{"id":6034,"date":"2021-04-22T16:02:34","date_gmt":"2021-04-22T14:02:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=6034"},"modified":"2021-04-26T08:46:08","modified_gmt":"2021-04-26T06:46:08","slug":"klingender-gemeindebau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/04\/22\/klingender-gemeindebau\/","title":{"rendered":"Klingender Gemeindebau"},"content":{"rendered":"<h1>Ein Beispiel f\u00fcr Community Outreach in der Ethnomusikologie<\/h1>\n<p>\u201eEthnomusicology as a discipline has evolved around assertions of the inseparable interconnections between musical sounds and the societies and communities that give rise to them\u201c (Cottrell\/Impey 2018:1). So beschreiben Stephen Cottrell und Angela Impey die Ethnomusikologie. F\u00fcr unsere Disziplin ist \u201eCommunity\u201c also ein zentraler Begriff und etwas, mit dem sich das Fach seit Beginn besch\u00e4ftigt. \u201eOutreach\u201c wird seit etwa 20\u00a0Jahren mit den Begriffen \u201eApplied\u201c oder \u201eEngaged Ethnomusicology\u201c umschrieben. Es ist also f\u00fcr die Ethnomusikologie seit Langem zentral und \u2013 im Gegensatz zu anderen Disziplinen \u2013 nichts Neues, darauf zu achten, dass die Forschung in die Gesellschaft zur\u00fcckwirkt und diese auch in den Forschungsprozess einbezogen wird. Dies liegt an der Ausrichtung des Fachs an sich. Ethnomusikologie besch\u00e4ftigt sich mit Musik im sozialen Zusammenhang, hat also logischerweise einen ganz engen Bezug zu jenen, die Musik machen oder h\u00f6ren. Wir nennen diese Personen, von denen wir lernen, die ihre Zeit und ihre Kreativit\u00e4t mit uns in der Feldforschung teilen, unsere Forschungspartner_innen. Dieser Prozess der Feldforschung hat auch viel mit gegenseitigem Vertrauen zu tun, es entstehen Beziehungen auf der menschlichen Ebene. Bruno Nettl (1930\u20132020), einer der ganz Gro\u00dfen unseres Fachs, hat 2005 Ethnomusikologie folgenderma\u00dfen beschrieben: \u201e[E]thnomusicology is the study of music in culture, [\u2026] the study of the World\u2019s Musics from a comparative and relativistic point of view, [\u2026] the study with the use of fieldwork \u2013 for the benefit of the people from whom we learn [\u2026]\u201c (Nettl 2005:10). Er hebt also hervor, dass die Forschung den Partner_innen<b> <\/b>n\u00fctzen soll, womit die Forderung nach \u201eEngaged Ethnomusicology\u201c impliziert ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_6039\" aria-describedby=\"caption-attachment-6039\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6039\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image3-2-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image3-2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image3-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image3-2-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image3-2-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image3-2-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image3-2-850x637.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6039\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Julia Fent<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die ethnomusikologische Forschung am Music and Minorities Research Center (MMRC) an der mdw folgt diesem Grundprinzip. Derzeit laufen neben vielf\u00e4ltigen anderen Aktivit\u00e4ten drei eigenst\u00e4ndige Forschungsprojekte am MMRC, zwei davon zu syrischen Gefl\u00fcchteten (siehe <a href=\"http:\/\/musicandminorities.org\">musicandminorities.org<\/a>). Das Dritte besch\u00e4ftigt sich mit einem Wiener Gemeindebau, n\u00e4mlich dem Anton-Figl-Hof im 14.<b>\u00a0<\/b>Wiener Gemeindebezirk, und nennt sich <i>Klingender Gemeindebau<\/i>. Die forschungsleitende Frage ist folgenderma\u00dfen formuliert: Welche Rolle spielt Musik im Leben der Bewohner_innen eines Wiener Gemeindebaus? Auch f\u00fcr die Ethnomusikologie ungew\u00f6hnlich ist an diesem Ansatz, dass das \u201eForschungsobjekt\u201c weder eine durch gemeinsame Herkunft oder kulturelle Praktiken verbundene Gruppe von Menschen ist noch bestimmte k\u00fcnstlerisch t\u00e4tige Individuen \u201ebeforscht\u201c werden. Hier geht es um eine Wohnhausanlage, die als Community interpretiert wird.<\/p>\n<p>Gemeindebau-Wohnhausanlagen zeichnen sich durch eine gro\u00dfe Vielfalt an Sprachen, Herk\u00fcnften, Altersgruppen und Interessen der Bewohner_innen aus. Diese Vielfalt kann Anlass f\u00fcr Konflikte sein, wenn kontr\u00e4re Bed\u00fcrfnisse aufeinanderprallen, stellt aber vor allem eine bedeutsame Ressource f\u00fcr bereichernde Begegnungen und Erfahrungen dar. Der Anlass f\u00fcr diese Forschung war das Bed\u00fcrfnis der Organisation Wohnpartner, in ihrer T\u00e4tigkeit das Potenzial von Musik in gelingenden Gemeinschaftsaktivit\u00e4ten noch st\u00e4rker zu n\u00fctzen. Wohnpartner setzt als Teil von Wohnservice Wien unterschiedliche Aktivit\u00e4ten, die eine gute Nachbarschaft im Gemeindebau unterst\u00fctzen sollen. Hierzu z\u00e4hlen auch kulturelle Aktivit\u00e4ten, insbesondere im sogenannten Kulturlabor: \u201eZiel des \u201aKulturlabor Gemeindebau\u2018 von Wohnpartner ist es, ein Kultur-Netzwerk in den Wiener Gemeindebauten aufzubauen. Dabei sollen Br\u00fccken zwischen Menschen unterschiedlichen Alters, Herkunft und Lebenswelt geschlagen werden\u201c (siehe <a href=\"http:\/\/wohnparnter-wien.at\">wohnparnter-wien.at<\/a>). Im Bereich Musik war f\u00fcr die Verantwortlichen noch Aufholbedarf gegeben, jedoch war unklar, wie dieser Bereich angegangen werden sollte \u2013 und so traten sie mit dieser Problemstellung an das MMRC heran. Die Ethnomusikologie bietet hierzu die passenden Zug\u00e4nge, vor allem den naheliegenden Forschungsansatz, zun\u00e4chst die musikalischen Identifikationen der Bewohner_innen in einer Feldforschung zu erheben, um in der Kulturarbeit auch darauf eingehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gemeinsam wurde das Projektdesign entwickelt, auch unter Einbeziehung des Phonogrammarchivs der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften. Im Rahmen des Forschungsprojekts interessiert, welche unterschiedlichen Musiken von den Bewohner_innen praktiziert und geh\u00f6rt werden \u2013 im \u00f6ffentlichen Raum ebenso wie in den eigenen vier W\u00e4nden \u2013 und welche Rolle Musik in deren Alltag und im Zusammenleben spielt. Die Erhebung findet zwischen Fr\u00fchjahr 2021 und Fr\u00fchjahr 2022 statt und wird von Projektmitarbeiterin Jasemin Khaleli durchgef\u00fchrt. Darauf aufbauend sollen gemeinsam mit den Bewohner_innen Formate erarbeitet werden, wie die Forschungsergebnisse in einer zweiten Projektphase den Bewohner_innen direkt zugutekommen k\u00f6nnen. Es bestimmen also unsere Forschungspartner_innen mit, wie eine Umsetzung der Forschungsergebnisse erfolgen soll. Die Umsetzungsphase wird von Wohnpartner federf\u00fchrend durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_6040\" aria-describedby=\"caption-attachment-6040\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6040\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image4-2-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image4-2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image4-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image4-2-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image4-2-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image4-2-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/post-1_image4-2-850x637.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6040\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Julia Fent<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Einbeziehung der Community in dieses Projekt ist also eine zweifache: Mit Bewohner_innen der Wohnhausanlage werden Interviews gef\u00fchrt, sie sind unsere Gespr\u00e4chspartner_innen im Forschungsprozess, und die Umsetzungsphase wird sich an den in diesen Gespr\u00e4chen erhobenen Inhalten und Beobachtungen orientieren. Forschung wird hier als Dialog gestaltet, der letztlich auch Auswirkungen vor Ort haben wird. Wir k\u00f6nnen zu diesem Zeitpunkt \u2013 die Forschung ist erst am Beginn \u2013 noch nicht vorhersagen, wohin die Reise gehen wird. Wir haben die Ausr\u00fcstung im Gep\u00e4ck, Methoden, Erfahrungen, Theorien, Technologie, wir haben ein \u00fcbergeordnetes Ziel vor Augen, aber der Ausgang ist trotzdem offen. Ergebnisse entstehen erst durch zwischenmenschliche Kommunikation, und sie dienen der Community \u2013 und genau das ist f\u00fcr mich die Faszination von ethnomusikologischer Forschung.<\/p>\n<div class=\"bdaia-separator se-shadow\" style=\"margin-top:30px !important;margin-bottom:30px !important;\"><\/div>\n<p>Cottrell, Stephen und Angela Impey (2018). \u201eCommunity Music and Ethnomusicology\u201c in: <i>The Oxford Handbook of Community Music<\/i>. Herausgegeben von Brydie-Leigh Bartleet und Lee Higgins. Online-Publikation: DOI:10.1093\/oxfordhb\/9780190219505.\u200a013.\u200a12<\/p>\n<p>Nettl, Bruno (2005). <i>The Study of Ethnomusicology<\/i>. <i>Thirty-one Issues and Concepts<\/i>. Urbana\/Chicago, University of Illinois Press.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eOutreach\u201c wird seit etwa 20\u00a0Jahren mit den Begriffen \u201eApplied\u201c oder \u201eEngaged Ethnomusicology\u201c umschrieben. Es ist also f\u00fcr die Ethnomusikologie seit Langem zentral und \u2013 im Gegensatz zu anderen Disziplinen \u2013 nichts Neues, darauf zu achten, dass die Forschung in die Gesellschaft zur\u00fcckwirkt und diese auch in den Forschungsprozess einbezogen wird.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":6036,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1162,1163,1179,1178,279,854],"class_list":["post-6034","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2021-2","tag-communityoutreach","tag-forschungsprojekt","tag-gemeindebau","tag-ethnomusikologie","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6034","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6034"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6034\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6216,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6034\/revisions\/6216"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6036"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6034"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6034"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6034"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}