{"id":4599,"date":"2020-05-28T17:12:46","date_gmt":"2020-05-28T15:12:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=4599"},"modified":"2020-06-03T09:43:05","modified_gmt":"2020-06-03T07:43:05","slug":"olga-neuwirth-im-gespraech","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/05\/28\/olga-neuwirth-im-gespraech\/","title":{"rendered":"Olga Neuwirth im Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"Olga Neuwirth, Sie galten lange als Provokateurin. Besinnt man sich der lateinischen Herkunft des Worts \u201eprovocare\u201c, hei\u00dft das nichts anderes als (etwas) hervorrufen. Welche Wirkungen haben Sie denn im Laufe Ihrer Karriere hervorgerufen?<\/p>\n<p><b>Olga Neuwirth (ON):<\/b> Ja, besonders, wenn man es als Frau seit jeher immer gewagt hat, sich frei zu \u00e4u\u00dfern, bekommt man ein Mascherl umgeh\u00e4ngt. Bei mir war es bald das der Provokateurin. Dabei interessiert mich das gar nicht, sondern mir geht es ja gerade um das \u201eHervorrufen\u201c, um das Hinterfragen der von Menschen gesetzten Normen. Um das, was eigentlich jeder Mensch m\u00f6chte: Von der Fremdbestimmtheit zur Freiheit, vom Ritual zur freien Wahl zu gelangen. Es geht mir um das Hervorrufen von Ver\u00e4nderungsbereitschaft und um das Verm\u00f6gen, noch Visionen entwickeln zu k\u00f6nnen. Besonders in einer Welt, die mehr und mehr gleichschalten m\u00f6chte \u2013 auch in der Kunst \u2013, es zu wagen, anders zu denken, alte Gedanken weiterzuspinnen, wenn die Realit\u00e4t alt und m\u00fcrrisch geworden ist. Wenn der Welt die Bl\u00e4tter abgefallen sind &#8230;<\/p>\n<p>Was provoziert Sie selbst heute am meisten?<\/p>\n<p><b>ON:<\/b> Vorauseilender Gehorsam, sich der Norm anpassen zu wollen \u2013 in Kunst und Leben. Und Intoleranz, aber sich zu gerieren als sei man \u201eeh so tolerant\u201c. Dieser Zynismus ist f\u00fcr mich schwer zu ertragen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4601\" aria-describedby=\"caption-attachment-4601\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4601 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-32-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-32-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-32-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-32-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-32-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-32-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-32-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4601\" class=\"wp-caption-text\">Olga Neuwirth \u00a9 Harald Hoffmann<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Thema der Gender-Gerechtigkeit hat sich bis heute keineswegs erledigt. Sie gelten auch hinsichtlich der Gestaltung Ihrer Rolle als komponierende Frau als Pionierin. Junge Kolleginnen haben es heute zum Gl\u00fcck wohl etwas leichter, Akzeptanz zu finden. Was hat sich seit dem Anfang Ihrer Karriere ge\u00e4ndert?<\/p>\n<p><b>ON:<\/b> Nein, dieses Thema hat sich keinesfalls erledigt, aber vieles hat sich f\u00fcr j\u00fcngere Komponistinnen verbessert. In meiner Studien- und Anfangszeit lebte ich quasi noch im Mittelalter, was den Umgang mit Komponistinnen betrifft, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Es war wirklich ein t\u00e4glicher Kraftakt des \u201ebreaking glass\u201c.<\/p>\n<p>Welche Bedeutung hatte f\u00fcr Sie Ihr Studium an der mdw bei Erich Urbanner und am Elektroakustischen Institut?<\/p>\n<p><b>ON:<\/b> Dar\u00fcber spreche ich lieber nicht. Ich kann nur sagen: Weil damals, nachdem ich vom Studium am San Francisco Conservatory of Music zur\u00fcckgekommen war, mein Interesse an den wirklich aktuellen Entwicklungen in \u00d6sterreich nicht gestillt werden konnte, bin ich w\u00e4hrend meines Studiums einmal pro Monat privat zu Adriana H\u00f6lszky nach Stuttgart gefahren. Bei ihr habe ich die Vielfalt an Kompositionstechniken und das Studium von Partituren mit einer unglaublichen Offenheit kennengelernt. Ohne Wertung.<\/p>\n<p>Was w\u00fcrden Sie Studierenden an der mdw bzw. jungen Menschen, die heute komponieren oder Komposition studieren m\u00f6chten, empfehlen?<\/p>\n<p><b>ON:<\/b> Sie sollen alles aufsaugen, was ihnen angeboten wird, neugierig und offen sein, damit sie zu sich und ihrem eigenen Ausdruck finden. Und sich ja nicht unterkriegen lassen, um zur Artikulation des Eigenen zu gelangen, sodass der Eigensinn immer mehr gefestigt wird.<\/p>\n<p>Nach langem Kampf wurde Ihr von der Wiener Staatsoper in Auftrag gegebenes Werk <i>Orlando<\/i> im Dezember 2019 ein gro\u00dfer Erfolg. Welches Res\u00fcmee ziehen Sie \u00fcber diese Produktion?<\/p>\n<p><b>ON:<\/b> Ja, alle f\u00fcnf Auff\u00fchrungen (leider nur f\u00fcnf bei so einem gro\u00dfen Aufwand f\u00fcr alle Mitwirkenden) waren ausverkauft und es gab ein erstaunliches internationales Echo. Aber das Res\u00fcmee und alles Drumherum bestimmen ja nun die anderen: die Entscheidungstr\u00e4ger_innen in der Musikwelt, die Intendant_innen, der Verlag und die Festivalleiter_innen. Ich kann da gar nichts beeinflussen. Ich bin nur froh und dankbar, dass es zumindest zu einem gro\u00dfen Teil so \u00fcber die B\u00fchne gegangen ist, wie ich das Ganze \u2013 Musik und B\u00fchne \u2013 \u00fcber Jahre hinweg erdacht hatte. Aber eben auch deswegen, da ich einige sehr wichtige Mitstreiter_innen hatte wie Comme des Gar\u00e7ons, eine unterst\u00fctzende Dramaturgin sowie tolle S\u00e4nger_innen und Schauspieler_innen, einen wunderbaren Dirigenten und wunderbare Tontechniker, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite.<\/p>\n<div class=\"bdaia-separator se-shadow\" style=\"margin-top:30px !important;margin-bottom:30px !important;\"><\/div>\n<p><b>Zur Person<\/b><\/p>\n<p>Olga Neuwirth, geboren 1968 in Graz, erhielt ab dem 7. Lebensjahr Trompetenunterricht. Aufgrund eines Unfalls musste sie dieses Instrument aufgeben. 1986 studierte sie in San Francisco am Conservatory of Music und am Academy of Art College Malerei und Film, anschlie\u00dfend an der mdw. Wichtige Anregungen erhielt sie durch die Begegnungen mit Adriana H\u00f6lszky, Tristan Murail und Luigi Nono. 1991 machten sie zwei Mini-Opern nach Texten von Elfriede Jelinek international bekannt. 1998 war sie bei der Reihe \u201eNext Generation\u201c der <i>Salzburger Festspiele<\/i> zu Gast, 1999 wurde bei den <i>Wiener Festwochen<\/i> ihr erstes abendf\u00fcllendes Musiktheater <i>B\u00e4hlamms Fest<\/i> nach Elfriede Jelinek uraufgef\u00fchrt. Weitere wichtige B\u00fchnenwerke sind u.\u2009a. <i>Lost Highway<\/i> nach dem gleichnamigen Film von David Lynch (2003), <i>The Outcast<\/i> nach Leben und Werk von Herman Melville und <i>American Lulu<\/i> (beide 2012) sowie ihr zuletzt an der Wiener Staatsoper 2019 uraufgef\u00fchrter <i>Orlando<\/i> nach Virginia Woolf. Neuwirth erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise, darunter den Gro\u00dfen \u00d6sterreichischen Staatspreis (2010)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.olganeuwirth.com\">olganeuwirth.com<\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Olga Neuwirth, geboren 1968 in Graz, erhielt ab dem 7. Lebensjahr Trompetenunterricht. 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