{"id":5472,"date":"2020-11-25T10:00:03","date_gmt":"2020-11-25T09:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=5472"},"modified":"2021-04-14T09:27:48","modified_gmt":"2021-04-14T07:27:48","slug":"voice-science-mdw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/11\/25\/voice-science-mdw\/","title":{"rendered":"voice science @ mdw"},"content":{"rendered":"<h5>K\u00fcrzlich wurden an der mdw das Fach <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/instas\/?PageId=4146\">Stimmforschung<\/a> und eine begleitende Laufbahnstelle neu eingerichtet. Mit dem Wintersemester 2020 starteten nun drei Studierende der mdw ein wissenschaftliches Doktoratsstudium in diesem eigenst\u00e4ndigen Fach. Diese weltweit fast einzigartige Entwicklung bietet Anlass, sich mit der Begrifflichkeit bzw. den entsprechenden Hintergr\u00fcnden und Aufgabenstellungen etwas n\u00e4her zu befassen.<\/h5>\n<figure id=\"attachment_5474\" aria-describedby=\"caption-attachment-5474\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5474\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image0-13-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image0-13-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image0-13-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image0-13-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image0-13-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image0-13-850x1133.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image0-13-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5474\" class=\"wp-caption-text\">Christian T. Herbst \u00a9 Bernhard Haidinger<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eStimmforschung, das ist etwas Medizinisches, oder?\u201c \u2013 So oder \u00e4hnlich reagieren Menschen oft, wenn sie mit dem Terminus konfrontiert werden. Verst\u00e4ndlich, schlie\u00dflich entsteht die Stimme im Hals, also in einem nicht einsehbaren Teil des K\u00f6rpers, in den \u00fcblicherweise nur \u00e4rztliches Fachpersonal Einblick hat. Interessanterweise ist die Thematik aber wesentlich vielschichtiger und l\u00e4sst sich deutlich vom rein medizinisch orientierten Fachbegriff im Rahmen der Phoniatrie bzw. Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde abgrenzen. Das Fach befasst sich schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit der Physiologie und Physik der Stimmproduktion sowie der akustischen Stimmklanganalyse im k\u00fcnstlerischen und didaktischen Kontext des Singens in allen Stilen sowie beim Sprechen im Schauspiel. Stimmforschung ist ein hochinterdisziplin\u00e4res Wissenschaftsgebiet, in das Elemente aus vielen Fachrichtungen einflie\u00dfen, n\u00e4mlich Phonetik, systematische Musikwissenschaft, Nachrichtentechnik, digitale Signalverarbeitung, nicht-lineare Mathematik, Physik (mit Schwerpunkten in Aerodynamik, Mechanik\/Dynamik und Akustik), Biologie, Psychologie sowie Musikermedizin, Phoniatrie und Logop\u00e4die.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5475\" aria-describedby=\"caption-attachment-5475\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5475 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-13-1024x567.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"471\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-13-1024x567.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-13-300x166.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-13-768x425.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-13-1536x850.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-13-2048x1134.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-13-850x470.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5475\" class=\"wp-caption-text\">Visualisierung der spektralen Zusammensetzung des Stimmklanges in einer von Gesangsp\u00e4dagog_innen weltweit eingesetzten Software \u00a9 Bodo Maass<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aufgrund der Vielfalt dieser zu gro\u00dfen Teilen naturwissenschaftlichen Einfl\u00fcsse dr\u00e4ngt sich vielleicht die Frage auf, warum denn dieses Fach an einer Kunstuniversit\u00e4t etabliert wurde. Die Stimmforschung am Antonio Salieri Institut f\u00fcr Gesang und Stimmforschung in der Musikp\u00e4dagogikwidmet sich neben einer grundlagenwissenschaftlichen Aufarbeitung der Thematik vor allem Fragestellungen aus der gesangsp\u00e4dagogischen Praxis. Die im interdisziplin\u00e4ren Kontext gewonnenen Erkenntnisse flie\u00dfen wieder in die Lehre ein. Es geht also langfristig nicht nur um den Wissenserwerb, sondern auch um den Wissenstransfer.<\/p>\n<p>Lehrb\u00fccher und -schriften zur Gesangsp\u00e4dagogik gibt es seit mehreren Jahrhunderten. Die entsprechenden Konzepte sind vielfach erprobt und bew\u00e4hrt. \u201eWozu dann pl\u00f6tzlich eine naturwissenschaftliche Erforschung des Gesanges? Zerst\u00f6rt das nicht die Kunst?\u201c \u2013 Es ist einfach, diese Frage mit einem Nein zu beantworten. Denn hier kann eine ganz klare inhaltliche Abgrenzung gemacht werden, und zwar zwischen der Vortragskunst und Interpretation auf der einen Seite und Stimmbildung im Sinne des Erwerbs stimmtechnischer Fertigkeiten auf der anderen. Stimmforschung bezieht sich mehr oder weniger ausschlie\u00dflich auf die Stimmbildung, und zwar insbesondere auf die physiologisch-muskul\u00e4ren Prozesse im K\u00f6rper, die auf den physikalischen Ebenen der Aerodynamik (hinsichtlich des Atemapparates), der Mechanik (Stimmlippenschwingung) und Akustik (Klangentstehung im Kehlkopf und Klangmodifikation im Rachen und Mundraum) wirken. Weiteres Augenmerk liegt einerseits auf den neuronalen, kognitiven und gegebenenfalls auch psychologischen Rahmenbedingungen der Ansteuerung des Stimmapparates und andererseits auf den psychophysischen Elementen der Stimmklang-Perzeption.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5477\" aria-describedby=\"caption-attachment-5477\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5477\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image3-5-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image3-5-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image3-5-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image3-5-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image3-5-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image3-5-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image3-5-850x637.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5477\" class=\"wp-caption-text\">Im Rahmen der Stimmforschung werden sonst verborgene Prozesse w\u00e4hrend der Stimmproduktion sichtbar gemacht. Hier kommt ein Endoskop zum Einsatz. \u00a9 Christian T. Herbst<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mit anderen Worten: Stimmforschung deckt idealerweise die gesamte kausale Kette von der muskul\u00e4ren Steuerung im Hirn der Interpret_innen bis hin zur Wahrnehmung des Stimmklanges bei den H\u00f6rer_innen ab. Dieses \u201ebig picture\u201c seri\u00f6s zu erforschen, ist ein ambitioniertes langfristiges Ziel, welches sich sicherlich nicht mit ein oder zwei punktuellen Studien erreichen l\u00e4sst. Das 21. Jahrhundert bietet hier aber neben all seinen thematischen Herausforderungen auch gro\u00dfartige Chancen. Insbesondere gibt es die faszinierende M\u00f6glichkeit, die bereits oben erw\u00e4hnten, jahrhundertealten, tradierten Konzepte der Stimmbildung und Gesangsdidaktik mit modernen Untersuchungsmethoden zu evaluieren und zu untermauern.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Freddie Mercury ft. Montserrat Caballe - Barcelona (Live in Olimpiada Cultural)\" width=\"850\" height=\"638\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/7icIbZYvEtk?start=93&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Analog zur modernen Medizin k\u00f6nnten jene oft nur subjektiv bzw. qualitativ beschriebenen Unterrichts- und Trainings-Konzepte n\u00e4mlich im Sinne einer evidenzbasierten Gesangsp\u00e4dagogik auf quantitativ gewonnene Daten und Erkenntnissen aufbauen, also eine Erweiterung des gesangsp\u00e4dagogischen und k\u00fcnstlerischen Handlungsspielraumes auf Basis der gewonnenen Daten erm\u00f6glichen. In diesem Kontext untersucht zum Beispiel eines der Doktoratsprojekte am Antonio Salieri Institut die akustisch-perzeptiven Implikationen des solide tradierten gesangsdidaktischen Begriffes \u201echiaroscuro\u201c im klassischen Gesang und soll aufzeigen, welche physiologischen bzw. muskul\u00e4ren Gesten im Stimmapparat hierf\u00fcr kausal relevant sind.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5478\" aria-describedby=\"caption-attachment-5478\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5478\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image4-4-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image4-4-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image4-4-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image4-4-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image4-4-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image4-4-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image4-4-850x637.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5478\" class=\"wp-caption-text\">Messung und Analyse des akustischen Stimmklanges ist der \u201eStandardansatz\u201c in der Stimmforschung. Manchmal m\u00fcssen invasivere Methoden angewendet werden, wie zum Beispiel die Messung der Vokaltraktgeometrie mittels Magnetresonanztomografie. \u00a9 Christian T. Herbst<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Frage nach dem praktischen Nutzen eines derartigen Wissensgewinnes ist leicht erkl\u00e4rt. Hinsichtlich der Gesangsp\u00e4dagogik gibt es einen klaren Unterschied zwischen dem Wissen, das ben\u00f6tigt wird, um gut zu singen, und dem Wissen, das ben\u00f6tigt wird, um jemandem zu helfen, gut zu singen (Gill &amp; Herbst, 2016). Neben gut fundierten physiologischen \u00dcbungs-Interventionen st\u00fctzt sich die herk\u00f6mmliche Gesangsp\u00e4dagogik unter anderem zu Recht auch auf etablierte Modelle des Imitationslernens. In vielen F\u00e4llen ist das ausreichend und f\u00fchrt zu guten Ergebnissen. Im Fall von vermeintlich \u201eunbegabten\u201c S\u00e4nger_innen oder zur weiteren Verbesserung der Effizienz von bereits gut etablierten Methoden kann aber neu gewonnenes Hintergrundwissen und -verstehen durchaus hilfreich sein und vor allem die M\u00f6glichkeiten der stimmtechnischen Diagnostik verbessern. Das entsprechende Wissen richtet sich typischerweise an P\u00e4dagog_innen und nicht an die auszubildenden S\u00e4nger_innen. In diesem Sinn versteht sich die Stimmforschung als \u201eZuarbeiter\u201c f\u00fcr die Stimm- und Gesangsp\u00e4dagogik, ohne in bereits bestehendes Gutes eingreifen zu wollen.<\/p>\n<p><b>Literatur:<\/b><\/p>\n<p>Gill, B. P. and Herbst, C. T. (2016) \u201eVoice Pedagogy \u2013 What do we need?\u201c, Logopedics Phoniatrics Vocology, 41(4), S. 168\u201373. DOI: 10.3109\/14015439.\u200a2015.\u200a1079234 [<a href=\"https:\/\/mdw.ac.at\/instas\/voiceScience\/VoiceScience.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">mdw.ac.at\/instas\/voiceScience\/VoiceScience.pdf<\/a>]\n<p><a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/sounds\/play\/p03s95h5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Christian Herbst bei BBC<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Christian T. Herbst zu Gast im mdwPodcast:<\/strong><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Spotify Embed: Stimme \u2013 die geheimnisvolle Sch\u00f6nheit\" width=\"100%\" height=\"232\" allowtransparency=\"true\" frameborder=\"0\" allow=\"encrypted-media\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed-podcast\/episode\/07xLvBd8FTFwKJeXf9x17i?si=4132ea21e6334e25\"><\/iframe><\/p>\n<div id=\"gtx-trans\" style=\"position: absolute; left: 1155px; top: 922.344px;\">\n<div class=\"gtx-trans-icon\"><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich wurden an der mdw das Fach Stimmforschung und eine begleitende Laufbahnstelle neu eingerichtet. Mit dem Wintersemester 2020 \ufeff\ufeffstarteten nun drei Studierende der mdw ein wissenschaftliches Doktoratsstudium in diesem eigenst\u00e4ndigen Fach. 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