{"id":6334,"date":"2021-09-27T17:14:00","date_gmt":"2021-09-27T15:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=6334"},"modified":"2021-10-21T14:51:59","modified_gmt":"2021-10-21T12:51:59","slug":"ehrendoktoratevelyntortonbeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/27\/ehrendoktoratevelyntortonbeck\/","title":{"rendered":"Ehrendoktorat der mdw\ufeff: Evelyn Torton Beck im Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"Liebe Evelyn, im September<span id='easy-footnote-1-6334' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/27\/ehrendoktoratevelyntortonbeck\/#easy-footnote-bottom-1-6334' title='Das Gespr\u00e4ch wurde im Sommer 2021 gef\u00fchrt.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> wirst du, Professor Emerita des Department of Women\u2019s Studies der University of Maryland, Ph.D. Comparative Literature, Ph.D Clinical Psychology, das Ehrendoktorat der mdw f\u00fcr deine herausragende wissenschaftliche Arbeit erhalten. Es wird mit dir eine Wissenschaftlerin geehrt, die der Wissenschaft ein \u00fcberaus reiches Spektrum an Themen er\u00f6ffnete. Du hast in vielen Bereichen bedeutende Pionierarbeit geleistet. In diesem Gespr\u00e4ch wollen wir einige Dimensionen aus deinen Funktionsperioden an der University of Wisconsin-Madison und der University of Maryland, wo du die Women\u2019s Studies in den 1970er Jahren etabliert hast, herausgreifen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_6598\" aria-describedby=\"caption-attachment-6598\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6598\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/tortonbeck_c-stp_web_045-4603_web.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/tortonbeck_c-stp_web_045-4603_web.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/tortonbeck_c-stp_web_045-4603_web-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/tortonbeck_c-stp_web_045-4603_web-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/tortonbeck_c-stp_web_045-4603_web-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6598\" class=\"wp-caption-text\">Evelyn Torton Beck bei der Verleihung im September \u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>Evelyn Torton Beck (ETB):<\/b> Ja, aber wenn man mich kennenlernen will, muss man mit Kafka beginnen. Hier zeigte ich ausf\u00fchrlich, wie Kafka vom jiddischen Theater beeinflusst war, was seinen Durchbruch bewirkte. Ohne diesen Einfluss w\u00e4re er nicht der Kafka geworden, den wir kennen. Mit essenziellen Themen wie dem Verh\u00e4ltnis von Vater und Sohn, von Mensch und Autorit\u00e4ten und was es hei\u00dft, j\u00fcdisch zu sein, obwohl dieses Wort in keinem seiner Werke vorkommt. Ich schrieb auch \u00fcber ihn und Else Lasker-Sch\u00fcler. Auch sie wollte wissen, was es hei\u00dft, J\u00fcdin, Frau, K\u00fcnstlerin zu sein. Das J\u00fcdische zieht sich wie die Frage danach, was es hei\u00dft, Frau zu sein, oder die Auseinandersetzung mit Autorit\u00e4ten durch meine Arbeit. Es sind Fragen nach Identit\u00e4ten, historisch und kulturell. Der Feminismus, zu dessen Pionierinnen in den USA ich mich z\u00e4hlen darf, \u00e4nderte alles.<\/p>\n<p>Wie verlagerten sich dann deine Forschungsinteressen?<\/p>\n<p><b>ETB:<\/b> Es ist wichtig zu betonen, dass wir lange mit der Verwaltung der Uni k\u00e4mpfen mussten, bevor das Frauenstudium als akademische Disziplin akzeptiert wurde. Ab dann lag mein Fokus dezidiert auf der Wiederentdeckung von Frauen \u2013 Schriftstellerinnen, Malerinnen, Komponistinnen. Von Frida Kahlo oder Clara Schumann wusste damals niemand! Ganz wichtig war auch zu fragen, wie wir forschen. In dieser Zeit liegen die Wurzeln der Standpunkt-Theorie. Es gibt kein Wissen von nirgendwo. Wir sprechen immer, auch in der Forschung, von einer Position aus. Damit entwickelte sich das Thema Diversit\u00e4t und, wie es heute hei\u00dft, Intersektionalit\u00e4t. Wie sieht die Welt von meiner Perspektive her aus? Ich bin ja nicht nur Frau, sondern wei\u00dfe Frau, schwarze Frau, j\u00fcdische Frau, mit unterschiedlichem sozialem, sexuellem, kulturellem, nationalem, religi\u00f6sem Hintergrund. Mit diesem neuen Wissen kam ich wieder auf Kafka zur\u00fcck. In <i>Why Kafka? <\/i>fragte ich danach, was an der Auseinandersetzung mit seinem Werk so wichtig f\u00fcr mich gewesen war. Die ersten Seiten in <i>Der Prozess<\/i>, wo die zwei Angestellten kommen und Herrn K. verhaften \u2013 das war mein Leben. Das habe ich selber erlebt.<\/p>\n<p>Das ist das Stichwort, um auf deinen biografischen Hintergrund zu sprechen zu kommen. Du hast ja aus sehr spezifischen Erfahrungen und Perspektiven geforscht. Du wurdest in Wien geboren, musstest aber mit deiner Familie 1939 vor dem NS-Regime fliehen, nachdem dein Vater nach einem Jahr Inhaftierung in den KZs Dachau und Buchenwald freigelassen wurde.<\/p>\n<p><b>ETB:<\/b> Nach einem Jahr in Milano, wo ich Italienisch lernte, kamen wir mit Gl\u00fcck in die USA, wo ich seither lebe. Letzte Woche wurde mir wieder die \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrgerschaft verliehen. Ich bin sehr gl\u00fccklich, dass ich \u00fcberlebte und ein so reiches Leben hatte und habe. Aber die Wunden und Traumata der Kindheit sind noch mit mir. Ich denke, alles, was ich forschte und wof\u00fcr ich k\u00e4mpfte, hat in diesen Erlebnissen seine Wurzeln. Wir d\u00fcrfen auch nicht vergessen, dass es, als ich Women\u2019s Studies etablierte und unterrichtete, nicht nur gef\u00e4hrlich war, Feministin zu sein, sondern auch \u00fcber Frauen zu arbeiten. Und als Lesbe war es noch gef\u00e4hrlicher. Nicht zuletzt dadurch wurde der Zusammenhang von Geschlecht, Gender und Sexualit\u00e4t in meinen wissenschaftlichen Arbeiten bedeutsam. Dabei fungierte meine Arbeit \u00fcber Kafka als eine Art Schutz.<\/p>\n<p>Du hast ja sowohl mit deinen wissenschaftlichen Arbeiten zu Stimme, Sprache, Translation \u2013 du hast Texte von und mit dem Nobelpreistr\u00e4ger Isaac Bashevis Singer \u00fcbersetzt \u2013 als auch mit deinen Arbeiten zur Social Justice in Theorie und Praxis, Multikulturalismus, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Homophobie \u2013 auch in Bezug auf deren Effekte auf die Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit, um nur einige der Themenbereiche zu nennen \u2013 nicht nur die inhaltlichen, sondern mit dem Hinterfragen wissenschaftlicher, androzentrischer, eurozentrischer Standards auch die erkenntnistheoretischen Grundfesten wissenschaftlichen Forschens herausgefordert und hast innovative Wege gewiesen. Du hast zudem die klassische Haltung des Lehrens, des Unterrichtens hinterfragt und bist auch da neue Wege gegangen.<\/p>\n<p><b>ETB:<\/b> Ich habe in Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen die P\u00e4dagogik in Richtung einer feministischen P\u00e4dagogik weiterentwickelt. Ein Bewusstsein daf\u00fcr, wem wir etwas vermitteln wollen. Wir unterrichteten nicht nur einen Stoff, sondern wollten zu Ideen und Kritik anregen, das Nachdenken bef\u00f6rdern. Das Akademische ist auch politisch. Ich zeigte z.\u2009B., wie sich die Geschichte des Feminismus durch Lieder formte. Zuerst dadurch, wie Bewusstsein als Frau emergierte, dann durch den \u00c4rger, das Bed\u00fcrfnis, in die eigene Macht zu gelangen, in die Agency, und schlie\u00dflich das Zelebrieren der Diversit\u00e4t. Ein Gespr\u00e4ch mit mir tr\u00e4gt den Titel <i>Ich habe die ganze Sache irgendwie \u00fcberlebt mit dem Lesen<\/i>. Kunst war in meinem Leben, Denken und Lehren immer pr\u00e4sent. In Poesie, in Musik steckt auch Theorie. Ein Beispiel w\u00e4re ein Gedicht von Marge Piercy \u00fcber den Bonsai. Der von M\u00e4nnern zurechtgeschnittene Baum steht emblematisch daf\u00fcr, was mit Frauen passierte. Was wir machen, kommt immer davon, wie wir denken, auch in der Kunst.<\/p>\n<figure id=\"attachment_6596\" aria-describedby=\"caption-attachment-6596\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6596\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/tortonbeck_c-stp_presse_002-4808-web.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/tortonbeck_c-stp_presse_002-4808-web.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/tortonbeck_c-stp_presse_002-4808-web-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/tortonbeck_c-stp_presse_002-4808-web-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/tortonbeck_c-stp_presse_002-4808-web-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6596\" class=\"wp-caption-text\">Von links nach rechts: Johannes Marian, Evelyn Torton Beck, Ulrike Sych \u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Schlie\u00dflich hast du auch das \u00c4lterwerden aus deiner Position heraus neu betrachtet und bist eine gefragte Rednerin bei dieser Facette der Diversit\u00e4t, die in Europa nun immer mehr ins Bewusstsein tritt. Auch bei dem am Internationalen Frauentag stattgefundenen Event <i>Aging and Aging Trouble<\/i> an der mdw warst du uns aus Washington zugeschaltet \u2026<\/p>\n<p><b>ETB:<\/b> Agism verbindet sich mit Ablism und Lookism. Ich habe auch theoretisch \u00fcber den Lebensabschnitt des Wechsels in den sogenannten Ruhestand, <i>Retirement in Two Voices<\/i>, geschrieben und \u00fcber alles, was uns in der zweiten, dritten Lebensh\u00e4lfte bewegt. Wie beeinflusst uns der gesellschaftliche Blick auf das \u00c4lterwerden? Auch das ist intersektional zu denken. Es macht einen Unterschied, ob jemand reich ist oder wenig Geld hat.<\/p>\n<p>Alles, wor\u00fcber du geforscht und geschrieben hast, Evelyn, ist heute noch von immenser Bedeutung. Wir haben das Privileg, darauf aufbauen zu d\u00fcrfen. Und wir haben die Freude, dich w\u00fcrdigen zu d\u00fcrfen. Vielen Dank!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"stationista-player\" style=\"background-color: transparent; display: block; padding: 0; max-width: 700px;\" src=\"https:\/\/cdn.stationista.com\/webplayer\/60b623183f66c1735c463a76?id=61692752f5394065d56be096\" scrolling=\"no\" width=\"100%\" height=\"160\" frameborder=\"0\"><\/iframe>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September erhielt Evelyn Toron Beck das Ehrendoktorat der mdw. 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