{"id":4588,"date":"2020-05-28T17:12:47","date_gmt":"2020-05-28T15:12:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=4588"},"modified":"2020-06-03T12:43:19","modified_gmt":"2020-06-03T10:43:19","slug":"die-klima-verantwortung-der-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/05\/28\/die-klima-verantwortung-der-wissenschaft\/","title":{"rendered":"Die Klima-Verantwortung der Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<i>Der nun folgende Text war am 5. M\u00e4rz fertig, als das Coronavirus sich auch in \u00d6sterreich un\u00fcbersehbar bemerkbar machte, aber unseren Alltag noch nicht v\u00f6llig bestimmte. Eine Woche nach Abgabe wurden radikale Ma\u00dfnahmen angek\u00fcndigt, von denen in der ersten Textversion noch ausschlie\u00dflich im Zusammenhang mit der Klimakrise die Rede war. Nun werden wir \u00fcber Klima und Corona zusammen nachdenken m\u00fcssen.<\/i><\/p>\n<p>Bertolt Brecht schrieb \u00fcber die finsteren Zeiten der Nazi-Diktatur in seinem Gedicht <i>An die Nachgeborenen<\/i>:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 20px;\">\u201eWas sind das f\u00fcr Zeiten, wo<br \/>\nEin Gespr\u00e4ch \u00fcber B\u00e4ume fast ein Verbrechen ist,<br \/>\nWeil es ein Schweigen \u00fcber so viele Untaten einschlie\u00dft!\u201c<\/p>\n<p>Zu bef\u00fcrchten ist, dass unsere Nachgeborenen in Zeiten leben werden, in denen ein Gespr\u00e4ch \u00fcber B\u00e4ume vor allem Nostalgie ist. Wir stehen nicht nur vor einer Klimakrise, denn Krisen k\u00f6nnen gut ausgehen, sondern vor einer Klimakatastrophe und vor der Frage, ob wir etwas tun k\u00f6nnen, um das Allerschlimmste noch zu verhindern \u2013 oder wenigstens zu verz\u00f6gern. Ich pers\u00f6nlich zweifle an der F\u00e4higkeit unseres Wirtschaftssystems, sich angemessen zu den komplexen Kettenreaktionen zu verhalten, die l\u00e4ngst im Gang sind. Aber das ist kein Grund, nicht so zu handeln, als g\u00e4be es noch Hoffnung.<\/p>\n<p>Eine Kunstuniversit\u00e4t fackelt keine W\u00e4lder ab, aber unsere Arbeit verbraucht viel fossile Energie, unter anderem weil wir so viel reisen. Nat\u00fcrlich kann und muss man Fl\u00fcge durch CO2-Abgaben kompensieren, und es gibt mittlerweile, z.\u2009B. an mehreren Berliner Universit\u00e4ten, Selbstverpflichtungen von Wissenschafter_innen, klimafreundlicher zu reisen: auf Strecken bis zu 1000 km nicht mehr zu fliegen, wenn die Reise im Zug nicht mehr als 12 Stunden dauert. Dies ist lobenswert, nachzuahmen und in Vorschriften f\u00fcr Dienstreisen unbedingt zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Sinnvoller, als weniger klimasch\u00e4dlich zu reisen oder Konferenzen klimavertr\u00e4glicher zu gestalten, w\u00e4re es bekanntlich, unn\u00f6tige Reisen ganz zu vermeiden. Nur \u2013 wer bestimmt, welche Reisen unn\u00f6tig sind? Scherzhaft wird in meinem Umkreis des \u00d6fteren davon gesprochen, wie sch\u00f6n es w\u00e4re, regelm\u00e4\u00dfig ein kongressfreies Jahr einzulegen, dann h\u00e4tte man Gelegenheit, sich auf neue Themen einzulassen oder wenigstens Altschulden abzuarbeiten. Leisten k\u00f6nnten sich das im Moment allenfalls \u00e4ltere Semester in sicheren Positionen. F\u00fcr die J\u00fcngeren muss es beim Gedankenspiel bleiben, wenn sich die Kriterien f\u00fcr Qualit\u00e4tsbewertungen nicht \u00e4ndern. Noch ist eine Bewerbung ohne Nachweis von Kongressbesuchen oder Studium oder Lehre im Ausland chancenlos, und je \u00f6fter und je weiter gereist wird, desto besser.<\/p>\n<p>Lassen sich Reisen im Wissenschaftsbetrieb vermeiden? \u00dcbertragungen von Vortr\u00e4gen im Internet k\u00f6nnen sehr attraktiv sein, wie die TED-Vorlesungen beweisen, Gespr\u00e4che in kleineren Gruppen lassen sich durch Videokonferenzen ersetzen. Und Online-Veranstaltungen im Musikbereich fanden schon statt und werden sicher h\u00e4ufiger werden, wenn wohl auch nie so beliebt wie Online-Seminare f\u00fcr die Anlage von Schwimmteichen oder zur Selbstfindung oder die Katzenkongresse, die alle auf der Ergebnisliste meiner Suche viel fr\u00fcher aufscheinen. Noch ist mir aber nicht klar, wie man eine wesentliche Komponente von Konferenzen ersetzen k\u00f6nnte, n\u00e4mlich die informellen Gespr\u00e4che am Rande (oder anstelle) der Vortr\u00e4ge, aus denen oft die interessantesten Ideen hervorgehen. Und ich muss gestehen, dass mir die Erasmus-Lehraufenthalte mit der damit verbundenen Kontaktpflege sehr fehlen w\u00fcrden, obwohl mir klar ist, dass es eigentlich ein Wahnsinn ist, daf\u00fcr z.\u2009B. nach Norwegen zu fliegen.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich reagiere auf die Suche nach anderen M\u00f6glichkeiten des internationalen Austauschs mit dem nicht eben originellen Einfall, der auf Konkurrenz angelegte Wissenschaftsbetrieb sei so eingefahren, dass er schwer zu \u00e4ndern sein werde. Und dann kommt mir gleich der Gedanke, was alles schon m\u00f6glich war, welch unbegreifliche Bereitschaft zum Verzicht sich Gesellschaften immer wieder zugemutet haben, aber, soweit ich wei\u00df, nur, wenn Krieg herrschte \u2013 als w\u00e4ren radikale \u00c4nderungen von Gewohnheiten, Solidarit\u00e4t und Mut nur denkbar im Furor gegen angebliche Feinde von au\u00dfen.<\/p>\n<p>Radikale \u00c4nderungen kommen aber ohnehin auf uns zu, die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann und wie. Die optimistische Sichtweise hei\u00dft, dass sich sehr vieles \u00e4ndern muss, damit wenigstens einiges so bleibt, wie es ist. Die pessimistische: Dass sich niemand mehr f\u00fcr unsere Wissenschaft interessieren wird, wenn es zu Verteilungskriegen kommt oder wenn die Erderhitzung Methan in gr\u00f6\u00dferen Mengen freisetzt oder sich der Sauerstoffgehalt der Luft wegen sterbender Blaualgen in den Meeren \u00e4ndert.<\/p>\n<p>Ich w\u00e4re gern optimistisch und w\u00fcrde gern mit einem flammenden Appell schlie\u00dfen, aber mir fehlt es an z\u00fcndenden Ideen. Dass wir aber zusammen kl\u00fcger sind, davon gehe ich doch zuversichtlich aus.<\/p>\n<p>Nun, am 25. M\u00e4rz, kommt es mir vor, als stamme dieser Text aus einer vergangenen Epoche. Wir haben unser Leben ver\u00e4ndert \u2013 gr\u00fcndlicher und schneller, als es sich vor nur 20\u00a0Tagen die fr\u00f6hlichsten \u00d6ko-Optimist_innen h\u00e4tten w\u00fcnschen k\u00f6nnen. Und erste Wirkungen zeigen sich bereits. Mit drastisch reduzierten Fl\u00fcgen und Autofahrten ist die Luftqualit\u00e4t auf dem ganzen Planeten merklich besser, die Venezianer sehen wieder Fische in ihren Kan\u00e4len, und selbst in Gro\u00dfst\u00e4dten sind am Himmel mehr Sterne zu erkennen.<\/p>\n<p>Und leider ist es ja so, dass viele <i>dieser <\/i>\u00c4nderungen nicht nachhaltig sind. Ausgangsbeschr\u00e4nkungen, Massenarbeitslosigkeit und pl\u00f6tzlichen Wirtschaftskollaps kann sich niemand w\u00fcnschen. Aber es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn der vorsichtige Weg ins Leben nach diesem Virus nicht zur\u00fcck zur fr\u00fcheren Normalit\u00e4t f\u00fchrte. Wenn Berufe, die wirklich wichtig sind, auch wenn sie vorwiegend von Frauen ausge\u00fcbt werden, nicht deutlich schlechter bezahlt w\u00fcrden als jene, die vor allem Schaden anrichten. Wenn man zu Zulassungspr\u00fcfungen nicht mehr um die halbe Welt fliegen m\u00fcsste. Wenn wir nicht wieder zu so vielen Konferenzen wie m\u00f6glich reisten, von denen viele ohne merklichen Qualit\u00e4tsverlust auch online m\u00f6glich w\u00e4ren. Wenn wir die Welt, das Berufsleben und den Wissenschaftsbetrieb nicht als Haifischbecken betrachten m\u00fcssten. Wenn wir ein Grundeinkommen einf\u00fchren k\u00f6nnten, das es allen, auch den J\u00fcngeren, erm\u00f6glicht, in anderen Gew\u00e4ssern zu schwimmen. Wenn wir die aktuelle Krise nicht als Einzelfall verdr\u00e4ngen w\u00fcrden, sondern als \u00dcbung s\u00e4hen auf dem Weg in ein ganz anderes Leben, das wegen der Klimakatastrophe auch ohne neue Pandemien n\u00f6tig wird und w\u00fcnschenswert ist.<\/p>\n<p>&nbsp;","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kongressbesuche, Vortragsreisen, Gastdozenturen: Wissenschaft ist international und hinterl\u00e4sst einen enormen \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck. Wie l\u00e4sst sich der Wissenschaftsbetrieb klimafreundlicher gestalten?<\/p>\n","protected":false},"author":191,"featured_media":4740,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[966,968,972,973,854,969,67,52],"class_list":["post-4588","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2020-2","tag-gruenemdw","tag-mdwsustainable","tag-nachhaltigkeit","tag-special","tag-sustainable","tag-university","tag-wissenschaft"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4588","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/191"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4588"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4588\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4884,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4588\/revisions\/4884"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4740"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4588"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4588"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4588"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}