{"id":5386,"date":"2020-11-25T09:46:10","date_gmt":"2020-11-25T08:46:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=5386"},"modified":"2020-11-25T10:40:27","modified_gmt":"2020-11-25T09:40:27","slug":"transistorradio-revisited","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/11\/25\/transistorradio-revisited\/","title":{"rendered":"Transistorradio revisited"},"content":{"rendered":"<h5>Wie klingt das neue Future Art Lab der mdw? An welchen Metaphern haben sich <a href=\"https:\/\/www.pxt.at\/projekte\/future-art-lab\">Pichler &amp; Traupmann Architekten<\/a> im Entwurfsprozess orientiert? Und wie schafft man in so einem Geb\u00e4ude die perfekte Symbiose aus visueller und akustischer Sinnlichkeit? Ein Gespr\u00e4ch mit den beiden Architekten Christoph Pichler und Johannes Traupmann.<\/h5>\n<p>Wir sitzen hier in Ihrem Besprechungszimmer, an der Wand h\u00e4ngen Wettbewerbs-Renderings des FAL aus dem Jahr 2014. Inwiefern hat sich das Projekt in all der Zeit ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p><b>Johannes Traupmann (JT):<\/b> Eigentlich sehr wenig. In den Wettbewerbsunterlagen haben wir das Future Art Lab damals noch als wei\u00dfes, abstraktes Gebilde dargestellt, ohne dabei die farbliche und materielle Charakteristik des Geb\u00e4udes n\u00e4her zu definieren. Man sieht gut, dass wir die Umgebung damals als warmes, goldenes Herbstrauschen dargestellt haben. Heute sieht es fast so aus, als w\u00e4re die Stimmung der umliegenden H\u00e4user und B\u00e4ume im Laufe der Jahre vom Future Art Lab regelrecht aufgesogen worden. Das Haus wirkt warm und schimmert in sch\u00f6nen, goldigen Herbstfarben.<\/p>\n<p>Die Ausschreibung war recht komplex, das Raumprogramm ziemlich umfangreich, mit hohen technischen Vorgaben. Wie n\u00e4hert man sich so einem Projekt? Wie kriegt man die technische Pflicht und die musische K\u00fcr in den Griff?<\/p>\n<p><b>Christoph Pichler (CP):<\/b> Indem man mit der musischen K\u00fcr beginnt! Nat\u00fcrlich ist so ein Entwurfsprozess ein permanentes Hin und Her, aber wir finden unseren prim\u00e4ren Ansatz immer, indem wir uns zun\u00e4chst einmal mit der konzeptuellen, sinnlichen Komponente von Architektur auseinandersetzen, bevor wir damit anfangen, das geforderte Raum- und Funktionsprogramm unterzubringen.<\/p>\n<p>Eine der wichtigsten Anforderungen war, die Sonderr\u00e4ume wie etwa Konzertsaal, Klangtheater, Aufnahmesaal und Kino schalltechnisch vom Geb\u00e4ude zu entkoppeln. Wie haben Sie das gemacht?<\/p>\n<p><b>CP:<\/b> Im Gro\u00dfen und Ganzen haben wir die akustischen Klangr\u00e4ume zu einem Turm \u00fcbereinandergestapelt. Damit ist es uns gelungen, das akustische Herz des Geb\u00e4udes zu b\u00fcndeln und von Unterrichts- und Verwaltungsr\u00e4umen zu entkoppeln.<\/p>\n<p><b>JT:<\/b> Was die bauphysikalischen Anforderungen betrifft, so haben wir in Zusammenarbeit mit dem B\u00fcro M\u00fcller-BBM alle akustischen St\u00fcckln gespielt, die es gibt: Raum-in-Raum-Konstruktion mit doppelschaligen Stahlbetonw\u00e4nden, dazwischenliegende Schalld\u00e4mmung, akustische Entkoppelung mit Luft und Sylomer-Lager, damit sich ja kein Luft- und K\u00f6rperschall durchs Geb\u00e4ude fortpflanzt, sowie innenliegende Aufdoppelungen in Holz- und Trockenbauweise.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5389\" aria-describedby=\"caption-attachment-5389\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5389\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-5-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-5-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-5-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-5-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-5-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-5-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/post-1_image1-5-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5389\" class=\"wp-caption-text\">Christoph Pichler &amp; Johannes Traupmann \u00a9 Oskar Schmidt<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>CP:<\/b> Au\u00dferdem haben wir versucht, keine Unterrichtsr\u00e4ume direkt neben einem Konzertsaal zu situieren, sondern nach M\u00f6glichkeit Gang- und Allgemeinfl\u00e4chen als Pufferzone dazwischenzuschalten. Das Sch\u00f6ne ist, dass wir bei diesem Projekt selbst viel Neues dazugelernt haben. Beispielsweise mussten wir das Klangtheater so gestalten, dass es f\u00fcr ein bestimmtes Audiowiedergabe-Verfahren \u2013 f\u00fcr die sogenannte Wellenfeldsynthese (WFS) \u2013 geeignet ist. Eine spannende Aufgabe!<\/p>\n<p>Die S\u00e4le unterscheiden sich stark voneinander, wirken mal warm und gem\u00fctlich, mal d\u00fcster und dramatisch. Welche Idee steckt da dahinter?<\/p>\n<p><b>JT:<\/b> Die S\u00e4le dienen ja unterschiedlichen Nutzungen, sind mal klassischer Konzertsaal, mal Aufnahmestudio, mal Experimentalb\u00fchne. Ein Konzertsaal verlangt in erster Linie nach reflektierenden Fl\u00e4chen, w\u00e4hrend ein Aufnahmestudio in vielen Bereichen mit Absorbern ausgekleidet werden muss. Das schl\u00e4gt sich nat\u00fcrlich auch in der Architektur nieder \u2013 beispielweise, indem wir den Aufnahmesaal wie eine Holzschatulle mit akustisch wirksamen Holzfl\u00e4chen gestaltet haben. Der perfekte Klang, den man anstrebt, gibt viel vor.<\/p>\n<p>Von allen Sinnen arbeitet die Architektur am st\u00e4rksten mit der visuellen Wahrnehmung. Hier jedoch dreht sich alles ums H\u00f6ren. Wie schafft man als Architekt diese Unterordnung?<\/p>\n<p><b>JT:<\/b> Raumerfahrung besteht ja nicht nur aus Sehen, sondern auch aus Tasten, Riechen und H\u00f6ren. Es geht um das sinnliche Gesamterlebnis. Wir sehen das \u00fcberhaupt nicht als Unterordnung, sondern als einen essenziellen Teil von Architektur. So, wie wir eine visuelle Vorstellung eines Raumes haben, stellen wir uns den Raum auch akustisch und olfaktorisch vor. F\u00fcr die Details holen wir uns dann Akustikexpert_innen ins Boot.<\/p>\n<p><b>CP:<\/b> Die akustische Komponente eines Raumes ist architektonisch betrachtet ebenso spannend wie die visuelle. Manchmal, wenn ich eine Kirche oder einen Konzertsaal betrete, klatsche ich kr\u00e4ftig in die H\u00e4nde, um zu h\u00f6ren, wie das Geb\u00e4ude klingt.<\/p>\n<p>Gibt es auch so etwas wie eine Symbiose aus Sehen und H\u00f6ren?<\/p>\n<p><b>CP:<\/b> Ja, und zwar liegt die Gemeinsamkeit in der Physik. Sowohl Licht als auch Schall breiten sich \u00fcber Schwingungen aus. Im Film fallen diese Schwingungen zu einem gemeinsamen Produkt zusammen: In den alten Filmrollen beispielsweise wurde die Tonspur urspr\u00fcnglich mit Licht abgenommen. Wir haben uns an diesen Schwingungen orientiert und haben dieses charakteristische Sujet als Sichtschutz auf die Glasw\u00e4nde im Geb\u00e4ude appliziert.<\/p>\n<p>Haben Sie einen Lieblingsraum, eine Lieblingsecke im Haus?<\/p>\n<p><b>CP:<\/b> Oh ja! Mein liebster Blick ist, wenn man in der Filmakademie im Halbgescho\u00df steht und zum Foyer hochschaut und dabei die gesamte diagonale Erschlie\u00dfungsachse \u00fcberblickt.<\/p>\n<p><b>JT:<\/b> Sehr dramatisch! Das sehe ich auch so. Ab und zu schimmert eine auberginefarbene Wandfl\u00e4che durch, die anzeigt, wo sich im Haus die akustischen Sonderr\u00e4ume wie etwa das Klangtheater befinden. F\u00fchlt sich an, als w\u00fcrde man in einer Zeichnung von M.\u00a0C.\u00a0Escher stehen! Abgesehen vom Innenraum blicke ich gerne auf die Fassade, die sich dynamisch ums Eck biegt.<\/p>\n<p>Die Lamellen vor den Fenstern sind sehr auffallend. Man muss dabei an Saiten, Tasten, Notenlinien denken. Welches Zitat steckt denn tats\u00e4chlich dahinter?<\/p>\n<p><b>JT:<\/b> Sch\u00f6n, wenn man beim Blick auf die Fassade all diese Assoziationen hat. Das freut uns sehr! Die Realit\u00e4t ist eine viel funktionellere: Die eine Fassade blickt Richtung S\u00fcden, wo man die hochstehende Mittagssonne abschatten muss \u2013 also horizontal. Die anderen Fassaden liegen im Osten und Westen, wo man die tief stehende Sonneneinstrahlung minimieren muss \u2013 also vertikal.<\/p>\n<p>Und im dramatisch gestalteten Eckbereich, wo sich der \u00dcbergang von den vertikalen auf die horizontalen Lamellen befindet?<\/p>\n<p><b>JT:<\/b> Da haben wir eine geometrische, kontinuierliche Form gesucht, um den \u00dcbergang nicht allzu abrupt erscheinen zu lassen.<\/p>\n<p><b>CP: <\/b>Eine sch\u00f6ne Inspirationsgrundlage daf\u00fcr waren alte Transistorradios und Juke-Boxes, wie man sie aus den F\u00fcnfziger- oder Sechzigerjahren kennt. Diese Apparat-Anmutung eines elektroakustischen Ger\u00e4ts mit hartem Geh\u00e4use und linearen Lautsprecher-\u00d6ffnungen hat uns von Anfang an fasziniert.<\/p>\n<p>Warum gerade in dieser Farbe?<\/p>\n<p><b>CP: <\/b>Wir wollten uns an Musikinstrumenten orientieren, das Geb\u00e4ude aber gleichzeitig nicht zu messinghaft und zu trompetenm\u00e4\u00dfig erscheinen lassen. Ein guter Kompromiss ist dieser herbstliche Champagner-Ton.<\/p>\n<p>Abschlussfrage: Wie klingt das Future Art Lab?<\/p>\n<p><b>CP: <\/b>F\u00fcr mich klingt der Campus nach einem wilden Zusammenspiel, nach einem dissonanten Klangteppich, der aus den R\u00e4umen und Instituten ins Campusareal hinausdringt.<\/p>\n<p><b>JT:<\/b> Ich denke an die Nouvelle Cuisine Big Band \u2013 konkret vielleicht sogar an das Album <i>Mozart Revisited<\/i>, das vor einigen Jahren erschienen ist. Es geht um das Weiterdenken und Weiterentwickeln einer scheinbar l\u00e4ngst bekannten, bestens vertrauten Musik, die dann doch zu unglaublichen \u00dcberraschungen f\u00fchrt.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie klingt das neue Future Art Lab der mdw? An welchen Metaphern \ufeffhaben sich Pichler &amp; Traupmann Architekten im Entwurfsprozess orientiert? Und wie schafft man in so einem Geb\u00e4ude die perfekte Symbiose aus visueller und akustischer Sinnlichkeit? Ein Gespr\u00e4ch mit den beiden Architekten Christoph Pichler und Johannes Traupmann.<\/p>\n","protected":false},"author":220,"featured_media":5388,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1080,1111,1112,1098,1114,1113],"class_list":["post-5386","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2020-4","tag-architects","tag-architecture","tag-futureartlab","tag-newbuilding","tag-wojciechczaja"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5386","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/220"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5386"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5386\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5625,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5386\/revisions\/5625"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5388"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5386"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5386"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5386"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}