{"id":4642,"date":"2020-05-28T17:12:42","date_gmt":"2020-05-28T15:12:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=4642"},"modified":"2020-06-04T10:08:52","modified_gmt":"2020-06-04T08:08:52","slug":"alumni-im-fokus-spezial-gisela-zdenek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/05\/28\/alumni-im-fokus-spezial-gisela-zdenek\/","title":{"rendered":"Alumni im Fokus Spezial:\ufeff Gisela Zdenek"},"content":{"rendered":"<h5>Am 9. Juli 2020 wird die ehemalige mdw-Studentin Gisela Zdenek hundert Jahre alt. Recherchen im Vorfeld einer Geburtstagsfeier f\u00fchrten Familienangeh\u00f6rige ins Archiv der mdw und machten das Team des <i>mdw-Magazins<\/i> auf die stets von Musik begleitete Lebensgeschichte dieser willensstarken Frau aufmerksam. Ein Geburtstags-Gespr\u00e4ch \u00fcber ihre Zeit an der \u201eAkademie\u201c.<\/h5>\n<p>Mitte der 1930er-Jahre waren gut drei Viertel der Klavierstudierenden weiblich. Auch Gisela Zdenek verfolgte den Traum, Musikerin zu werden. Sie studierte in den Jahren der NS-Diktatur, die auch an der damaligen Akademie f\u00fcr Musik und darstellende Kunst in Wien von Verfemung und Verfolgung gepr\u00e4gt waren. Es war das Jahr 1936, als Gisela Zdenek, geb\u00fcrtige Hanausek, zur Aufnahmepr\u00fcfung an der Akademie antrat. Sie erinnert sich: \u201eMeine Aufnahmepr\u00fcfung habe ich bei einem j\u00fcdischen Professor gemacht, drei Monate sp\u00e4ter war er verschwunden. Ich wechselte schlie\u00dflich zu Professor Hans Weber.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_4647\" aria-describedby=\"caption-attachment-4647\" style=\"width: 694px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image3-22.jpg\" rel=\"lightbox-0\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4647 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image3-22-694x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"694\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image3-22-694x1024.jpg 694w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image3-22-203x300.jpg 203w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image3-22-768x1133.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image3-22.jpg 827w\" sizes=\"auto, (max-width: 694px) 100vw, 694px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4647\" class=\"wp-caption-text\">Gisela Zdenek \u00a9 privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zur Musik war Gisela Zdenek durch ihre Familie gekommen. Sowohl ihre Mutter als auch ihr \u201eBruder-Onkel\u201c, wie sie ihn liebevoll aufgrund des geringen Altersunterschiedes nennt, hatten musikalisches Talent. \u201eMit meinem Bruder-Onkel Alois habe ich mich besonders gut verstanden. Er hat mein Klavierspiel f\u00fcr seinen Gesang gebraucht\u201c, berichtet sie augenzwinkernd. Zdeneks Eltern arbeiteten hart, um ihrer Tochter Klavierstunden und sp\u00e4ter ein eigenes Pianino zu erm\u00f6glichen. \u201eDas war in den 1930er-Jahren \u2013 eine schlimme Zeit. Niemand hatte Geld, auch meine Eltern nicht.\u201c<\/p>\n<p>An die Akademie kam sie schlie\u00dflich durch ihre Musiklehrerin, die ihr Talent fr\u00fch bemerkte und sie zur Aufnahmepr\u00fcfung motivierte. \u201eIch h\u00e4tte verschiedene Lehrstellen haben k\u00f6nnen. Der Cousin von meiner Mutter beispielsweise hatte einen Frisiersalon. Aber ich wollte Musik studieren.\u201c Klavier hatte sich bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts als meistbesuchtes Fach bei den Studentinnen der Wiener Akademie etabliert. Viele tr\u00e4umten von einer Karriere als Pianistin, so auch die damals 16-j\u00e4hrige Gisela.<\/p>\n<p>Knapp zwei Jahre nachdem sie ihr Studium begonnen hatte, folgte der \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs an das nationalsozialistische Deutschland. \u201eEines Tages gehe ich von der Akademie raus zur Stra\u00dfenbahn und \u00fcber den Schwarzenbergplatz zum Ring. Am Heldenplatz hat Hitler eine Ansprache gehalten. Es war der Tag des Umbruchs. F\u00fcr mich hat sich nichts ge\u00e4ndert. Die Hauptsache war, dass ich an der Akademie studieren durfte. Es ist ja auch nicht so einfach, dort aufgenommen zu werden\u201c, erz\u00e4hlt Zdenek. Zur selben Zeit wurden immer mehr Studierende gezwungen, ihr Studium zu beenden. \u201eViele Kolleginnen, die mit mir gelernt haben, waren am n\u00e4chsten Tag nicht mehr da\u201c, erinnert sie sich schmerzvoll. Fast 50 Prozent des Lehrk\u00f6rpers der Akademie waren nach der nationalsozialistischen Macht\u00fcbernahme von Entlassungsma\u00dfnahmen betroffen. Rund 100 Studierende mussten die Akademie aus \u201erassischen Gr\u00fcnden\u201c verlassen. (Siehe <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/405\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eGeschichte der mdw\u201c<\/a>)<\/p>\n<blockquote><p>Manchmal \u00fcbte ich bis zu sechs Stunden am Tag. Vier Stunden waren es mindestens.<\/p>\n<p>Gisela Zdenek<\/p><\/blockquote>\n<p>Trotz allem denkt Gisela Zdenek heute noch gerne an ihre Zeit an der Akademie zur\u00fcck. Hier studieren zu d\u00fcrfen, beschreibt die Pianistin wiederholt als eine der sch\u00f6nsten Zeiten ihres Lebens. \u201eIch war fast jeden Tag in einem Konzert. Als Studentin habe ich damals die Karten um eine Bagatelle bekommen. Am liebsten mochte ich den Musikverein, den kannte ich vom Keller bis zum Dachboden.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Studiums erkennt sie jedoch nach und nach, was es hei\u00dft, Pianistin zu sein. \u201eMir haben immer so die Knie gezittert, aber eine Konzertpianistin muss ihre Knie im Griff haben\u201c, lacht sie. \u201eIch wusste, \u00f6ffentlich spielen, das ist nichts f\u00fcr mich.\u201c Als Professor Hans Weber 1941 in den Milit\u00e4rdienst einzogen wurde, wechselte sie im Hauptfach zu Grete Hinterhofer.<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter heiratete sie am 23. Juli Paul Zdenek und wurde kurz darauf schwanger. Dass sie ihre Ausbildung dennoch fortsetzte, war keineswegs selbstverst\u00e4ndlich und nicht von allen gern gesehen. \u201eProfessor Hinterhofer hat mich einmal gefragt, wof\u00fcr ich \u00fcberhaupt ein Diplom brauche, wenn ich ohnehin bereits verheiratet bin. Ich glaube, sie war eifers\u00fcchtig \u2013 sie war schlie\u00dflich unverheiratet und hatte keine Kinder\u201c, sch\u00e4tzt sie die damalige Situation heute ein.<\/p>\n<p>Nach der Geburt ihres Sohnes studierte Gisela Zdenek nicht ohne M\u00fchen weiter, sie wechselte an das Konservatorium der Stadt Wien zu Viola Thern. Ihrer Mutter verdankt sie es, dass sie auch weiterhin am Unterricht teilnehmen konnte. \u201eWenn ich sie nicht gehabt h\u00e4tte, w\u00e4re mir das Studium nicht weiter m\u00f6glich gewesen. Sie hat sich um ihr Enkelkind gek\u00fcmmert, w\u00e4hrend ich im Unterricht war.\u201c<\/p>\n<blockquote><p>Paul Badura-Skoda war ein Universalgenie.<\/p>\n<p>Gisela Zdenek<\/p><\/blockquote>\n<p>Am Konservatorium begegnete sie den sp\u00e4teren Ber\u00fchmtheiten Paul Badura-Skoda und Paul Angerer. Ein Programmzettel belegt einen gemeinsamen Vortragsabend am 7. Juni 1946 im Brahms-Saal des Wiener Musikvereins.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4646\" aria-describedby=\"caption-attachment-4646\" style=\"width: 709px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image2-24.jpg\" rel=\"lightbox-1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4646 size-full\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image2-24.jpg\" alt=\"\" width=\"709\" height=\"1008\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image2-24.jpg 709w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image2-24-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 100vw, 709px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4646\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 privat\/Gisela Zdenek<\/figcaption><\/figure>\n<p>Den Traum, Musikerin zu werden, musste sie aber schlie\u00dflich schweren Herzens aufgeben. \u201eEs w\u00e4re sch\u00f6n gewesen, aber es hat nicht sollen sein.\u201c In ihrer Wohnung im zweiten Wiener Gemeindebezirk gab sie fortan selbst Klavierunterricht. \u201eWenn ich gewollt h\u00e4tte, h\u00e4tte ich davon leben k\u00f6nnen. Ich hatte damals f\u00fcnfzehn oder mehr Sch\u00fcler_innen \u2013 und ich h\u00e4tte noch mehr haben k\u00f6nnen.\u201c Ihr Einkommen beschreibt sie als \u201esch\u00f6nen Nebenverdienst\u201c. Sie unterrichtete bis zu ihrem 38. Lebensjahr.<\/p>\n<p>Ergriffen denkt sie an ihren alten Ehrbar-Fl\u00fcgel, der lange Zeit ihr Wohnzimmer schm\u00fcckte. \u201eMein Konzertfl\u00fcgel hat fast zwei Drittel des Zimmers eingenommen, deswegen hat mein Mann ihn nicht gern gesehen\u201c, erz\u00e4hlt sie schmunzelnd.<\/p>\n<p>Auch heute spielt sie mit beinahe hundert Jahren noch hin und wieder, auch wenn sie selbst sehr unzufrieden mit ihrem K\u00f6nnen ist. \u201eMan lernt so viel, und wenn man alt wird, ist alles weg. Oder man wei\u00df es noch, schafft es aber k\u00f6rperlich nicht mehr.\u201c Nach einer kurzen Pause f\u00fcgt sie bestimmt hinzu: \u201eAber was ich seinerzeit konnte, war konzertreif!\u201c<\/p>\n<h5><\/h5>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 9. 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