{"id":5465,"date":"2020-11-25T10:02:34","date_gmt":"2020-11-25T09:02:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=5465"},"modified":"2020-12-10T18:08:08","modified_gmt":"2020-12-10T17:08:08","slug":"bye-bye-fluechtlingslager","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/11\/25\/bye-bye-fluechtlingslager\/","title":{"rendered":"Bye-bye \u2026 Refugee Camps!"},"content":{"rendered":"<h1>Zerr\u00fcttete Leben, ungeh\u00f6rte Lieder<\/h1>\n<p>Am 8. September 2020 brach im gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Lager f\u00fcr Gefl\u00fcchtete auf der griechischen Insel Lesbos, auch bekannt als die H\u00f6lle von Moria ein verheerender Brand aus. Die Flammen w\u00fcteten drei Tage lang und als das Feuer gel\u00f6scht war, war vom Lager nichts mehr \u00fcbrig und 13.000 Bewohner_innen blieben v\u00f6llig mittellos zur\u00fcck. Der Brand war wenige Tage, nachdem die griechische Regierung angek\u00fcndigt hatte, das Lager von Moria wegen Covid-19 unter Quarant\u00e4ne stellen zu wollen, und nachdem auch schon die Absicht erkl\u00e4rt worden war, alle Lager in geschlossene Anhaltezentren umzuwandeln, gelegt worden. Moria wurde 2015 als Erstaufnahmelager f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, die Lesbos auf Booten erreichten, errichtet. Es sollte 3.000 Menschen aufnehmen k\u00f6nnen. Mit dem EU-T\u00fcrkei-Abkommen im Jahr 2016 (auch bekannt als &#8222;Fl\u00fcchtlingsdeal&#8220;), wurden gefl\u00fcchtete Menschen fortan dazu gezwungen, auf den griechischen Inseln so lange zu verweilen, bis ihr Asylantrag bearbeitet worden war. Das f\u00fchrte dazu, dass das Lager rasant wuchs und schlussendlich um die 13.000 Menschen unter miserablen Bedingungen darin lebten. Sie mussten dort unter schlechten hygienischen Bedingungen hausen, hatten keinen Zugang zu Trinkwasser und besonders gef\u00e4hrdete Personen waren dort nicht sicher. Im Laufe der letzten f\u00fcnf Jahre starben in Moria viele Menschen aufgrund von K\u00e4lte, Unf\u00e4llen, mangelnder medizinischer Versorgung und gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen zwischen Banden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5468\" aria-describedby=\"caption-attachment-5468\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5468\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-12-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-12-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-12-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-12-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-12-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-12-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-12-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5468\" class=\"wp-caption-text\">Slogans auf der Mauer des Lagers Softex in Thessaloniki, 2016 \u00a9 Ioannis Christidis<\/figcaption><\/figure>\n<p>W\u00e4hrend die Flammen w\u00fcteten, streamten viele Gefl\u00fcchtete den Brand mithilfe ihrer Handys live mit. In einem dieser Videos h\u00f6rt man, wie eine Person fr\u00f6hlich singend skandiert: \u201eBye-bye Moria!\u201c Das nahmen viele griechische Fernsehmoderator_innen zum Anlass, Gefl\u00fcchtete erneut anzugreifen: \u201eWie k\u00f6nnen sie es wagen! Nicht nur haben sie den Zufluchtsort abgebrannt, den wir f\u00fcr sie gebaut hatten, sondern sie singen auch noch dar\u00fcber!\u201c Obwohl nach wie vor ungekl\u00e4rt ist, wer das Feuer im Lager von Moria gelegt hat, wurde das Singen als Beweis f\u00fcr die Schuld der Gefl\u00fcchteten instrumentalisiert. Denn es war f\u00fcr all jene, die die sozio-politische Ausgrenzung und Entmenschlichung von Gefl\u00fcchteten vorangetrieben hatten, und das dabei aber als \u201eWillkommenskultur\u201c und Schutz angepriesen hatten, ein Schlag ins Gesicht. Angesichts des asymmetrischen Machtverh\u00e4ltnisses, das das internationale Recht mit sich bringt \u2013 gefl\u00fcchteten Menschen wird das Recht abgesprochen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten, sie sind von humanit\u00e4rer Hilfe abh\u00e4ngig und werden in Lagern zunehmend vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten \u2013 kann im Lager gegen diese Missst\u00e4nde heiter Anzusingen als Akt des Widerstandes angesehen werden. Als eine Zur\u00fcckgewinnung des eigenen Rechts, politisch agieren zu d\u00fcrfen, des Rechts, geh\u00f6rt zu werden. Musik wird so zu einem unmittelbaren Medium, um Freiheit und Menschenw\u00fcrde zu leben und zu feiern, wenn alle anderen M\u00f6glichkeiten politischen Ausdrucks verunm\u00f6glicht sind.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5469\" aria-describedby=\"caption-attachment-5469\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5469\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image2-5-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image2-5-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image2-5-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image2-5-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image2-5-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image2-5-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image2-5-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5469\" class=\"wp-caption-text\">Protestierende Gefl\u00fcchtete singen vor dem Gefangenenlager von Paranesti, Nordgriechenland, 2016 \u00a9 Ioannis Christidis<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dies ist eine zentrale Hypothese meines PhD-Forschungsprojekts im Fach Ethnomusikologie am Music and Minorities Research Center, das den Titel <i>Hurriya, Azadi, Freedom Now! Music in the experience of forced migration from Syria to European borderlands<\/i> tr\u00e4gt, und die changierenden Funktionen, Bedeutungen und soziopolitischen Implikationen musikalischer Darbietungen syrischer Gefl\u00fcchteter und Vertriebener im Zuge ihrer Flucht und Umsiedlung in Europa untersucht. Ausgehend von meiner Dokumentation musikalischer Performances im Sommer 2016 (in der nordgriechischen Stadt Thessaloniki, vor einem \u00e4hnlichen Hintergrund von Protesten Gefl\u00fcchteter gegen ihre aufgezwungene Immobilit\u00e4t in menschenunw\u00fcrdigen Lagern) untersuche ich die unterschiedlichen musikalischen Strategien, die von syrischen Gefl\u00fcchteten und Vertriebenen verwendet wurden, als sich am Ziel ihrer Flucht, in Europa, diskriminierenden Ma\u00dfnahmen ausgesetzt sahen. Von der Ausrichtung der angewandten Ethnomusikologie inspiriert, m\u00f6chte ich im Musikschaffen syrischer Gefl\u00fcchteter die Potenziale, die ihre soziopolitische Inklusion unterst\u00fctzen k\u00f6nnen, aufzeigen und st\u00e4rken. Somit ist es mein Ziel, ethnomusikologisches Wissen in der Praxis umzusetzen.<\/p>\n<p>\u201eHurriya, Azadi, Freedom now!\u201c war einer der Slogans, die in den Stra\u00dfen Thessalonikis erklangen, als gesungen und getanzt wurde. \u201eHurriya\u201c auf Arabisch und \u201eAzadi\u201c auf Persisch bedeuten Frieden. Junge Protestierende, Bewohner_innen von Lagern f\u00fcr Gfl\u00fcchtete, haupts\u00e4chlich syrisch-arabischer Abstammung, nutzten die Lautsprecher, die von lokalen Aktivist_innen aufgebaut worden waren, und spielten damit ihre Musik ab. Ein flotter Beat begleitet von Gesang und Synthesizersounds, die den Klang der traditionellen syrische Fl\u00f6te namens Midschwiz nachahmten, f\u00fcllte Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze. Die jungen M\u00e4nner versammelten sich zu einem Kreis und begannen den Dabke zu tanzen, ein im Nahen Osten beliebter Volkstanz, der in Syrien bei Festen und Feiern wie zum Beispiel Hochzeiten g\u00e4ngig ist, aber auch bei den Protesten der syrischen Revolution von 2011 getanzt wurde. Andere junge M\u00e4nner schnappten sich ein Mikrofon und sangen f\u00fcr die Demonstrant_innen arabische Lieder \u00fcber die Revolution, den Krieg und ihr Leben als Gefl\u00fcchtete: \u201eWir bleiben hier, damit der Schmerz abebbt. Hier werden wir leben und die Musik wird lieblicher sein!\u201c<span id='easy-footnote-1-5465' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/11\/25\/bye-bye-fluechtlingslager\/#easy-footnote-bottom-1-5465' title='\u00dcbersetzung des Liedtextes des Songs \u201eSawfa Nabqa Huna\u201c ([AR]: \u0633\u0648\u0641 \u0646\u0628\u0642\u064a \u0647\u0646\u0627 , [DE]: Wir bleiben hier).'><sup>1<\/sup><\/a><\/span>\n<p>Abgesehen von den Demonstrationen, fanden diese jungen M\u00e4nner, die ihre Flucht meist alleine angetreten hatten und kinderlos waren, andere Wege, um dem eint\u00f6nigen Alltag im Lager zu entkommen. Sie versammelten sich in Zelten, um gemeinsam zu singen, sie organisierten Tanzveranstaltungen f\u00fcr Kinder oder Wettbewerbe wie &#8222;Refugees got Talent&#8220; und nahmen an Veranstaltungen, wie bspw. Theaterproduktionen, teil, die es ihnen erm\u00f6glichten, Anschluss an das gesellschaftliche Leben in der Stadt zu finden. Zugleich konnten gefl\u00fcchtete LGBTIQ-Personen mit der Hilfe von lokalen Aktivist_innengruppen aus den Lagern entkommen. Die Formen von deren musikalischem Ausdruck waren haupts\u00e4chlich Bauchtanz und Drag-Shows, diese fanden in gesch\u00fctzten R\u00e4umen der queeren Community Thessalonikis statt. Und f\u00fcr manche Gefl\u00fcchtete waren auch das Internet und die sozialen Medien ein wichtiges Fenster zur Welt, wodurch sie ihre Musik und ihre aktivistischen T\u00e4tigkeiten der Au\u00dfenwelt mitteilen konnten.<\/p>\n<p>Syrische Gefl\u00fcchtete in Thessaloniki hatten also, wie vielleicht auch jene Menschen, die zusahen, wie Moria niederbrannte, unterschiedliche Wege gefunden, um wieder selbstbestimmter zu leben. Angesicht des Schmerzes und der Erniedrigungen zu singen und zu tanzen war eine dieser Strategien. Entgegen der \u00fcblichen \u00f6ffentlichen Darstellungen sind Gefl\u00fcchtete nicht &#8222;stumm&#8220;. Sie haben eine Stimme, aber diese wird ihnen allzu oft abgesprochen und durch rassistische Politiken und Einstellungen entwertet. Ich glaube, dass die Rolle einer sozial verantwortlich agierenden ethnomusikologischen Forschung \u00fcber Musik von Gefl\u00fcchteten, abgesehen von der Dokumentation, Analyse und dem Erschlie\u00dfen dieser musikalischen Darbietungen, jene sein muss, als &#8222;Sprachrohr&#8220; und &#8222;Verst\u00e4rker&#8220; zu dienen und somit ein Medium zu sein, das die Stimmen und die Musik von gefl\u00fcchteten Menschen mit dem Rest der Welt teilt, damit wir eines Tages gemeinsam gegen alle H\u00f6llen ansingen k\u00f6nnen: \u201eBye-bye Moria! Bye-bye Refugee camps!\u201c<\/p>\n<p>Mehr Informationen zum Forschungsprojekt finden Sie unter: <a href=\"https:\/\/musicandminorities.org\/research\/projects\/music-in-the-experience-of-forced-migration\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">musicandminorities.org\/research\/projects\/music-in-the-experience-of-forced-migration<\/a><\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung ins Deutsche: Stefania Schenk Vitale<\/em>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8. September \ufeff2020 brach im gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos, auch bekannt als die H\u00f6lle von Moria ein verheerender Brand aus. 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