{"id":4576,"date":"2020-05-28T13:08:21","date_gmt":"2020-05-28T11:08:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=4576"},"modified":"2020-06-03T11:37:53","modified_gmt":"2020-06-03T09:37:53","slug":"die-bedeutung-von-musikunterricht-an-unseren-schulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/05\/28\/die-bedeutung-von-musikunterricht-an-unseren-schulen\/","title":{"rendered":"Covid-19-Report: Die Bedeutung von Musikunterricht an unseren Schulen"},"content":{"rendered":"<h1>Wilfried Aigner im Gespr\u00e4ch<\/h1>\n<h5>Wilfried Aigner, Senior Scientist am Institut f\u00fcr musikp\u00e4dagogische Forschung, Musikdidaktik und Elementares Musizieren, spricht \u00fcber den Stellenwert musikalischer Bildung, \u00fcber Lobbying-Arbeit f\u00fcr den Kunstbereich und den Musikunterricht in Krisenzeiten und dar\u00fcber hinaus.<\/h5>\n<figure id=\"attachment_4578\" aria-describedby=\"caption-attachment-4578\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-29-scaled.jpg\" rel=\"lightbox-0\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4578\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-29-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-29-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-29-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-29-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-29-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-29-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/post-1_image0-29-850x637.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4578\" class=\"wp-caption-text\">Wilfried Aigner \u00a9 privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was war Ihre erste Reaktion, als Bildungsminister Heinz Fa\u00dfmann erkl\u00e4rt hat, den Musikunterricht an den \u00f6sterreichischen Schulen f\u00fcr das verbleibende Schuljahr auszusetzen?<\/p>\n<p><b>Wilfried Aigner (WA)<\/b>: Im ersten Moment war das ja gar nicht so klar, weil der Musikunterricht in der besagten Pressekonferenz nicht explizit erw\u00e4hnt wurde, sondern nur der Sportunterricht. Das Aussetzen der Musikstunden war erst in der schriftlichen Erkl\u00e4rung bzw. im Etappenplan des Ministeriums dezidiert nachzulesen. Es ist schon bezeichnend, dass diese Ank\u00fcndigung so nebenbei passiert ist. Das schmerzhafte Gef\u00fchl einer mangelnden Wertsch\u00e4tzung musikalischer Bildung war nat\u00fcrlich als Erstes pr\u00e4sent. Und es kamen dann sehr schnell ungl\u00e4ubige bis entsetzte Reaktionen von ganz vielen Seiten, von Kolleg_innen und Mentor_innen aus der Schulpraxis, aber auch von Studierenden. Die offenkundig dahinterstehende Idee des \u201eFreimachens\u201c zeitlicher, personeller und r\u00e4umlicher Ressourcen durch den Wegfall von Musik und Sport offenbart eine Orientierung an einem rein kognitiven Verst\u00e4ndnis von Lehr- und Lernprozessen, das jeglicher bildungswissenschaftlicher Evidenz widerspricht und dem der Blick auf das gr\u00f6\u00dfere Ganze jenseits von Schuljahresabschl\u00fcssen und Zeugnisausstellungen zu fehlen scheint \u2013 aber genau einen solchen Blick br\u00e4uchte es angesichts dieser noch nie dagewesenen Krise.<\/p>\n<p>Diese Entscheidung hatte also kaum mit einem tats\u00e4chlichen Gef\u00e4hrdungsrisiko zu tun?<\/p>\n<p><b>WA: <\/b>Die n\u00fcchterne Erkenntnis ist, dass derartige politische Entscheidungen \u2013 die in der Komplexit\u00e4t der Zusammenh\u00e4nge zweifellos extrem schwierig zu treffen sind \u2013 kaum auf Fachexpertise beruhen, sondern nach Botschaften suchen, die der \u00d6ffentlichkeit einfach zu vermitteln sind. Ein Teil der Bev\u00f6lkerung verlangt die \u00d6ffnung der Schulen, ein anderer Teil ist aus Angst vor Infektionsgefahr dagegen \u2013 also \u00f6ffnet man die Schulen, verbietet aber gleichzeitig Dinge, die klischeehaft als virologisch gef\u00e4hrlich erscheinen, also etwa \u201esich schwitzend um einen Ball rangeln\u201c und \u201elauthals singen\u201c. Solche Schematisierungen sind grobe Verk\u00fcrzungen tats\u00e4chlicher Gegebenheiten: Niemand bestreitet, dass das Singen als Aktivit\u00e4t unter den derzeitigen Umst\u00e4nden virologisch bedenklich ist, vor allem unter ung\u00fcnstigen Rahmenbedingungen (ohne ausreichend Sicherheitsabstand oder in geschlossenen R\u00e4umen). Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, dass jegliche Besch\u00e4ftigung mit Musik zu unterlassen sei, ist geradezu grotesk.<\/p>\n<p>Welche Bedeutung hat Musikunterricht \u2013 gerade in einer Zeit der Krise?<\/p>\n<p><b>WA: <\/b>Der grunds\u00e4tzliche Wert musikalisch-\u00e4sthetischer Bildung und die gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung von Musik f\u00fcr die vielzitierte Kulturnation \u00d6sterreich mit ihrer ebenso oft zitierten Musikhauptstadt Wien muss nicht weiter ausgef\u00fchrt werden, ebenso wenig wie die Kraft von Musik als zeitloses Lebenselixier, besonders f\u00fcr Kinder und Jugendliche und gerade in belastenden Zeiten. Das kann man philosophisch argumentieren oder mit allen Jugendkulturstudien der letzten beiden Jahrzehnte untermauern, die die Bedeutung von Musik in jugendlichen Lebenswelten empirisch belegen.<\/p>\n<p>Was bedeutet das f\u00fcr den Unterricht?<\/p>\n<p><b>WA:<\/b> Nach den Schulschlie\u00dfungen Mitte M\u00e4rz haben Tausende Musiklehrende in ganz \u00d6sterreich bereits bewiesen, dass sie imstande sind, mit Kreativit\u00e4t, Expertise und Mut zu Neuem sogar aus der Distanz heraus die Grundversorgung ihrer Sch\u00fcler_innen mit Musik als \u201ewesentlicher Dimension des Menschseins\u201c \u2013 wie es unser Kollege Johannes Hiemetsberger in einer Stellungnahme so sch\u00f6n ausgedr\u00fcckt hat \u2013 zu gew\u00e4hrleisten und ihnen so zumindest ansatzweise ein \u201eGef\u00fchl von Grenzenlosigkeit und Gemeinschaft zu vermitteln\u201c, das gerade Musik so unvergleichlich transportieren kann. Es sind ja besonders die emotionalen Lerngelegenheiten mit Herz, Hirn und Hand, die w\u00e4hrend der Zeit des Homeschoolings rar sind, und hier k\u00f6nnen \u00e4sthetische Bildungsprozesse mit ihrer Chance auf Verkn\u00fcpfung von Kognition und Emotion besonders wertvoll sein.<\/p>\n<p>Was kann man aus der momentanen Situation lernen, welche Ma\u00dfnahmen kann man jetzt setzen, um unter noch unklaren Bedingungen im Herbst weiterhin Musik in allen Schulformen zu unterrichten?<\/p>\n<p><b>WA: <\/b>Auch wenn das Singen, das jetzt an den Pandemie-Pranger gestellt wird, unter normalen Umst\u00e4nden zweifellos einen unglaublich wichtigen Aspekt darstellt, so geht das Grundverst\u00e4ndnis eines zeitgem\u00e4\u00dfen Musikunterrichts doch weit dar\u00fcber hinaus. Was wir gerade lernen, ist einerseits, wie wichtig uns das Live-Musizieren, das gemeinsame Singen, das unmittelbare Tun im Kollektiv sind, und wie schmerzvoll uns diese T\u00e4tigkeiten fehlen. Vielleicht sogar viel schmerzvoller, als es manchmal zuvor im harten musikp\u00e4dagogischen Schulalltag wahrgenommen wurde, wo es schon mal vorkommen konnte, dass das m\u00fchevolle Ringen mit einer stimmgewaltigen Meute chorisch anzuleitender Kinder gegen das weitaus entspannter zu bewerkstelligende Austeilen eines Arbeitsblattes eingetauscht wurde. Das sollten wir f\u00fcr \u201edie Zeit danach\u201c gut im Ged\u00e4chtnis behalten und daraus k\u00fcnftig Kraft sch\u00f6pfen. Andererseits zeigt sich jetzt die m\u00f6gliche Bandbreite im Musikunterricht deutlicher denn je, etwa was das Potenzial medialer und technologiegest\u00fctzter Arbeitsformen angeht \u2013 und da hat die Musikp\u00e4dagogik im schulischen F\u00e4cherkanon bislang nicht gerade zu den Vorreiterdisziplinen gez\u00e4hlt, das wage ich als Experte auf diesem Gebiet ganz unverbl\u00fcmt zu sagen. Umso erstaunlicher und erfreulicher ist es zu sehen, wie rasch und vielf\u00e4ltig die musikp\u00e4dagogische Community \u2013 und ich schlie\u00dfe hier Schulen ebenso ein wie Musikschulen und Musikuniversit\u00e4ten \u2013 aus der Not eine Unmenge von Tugenden gemacht hat. Es werden in Flipped-Classroom-Manier Tutorial-Videos produziert, es wird online instrumental unterrichtet und mit Musik-Apps gearbeitet, es werden kollektive Songwriting-Projekte initiiert und neue Feedback- und Kommunikationsmethoden erprobt. Eigentlich unglaublich, wie viel Innovatives und Kreatives entsteht, trotz des hohen Drucks, der belastenden Umst\u00e4nde und der zwanghaften Ausschlie\u00dflichkeit des Digitalen, mit dem alle Beteiligten zu k\u00e4mpfen haben. Wenn ein wenig davon die Krise \u00fcberdauern kann, dann werden wir gest\u00e4rkt daraus hervorgehen. Und was den Herbst betrifft: Die jetzt erarbeiteten digitalen Erfahrungen k\u00f6nnen weiter genutzt werden, ebenso wie die neu ins Bewusstsein gedrungene Bandbreite m\u00f6glicher Arbeitsformen. Das Erkunden von Kl\u00e4ngen mit Alltagsgegenst\u00e4nden oder das Erstellen einer H\u00f6rpartitur sind absolut zeitgem\u00e4\u00dfe und lehrplankonforme Unterrichtsinhalte, die ebenso gut mit notwendigen Hygiene- und Distanzma\u00dfnahmen in Einklang zu bringen sind wie Body-Percussion oder Square-Dance ohne K\u00f6rperkontakt in ausreichend gro\u00dfen R\u00e4umen oder im Freien.<\/p>\n<p>Was sind Ihre Eindr\u00fccke nach den ersten Wochen der Coronakrise: Welchen Stellenwert haben Kunst und Kultur in dieser Situation?<\/p>\n<p><b>WA:<\/b> In der \u00f6ffentlich-medialen Diskussion leider einen sehr geringen, das muss man ern\u00fcchtert sagen. Da ging es verst\u00e4ndlicherweise als Erstes um die Grundversorgung (wobei interessanterweise Bezeichnungen wie \u201eSystemerhalter\u201c, die bis dato eher negativ konnotiert waren, als neue Leitbegriffe wiedergeboren wurden), dann ziemlich bald um die Wirtschaft, sehr sp\u00e4t um Bildung und erst deutlich danach um Kunst und Kultur. Demgegen\u00fcber jedoch steht eine kreative Explosion an neuen Ideen und Initiativen von Kunst- und Kulturschaffenden, um pr\u00e4sent zu sein, um das \u201eLebensmittel\u201c Kunst und besonders Musik weiterhin verf\u00fcgbar zu machen und zu teilen \u2013 von Balkonkonzerten \u00fcber Kollektiv-Videos bis zu Wohnzimmer-Sessions. Es ist unglaublich zu sehen, was alles m\u00f6glich ist und welches kreative Aufb\u00e4umen hier passiert. \u2013 Auch wenn es, das muss klar gesagt werden, in mancher Hinsicht durchaus ein existenziell verzweifeltes Aufb\u00e4umen ist. Hier m\u00fcssen Gesellschaft und Politik Farbe bekennen, und hier ist auch beinharte Lobbying-Arbeit f\u00fcr den Kunstbereich und f\u00fcr das K\u00fcnstlerische in der Bildung notwendig \u2013 so wie sie auch vonseiten des Sports, der Gastronomie oder des Tourismus betrieben wird.<\/p>\n<p>Welche gesellschaftliche Relevanz \u2013 und welche Chancen \u2013 sehen Sie im Musikunterricht als Teil der allgemeinen Bildung?<\/p>\n<p><b>WA:<\/b> Das Wesen von Musik als Kunstform bzw. des Musizierens in der Gemeinschaft besteht genau in dem, was unsere Gesellschaft derzeit am dringendsten braucht: andere im Kollektiv wahrnehmen; zuh\u00f6ren und aufeinander reagieren; anderen den notwendigen Raum geben; wachsam sein und bei Bedarf improvisieren; h\u00f6chste Konzentration und (Proben-)Disziplin kombinieren mit situativem Reagieren im Moment und Im-Flow-Sein. Musik braucht all das. Wir Musiker_innen k\u00f6nnen das. Und Musiklehrende k\u00f6nnen dies ihren Sch\u00fcler_innen vermitteln. Deshalb braucht es genau jetzt Musikunterricht an unseren Schulen \u2013 mehr denn je und auch in Zukunft.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wilfried Aigner, Senior Scientist am Institut f\u00fcr musikp\u00e4dagogische Forschung, Musikdidaktik und Elementares Musizieren, spricht \u00fcber den Stellenwert musikalischer Bildung, \u00fcber Lobbying-Arbeit f\u00fcr den Kunstbereich und den Musikunterricht in Krisenzeiten und dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n","protected":false},"author":165,"featured_media":4858,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[966,992,965,837,39],"class_list":["post-4576","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-report","tag-2020-2","tag-musikunterricht","tag-covid19","tag-music","tag-music-education"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4576","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/165"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4576"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4576\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4913,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4576\/revisions\/4913"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4858"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4576"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4576"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4576"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}