{"id":6357,"date":"2021-09-30T14:45:58","date_gmt":"2021-09-30T12:45:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=6357"},"modified":"2021-09-30T14:46:22","modified_gmt":"2021-09-30T12:46:22","slug":"resilienz-der-wunsch-nach-unverwundbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/30\/resilienz-der-wunsch-nach-unverwundbarkeit\/","title":{"rendered":"Resilienz: Der Wunsch nach Unverwundbarkeit?"},"content":{"rendered":"<h5>Resilienz ist nicht neu<\/h5>\n<p>Die Herausforderung bei einer Hinf\u00fchrung zum Begriff der Resilienz liegt besonders in seiner Unsch\u00e4rfe und der Verwendung in unterschiedlichen, nicht nur wissenschaftlichen Bereichen. Resilienz als Ph\u00e4nomen selbst ist dabei eigentlich nicht neu, interessierte sich die Menschheit doch schon immer daf\u00fcr, wie man Schwierigkeiten oder Krisen gut bew\u00e4ltigt \u2013 die meisten Held_innengeschichten handeln davon.<\/p>\n<p>Oft wird Resilienz sinnbildlich wie ein Baum im Wind dargestellt, der biegsam, aber standhaft den Kr\u00e4ften der Natur entgegenh\u00e4lt. Aus der griechischen Philosophie ist das Bild vom Steuernden, der das Schiff und damit das eigene Leben auch in st\u00fcrmischen Zeiten sicher durch das Wasser bringt und somit widerstandsf\u00e4hig gegen\u00fcber Krisen ist, bekannt.<\/p>\n<h5>Elastischer Mensch?<\/h5>\n<p>Neu ist eher die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema in verschiedenen Disziplinen (von Psychologie \u00fcber Ingenieurwissenschaften bis hin zu \u00d6kologie, Computerwissenschaft und vielen mehr). Abgeleitet von dem lateinischen \u201eresilire\u201c\u00a0= zur\u00fcckprallen bzw. f\u00fcr \u201eSpannkraft, Elastizit\u00e4t, Strapazierf\u00e4higkeit\u201c stehend, wurde der Begriff eigentlich aus der physikalischen Materialkunde entlehnt. Dort beschreibt er die Beschaffenheit von bestimmten Elementen, die auch nach extremen Au\u00dfeneinwirkungen in ihre Ausgangsform zur\u00fcckspringen (\u201ebounce back\u201c). Im psychologischen Diskurs wird Resilienz als F\u00e4higkeit eines Individuums definiert, erfolgreich mit Belastungen und negativen Stressfolgen umgehen zu k\u00f6nnen. Synonym werden oft Begriffe wie Stressresistenz, psychische Robustheit oder psychische Elastizit\u00e4t verwendet. Das Gegenst\u00fcck zur Resilienz ist die Vulnerabilit\u00e4t, also Verwundbarkeit, Verletzbarkeit oder Empfindlichkeit gegen\u00fcber \u00e4u\u00dferen (ung\u00fcnstigen) Einflussfaktoren.<\/p>\n<p>Historisch ist in der psychologischen Resilienzforschung die sogenannte Kauai-Studie von Emmy Werner und Ruth Smith zu nennen:<span id='easy-footnote-1-6357' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/30\/resilienz-der-wunsch-nach-unverwundbarkeit\/#easy-footnote-bottom-1-6357' title='Werner, E. (1971): \u201eThe Children of Kauai: A Longitudinal Study from the Prenatal Period to Age Ten\u201c. Honolulu: University of Hawaii Press.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> Die Forscherinnen begannen 1955 in Kauai (Hawaii) eine L\u00e4ngsschnittstudie und begleiteten 698\u00a0Kinder \u00fcber 40\u00a0Jahre lang. Die Studie zeigte folgende Ergebnisse: Menschen, die in vergleichbaren Umwelten aufwachsen und Risikofaktoren wie Armut, Gewalt oder geringen Bildungschancen ausgesetzt waren, k\u00f6nnen sich als Erwachsene auf der Basis spezifischer Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen dennoch positiv entwickeln. Weitere sozialwissenschaftliche Forschungen erfolgten, die eben diese Schutzfaktoren herausarbeiteten.<\/p>\n<h5>Resilienz als erlernbare Kompetenz oder individuelle Herausforderung<\/h5>\n<p>Resilienz umfasst nach heutigen Erkenntnissen<span id='easy-footnote-2-6357' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/30\/resilienz-der-wunsch-nach-unverwundbarkeit\/#easy-footnote-bottom-2-6357' title='Wustmann, C. (2014): \u201eResilienz. Widerstandsf\u00e4higkeit von Kindern in Tageseinrichtungen f\u00f6rdern\u201c. M\u00fclheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr.'><sup>2<\/sup><\/a><\/span> ein hochkomplexes Zusammenspiel von Merkmalen der Person und ihrer Lebensumwelt, von konstitutionellen, erlernten und anderweitig verf\u00fcgbaren Ressourcen. Es wird davon ausgegangen<span id='easy-footnote-3-6357' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/30\/resilienz-der-wunsch-nach-unverwundbarkeit\/#easy-footnote-bottom-3-6357' title='Mourlane, D. (2012): \u201eResilienz. Die unentdeckte F\u00e4higkeit der wirklich Erfolgreichen\u201c. 1.\u00a0Aufl. G\u00f6ttingen: BusinessVillage GmbH.'><sup>3<\/sup><\/a><\/span>, dass Resilienz im Gegensatz zu Intelligenz mit speziellen Trainings weiterentwickelt werden kann, wobei dabei meist auf die St\u00e4rkung der internalen und teilweise externalen Ressourcen gesetzt wird.<\/p>\n<p>Die Gefahr bei einer Definition, die stark auf das Erlernen von Kompetenzen zielt, besteht aber wie bei vielen anderen pr\u00e4ventiven (Gesundheits-)Ma\u00dfnahmen in einer neoliberalen Logik der Selbstoptimierung: Wenn Resilienz nun erlernbar ist, liegt es dann nicht am individuellen \u201eScheitern\u201c und einer Unf\u00e4higkeit, wenn Belastungen nicht gut verarbeitet werden? Dies kann schlie\u00dflich erlernt werden.<\/p>\n<p>Resilienz ist auch sp\u00e4testens en vogue, seitdem sich der Gesundheitsbegriff politisch gewandelt hat. Die heutige WHO-Definition sieht Gesundheit als Zustand vollkommenen k\u00f6rperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Seit der Ottawa-Charta der WHO 1986 sollen Gesundheitssysteme \u00fcber die Behandlung von Krankheiten hinaus ausgeweitet werden und auf Gesundheitskompetenz, Gesundheitsf\u00f6rderung und Pr\u00e4vention als ein breites, positives Konzept (Salutogenese) fokussieren<span id='easy-footnote-4-6357' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/30\/resilienz-der-wunsch-nach-unverwundbarkeit\/#easy-footnote-bottom-4-6357' title='Antonovsky, A. (1997): \u201eSalutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit\u201c. T\u00fcbingen: dgvt-Verlag.'><sup>4<\/sup><\/a><\/span>. Weg von einem pathogenetischen Fokus, der auf krank machende Faktoren schaut. 2020 wurde dies in Form der Sustainable Development Goals (SDGs) der UN in der Agenda 2030 ebenfalls aufgegriffen, sogar mit dem Schwerpunkt, Wohlbefinden und die psychische Gesundheit zu st\u00e4rken. Resilienz ist dabei ein zentrales Konzept, so wie es einst Anti-Rauch- oder Anti-Zucker-Kampagnen der Krankenkassen waren. Die andere Seite der Medaille ist, dass Lungenkrebs oder Zuckerkrankheiten damit zu individuellen Problemen deklariert werden und die systemische Beteiligung verneint wird. Dass Krankenkassen jetzt Gesundheitskassen hei\u00dfen, \u00e4ndert dabei oft nichts an dieser Haltung.<\/p>\n<h5>\u201ePosttraumatisches Wachstum\u201c<\/h5>\n<p>Um von Resilienz \u00fcberhaupt sprechen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen zwei Voraussetzungen gegeben sein: Zum einen muss eine belastende Situation vorliegen, die zum anderen erfolgreich bew\u00e4ltigt worden ist. Wir k\u00f6nnen resilientes Verhalten also nicht vorhersagen. Und es bezieht sich selten auf alle Lebensbereiche, geschweige denn, dass es ein stabiles Konstrukt ist \u2013 es ist vielmehr ein schwer greifbares. Es l\u00e4sst sich allerdings auch festhalten, dass Menschen, die traumatische Erlebnisse durchgemacht haben, oft von sogenanntem \u201eposttraumatischem Wachstum\u201c berichten: Laut Tedeschi berichten 70\u00a0Prozent der Menschen, die eine tiefgreifende Krise durchlebt haben, dadurch langfristig zufriedener und st\u00e4rker geworden zu sein.<span id='easy-footnote-5-6357' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/30\/resilienz-der-wunsch-nach-unverwundbarkeit\/#easy-footnote-bottom-5-6357' title='Tedeschi, R.G. &amp;amp; Calhoun, L.G. (2004): \u201ePosttraumatic Growth: Conceptual Foundation and Empirical Evidence\u201c. Philadelphia, PA: Lawrence Erlbaum Associates.'><sup>5<\/sup><\/a><\/span>\n<p>Diese schmerzvollen R\u00fcckschl\u00e4ge und Erfahrungen verschafften betroffenen Personen teilweise Klarheit \u00fcber die eigene Lebensausrichtung. Sie berichteten \u00fcber eine intensivere Wertsch\u00e4tzung des Lebens, eine Intensivierung der pers\u00f6nlichen Beziehungen und des spirituellen Bewusstseins sowie eine Bewusstwerdung der eigenen St\u00e4rken und die Entdeckung von neuen M\u00f6glichkeiten im Leben. Der Ansto\u00df daf\u00fcr, sich mit grundlegenden \u00dcberzeugungen des eigenen Lebens und damit der Frage nach der Sinnhaftigkeit auseinanderzusetzen, ist oft ein ersch\u00fctterndes Ereignis.<span id='easy-footnote-6-6357' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/30\/resilienz-der-wunsch-nach-unverwundbarkeit\/#easy-footnote-bottom-6-6357' title='Schnell, T. (2020): \u201ePsychologie des Lebenssinns\u201c. Berlin, New York, Tokio, Heidelberg: Springer.'><sup>6<\/sup><\/a><\/span> In kritischen Momenten kommen Zweifel an grundlegenden Werten und dem eigenen Fundament besonders hervor und erm\u00f6glichen Gelegenheit f\u00fcr Wachstum und Lernen, weil neue Antworten gefunden werden m\u00fcssen auf Fragen, ob beispielsweise die eigene Weltanschauung auch in Zeiten des Leids und der Krise tr\u00e4gt.<\/p>\n<h5>Die Pr\u00fcfung der Welt<\/h5>\n<p>Laut UN-Generalsekret\u00e4r Ant\u00f3nio Guterres steht die Menschheit durch Covid-19 vor der gr\u00f6\u00dften Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, und die Coronapandemie avanciert damit zur gr\u00f6\u00dften Pr\u00fcfung, die die Welt seit der Gr\u00fcndung der Vereinten Nationen vor 75\u00a0Jahren durchlaufe.<span id='easy-footnote-7-6357' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/30\/resilienz-der-wunsch-nach-unverwundbarkeit\/#easy-footnote-bottom-7-6357' title='&lt;a&gt;https:\/\/www.un.org\/Depts\/german\/gs\/COVID-19_shared_responsibility_global_solidarity_report-DEU.pdf&lt;\/a&gt; [23.\u200a7.\u200a2021]'><sup>7<\/sup><\/a><\/span> Es bleibt die Hoffnung, dass sich der Fokus nun von einer Individualperspektive auf eine globale verschiebt. Guterres sagt auch, dass jetzt ein Zeitpunkt der Wahl sei: Ist die Krise einmal \u00fcberstanden, kann sich die Weltgesellschaft entscheiden, ob sie zu einem Status quo (ante Corona) zur\u00fcckkehren will, oder ob die Dinge, die die Welt f\u00fcr Pandemien verwundbar machen, entschieden angegangen werden. Die eingangs erw\u00e4hnte Definition von Material oder Mensch, der\/das auch nach extremen Au\u00dfeneinwirkungen in seine Ausgangsform zur\u00fcckspringt (\u201ebounce back\u201c), muss daher ebenso entschieden \u00fcberdacht werden wie die Annahme, dass Menschen nicht verwundbar seien. Es liegt in der Dualit\u00e4t der Menschen, dass sie beides sind: empfindlich, verletzlich, verwundbar (etwa angesichts von Naturkatastrophen), sich ihrer Sterblichkeit bewusst. Und resilient, wenn sie es sein m\u00fcssen.<\/p>\n<h5><\/h5>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Herausforderung bei einer Hinf\u00fchrung zum Begriff der Resilienz liegt besonders in seiner Unsch\u00e4rfe und der Verwendung in unterschiedlichen, nicht nur wissenschaftlichen Bereichen. Resilienz als Ph\u00e4nomen selbst ist dabei eigentlich nicht neu, interessierte sich die Menschheit doch schon immer daf\u00fcr, wie man Schwierigkeiten oder Krisen gut bew\u00e4ltigt \u2013 die meisten Held_innengeschichten handeln davon.<\/p>\n","protected":false},"author":256,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1192,1196,854],"class_list":["post-6357","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-special","tag-2021-3","tag-resilienz","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6357","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/256"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6357"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6357\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6653,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6357\/revisions\/6653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6357"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6357"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6357"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}