{"id":6286,"date":"2021-09-15T18:00:42","date_gmt":"2021-09-15T16:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=6286"},"modified":"2021-10-07T14:59:33","modified_gmt":"2021-10-07T12:59:33","slug":"rotting-sounds-ueber-den-zeitlichen-verfall-von-digitalem-audio-sich-dem-verderben-hingeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/15\/rotting-sounds-ueber-den-zeitlichen-verfall-von-digitalem-audio-sich-dem-verderben-hingeben\/","title":{"rendered":"Rotting sounds \u2013 \u00fcber den zeitlichen Verfall von digitalem Audio: sich dem Verderben hingeben"},"content":{"rendered":"Nachdem im Juni 2019 im Wiener Auer-Welsbach-Park ein scheibenf\u00f6rmiges, an eine Compact Disc erinnerndes Artefakt aufgefunden wurde, erforderte es einige analytische Anstrengungen, bis gekl\u00e4rt werden konnte, dass es sich um einen digitalen Informationstr\u00e4ger handelt, der eine umfangreiche Nachricht ungekl\u00e4rten Ursprungs enth\u00e4lt.<span id='easy-footnote-1-6286' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/15\/rotting-sounds-ueber-den-zeitlichen-verfall-von-digitalem-audio-sich-dem-verderben-hingeben\/#easy-footnote-bottom-1-6286' title='Till Bovermann, Almut Schilling, Thomas Grill und Tobias Leibetseder: \u201evoicings of an auralist\u201c. In: &lt;i&gt;Knowing in Performing&lt;\/i&gt;, hrsg. von Annegret Huber, Doris Ingrisch, Therese Kaufmann, Johannes Kretz, Gesine Schr\u00f6der und Tasos Zembylas- Transcript Verlag 2021, S.\u00a089\u2013110.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span>, <span id='easy-footnote-2-6286' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/15\/rotting-sounds-ueber-den-zeitlichen-verfall-von-digitalem-audio-sich-dem-verderben-hingeben\/#easy-footnote-bottom-2-6286' title='ORF \u00d61 &lt;i&gt;Kunstradio&lt;\/i&gt; am 21. M\u00e4rz 2021: &lt;a&gt;http:\/\/www.kunstradio.at\/2021A\/21_03_21.html&lt;\/a&gt;'><sup>2<\/sup><\/a><\/span> Die Interpretation dieser l\u00fcckenhaften, als digitale Audioaufzeichnung codierten Nachricht ist bis heute mit Unsch\u00e4rfen verbunden. Ohne Kenntnis des Kontexts dieser Aufzeichnung bleiben \u00dcbersetzungsversuche zwangsweise nur Ann\u00e4herungen.<\/p>\n<p>Die fortschreitende Durchdringung der menschlichen Lebensumgebung mit medialen, gr\u00f6\u00dftenteils digitalen Nachrichten verschiedenster Zwecke wird Arch\u00e4olog_innen k\u00fcnftiger Generationen vor neue Herausforderungen stellen. Materielle und kulturelle Kontexte (z.\u2009B. verk\u00f6rpert in nat\u00fcrlichen Sprachen) von Funden aus der menschlichen Geschichte werden erg\u00e4nzt oder sogar abgel\u00f6st durch kurzlebige technologische Kontexte (z.\u2009B. verk\u00f6rpert durch Codierungsalgorithmen digitaler Informationen). Es ergeben sich neue Formen von zeitlicher Transformation \u00fcber Degradation hin zum Verfall, die sowohl Aspekte der Materialit\u00e4t als auch der Interpretation betreffen.<\/p>\n<p>Seit 2018, also schon vor dem geschilderten Fund, besch\u00e4ftigt sich das k\u00fcnstlerische Forschungsprojekt <i>Rotting sounds<\/i> mit den Ursachen, Mechanismen und Effekten solcher Verfallserscheinungen im Kontext von digitalen Kl\u00e4ngen. Die interdisziplin\u00e4re Natur des Themas spiegelt sich im Team der Projektpartner_innen wider: Thomas Grill (mdw, Elektroakustische und Experimentelle Musik und Artistic Research Center), Till Bovermann (Universit\u00e4t f\u00fcr Angewandte Kunst, Art &amp; Science) sowie Almut Schilling (Akademie der bildenden K\u00fcnste, Konservierung und Restaurierung). Gef\u00f6rdert wurde das auf insgesamt vier Jahre angelegte Forschungsvorhaben vom \u00d6sterreichischen Wissenschaftsfonds FWF als Projekt AR\u00a0445 des PEEK-Programms.<\/p>\n<p>In der bisherigen Erkundung wurde eine Reihe von k\u00fcnstlerischen Versuchsanordnungen realisiert, gro\u00dfteils im unrestaurierten H\u00f6rsaal der ehemaligen Veterin\u00e4rmedizin, der als <i>Auditorium of Rotting sounds <\/i>bespielt wird. Die verschiedenen Klangarbeiten thematisieren die Zeit als formendes Element auf unterschiedliche Weise. Es geht hierbei nicht um bewusste narrative Gestaltung in einem traditionell kompositorischen Sinn, sondern um die unweigerlichen, oft impliziten Effekte des Fortschreitens der Zeit auf Dimensionen der Klanglichkeit und der visuellen und skulpturalen Anmutung. In der Konzeption, aber auch der Erscheinung der k\u00fcnstlerischen Prototypen entspinnt sich ein Dialog zwischen den verwendeten Materialien, seien es physische oder symbolische, den sie angreifenden Transformationskr\u00e4ften und der k\u00fcnstlerischen Setzung im Sinne einer \u00e4sthetischen oder epistemischen Positionierung.<\/p>\n<p>Die so betriebene strikt experimentelle k\u00fcnstlerische Forschung setzt an den Grundlagen an: in welcher Form Klang repr\u00e4sentiert wird, welche technologischen Mittel verwendet werden, wie musikalische und intermediale Kompositionsprozesse verstanden und gestaltet werden k\u00f6nnen, wie sich Klang und Musik zueinander verhalten. All das steht zur Disposition und wird im Kontext dieses Projekts kritisch befragt.<\/p>\n<p>Ein radikaler Ansatz untersucht die Repr\u00e4sentation von Klang als 1-Bit-Strom, wobei Audiosignale als pure Abfolge von bin\u00e4ren Zust\u00e4nden dargestellt werden. Die eigentlichen Kl\u00e4nge sind dabei in Rauschen eingebettet, dessen Frequenzspektrum allerdings weit \u00fcber der menschlichen H\u00f6rschwelle liegt. Das Abspielen einer solchen Klangrepr\u00e4sentation kann sowohl digital als auch mit analoger Technik erfolgen; die Grenze zwischen digitaler und analoger Dom\u00e4ne wird durchl\u00e4ssig. Die Arbeit <i>Reference Tone<\/i> des Autors thematisiert das: Ein Sinuston einer Frequenz von 1 Kilohertz, wie er traditionell als Kalibrierton in der Audiotechnik verwendet wird, wurde mittels 1-Bit-Codierung spiralf\u00f6rmig auf eine Papierscheibe gedruckt und \u00fcber einen Monat in einer Durchgangssituation am Boden des Wiener Museums f\u00fcr angewandte Kunst (MAK) platziert. W\u00e4hrend die mikroskopische Betrachtung ein zuf\u00e4lliges Rauschmuster zeigt, offenbart die Interferenz der eng nebeneinanderliegenden Spuren gro\u00dffl\u00e4chig das periodische Muster der Sinuswelle. Anfangs eine nahezu perfekte Repr\u00e4sentation des puren Tons, nimmt das gedruckte Klangabbild mit zunehmender Interaktion der Besucher_innen durch Kratzer und Abdr\u00fccke eine spezifische Patina an, die als Erosion auf die Klangrepr\u00e4sentation wirkt: Der \u201eReferenzton\u201c transformiert sich in seinem Kontext.<\/p>\n<p>Almut Schilling entwickelte den Begriff der \u201edigitalen Patina\u201c in einem Beitrag zur SAR-Konferenz 2021<span id='easy-footnote-3-6286' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/15\/rotting-sounds-ueber-den-zeitlichen-verfall-von-digitalem-audio-sich-dem-verderben-hingeben\/#easy-footnote-bottom-3-6286' title='&lt;a&gt;https:\/\/rottingsounds.org\/digital_patina-sar-2021&lt;\/a&gt;'><sup>3<\/sup><\/a><\/span> als poetisches Narrativ f\u00fcr datentragendes Material in seiner Zeitlichkeit. Die spezifische \u00c4sthetik von Degradation in digitaler Technologie zeigt sich beispielhaft an der Installation <i>CD-R(ot) <\/i>von Till Bovermann und Almut Schilling, einem aus acht CD-Abspielger\u00e4ten bestehenden \u201eHi-Fi-Turm\u201c, der seit 2019 acht als identische Kopien hergestellte Compact Discs abspielt. Die W\u00e4rme der Laserabtastung und die mechanische Belastung haben sich \u00fcber die Zeit in die Datentr\u00e4ger und Abspielger\u00e4te unterschiedlich eingeschrieben. Trotz des Marketingversprechens f\u00fcr die CD, \u201epure, perfect sound \u2013 forever\u201c, ver\u00e4ndert sich der h\u00f6rbare Klang fortw\u00e4hrend und individuell bis zur v\u00f6lligen Entfremdung vom Ausgangsmaterial.<\/p>\n<p>Auch Kompositionen f\u00fcr Instrumente k\u00f6nnen eine solche Patina aufweisen. Beim mittlerweile \u00fcblichen digitalen Notensatz wurde die Handschrift von Komponist_innen durch Software-Technologien abgel\u00f6st. Dies er\u00f6ffnet Angriffspunkte f\u00fcr digitale Korrosionsmechanismen, wie im Fall der Auftragskomposition<i> rill (erosion)<\/i> von Adam McCartney f\u00fcr Ensemble, die am 12.\u00a0November im Rahmen des Festivals <i>Wien Modern<\/i> im FAL-Klangtheater der mdw uraufgef\u00fchrt wird. McCartney arbeitete mit algorithmisch generiertem Notensatz, der fortgesetzt dem einfachsten denkbaren digitalen Verfall (stochastischen Bit-Flips) unterworfen wurde. Mehr und mehr Notationsfehler, also Unspielbarkeiten, entstanden und erfordern Korrekturen durch die Ausf\u00fchrenden. Eine Analyse der Erosionseffekte zeigt, dass die Wirkungen nicht erratisch sind, sondern dass bestimmte musikalische Formelemente immer weiter verst\u00e4rkt bzw. freigelegt werden \u2013 eine spezifische Patina entsteht.<\/p>\n<p>Jede der im <i>Auditorium of Rotting sounds<\/i> klingenden Versuchsanordnungen streamt permanent ins Internet, und jede Stunde wird automatisiert eine Minute aufgenommen. Aus diesem mittlerweile ca. 200.000 Fragmente umfassenden Klangarchiv werden zuf\u00e4llig Proben entnommen und in den Raum physisch eingeschrieben: Die robotische Installation <i>Inscriptions from the archive <\/i>(in Zusammenarbeit mit Hannes K\u00f6cher) graviert mittels Laser grafische Repr\u00e4sentationen der Kl\u00e4nge in Form von Spektrogrammen und zugeh\u00f6rigen Metadaten in die h\u00f6lzernen Bankreihen ein. Diese dienen als Protokoll der Forschungsprozesse bzw. \u2013 in eine ferne Zukunft gedacht \u2013 auch als potenzielles arch\u00e4ologisches Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>Am 24. September findet an der mdw das <i>Symposium of Rotting sounds<\/i> statt<span id='easy-footnote-4-6286' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/09\/15\/rotting-sounds-ueber-den-zeitlichen-verfall-von-digitalem-audio-sich-dem-verderben-hingeben\/#easy-footnote-bottom-4-6286' title='&lt;a href=&quot;https:\/\/rottingsounds.org\/symposium&quot;&gt;https:\/\/rottingsounds.org\/symposium&lt;\/a&gt;'><sup>4<\/sup><\/a><\/span>, mit Keynote-Beitr\u00e4gen von Carolin Bohlmann (Akademie der bildenden K\u00fcnste Wien) und Martin Kunze (Memory of Mankind). Kunzes Erw\u00e4gungen zur Zukunft kultureller Hinterlassenschaften und Bohlmanns Expertise zum K\u00fcnstler Dieter Roth liegen dem Forschungsprojekt besonders nahe. Angelehnt an Roths ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigtes <i>Schimmelmuseum<\/i> werden sich die entstandenen Arbeiten in den verbleibenden Monaten des Projektes aus dem Auditorium durch Sporenbildung weit verbreiten: Objekt- und Medien-Fragmente verlassen den experimentellen Raum, werden an \u00f6ffentlichen Orten auffindbar und laden zu Analyse und Reflexion ein.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem im Juni 2019 im Wiener Auer-Welsbach-Park ein scheibenf\u00f6rmiges, an eine Compact Disc erinnerndes Artefakt aufgefunden wurde, erforderte es einige analytische Anstrengungen, bis gekl\u00e4rt werden konnte, dass es sich um einen digitalen Informationstr\u00e4ger handelt, der eine umfangreiche Nachricht ungekl\u00e4rten Ursprungs enth\u00e4lt.<\/p>\n","protected":false},"author":139,"featured_media":6299,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[1192,989,33,314],"class_list":["post-6286","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-research","tag-2021-3","tag-artisticresearch","tag-research","tag-symposium"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6286","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/139"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6286"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6286\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6668,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6286\/revisions\/6668"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6299"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6286"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6286"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6286"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}