{"id":5163,"date":"2020-09-29T11:46:22","date_gmt":"2020-09-29T09:46:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=5163"},"modified":"2020-11-20T17:12:50","modified_gmt":"2020-11-20T16:12:50","slug":"es-braucht-mut-um-die-komfortzone-zu-verlassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/09\/29\/es-braucht-mut-um-die-komfortzone-zu-verlassen\/","title":{"rendered":"\u201eEs braucht Mut, um die ,Komfortzone\u2018 zu verlassen!\u201c"},"content":{"rendered":"<h5>Das neue Studienjahr 2020\/21 an der mdw erlebt die Geburt eines neuen <a href=\"https:\/\/mdw.ac.at\/altemusik\/\">Instituts f\u00fcr Alte Musik<\/a>. Ein Gespr\u00e4ch mit dem Leiter Stefan Gottfried und dem stellvertretenden Leiter Eug\u00e8ne Michelangeli \u00fcber ihren Zugang zur historisch informierten Auff\u00fchrungspraxis und die ersten Vorhaben der neuen Einrichtung.<\/h5>\n<p>Wie alt ist eigentlich der Begriff Alte Musik, und warum ist er entstanden?<\/p>\n<p><b>Eug\u00e8ne Michelangeli (EM)<\/b>: Ich gehe davon aus, dass es immer eine \u00e4ltere Musik gab, die man Alte Musik h\u00e4tte nennen k\u00f6nnen. Was ich heute darunter verstehe, ist eine Musik, die dem klassischen Kanon nicht entspricht, weil sie zum Beispiel aus einer fr\u00fcheren Zeit ist oder ein starkes Bed\u00fcrfnis nach besonderem Instrumentarium oder un\u00fcblichen Spieltechniken hervorruft.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5165\" aria-describedby=\"caption-attachment-5165\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5165\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-19-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-19-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-19-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-19-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-19-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-19-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-19-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5165\" class=\"wp-caption-text\">Stefan Gottfried \u00a9 Wolf-Dieter Grabner<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>Stefan Gottfried (SG)<\/b>: Der Gedanke, dass Musik irgendwann \u201ealt\u201c wird, zieht sich durch die ganze abendl\u00e4ndische Musikgeschichte. Das \u201eNeue\u201c war immer das Interessante, stand aber oft im Widerspruch zu konservativen, meist von der Kirche vertretenen Tendenzen. Daneben war \u201ealte\u201c Musik immer auch fester Bestandteil des Musiklebens. Das Interesse f\u00fcr vergangene Musik im gro\u00dfen Stil war aber dem 19. Jahrhundert vorbehalten, in dem neben Mendelssohns legend\u00e4rer Wiederauff\u00fchrung von Bachs <i>Matth\u00e4uspassion<\/i> auch die entstehenden Gesamtausgaben u.\u2009a. von Sch\u00fctz, Bach und H\u00e4ndel das gro\u00dfe Interesse und auch das Bed\u00fcrfnis nach Identifikation mit der eigenen Tradition widerspiegelten. Alte Musik im heutigen Verst\u00e4ndnis ist aber ein Begriff des 20. Jahrhunderts und meint damit einen ganz speziellen Zugang: n\u00e4mlich der Versuch, sich der Musik \u00fcber die Besch\u00e4ftigung mit Quellen und dem damals verwendeten Instrumentarium und seiner Spieltechnik, so wie sie gedacht und geh\u00f6rt wurde, anzun\u00e4hern. Voraussetzung einer solchen Herangehensweise ist die \u00dcberzeugung, dass Musik zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich empfunden wurde und daf\u00fcr unterschiedliche Klangmittel ben\u00f6tigte und dass ein Sich-darauf-Einlassen das eigene Musizieren bereichert und vertieft. Man taucht darin ein und entdeckt so die Diversit\u00e4t der \u201eklassischen\u201c Musik Europas. Man beginnt dabei, neue musikalische \u201eSprachen\u201c zu lernen und sich darin auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Warum gibt es eigentlich in der \u201ehistorischen\u201c Auff\u00fchrungspraxis so gegens\u00e4tzlich klingende Interpretationen, wenn sich doch alle auf dieselben historischen Quellen beziehen?<\/p>\n<p><b>SG<\/b>: Das ist eine ganz wesentliche Frage und hat vielschichtige Gr\u00fcnde. Prinzipiell kann man sagen, dass sich Menschen in jeder Sprache ganz unterschiedlich und unverkennbar ausdr\u00fccken, obwohl sich alle an die gleichen grammatikalischen Regeln halten. Genauso in der Musik \u2013 vor allem in einer Epoche, die ihr musikalisches Tun ganz analog zur Sprache verstanden hat und f\u00fcr die das \u201eReden mit T\u00f6nen\u201c selbstverst\u00e4ndlich war. Ein anderer Grund ist nat\u00fcrlich der, dass man wie in jeder historischen Forschung immer nur ein sehr unvollst\u00e4ndiges Bild vergangener Wirklichkeiten gewinnen kann. Das wird erst recht zum Problem in einem Feld, wo es um die Erforschung von Klang-Wirklichkeiten geht. Da kann jede schriftliche Quelle nur sehr begrenzt Aufschluss geben. Das \u00e4ndert sich schlagartig in der romantischen Auff\u00fchrungspraxis-Forschung, wo fr\u00fche Klangdokumente einen ganz anderen Erkenntnisgewinn erm\u00f6glichen. Schlie\u00dflich taucht nicht nur in der \u201eSchlamperei der Tradition\u201c, wie Mahler das einmal formulierte, sondern auch in der Historischen-Auff\u00fchrungspraxis-Bewegung das Ph\u00e4nomen auf, dass manche sehr gut dokumentierte Aspekte nicht umgesetzt werden. Ein Beispiel: Man wei\u00df von zwei H\u00e4ndel-Oratorien, wie lange H\u00e4ndel selbst daf\u00fcr gebraucht hat (er hat es in seine Dirigierpartitur eingetragen). Trotzdem sind alle g\u00e4ngigen Aufnahmen, auch aus dem Bereich der Alten Musik, weit entfernt davon; sie ben\u00f6tigen alle viel mehr Zeit. Da schafft man es eindeutig nicht, an das Tempogef\u00fchl eines Komponisten anzukn\u00fcpfen; f\u00fcr uns musiziert H\u00e4ndel anscheinend viel zu schnell. Das gibt schon sehr zu denken, und es entsteht die Frage, wie weit man sich heute wirklich darauf einlassen will und kann. Da fehlt es oft an der \u00dcberzeugung und dem Mut, alte Gewohnheiten (auch in der Alten-Musik-Szene) aufzugeben und die \u201eKomfortzone\u201c zu verlassen.<\/p>\n<p><b>EM<\/b>: Die historische Auff\u00fchrungspraxis ist eine Anschauung, eine Denkweise, die sicher keine fertige, absolute Wahrheit liefert. Man sollte daraus keine homogene Produktion erwarten, sondern hoffen, dass die Interpret_innen so wahrhaftig wie m\u00f6glich diesen Weg einschlagen, und dabei weiterhin immer neue Erkenntnisse gewinnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5166\" aria-describedby=\"caption-attachment-5166\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5166\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-18-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-18-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-18-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-18-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-18-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-18-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-18-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5166\" class=\"wp-caption-text\">Eug\u00e8ne Michelangeli \u00a9 Julian Tapprich<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was soll das neue Institut f\u00fcr Alte Musik an der mdw leisten? Auf welche bestehenden Strukturen am Haus kann es sich st\u00fctzen?<\/p>\n<p><b>EM<\/b>: Alte Musik ist seit den Anf\u00e4ngen unserer Ausbildungsst\u00e4tte ein Begriff. Die Gr\u00fcndung eines neuen, ganz diesem Bereich gewidmeten Instituts, ist eine wichtige Voraussetzung, um eine weitere Entwicklung zu erm\u00f6glichen. Es geht darum, alle Kr\u00e4fte der Universit\u00e4t in diesem Gebiet zu b\u00fcndeln und zu erweitern, um die Exzellenz der mdw auch in diesem Feld weltweit greifbar zu machen.<\/p>\n<p><b>SG<\/b>: Das Institut f\u00fcr Alte Musik soll Kompetenzzentrum und Schnittstelle f\u00fcr alle Alte-Musik-Aktivit\u00e4ten an der mdw sein. Dabei sollen die vielf\u00e4ltigen Verbindungen u.\u2009a. mit der Interpretationsforschung, den Instrumentalinstituten, der Kirchenmusik, den S\u00e4nger_innen und Dirigent_innen sowie der Musikp\u00e4dagogik intensiviert und erweitert werden. Das Sch\u00f6ne ist, dass es in vielen Bereichen gro\u00dfes Interesse daf\u00fcr gibt und auch das Bewusstsein w\u00e4chst, dass in der scheinbar so fixierten \u201eKlassik\u201c unterschiedliche Klangkonzepte der Musik guttun.<\/p>\n<p>Was sind f\u00fcr die erste Zeit Ihre wichtigsten Vorhaben und Projekte?<\/p>\n<p><b>EM<\/b>: Grundlegend sind Pflege und Aufbau unserer Beziehungen zu den anderen Organisationseinheiten der mdw. Eine gro\u00dfe St\u00e4rke unserer Universit\u00e4t ist ihre Vielfalt. Wir wollen versuchen, uns innerhalb dieses wunderbaren Gew\u00e4chs so dicht wie m\u00f6glich zu vernetzen, um gemeinsam gut arbeiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>SG<\/b>: In diesem Studienjahr stehen folgende Projekte auf dem Programm: Wir gestalten im M\u00e4rz einen Auftritt im Gl\u00e4sernen Saal des Musikvereins, bringen im Mai im Sch\u00f6nbrunner Schlosstheater zusammen mit dem Max Reinhardt Seminar Moli\u00e8res &amp; Lullys <i>Der B\u00fcrger als Edelmann<\/i> auf die B\u00fchne und pr\u00e4sentieren uns zu Pfingsten zusammen mit anderen in- und ausl\u00e4ndischen Alte-Musik-Institutionen bei den Internationalen Barocktagen Stift Melk. Weiters wirken wir bei einem Projekt mit mehrch\u00f6riger Musik des 17. Jahrhunderts und bei Bachs <i>Johannespassion<\/i> (im Rahmen zweier mdw-Produktionen) mit. Dazu erg\u00e4nzen Masterclasses, Workshops und Themenwochen (in diesem Semester z.\u2009B. \u00fcber die franz\u00f6sische Kantate im 18. Jahrhundert) das Angebot. Der offizielle Festakt unserer Institutsgr\u00fcndung findet am 18. April 2021 im Joseph Haydn-Saal statt, gefolgt von einem Symposium \u00fcber das <i>Cembalo im 16. Jahrhundert<\/i>. Ein buntes erstes Institutsjahr steht bevor.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das neue Studienjahr 2020\/21 an der mdw erlebt die Geburt eines neuen Instituts f\u00fcr Alte Musik. 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