{"id":4627,"date":"2020-05-31T17:12:44","date_gmt":"2020-05-31T15:12:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=4627"},"modified":"2020-06-03T13:51:37","modified_gmt":"2020-06-03T11:51:37","slug":"die-grenzen-des-nicht-verstehens-aufzeigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/05\/31\/die-grenzen-des-nicht-verstehens-aufzeigen\/","title":{"rendered":"\u201eDie Grenzen des Nicht-Verstehens aufzeigen\u201c"},"content":{"rendered":"<h1>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber k\u00fcnstlerische Forschung mit der s\u00fcdafrikanischen Filmemacherin Jyoti Mistry<\/h1>\n<figure id=\"attachment_4630\" aria-describedby=\"caption-attachment-4630\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image1-29-scaled.jpg\" rel=\"lightbox-0\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4630\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image1-29-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image1-29-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image1-29-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image1-29-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image1-29-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image1-29-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image1-29-850x637.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4630\" class=\"wp-caption-text\">Jyoti Mistry \u00a9 Heinrich Voelkel<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie sind Sie als Filmemacherin zum ersten Mal mit Artistic Research in Kontakt gekommen?<\/p>\n<p><b>Jyoti Mistry (JM):<\/b> Artistic Research stellt kanonisiertes Wissen infrage und impliziert, dass Forschung nie abgeschlossen sein kann, was politisch durchaus relevant ist. K\u00fcnstlerische Forschung ist ihrem Potenzial nach f\u00fcr dekoloniale Wissenskonzepte strategisch notwendig. Denn man zeigt auf, wie Wissen durch Machtbeziehungen konstruiert wird. So k\u00f6nnen k\u00fcnstlerische Formen genutzt werden, um eine Kritik aus der k\u00fcnstlerischen Praxis heraus zu entwickeln. K\u00fcnstlerische Forschung ist also eine wertvolle Methode, um Ideen auszuloten und die k\u00fcnstlerische Praxis \u201evon innen\u201c weiterzuentwickeln. Mich interessiert, wie man Filmpraktiken au\u00dferhalb filmischer Konventionen und filmische Sprache durch Forschung erweitern und weiterentwickeln kann. Da ich aus einer Perspektive des globalen S\u00fcdens heraus arbeite (ich komme aus S\u00fcdafrika), f\u00fchlte ich mich zu alternativen epistemischen Strategien hingezogen, die zu den Grundthesen k\u00fcnstlerischer Forschung z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>In der Publikation <i>Places to Play<\/i> (2017)<span id='easy-footnote-1-4627' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/05\/31\/die-grenzen-des-nicht-verstehens-aufzeigen\/#easy-footnote-bottom-1-4627' title='&lt;a href=&quot;https:\/\/www.ahk.nl\/fileadmin\/download\/ahk\/Lectoraten\/AIR\/ISSUU_places_to_play_ZICHT.pdf&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot;&gt;https:\/\/www.ahk.nl\/fileadmin\/download\/ahk\/Lectoraten\/AIR\/ISSUU_places_to_play_ZICHT.pdf&lt;\/a&gt;'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> beschreibe ich die Zusammenh\u00e4nge zwischen k\u00fcnstlerischer Forschung und dekolonialen Strategien. In beiden Feldern beg\u00fcnstigen Thesen und Methoden den epistemischen Ungehorsam, das Experimentieren sowie gegeninstitutionelle k\u00fcnstlerische Formen, die Wissen f\u00f6rdern, \u2013 was f\u00fcr mich als K\u00fcnstlerin und Forscherin nach wie vor eine wichtige Haltung ist.<\/p>\n<p>Die Ernennung der Artistic Research zur \u201eDisziplin\u201c in manchen Institutionen ist durchaus problematisch, besonders kontraintuitiv erscheint das in Bezug auf das \u00fcberaus wichtige konzeptuelle Ethos, das ihr anfangs eingeschrieben war. Es ist notwendig, k\u00fcnstlerische Forschung als disziplin\u00fcbergreifenden Ansatz zu begreifen, der interdisziplin\u00e4re Forschung und Methoden f\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Wie kann das Filmemachen, so wie Sie es praktizieren, zur Schaffung neuer Formen der Wissensproduktion beitragen?<\/p>\n<p><b>JM: <\/b>Ich nutze g\u00e4ngigen Filmpraktiken vielmehr als Forschungsmethoden als wegen der einzigartigen M\u00f6glichkeiten, die Film als Storytelling-Medium bietet.<\/p>\n<p>In der Geschichte des Kinos hat sich eine signifikante Anzahl an Filmemacher_innen mit der Materialit\u00e4t des Mediums auseinandergesetzt und damit, wie diese Materialit\u00e4t die Art und Weise bedingt, wie Ideen zum Ausdruck kommen. Sie experimentierten mit der Form als zentrales Element von Wissen. Ich denke, eine wichtige Verschiebung, die man zurzeit beobachten kann, liegt in der Reflexivit\u00e4t: Es wird offengelegt, wie Epistemologien von institutionellen Kontexten geformt wurden. In meiner Arbeit bin ich gerade zunehmend an Experimentellem interessiert und insbesondere auch daran, wie es unsere Sichtweise auf Gewalt oder Unterdr\u00fcckung neu belebt. In diesem Fall hat Wissen in Bezug auf meine Filmpraxis weniger mit dem Erkl\u00e4ren (oder Verstehen) zu tun und mehr mit dem Aufweisen der Grenzen unseres Nicht-Verstehens. Das ist an und f\u00fcr sich schon ein Gegenentwurf zur Gewissheit von Wissen, was ja ein wesentlicher Grundpfeiler westlicher Epistemologien ist.<\/p>\n<p>Was bedeutet es f\u00fcr Sie mit Archivmaterial zu arbeiten?<\/p>\n<p><b>JM: <\/b>Wenn ich in einem Archiv auf Materialsuche gehe, stelle ich die Beziehungen zwischen \u201eoffizieller\u201c Geschichtsschreibung und den Geschichten, Erfahrungen und Erinnerungen, die von dem vorherrschenden Narrativ ausgeschlossen blieben, infrage und bewerte sie neu. Daher kann das Material im Archiv eine Verschiebung erfahren: Das urspr\u00fcnglich als informativ konzipierte Material (Filme als Dokumente) kann nun \u2013 je nachdem, welche Betrachtungsperspektive hier eingenommen wird (zum Beispiel aus der Position der Kolonisierten, der Unterdr\u00fcckten, der Frauen oder der Menschen am Rande der Gesellschaft) \u2013 v\u00f6llig neue Bedeutungen erhalten. So gesehen ist die Arbeit mit archivarischem Filmmaterial ein politisch notwendiger Akt zur Wiederaneignung bestimmter Bilder und Positionen, die ansonsten unsichtbar blieben. Man kann so auch aufzeigen, was im vorherrschenden Narrativ verschwiegen wurde und das Material im Schnitt so anordnen, dass dadurch die Bedeutung bestimmter Erfahrungen hervorgehoben wird.<\/p>\n<p>Wie setzen Sie Archivmaterial ein und wie viel Recherche ist f\u00fcr die Nutzung von historischem Filmmaterial im Rahmen moderner Filmtechnik(en) notwendig?<\/p>\n<p><b>JM: <\/b>In der Recherche ist die archivarische Herkunft des Materials durchaus relevant; man arbeitet also mit Archivkatalogen, Metadaten und Indices. Diese Elemente sind wichtig, denn sie liefern den n\u00f6tigen Kontext f\u00fcr die historischen und soziopolitischen Bez\u00fcge im Material. Vieles wurde <i>nicht<\/i> digitalisiert, daher braucht man viel Geduld: Man muss das Material z.\u2009B. am Schneidetisch sichten oder mit Archivar_innen zusammenarbeiten, um bestimmte Bilder \u00fcberhaupt finden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist interessant, dass Celluloid nach wie vor ein \u00e4u\u00dferst resilientes Material ist, das es uns erm\u00f6glicht, Bildmaterial zu manipulieren und dabei einen organischeren und weicheren Look beizubehalten \u2013 vor allem im Vergleich zu den harten, scharf gestochenen digitalen Bilder. Gerade wegen seiner Unvollkommenheit ist Celluloid so resilient.<\/p>\n<p>Sehen Sie Ihren Ansatz, Filmemachen und k\u00fcnstlerische Forschung zu vereinen, auch als eine Form politischen Aktivismus?<\/p>\n<p><b>JM: <\/b>Mich interessiert das Ethos k\u00fcnstlerischer Forschung als politische und \u00e4sthetische Vision. Aber ich bin etwas z\u00f6gerlich, meine Arbeit als politischen Aktivismus zu definieren. Die Politik der Wissensproduktion und k\u00fcnstlerischer Forschung als eine Form epistemischen Ungehorsams sind f\u00fcr mich als Praktikerin und Forscherin ein produktiverer Ansatz. Betrachtet man Aktivismus als transformative Geste oder T\u00e4tigkeit, die sich dem Status quo widersetzt, dann kann man Artistic Research in ihrer Verankerung an (Bildungs)institutionen als aktivistische Form der Bek\u00e4mpfung erstarrter Forschungsstrukturen sehen (obwohl sich das gerade auch rasant \u00e4ndert). Lassen Sie mich das vielleicht noch etwas weiter ausf\u00fchren: Ihre Frage nach dem Aktivismus zielt auf die Art ab, wo und wie k\u00fcnstlerische Forschung an Institutionen verankert ist und auf die politischen Spannungen, die zu den Debatten \u00fcber die Validierung von \u201eKunst als Forschung\u201c f\u00fchrten, sowie ihre Beziehung mit den breiteren F\u00f6rdermechanismen innerhalb h\u00f6herer Bildungsinstitutionen. Mich interessieren jene politischen Aspekte k\u00fcnstlerischer Forschung, die sich damit befassen, wie man f\u00fcr jene \u00e4sthetischen Formen und epistemischen Ans\u00e4tze Raum schaffen kann, die sich kultureller und geo-historischer Referenzen bedienen, die ansonsten verdr\u00e4ngt oder verbannt werden. Zum Beispiel: Wie k\u00f6nnen wir Marginalit\u00e4tserfahrungen sichtbar machen und inklusiv gestalten? Wie k\u00f6nnen wir Theorien aus dem globalen S\u00fcden oder Wissensmodelle, die nicht westlich gepr\u00e4gt sind, w\u00fcrdigen? Und wie k\u00f6nnen wir diskursive Praktiken entwickeln?<\/p>\n<p>In Ihrem j\u00fcngsten Film <i>Cause of Death<\/i> befassen Sie sich mit der Verletzlichkeit der Frauen und insbesondere kolonisierter Frauen \u2013 sehen Sie sich als feministische Filmemacherin?<\/p>\n<p><b>JM: <\/b><i>Cause of Death<\/i> arbeitet mit den inh\u00e4renten Gegens\u00e4tzen der Erfahrungen von Frauen und ihrer Rolle in soziopolitischen und wirtschaftlichen Strukturen \u2013 die Dichotomie zugleich verehrt und beschimpft zu werden ist immer pr\u00e4sent. Die kolonialen Teile des Archivmaterials haben zwei Dimensionen: Die Kolonie wird dokumentieren, um die wirtschaftliche Kolonialagenda voranzutreiben sowie das allt\u00e4gliche Leben der Kolonialherren festzuhalten. Es gibt zudem auch viel ethnografisches Bildmaterial. Wenn ich hier den Begriff \u201eethnografisch\u201c benutze, meine ich damit all jene Bilder, die Kulturen, V\u00f6lker und Praktiken (und in diesem konkreten Fall die Rolle der Frauen darin) \u00fcber geografische Grenzen hinweg (Asien, Afrika, Europa) dokumentieren. Das hat auch dieses Projekt f\u00fcr mich so interessant gemacht \u2013 die sich trotz unterschiedlicher Kontexte herauskristallisierenden Muster. Diese wollte ich nutzen, um anhand gegenw\u00e4rtiger Strukturen von Gewalt gegen Frauen eine Br\u00fccke in die Vergangenheit zu schlagen.<\/p>\n<p>Ich reihe mich gerne in die starke (wenn auch nicht lange) Tradition feministischer Filmemacher_innen ein, die es sich zum Ziel setzen, Geschichten und Erfahrungen von Frauen sichtbar zu machen.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber k\u00fcnstlerische Forschung mit der s\u00fcdafrikanischen Filmemacherin Jyoti Mistry.<\/p>\n","protected":false},"author":105,"featured_media":4850,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[966,989,987,988],"class_list":["post-4627","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-research","tag-2020-2","tag-artisticresearch","tag-jyotimistry","tag-kuenstlerischeforschung"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4627","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/105"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4627"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4627\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4900,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4627\/revisions\/4900"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4850"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4627"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4627"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4627"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}