{"id":4573,"date":"2020-05-28T13:08:02","date_gmt":"2020-05-28T11:08:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=4573"},"modified":"2020-06-03T11:38:13","modified_gmt":"2020-06-03T09:38:13","slug":"ver-rueckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/05\/28\/ver-rueckt\/","title":{"rendered":"Covid-19-Report: Ver-r\u00fcckt"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 20px;\">\u201eDu Travnicek, hast g\u2019h\u00f6rt, die Oper ham\u2019s aa zuag\u2019sperrt.\u201c<br \/>\n\u201eJa, und fehlt sie dir?\u201c<br \/>\n\u201eNaa, von mir aus kenntat\u2019s ganz zua bleim!\u201c<span id='easy-footnote-1-4573' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/05\/28\/ver-rueckt\/#easy-footnote-bottom-1-4573' title='nach den Travnicek-Dialogen von Helmut Qualtinger und Gerhard Bronner (C. Merz\/H. Qualtinger)'><sup>1<\/sup><\/a><\/span>\n<p>Ich melde mich aus meinem Homeoffice, das ich zurzeit krisenbedingt teilzeitig als Webinarlecturer und sonst als \u201eFacility Manager on Duty\u201c bedienste. Hei\u00dft zu Deutsch: Ich arbeite zurzeit von zu Hause via Computer und putze selbst.<\/p>\n<p>Ich hoffe, ihr seid alle gesund und wohlauf in einer Zeit, die sich seltsam anf\u00fchlt, zumindest f\u00fcr mich so noch nie da gewesen ist und, wenn sie es schon nicht ist, zumindest einmalig bleibt. Ich verfolge Nachrichten, lese Zeitung, informiere mich \u00fcbers Netz und werde bombardiert mit Informationen aller Art \u2013 mit zum Teil haarstr\u00e4ubendem Inhalt.<\/p>\n<p>Vor wenigen Tagen hat mich meine Tochter gefragt: \u201eNa, fehlt dir die Uni, fehlt dir das Konzertespielen?\u201c Ich muss sagen, dass ich gar keine einfache Antwort darauf fand und das fand ich dann doch erstaunlich. \u201eLustig\u201c, denke ich, \u201edas Spielen ist zwar erst drei Wochen weg, es f\u00fchlt sich aber an wie drei Jahre.\u201c Der Kontakt zum Publikum fehlt besonders. Das Reisen fehlt gar nicht &#8230;<\/p>\n<p>Ich gehe meiner Arbeit nach, es f\u00fchlt sich aber nicht so an. Ich arrangiere und komponiere t\u00e4glich Musikst\u00fccke. F\u00fcr wen eigentlich? Ich halte telefonischen Kontakt mit all meinen Studierenden. Es geht ihnen gut. \u00dcberhaupt kommt mir vor, dass in dieser Zeit so viel ge\u00fcbt und komponiert wird wie schon lange nicht. Das werden wieder einmal richtig sch\u00f6ne, lange und vor allem vollendete Sinfonien. Musiksch\u00fcler_innen und Studierende bekommen jetzt mehrmals Besuch von der \u201eWebmusikschule\u201c, weil die ja jetzt endlich mal Zeit hat daf\u00fcr. Die Studierenden \u00fcben wie besessen (wenn es die Nachbarn erlauben und\/oder ein passendes Instrument verf\u00fcgbar ist, denn wer hat schon ein Hammerklavier zu Hause \u2013 ein abgestaubtes, wohlgemerkt!), weil sie jetzt endlich nichts anderes tun k\u00f6nnen als \u00fcben. Und alle berichten von Fortschritten, die jetzt endlich einmal stattfinden k\u00f6nnen, denn im alten Arbeitsleben, das vor drei Wochen j\u00e4h ein Ende fand, ist ja nie genug Zeit daf\u00fcr gewesen. Warum eigentlich? Z\u00e4hlt der Hamster im K\u00e4fig eigentlich seine Runden im Rad oder stellt er sie zumindest infrage? Nein, denn daf\u00fcr br\u00e4uchte er eine Uhr, Zeit hat er ja. \u2013 Wir h\u00e4tten \u00fcbrigens gerade beides &#8230;<\/p>\n<p>Die Zeit f\u00fchlt sich an wie Ferien (herrje, die kommen ja auch noch), allerdings mit latent schlechtem Gewissen. Dagegen hilft nur der t\u00e4gliche Blick in die mdw-Mailbox, gleich in der Fr\u00fch, denn da steht hoffentlich schon, wie viele Runden im Rad heute zu absolvieren sein werden.<\/p>\n<p>Ich unterrichte online und ertappe mich schon nach zwei Wochen, es gar nicht so schlecht zu finden im Vergleich zum \u201ealten\u201c Unterrichten. \u201eManches\u201c, denke ich dann \u201eist sogar besser.\u201c Und das Gespr\u00e4ch mit den Studierenden bringt zum Teil Best\u00e4tigung? Bl\u00f6dsinn! Nichts ist besser, ich gew\u00f6hne mich da gerade an eine Notl\u00f6sung \u2013 und da hei\u00dft es aufpassen!<\/p>\n<p>Ich kann, wahrscheinlich k\u00f6nnen wir alle nichts anderes als das, was wir k\u00f6nnen, was wir ja gelernt haben. Wir sind allesamt Musiker_innen, zum Teil noch analog gepolte Fossile zwar, aber Kreativk\u00f6pfe vor dem Herrn \u2013 und vor der Dame. Wir sind Seilt\u00e4nzer, Feuerschluckerinnen, Wortklauber und Sinnverdreherinnen, ja, wir sind im wahren Sinne des Wortes ver-r\u00fcckt \u2013 und das ist gut so. Wir haben noch gelernt, aus feinen Achtelnoten w\u00e4rmende Jacken gegen die soziale K\u00e4lte zu h\u00e4keln, <i>con anima<\/i>, versteht sich!<\/p>\n<p>Aber wir sind abh\u00e4ngig von Menschen, die sich von uns verr\u00fccken lassen, die, aus was f\u00fcr Beweggr\u00fcnden auch immer, zu uns ins Konzert kommen (wenn sie nur k\u00f6nnten), die zu uns an die mdw Musik studieren kommen (wenn sie k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Ich bin kein Pessimist, es bringt f\u00fcr mich einfach nichts, die Lage totzujammern. Doch eines ist mir schon sehr klar geworden: Bevor diese Menschen sich nun auch langsam daran gew\u00f6hnen, dass es zu Hause doch am sichersten ist, ganz ohne Live-Kultur, m\u00fcssen wir Kunstschaffenden alles in unserer Macht Stehende tun, damit das, was jetzt gerade virtuell passiert (und sei es noch so kreativ), weil es eben sein muss, nicht zum neuen Standard mutiert. Wir m\u00fcssen also auch den Kontakt zu unserem Publikum halten und die Weichen f\u00fcr die Zeit nach der Krise bereits jetzt stellen. Dann haben all die Alternativmethoden, die jetzt sein m\u00fcssen, schlagartig einen tieferen Sinn.<\/p>\n<p>Drum mache ich mich jetzt wieder an die Arbeit und beheize den Ideenherd, auf dass ein bek\u00f6mmliches Men\u00fc daraus entstehe.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDu Travnicek, hast g\u2019h\u00f6rt, die Oper ham\u2019s aa zuag\u2019sperrt.\u201c \u201eJa, und fehlt sie dir?\u201c \u201eNaa, von mir aus kenntat\u2019s ganz zua bleim!\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":198,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[17,13],"tags":[993,966,813,965,905],"class_list":["post-4573","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-column","category-report","tag-leonhardpaul","tag-2020-2","tag-column","tag-covid19","tag-kolumne"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/198"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4573"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4573\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4914,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4573\/revisions\/4914"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}