{"id":5085,"date":"2020-09-30T09:41:31","date_gmt":"2020-09-30T07:41:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=5085"},"modified":"2020-09-30T09:43:31","modified_gmt":"2020-09-30T07:43:31","slug":"ludwig-streicher-und-sein-musikalisches-erbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/09\/30\/ludwig-streicher-und-sein-musikalisches-erbe\/","title":{"rendered":"Ludwig Streicher und sein musikalisches Erbe"},"content":{"rendered":"Der schriftliche Nachlass als k\u00fcnstlerisches Verm\u00e4chtnis<\/p>\n<p>Im Juni dieses Jahres w\u00e4re der Kontrabassist Ludwig Streicher hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass gab es die eine oder andere Radiosendung, auch ein Gedenkkonzert im Wiener Musikverein war geplant (das krisenbedingt auf n\u00e4chstes Jahr verschoben werden musste). Streichers Biografie von den Anf\u00e4ngen in Krakau als Solobassist und Solocellist bis zur internationalen Karriere als Solist mit allen dazugeh\u00f6rigen Anekdoten wurde ausgiebig beleuchtet, und alle Einsch\u00e4tzungen der Pers\u00f6nlichkeit Streichers sind sich \u00fcber seinen Ausnahmestatus als Musiker, als Wegbereiter des Kontrabasses als Soloinstrument und als eminent einflussreicher P\u00e4dagoge einig \u2013 v\u00f6llig zu Recht. Und doch muss ich mich als sein Nachfolger an der mdw und sein Sch\u00fcler, der damals noch recht kleinen Klasse der 1970er-Jahre zu Wort melden. Es geht mir um nichts weniger als sein musikalisches Erbe.<\/p>\n<p>Ludwig Streicher war neben seiner Orchester- und Unterrichtst\u00e4tigkeit auch als Solist \u00e4u\u00dferst aktiv. Abgesehen von seiner starken B\u00fchnenpr\u00e4senz und einem immer wieder beschriebenen gewissen \u201eShowtalent\u201c war er aber nicht nur ein gro\u00dfartiger Musiker, sondern vor allen Dingen auch ein akribischer Arbeiter. Als solcher hat er permanent an seinen Interpretationen gefeilt, musikalisch wie technisch. Dabei hat er nicht nur Kleinigkeiten ge\u00e4ndert, sondern oft v\u00f6llig neue Fassungen seines Repertoires erstellt. Mit bewundernswertem Flei\u00df schrieb Streicher die Solostimmen immer wieder neu und schickte anschlie\u00dfend einen der Studierenden damit in die Bibliothek in der Lothringerstra\u00dfe, wo damals der einzige Kopierer stand (\u201eDa hast zehn Schilling, geh hin\u00fcber zum Herrn J\u00fcnger\u2026\u201c), um die neue Ausgabe zu vervielf\u00e4ltigen. Diese Fassung war dann f\u00fcr ihn die einzig g\u00fcltige, und Streicher bestand in seinem notorisch autorit\u00e4ren Stil auch kompromisslos darauf, sie penibel auszuf\u00fchren. Wenn man dann das Pech hatte, mit einer \u00fcberholten Fassung eines St\u00fcckes im Unterricht zu erscheinen, gab es Krach.<\/p>\n<p>Diese Praxis der andauernden Erneuerung hat dazu gef\u00fchrt, dass vom gesamten Unterrichtsrepertoire, Solost\u00fccke wie Orchesterstellen, immer wieder neue Fassungen in Umlauf kamen, die immer und immer wieder kopiert und \u00fcber die Jahrzehnte (!) weitergereicht wurden. So sind heute viele der ehemaligen Sch\u00fcler_innen Streichers mehrerer Generationen auf der ganzen Welt im Besitz von Kopien von ihm selbst handgeschriebener Solostimmen unseres Repertoires, nat\u00fcrlich aus den unterschiedlichsten Perioden. Leider hat sich bei vielen von ihnen der Zugang durchgesetzt, diese jeweiligen Fassungen als etwas Sakrosanktes zu betrachten, in Stein gemei\u00dfelt, als ob man sich davor f\u00fcrchtete, post mortem den Groll des Meisters auf sich zu ziehen. Nur Wenige trauten und trauen sich, trotzdem etwas zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die selbstst\u00e4ndige Suche nach einer eigenen Interpretation, nach eigenen technischen L\u00f6sungen, die f\u00fcr einen selbst vielleicht besser funktionieren k\u00f6nnten, bleibt dabei oft auf der Strecke. Wenn man jedoch die geschilderte Arbeitsweise Streichers bedenkt, die von stetigem Suchen nach Verbesserung in musikalischer wie in technischer Hinsicht gekennzeichnet war, muss man zu der \u00dcberzeugung kommen, dass man der musikalischen Idee und dem technischen Zugang Streichers durch diese Haltung nicht gerecht wird. Wenn man also \u201enicht nur die Asche anbeten, sondern die Glut bewahren\u201c will, darf man nicht auf ewig eine zuf\u00e4llige Momentaufnahme aus dem Werdegang eines Musikers immer wieder gleich exekutieren. Eine w\u00fcrdige Behandlung des Nachlasses und eine Fortsetzung der musikalischen Idee Ludwig Streichers kann nur bedeuten, dass man stets am Repertoire weiterarbeitet, an Interpretationen feilt, technisch Neues sucht und ausprobiert, wie er es selbst auch Zeit seines Lebens getan hat.<\/p>\n<h1><\/h1>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Juni dieses Jahres w\u00e4re der Kontrabassist Ludwig S\ufefftreicher hundert Jahre alt geworden. 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