ihre laufende Dissertation Georges Aperghis: Machinations. 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