{"id":5128,"date":"2020-09-29T14:50:51","date_gmt":"2020-09-29T12:50:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=5128"},"modified":"2020-09-29T14:51:27","modified_gmt":"2020-09-29T12:51:27","slug":"der-traum-von-einer-hochschule-ein-forschungsbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/09\/29\/der-traum-von-einer-hochschule-ein-forschungsbericht\/","title":{"rendered":"Der Traum von einer Hochschule \u2013 Ein Forschungsbericht"},"content":{"rendered":"<h5>Vor 50 Jahren, am 21. J\u00e4nner 1970, wurde das Kunsthochschul-Organisationsgesetz (KHOG) vom Nationalrat verabschiedet, durch das die Akademien f\u00fcr Musik und darstellende Kunst in Graz, Salzburg und Wien sowie die Akademie f\u00fcr angewandte Kunst in Wien zu Hochschulen erhoben wurden.<\/h5>\n<h5>Wurzeln im 19. Jahrhundert<\/h5>\n<p>Die im Laufe des 19. Jahrhunderts in Europa entstandenen Konservatorien bildeten eine heterogene Gruppe von Lehranstalten, \u00fcber deren Aufgaben und Ziele es unterschiedlichste Vorstellungen gab. Der dar\u00fcber gef\u00fchrte Diskurs, an dem sich zahlreiche Pers\u00f6nlichkeiten des Musiklebens beteiligten, begleitete die Institutionsgeschichte, wobei viele Ideen und Gedanken sp\u00e4tere Entwicklungen vorwegnahmen.<\/p>\n<p>\u201eHochschule f\u00fcr die Tonkunst soll nicht nur die \u201ahohe Schule\u2018 f\u00fcr praktische Musiker und Virtuosen sein, sie muss in dem uns gel\u00e4ufigen Begriffe eine \u201aUniversit\u00e4t\u2018 f\u00fcr die Musiker sein, allerdings noch ein unerh\u00f6rter Begriff, aber f\u00fcr die Kunst gleichberechtigt wie f\u00fcr die Wissenschaft.\u201c (<i>Musikalisches Wochenblatt,<\/i> 4.\u200a3.\u200a1870, 146.)<\/p>\n<p>So vision\u00e4r sprach sich 1870 Julius Alsleben in Deutschland f\u00fcr die Errichtung von Hochschulen aus, wobei sich die von ihm vorgeschlagene Organisationsform an jener der Universit\u00e4ten orientierte \u2013 als staatliche Institution, geleitet durch vom Lehrk\u00f6rper gew\u00e4hlte Funktion\u00e4r_innen. Alsleben erwartete von einer Hochschule \u201eden freiesten musikalischen Standpunct, Anerkennung und Lehre Alles dessen, was wissenschaftlich gerechtfertigt werden kann (denn nur wenn die Hochschule nach allen Beziehungen hin den H\u00f6hepunkt der Kunst auch der Gegenwart vertritt, verdient sie ihren Namen), aber sie darf nicht zum Herd der Parteileidenschaft werden\u201c. (<i>Musikalisches Wochenblatt,<\/i> 22.\u200a4.\u200a1870, 258.)<\/p>\n<figure id=\"attachment_5130\" aria-describedby=\"caption-attachment-5130\" style=\"width: 192px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-15.jpg\" rel=\"lightbox-0\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5130\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-15-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-15-192x300.jpg 192w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-15-656x1024.jpg 656w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-15-768x1198.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-15-850x1326.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image0-15.jpg 923w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5130\" class=\"wp-caption-text\">Schul-Programm f\u00fcr 1868\/69, ver\u00f6ffentlicht in Signale f\u00fcr die musikalische Welt \u00a9 \u00d6NB\/ANNO<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als zu Beginn des Jahres 1870 die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien das Musikvereinsgeb\u00e4ude er\u00f6ffnete, verf\u00fcgte damit auch das von ihr gegr\u00fcndete Konservatorium \u2013 die heutige mdw \u2013 endlich \u00fcber ad\u00e4quate R\u00e4umlichkeiten. Auch organisatorisch war das Konservatorium zuvor mit dem Grundverfassungs-Statut von 1869 neu aufgestellt worden, das den \u201evollst\u00e4ndigen Unterricht in allen Zweigen der Musik als Kunst und Wissenschaft\u201c festschrieb. Bemerkenswert ist, dass bereits das \u201eSchul-Programm\u201c f\u00fcr 1868\/69 eine Zweiteilung in eine Elementar- und eine \u201eHochschule\u201c vorsah.<\/p>\n<p>Dies entsprach zum damaligen Zeitpunkt \u2013 100 Jahre vor dem Inkrafttreten des KHOG \u2013 mehr einem Wunschdenken als der Wirklichkeit, doch war \u2013 trotz aller finanzieller Schwierigkeiten, die die F\u00fchrung des Konservatoriums f\u00fcr die private Organisation mit sich brachte \u2013 zumindest ein Ziel gesteckt.<\/p>\n<h5>Ein kurzer Hochschultraum: die Fach-Hochschule von 1924 bis 1931<\/h5>\n<p>Die Verstaatlichung des Konservatoriums 1909 und die damit einhergehende Umwandlung zur Akademie f\u00fcr Musik und darstellende Kunst hatten f\u00fcr das Haus nicht nur einen einschneidenden organisatorischen Wandel zur Folge, ebenso gewann die Diskussion um eine Hochschule wieder an Bedeutung. Infolge des Zusammenbruchs der Habsburgermonarchie wurde auch die mdw vom Geist der Demokratisierung erfasst und es mehrten sich die Stimmen nach einer \u201ehochschulm\u00e4\u00dfigeren\u201c Leitung, womit eine st\u00e4rkere Einbindung des Lehrk\u00f6rpers in F\u00fchrungsfragen gemeint war.<\/p>\n<p>1924 kam es zur Errichtung der Fach-Hochschule f\u00fcr Musik und darstellende Kunst. Damit wurde die Akademie jedoch nicht in den Hochschulrang erhoben, sondern durch Abspaltung der h\u00f6heren Ausbildungsjahrg\u00e4nge eine zus\u00e4tzliche Institution gegr\u00fcndet. W\u00e4hrend sich der erste Rektor Joseph Marx stolz \u00fcber die neugewonnene akademische Freiheit und demokratische Selbstbestimmung des Lehrk\u00f6rpers zeigte, offenbarten sich sehr bald die strukturellen Schw\u00e4chen dieses personell und organisatorisch aufs Engste verflochtenen Konstrukts zweier unter einem Dach vereinten, aber vom Anspruch her unterschiedlichen Institute.<\/p>\n<p>Unklare Strukturen, daraus resultierende Kompetenzstreitigkeiten sowie politisch-ideologische Grabenk\u00e4mpfe f\u00fchrten in der Folge zu einer tiefen Spaltung des Hauses. Dies beg\u00fcnstigte eine zunehmende politische Einflussnahme seitens des Unterrichtsministeriums, die mit einem kontinuierlichen Verlust der Autonomie beider Institute einherging. Innerhalb weniger Jahre war der Hochschultraum zu Ende, 1931 wurde die Hochschule aufgel\u00f6st und wieder in die Akademie eingegliedert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5132\" aria-describedby=\"caption-attachment-5132\" style=\"width: 125px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image2-9.jpg\" rel=\"lightbox-1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5132\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image2-9-125x300.jpg\" alt=\"\" width=\"125\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image2-9-125x300.jpg 125w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image2-9-428x1024.jpg 428w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image2-9-642x1536.jpg 642w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image2-9.jpg 675w\" sizes=\"auto, (max-width: 125px) 100vw, 125px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5132\" class=\"wp-caption-text\">Verloren gegangene Rektorskette der Fachhochschule \u00a9 mdw-Archiv<\/figcaption><\/figure>\n<h5>Die Hochschulwerdung 1970<\/h5>\n<p>Nach einem kurzen Intermezzo als nationalsozialistische Reichshochschule (1941 bis 1945) wurde die mdw nach Kriegsende wieder als pr\u00e4sidial gef\u00fchrte (Staats-)Akademie eingerichtet. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Status der Institution zu einer immer virulenteren Frage im Studienalltag, vor allem weil die k\u00fcnstlerische Ausbildung bis zur h\u00f6chsten Stufe angeboten wurde. Damit verf\u00fcgte die Akademie de facto \u00fcber den Charakter einer Hochschule \u2013 ein Anspruch, den sie mit der Gr\u00fcndung wissenschaftlicher Institute und Sonderlehrg\u00e4nge festigte.<\/p>\n<p>Neben der Ungleichheit von Hochschulen und Akademien bestand au\u00dferdem in einigen Punkten Rechtsunsicherheit, da die Gesetzgebung die Akademien in Teilbereichen des Studienrechts wie Hochschulen behandelte (z.\u2009B.: beim Hochsch\u00fclerschaftsgesetz oder dem Studienbeihilfengesetz). In den 1960er-Jahren kam es deswegen zur Zuerkennung hochschul\u00e4hnlicher Rechte, wie das Tragen einer Amtskette, und zur Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die mit der Ausarbeitung eines Kunsthochschulgesetzes beauftragt wurde.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5131\" aria-describedby=\"caption-attachment-5131\" style=\"width: 213px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-14.jpg\" rel=\"lightbox-2\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5131\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-14-213x300.jpg\" alt=\"\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-14-213x300.jpg 213w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-14-727x1024.jpg 727w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-14-768x1082.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-14-850x1197.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/post-1_image1-14.jpg 923w\" sizes=\"auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5131\" class=\"wp-caption-text\">Programm der Inaugurationsfeier von Rektor Pirckmayer \u00a9 mdw-Archiv<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Herbst 1969 wurde der Gesetzesentwurf im Nationalrat eingebracht, im J\u00e4nner 1970 verabschiedete das Hohe Haus das Kunsthochschul-Organisationsgesetz (BGBl.\u00a054\/1970). Zentraler Grundsatz des KHOG war die rechtliche Gleichstellung von Kunst und Wissenschaft. An den neuen Kunsthochschulen hielt autonome Selbstverwaltung Einzug. Insgesamt brachte das KHOG einen Demokratisierungsschub, der sich vor allem in der Einbindung der Studierenden und des akademischen Mittelbaus in Entscheidungsprozesse widerspiegelte. 1971 traten die ersten von den Hochschulen selbst gew\u00e4hlten Rektoren anstelle der zuvor vom Ministerium bestellten Pr\u00e4sidenten ihre \u00c4mter an: Rektor der mdw wurde Georg Pirckmayer.<\/p>\n<div class=\"bdaia-separator se-shadow\" style=\"margin-top:30px !important;margin-bottom:30px !important;\"><\/div>\n<h5>Buchtipp<\/h5>\n<p>2021 erscheint bei Hollitzer ein von den Archiven der Kunstuniversit\u00e4t Graz, des Mozarteums Salzburg und der mdw herausgegebener Band zum 50-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um des Kunsthochschul-Organisationsgesetzes<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/mdw.ac.at\/arc\">mdw.ac.at\/arc<\/a><\/p>\n<div id=\"gtx-trans\" style=\"position: absolute; left: 951px; top: 1313.07px;\">\n<div class=\"gtx-trans-icon\"><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 50 Jahren, am 21. J\u00e4nner 1970, wurde das Kunsthochschul-Organisationsgesetz (KHOG) vom Nationalrat verabschiedet, durch das die Akademien f\u00fcr Musik und darstellende Kunst in Graz, Salzburg und Wien sowie die Akademie f\u00fcr angewandte Kunst in Wien zu Hochschulen erhoben wurden.<\/p>\n","protected":false},"author":111,"featured_media":5133,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[1020,1051,1050,33],"class_list":["post-5128","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-research","tag-2020-3","tag-hochschulwerdung","tag-mdwarchive","tag-research"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5128","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/111"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5128"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5128\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5281,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5128\/revisions\/5281"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5133"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5128"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5128"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}