{"id":4818,"date":"2020-05-30T10:13:52","date_gmt":"2020-05-30T08:13:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=4818"},"modified":"2020-06-03T13:37:02","modified_gmt":"2020-06-03T11:37:02","slug":"eine-socke-kommt-selten-allein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/05\/30\/eine-socke-kommt-selten-allein\/","title":{"rendered":"Eine Socke kommt selten allein"},"content":{"rendered":"Wohltemperiert ist ein Wort, das im Gespr\u00e4ch mit Henning Backhaus \u00f6fters f\u00e4llt. Bei einem Musiker w\u00e4re das nicht weiter \u00fcberraschend, aber dass ein Filmemacher es gebraucht, ist doch eher bemerkenswert. Fast jede seiner Regiearbeiten zeigt, dass ihr Sch\u00f6pfer sich auch in der Musik zu Hause f\u00fchlt. \u201eIm Grunde\u201c, meint der geb\u00fcrtige Dresdner, \u201eist ein Film ja auch Musik in Bildern.\u201c Seine j\u00fcngste Arbeit, der Animationsfilm <i>Das beste Orchester der Welt<\/i> mit Socke Ingbert in der Hauptrolle wurde Anfang dieses Jahres beim <i>Filmfestival Max Oph\u00fcls Preis<\/i> in Saarbr\u00fccken als bester Kurzfilm ausgezeichnet. \u2013 Doch dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Dass der Spross einer hochmusikalischen Familie in Wien an der Filmakademie Wien landen und bei Michael Haneke Regie studieren w\u00fcrde, war nicht unbedingt vorhersehbar. Es gab daheim keinen Fernsehapparat, daf\u00fcr sang er von klein auf in einem Knabenchor und dachte sich eigene Filmgeschichten aus. Sp\u00e4ter lernte er Klavier, allerdings ohne allzu gro\u00dfe Begeisterung, und fing mit dem Sammeln von Filmmusik an \u2013 eine Leidenschaft, der Backhaus bis heute fr\u00f6nt. Nach dem Abitur bewarb er sich an Filmschulen in Ludwigsburg und in Potsdam, kam auf den ersten Platz einer Warteliste und war letztendlich froh, dass er sein Gl\u00fcck auch noch in Wien versuchte. Denn schon bei der Aufnahmepr\u00fcfung, erinnert sich der Filmemacher, ging es im Vergleich mit Deutschland sehr entspannt zu: \u201eAlles war zugequalmt, alle haben Kaffee getrunken und das Gespr\u00e4ch endete damit, dass ich gar nichts mehr zu sagen brauchte, sondern die Mitglieder der Kommission anfingen untereinander zu diskutieren. Das habe ich als extrem angenehm empfunden.\u201c<\/p>\n<p>Sein bisheriges filmisches \u0152uvre zeugt von vielf\u00e4ltigen Interessen. 2007 war er unter den neun Studierenden, die das Drama <i>Krankheit der Jugend<\/i> von Ferdinand Bruckner als hochemotionales Kammerspiel inszenierten und in die Jetztzeit versetzten. 2012 drehte er <i>Langes kurzes Leben<\/i>, einen einst\u00fcndigen Dokumentarfilm \u00fcber Tuvia R\u00fcbner. Der aus Bratislava stammende Dichter und Literaturwissenschaftler war 1941 als 17-J\u00e4hriger nach Pal\u00e4stina emigriert. Der schn\u00f6rkellos gestaltete, feinste Zwischent\u00f6ne registrierende Film zeigt R\u00fcbner, einen gewitzten, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten hochbetagten Mann, in seinem Haus im Kibbuz Merchawia und begleitet ihn auf einer Reise in seine Geburtsstadt. \u201eEs war, wie wenn man Joseph Roth liest\u201c, sagt der Filmemacher \u00fcber diese Begegnung. \u201eDa begreift man erst, woher man selber kommt. R\u00fcbner ist dreisprachig aufgewachsen, als die Stadt noch mehrheitlich Pressburg genannt wurde, und das Deutsch jener Zeit war in ihm wie lebendig konserviert.\u201c<\/p>\n<p>Danach wechselte Backhaus erneut die Register. Sein n\u00e4chstes Werk, unter professionellen Produktionsbedingungen entstanden, erz\u00e4hlt die Geschichte eines nicht mehr ganz jungen, um einen Plattenvertrag k\u00e4mpfenden Gitarristen namens Tommy und seiner Band:<i> Local Heroes<\/i>, so hei\u00dft auch der Spielfilm, der Anfang 2013 in die Kinos kam und schnell wieder aus ihnen verschwand. \u201eEin typischer Deb\u00fctfilm mit jungen Leuten, die in der Gro\u00dfstadt leben und ihre Gro\u00dfstadtprobleme haben\u201c, bekennt der Regisseur und Drehbuchautor. \u201eIch hab viel gelernt dabei, das Problem ist nur: Ein schlechter Film macht genauso viel Arbeit wie ein guter Film, und <i>Local Heroes<\/i> hat wahnsinnig viel Arbeit gemacht.\u201c Woraufhin sich Henning Backhaus eine ausgedehnte Selbstfindungsphase verordnete, f\u00fcnf Jahre lang f\u00fcr einen Hungerlohn Opern-\u00dcbertragungen f\u00fcr den Livestream der Wiener Staatsoper machte, sich schlie\u00dflich auf sein Faible f\u00fcr Comics, die <i>Sesamstra\u00dfe<\/i> sowie Jim Hensons legend\u00e4re Kinofilme aus den 1980er-Jahren besann und noch einmal ganz etwas anderes ausprobierte: Animationsfilm.<\/p>\n<p>F\u00fcr gew\u00f6hnlich treten Socken paarweise in Erscheinung. Eine einzelne, wie Ingbert eine ist, stimmt unweigerlich melancholisch, und nicht nur beim Ausr\u00e4umen der Waschmaschine, sondern erst recht in Gro\u00dfaufnahme auf der Leinwand. Seinen ersten Auftritt hat Ingbert im Kurzfilm <i>Gute Nacht <\/i>(2016) zum gleichnamigen, von Kristj\u00e1n J\u00f3hannesson interpretierten Lied aus Schuberts <i>Winterreise, <\/i>das in Backhaus\u2019 Vision zum tragikomischen Suiziddrama wird. Die schn\u00f6de Welt, aus der Socke Ingbert scheidet, ist in Schwarzwei\u00df gehalten; eine kurze R\u00fcckblende in pr\u00e4chtigen Fr\u00fchlingsfarben zeigt den Grund f\u00fcr seine Depression (\u201eDie Liebe liebt das Wandern &#8230;\u201c).<\/p>\n<blockquote><p>Als wir die <i>Winterreise<\/i> gemacht haben, mit Ingbert, der Socke, in der Hauptrolle, da hatte ich zum ersten Mal das Gef\u00fchl, filmisch zu mir selbst gefunden zu haben.<\/p><\/blockquote>\n<p><i>Gute Nacht <\/i>ist beides zugleich, eine Trag\u00f6die zum Lachen und eine Kom\u00f6die zum Weinen, und wurde auf Dutzende internationale Festivals eingeladen. \u201eAls wir den Film gemacht haben\u201c, sagt Henning Backhaus, \u201eda hatte ich zum ersten Mal das Gef\u00fchl, filmisch zu mir selbst gefunden zu haben. Es war eine wunderbare Dreherfahrung.\u201c Die in dieser Form vermutlich nur an der Filmakademie Wien m\u00f6glich war, \u201edem einzigen Ort, an dem wir auch mit technisch aufwendigen Sachen experimentieren konnten\u201c.<\/p>\n<p>So entstand aus der Zusammenarbeit mit dem CGI-affinen Kameramann Matthias Halibrand und den Co-Autoren Rafael Haider und Albert Meisl voriges Jahr <i>Das beste Orchester der Welt. <\/i>In diesem zweiten Film mit Socke Ingbert bewirbt diese sich als Kontrabassist bei der Wiener Staatskapelle und findet sich unversehens in einem Labyrinth aus systematischer Diskriminierung und absurder Ideologie wieder. Hinter dem 13 Minuten kurzen Film steckt unendlich viel Kleinarbeit, wobei die Gestaltungsmittel immer weiter verfeinert wurden. \u201eBei den Muppets beispielsweise sieht man nur den Oberk\u00f6per\u201c, erkl\u00e4rt der Filmemacher, \u201ebei unserer Socke sieht man, wie sie \u00fcber den Boden l\u00e4uft. Wir haben Totalen gemacht, haben animatronische Modelle mit analogen Bauten kombiniert und mit Retuschen gearbeitet, die erst im digitalen Zeitalter m\u00f6glich geworden sind.\u201c<\/p>\n<p>Michael Haneke, der sich den Rohschnitt ansah, habe kein einziges Mal gelacht, sondern gemeint, dass das ein wahnsinnig deprimierender Film sei, erinnert sich Backhaus. \u201eEr hat sich mit \u00c4u\u00dferlichkeiten, dem Puppenkram, gar nicht erst aufgehalten, sondern ist gleich zum Kern vorgedrungen, der ja wirklich deprimierend ist.\u201c Nicht das wohltemperierte Drama ist f\u00fcr Henning Backhaus die probate Form, um heute gehaltvoll \u00fcber die Gegenwart zu reflektieren, sondern die Kom\u00f6die. Mit dem Erfolg seiner zwei\u00a0Animationsfilme sollte er dem Ziel, eine abendf\u00fcllende Kom\u00f6die mit\u00a0Socke Ingbert realisieren zu k\u00f6nnen, ein gro\u00dfes St\u00fcck n\u00e4hergekommen sein.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4806\" aria-describedby=\"caption-attachment-4806\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Halibrand_Backhaus_c_ffmop_Ali_Ghandtschi-scaled.jpg\" rel=\"lightbox-0\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4806\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Halibrand_Backhaus_c_ffmop_Ali_Ghandtschi-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Halibrand_Backhaus_c_ffmop_Ali_Ghandtschi-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Halibrand_Backhaus_c_ffmop_Ali_Ghandtschi-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Halibrand_Backhaus_c_ffmop_Ali_Ghandtschi-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Halibrand_Backhaus_c_ffmop_Ali_Ghandtschi-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Halibrand_Backhaus_c_ffmop_Ali_Ghandtschi-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Halibrand_Backhaus_c_ffmop_Ali_Ghandtschi-850x637.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4806\" class=\"wp-caption-text\">Matthias Halibrand &amp; Henning Backhaus bei der Verleihung des Max Oph\u00fcls Preis \u00a9 ffmop\/Ali Ghandtschi<\/figcaption><\/figure>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohltemperiert ist ein Wort, das im Gespr\u00e4ch mit Henning Backhaus \u00f6fters f\u00e4llt. 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