{"id":5742,"date":"2021-02-24T09:36:16","date_gmt":"2021-02-24T08:36:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=5742"},"modified":"2021-02-24T13:27:38","modified_gmt":"2021-02-24T12:27:38","slug":"aufstand-fuer-die-autonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2021\/02\/24\/aufstand-fuer-die-autonomie\/","title":{"rendered":"Aufstand f\u00fcr die Autonomie"},"content":{"rendered":"<h5>Studierende in Budapest protestieren seit Monaten gegen die politische Einflussnahme an der Universit\u00e4t f\u00fcr Theater- und Filmkunst. Sie fordern mehr Autonomie f\u00fcr ihre Universit\u00e4t. Was genau macht Hochschulautonomie aus und was kann sie gef\u00e4hrden?<\/h5>\n<p>Es ist eine sehr \u00e4sthetische Form des Protests, den die Studierenden der Budapester Universit\u00e4t f\u00fcr Theater- und Filmkunst (SzFE) gew\u00e4hlt haben. Eine Freiluftauff\u00fchrung: Sieben Frauen und f\u00fcnf M\u00e4nner singen Protestlieder gegen die Regierung. Sie singen von Liebe, Freiheit, einer freien Universit\u00e4t. Ihre Aufmachung erinnert ans japanische Kabuki-Theater: kreidewei\u00df geschminktes Gesicht, knallrote Lippen. \u201eWir setzen das ein, was wir w\u00e4hrend des Studiums gelernt haben: wie man Menschen bewegt\u201c, sagt die Aktivistin Dorottya Moln\u00e1r dem deutschen Magazin <i>Zeit Campus<\/i>.<\/p>\n<p>Begonnen haben die Proteste an der SzFE im September des vergangenen Jahres, als die rechtsnationale Regierung von Ministerpr\u00e4sident Viktor Orb\u00e1n der Uni die Autonomie entzog. Sie wurde in eine private Stiftung umgewandelt, die F\u00fchrung \u00fcbernahm ein regierungsnahes Kuratorium. Die bisherige Leitung war de facto entmachtet und trat kollektiv zur\u00fcck. Viele Lehrenden k\u00fcndigten aus Protest ihre Vertr\u00e4ge und Lehrauftr\u00e4ge, Studierende besetzten das Hauptgeb\u00e4ude. Es gab Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmer_innen, Menschenketten in Budapest, eine symbolische Fackel wurde in andere St\u00e4dte getragen. Fotos und Videos, die die Aktionen festhalten, verbreiteten sich unter dem Hashtag #freeszfe in den sozialen Medien. K\u00fcnstler_innen weltweit solidarisieren sich. Was der Protest bewirken soll, erkl\u00e4rt Aktivistin Moln\u00e1r: \u201eWir wollen unsere Autonomie zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_5744\" aria-describedby=\"caption-attachment-5744\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5744 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/post-1_image0-6-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/post-1_image0-6-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/post-1_image0-6-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/post-1_image0-6-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/post-1_image0-6-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/post-1_image0-6-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/post-1_image0-6-850x637.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5744\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Astrid Meixner<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aber was bedeutet der Begriff der Hochschulautonomie \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p>\u201eEinfach gesagt, dass Unis frei von staatlichem Zugriff und auch frei von der G\u00e4ngelung durch die Wirtschaft sind\u201c, sagt Tamara Ehs, Politologin an der Universit\u00e4t Wien. In einer Demokratie sei es essenziell, dass Hochschulen autonom agieren k\u00f6nnen, weil sie eine Kontrollfunktion einnehmen. \u201eSie agieren als Wachhunde und zeigen auf, was im politischen Geschehen falsch l\u00e4uft und wo man korrigierend eingreifen m\u00fcsste.\u201c Ihre Aufgabe sei es, kritisches Denken nicht nur zu lehren, sondern dieses auch selbst \u00fcber die Wissenschaft auszu\u00fcben, so Ehs. \u201eWann immer dieses kritische Denken als st\u00f6rend empfunden wird, wird versucht, es einzuschr\u00e4nken.\u201c \u2013 Wie aktuell in Ungarn. \u201eAutorit\u00e4r regierende Politiker_innen wollen eben keine Kritik und schon gar nicht wollen sie eine Hochschule finanzieren, die gegen ihre Politik argumentiert.\u201c<\/p>\n<p>\u00c4hnlich sieht das Daniela Neubacher, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f\u00fcr den Donauraum und Mitteleuropa. Sie hat sich eingehend mit der Politik der seit 2010 in Ungarn regierenden Fidesz-Partei besch\u00e4ftigt. Die ungarische Regierung ist f\u00fcr die Wissenschaftlerin so etwas wie ein \u201eEnfant terrible\u201c, wenn es um das Thema Hochschulautonomie geht. Das offizielle Ziel der Regierung sei es, die Hochschulen volkswirtschaftlich effizienter zu gestalten \u2013 sie sollen vorwiegend Absolvent_innen hervorbringen, die am Arbeitsmarkt gebraucht werden. Ein solcher Umbau sei grunds\u00e4tzlich \u201enichts spezifisch Ungarisches\u201c, erkl\u00e4rt die Expertin: \u201eWir beobachten in vielen L\u00e4ndern eine zunehmende \u00d6konomisierung der Hochschule.\u201c Der gro\u00dfe Unterschied sei allerdings, dass in Ungarn ein \u201esehr stark politisch-ideologischer Charakter\u201c auszumachen sei. Anders gesagt: \u201eDie christlich-konservative Ausrichtung der Regierung beeinflusst auch die Aufstellung der Universit\u00e4ten.\u201c Liberale Elemente sollten sukzessive entfernt werden.<\/p>\n<p>Begonnen habe die Einflussnahme mit der Vertreibung der Central European University (CEU) aus Budapest, sagt Attila Pausits, Leiter des Departments f\u00fcr Hochschulforschung an der Donau-Universit\u00e4t Krems. 2017 verabschiedete die Regierung ein Gesetz, um die CEU, die als Hort des freien Geistes galt, unter Druck zu setzen, erkl\u00e4rt der in Ungarn geborene Wissenschaftler. Dieses Gesetz sieht vor, dass internationale Universit\u00e4ten nur dann in Ungarn ans\u00e4ssig sein d\u00fcrfen, wenn sie auch in ihrem Heimatland Lehre anbieten. Die in den USA akkreditierte Uni verlegte ihren Campus daraufhin nach Wien. Ein Dorn im Auge war der Orb\u00e1n-Regierung auch das Fach Gender Studies, das kurzerhand verboten wurde. \u201eWas ebenfalls eine eindeutige Beschneidung der Autonomie darstellt\u201c, sagt Pausits. Wenn es darum geht, Hochschulautonomie zu wahren, ist die Freiheit der Lehre n\u00e4mlich essenziell.<\/p>\n<p>Das argumentiert auch die European University Association (EUA) in ihrem 2017 ver\u00f6ffentlichten <i>Autonomy Report<\/i>. Neben der akademischen Autonomie definiert sie finanzielle Autonomie, Autonomie in Personalfragen und organisationale Autonomie als ausschlaggebend. Letzteres bedeutet, dass die Unis \u00fcber ihre akademische und administrative Struktur, ihre F\u00fchrung und Steuerung selbst entscheiden. In dem Bericht analysiert und vergleicht die EUA einzelne europ\u00e4ische L\u00e4nder in den vier genannten Kategorien. L\u00e4nder, die gut abschneiden, sind beispielsweise Finnland, Estland, Luxemburg oder Gro\u00dfbritannien. Ungarn erhielt in allen vier Kategorien eine mittelm\u00e4\u00dfige bis schlechte Beurteilung.<\/p>\n<p>Vor allem kritisiert die EUA die Schaffung einer neuen Position an den Universit\u00e4ten: die des sogenannten \u201eKanzlers\u201c. Er fungiert als eine Art Verwaltungschef, der die Finanzangelegenheiten \u00fcberwacht. Was das Problem daran ist, erkl\u00e4rt Hochschulforscher Pausits: \u201eDer Kanzler ist der verl\u00e4ngerte Arm der Regierung. Seine Arbeit soll sicherstellen, dass die Interessen der Regierung, der Partei, gewahrt bleiben.\u201c<\/p>\n<p>Pausits res\u00fcmiert: \u201eDas, was da in Ungarn gerade passiert, l\u00e4uft den Autonomiebestrebungen der anderen L\u00e4nder diametral entgegen.\u201c Auch die Umwandlung einiger Universit\u00e4ten in private Stiftungen sieht der Experte als Mittel der Einflussnahme. Die Gefahr sei, dass in den Stiftungen vor allem Orb\u00e1n-Vertraute sitzen, wie auch im Falle der SzFE.<\/p>\n<p>Dort wurde das Semester bis Februar ausgesetzt. Eine L\u00f6sung sei derzeit nicht in Sicht und die Fronten sind verh\u00e4rtet, wie Ungarn-Kennerin Neubacher erkl\u00e4rt. Die Regierung spiele auf Zeit, spekuliere darauf, \u201edass sich die schwierige Situation von selbst l\u00f6st und die Studierenden aufgeben\u201c, so Neubacher. \u201eSolange die Proteste nicht auf andere Hochschulen \u00fcberschwappen, gibt es keine Dringlichkeit, rasch zu handeln\u201c, erg\u00e4nzt Hochschulforscher Pausits. Letztlich werde es wohl einige Zugest\u00e4ndnisse seitens der Politik geben. Wirklich gef\u00e4hrlich seien die Proteste f\u00fcr die Regierung aber nicht. Wenn es um den Hochschulsektor geht, habe sie sich bis dato immer durchgesetzt.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Studierende in Budapest protestieren seit Monaten gegen die politi\ufeffsche Einflussnahme an der Universit\u00e4t f\u00fcr Theater- und Filmkunst. Sie fordern mehr Autonomie f\u00fcr ihre Universit\u00e4t. 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