{"id":5024,"date":"2020-09-25T10:18:25","date_gmt":"2020-09-25T08:18:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=5024"},"modified":"2020-09-30T14:01:07","modified_gmt":"2020-09-30T12:01:07","slug":"die-geschichte-der-alten-musik-an-der-mdw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/09\/25\/die-geschichte-der-alten-musik-an-der-mdw\/","title":{"rendered":"Die Geschichte der Alten Musik an der mdw"},"content":{"rendered":"Alte Musik an der mdw (bzw. an ihren Vorg\u00e4ngerorganisationen) kann man wohl schon in der Gr\u00fcndungszeit als Konservatorium vor mehr als 200 Jahren finden. Das wachsende (musik)historische Interesse dieser Zeit beg\u00fcnstigte das Neuerklingen historischer Kompositionen besonders in gebildeten Kreisen. Als sich im Laufe des 19.\u00a0Jahrhunderts ein gewisser Kanon an bedeutenden Komponisten und Werken etablierte, schaffte es auch der eine oder andere \u201ealte Meister\u201c, allen voran H\u00e4ndel und Bach, darin aufgenommen und damit Teil der musikalischen Ausbildung zu werden. Eine besondere Interpretation und damit spezialisierte Lehre erforderte das freilich noch nicht.<\/p>\n<p>Verschiedene Str\u00f6mungen im beginnenden 20. Jahrhundert f\u00f6rderten das Interesse an vergangenen Epochen, es kam zu einer Idealisierung und Neu(er)findung von Musik vergangener Zeit. Weitgehend aus dem Gebrauch verschwundene Instrumente wie Lauten oder Blockfl\u00f6ten wurden ins Blickfeld ger\u00fcckt. In diesen Str\u00f6mungen standen vielfach nicht die tats\u00e4chliche historische Kunst im Mittelpunkt, sondern vereinfachte, von m\u00f6glichst allen spielbare Musik und Instrumente. Das breite Interesse am Alten f\u00f6rderte aber auch die Auseinandersetzung mit wirklich Historischem und so konnte sich nach dem 2. Weltkrieg die Erforschung und Wiederbelebung der Alten Musik und ihrer speziellen Musizierpraxis auch an der Musikakademie entfalten. Bereits 1949 wurden zwei Sonderlehrg\u00e4nge im Bereich Alte Musik eingerichtet: einer f\u00fcr Gambe und einer f\u00fcr Viola d\u2019amore. Zeittypisch ist eine enge Verkn\u00fcpfung des Alten mit Neuem \u2013 so sollten sich auch diese Lehrg\u00e4nge neben der historischen Spielweise mit dem Einsatz der Instrumente in neuer Musik befassen.<\/p>\n<p>Von den vielen Lehrenden, die sich unterschiedlichen Bereichen der Alten Musik engagiert widmeten, k\u00f6nnen hier nur einzelne Erw\u00e4hnung finden. Die wohl signifikanteste Pers\u00f6nlichkeit war Josef Mertin. Er war nicht nur musikalisch und musikhistorisch gebildet, sondern hatte auch das Handwerk des Orgelbaus erlernt. Nach dem 2. Weltkrieg bis in die 1970er-Jahre unterrichtete er das in mehreren Studienrichtungen verankerte Collegium musicum. Die Teilnahme an diesem historischen Ensemblespiel mit einem bisweilen eher spontan gestalteten Unterricht und ebensolchen Auff\u00fchrungen wie auch das vermittelte theoretische Wissen wirkte auf zahlreiche Musiker_innen, die als Konzertierende (als Prominentester ist wohl Nikolaus Harnoncourt anzuf\u00fchren) oder auch Lehrende an der Musikakademie die folgenden Jahrzehnte pr\u00e4gten. Als Lehrende wirkten etwa Ren\u00e9 Clemencic (Blockfl\u00f6te und Ornamentik), Gustav Leonhardt (Cembalo) und J\u00fcrg Schaeftlein (Oboe). Aber auch Karl Scheit, der das Gitarrenspiel mit gro\u00dfem Interesse an historischen Praktiken unterrichtete, stand in engem musikalischem Kontakt mit Mertin.<\/p>\n<p>Einige Instrumente der Alten Musik waren im Konzertleben und auch an der Musikakademie bereits fr\u00fcher relativ gut etabliert, beispielsweise die Orgel. Mit seiner neuen historisierenden Interpretationsweise tritt hier besonders Anton Heiller hervor, der gleich nach dem Krieg mit erst 22\u00a0Jahren zu unterrichten begann. Am Cembalo wirkten und forschten u.\u2009a. Eta Harich-Schneider und Isolde Ahlgrimm. Zweitere setze mit ihren Interpretationen von Bach und Mozart auf Cembalo und Fortepiano wichtige Impulse, auch f\u00fcr die junge Pianist_innengeneration, und beeinflusste damit unter anderem Paul Badura-Skoda, der sp\u00e4ter selbst als Klavierprofessor wirkte.<\/p>\n<p>Zunehmend r\u00fcckte neben der Praxis auch die theoretische Suche nach einem \u201estilistisch richtigen\u201c Interpretieren und Verstehen des Notentextes in den Vordergrund. 1957 wurde eine \u201eStilkommission\u201c eingerichtet, die sich mit grundlegenden Fragen der Historischen Auff\u00fchrungspraxis befassen sollte. Der Weg f\u00fchrte 1987 zu einer eigenen Lehrkanzel f\u00fcr Stilkunde und Auff\u00fchrungspraxis (unter Hartmut Krones), die 2002 zum Institut f\u00fcr Musikalische Stilforschung wurde (bis 2016).<\/p>\n<p>Als Mertin 1974 emeritierte, galt es, die Alte Musik neu aufzustellen. Ein Lehrgang f\u00fcr historische Instrumentenpraxis, geleitet von Eduard Melkus, wurde eingerichtet. Gleichzeitig war es bereits eine neue Generation von Musiker_innen, die besonders im Umfeld der Musikp\u00e4dagogik zahlreiche Aktivit\u00e4ten entwickelte und so f\u00fcr immer mehr Instrumente \u2013 neben dem Erlernen der modernen Form \u2013 auch die M\u00f6glichkeit einer Auseinandersetzung mit historischen Varianten schaffte. 2004 wurde schlie\u00dflich an der mdw eine eigene Professur f\u00fcr Historische Musikpraxis eingerichtet, auf die Ingomar Rainer berufen wurde.<\/p>\n<p>Der lange Weg der Alten Musik hin zu einem eigenen Institut war spannend, bisweilen auch spannungsreich und steinig. Viel hat sich im Lauf der Jahrzehnte ver\u00e4ndert und weiterentwickelt \u2013 auch was unter Alter Musik verstanden wird. Nicht mehr ausgew\u00e4hlte \u201ealte Meister\u201c bestimmter Epochen stehen nun im Mittelpunkt des Interesses, sondern das ganze unersch\u00f6pflich weite Repertoire, das in die Fr\u00fchzeit notierter Musik zur\u00fcck und bis in das 19. Jahrhundert reichen kann. Aus dem Experimentieren mit und auf Instrumenten, aus dem bisweilen einzelk\u00e4mpferischen Forschen, ist eine auch institutionell vereinte professionelle Ausbildung auf fundierter praktischer wie auch theoretischer Basis geworden.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alte Musik an der mdw (bzw. an ihren Vorg\u00e4ngerorganisationen) kann man wohl schon in der Gr\u00fcndungszeit als Konservatorium vor mehr als 200 Jahren finden.<\/p>\n","protected":false},"author":212,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1020,1022,1021,1074,1075,854],"class_list":["post-5024","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-special","tag-2020-3","tag-altemusik","tag-earlymusic","tag-geschichtederaltenmusik","tag-mdwhistory","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5024","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/212"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5024"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5024\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5316,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5024\/revisions\/5316"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5024"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5024"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5024"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}