{"id":4559,"date":"2020-05-28T13:06:02","date_gmt":"2020-05-28T11:06:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=4559"},"modified":"2020-06-03T12:47:24","modified_gmt":"2020-06-03T10:47:24","slug":"wir-fahren-auf-sicht-bei-dichtem-nebel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/05\/28\/wir-fahren-auf-sicht-bei-dichtem-nebel\/","title":{"rendered":"Covid-19-Report: Wir fahren auf Sicht, b\ufeff\ufeff\ufeffei dichtem Nebel!"},"content":{"rendered":"&nbsp;<\/p>\n<h1>Zur finanziellen Situation freischaffender Musiker_innen in Zeiten von Covid-19<\/h1>\n<p>Balkonkonzerte gegen soziale Distanz. Gratis-Streamingangebote von Opern- und Konzerth\u00e4usern. Virale Musikvideos bringen uns zum Lachen. Die Medien sind voll von Berichten \u00fcber Auftritte im Netz und digitalen Charity-Konzerten. Musik spendet in der Krise Trost und macht das Alleinsein ertr\u00e4glicher.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Musikschaffende versch\u00e4rft die Coronakrise jedoch die strukturellen Defizite in der freien Musikszene. Die Musiknation \u00d6sterreich steht f\u00fcr etablierte, meist (ehemals) staatliche Gro\u00dfinstitutionen, die einen guten Teil der gro\u00dfz\u00fcgigen Subventionen erhalten und deren Marktmacht und Reputation auch die sogenannte freie Szene ma\u00dfgeblich beeinflussen. So stehen beispielsweise sehr gut verdienenden Musiker_innen in Berufsorchestern oder -ch\u00f6ren h\u00e4ufig zahlreiche weitere Verdienstm\u00f6glichkeiten in der freien Szene oder im Ausbildungsbereich offen, w\u00e4hrend freischaffende Musiker_innen ohne die Sicherheit eines Anstellungsverh\u00e4ltnisses bleiben, obwohl sie denselben Orchestern als Substitut_innen systemerhaltend dienen. In der freien Szene herrschen prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse und Einkommensportfolios aus verschiedenen musikbezogenen und manchmal auch nicht-musikbezogenen Besch\u00e4ftigungen vor.<\/p>\n<p>Die \u00f6sterreichische Regierung verspricht in ihrem Programm f\u00fcr 2020\u20132024 die Schaffung von Rahmenbedingungen, die \u201egleicherma\u00dfen Innovation wie Planungssicherheit und soziale Unterst\u00fctzung fu\u0308r Ku\u0308nstlerinnen und Ku\u0308nstler ermo\u0308glichen\u201c (Regierungsprogramm 2020\u20132024, S. 23).\u00a0Dies mag auf den stark subventionierten Bereich zutreffen, wirkt jedoch angesichts der Situation, in der sich viele freischaffende Musiker_innen aktuell befinden, zynisch. Denn die in der vorhergehenden Regierung verst\u00e4rkten neoliberalistischen Marktpraktiken, die das Risiko fast komplett auf die ausf\u00fchrenden Akteure im Music Business \u00fcberw\u00e4lzen, bleiben weiter bestehen.<\/p>\n<p>Mitte M\u00e4rz 2020 hat das \u00f6sterreichische Parlament die Versammlungsfreiheit eingeschr\u00e4nkt und damit ein Veranstaltungsverbot geschaffen, das uns noch die kommenden Monate begleiten wird. Fast alle \u00f6sterreichischen Dienstorchester haben ihre Musiker_innen mit Anfang April in Kurzarbeit geschickt \u2013 damit bleiben diesen mindestens 80\u00a0Prozent des Gehalts und ihre finanzielle Sicherheit. In der freien Szene hingegen sind fast alle Einkommensm\u00f6glichkeiten weggebrochen. Bereits gebuchte Substitut_innen f\u00fcr die Dienstorchester gehen leer aus. Veranstaltungen \u2013 darunter das lukrative Oster- und Sommergesch\u00e4ft \u2013 wurden zumeist ohne Entsch\u00e4digung abgesagt, bestenfalls verschoben. Digitaler Musikunterricht wird h\u00e4ufig nicht akzeptiert. Aufnahmen beschr\u00e4nken sich auf das eigene Studio. R\u00fccklagen gibt es h\u00e4ufig keine, daf\u00fcr waren bereits die bisherigen Verdienste zu niedrig. Geringf\u00fcgige Besch\u00e4ftigungen in Kulturinstitutionen entfallen. K\u00fcnstlerische Entwicklungs- und \u00dcbem\u00f6glichkeiten sind stark reduziert.<\/p>\n<p>Gleich zu Beginn der Einschr\u00e4nkungen hat das Institut f\u00fcr Kulturmanagement (IKM) der mdw vom 13.\u00a0M\u00e4rz bis 13.\u00a0April eine Online-Befragung durchgef\u00fchrt, um ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfenordnung der Verdienstentg\u00e4nge f\u00fcr den ersten Monat der Absage aller Veranstaltungen zu erhalten und die Strukturen der freien Szene sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>201 freischaffende Musiker_innen (aller Genres) haben den Fragebogen vollst\u00e4ndig ausgef\u00fcllt. Gefragt wurde nach zum Zeitpunkt des Ausf\u00fcllens bekannten Verdienstentg\u00e4ngen bis zum 13. April je Veranstalter_in. Die tats\u00e4chlich entstandenen Sch\u00e4den sind daher mittlerweile deutlich h\u00f6her. Es handelt sich um einen kleinen, nicht repr\u00e4sentativen Ausschnitt von Betroffenen, doch ihre Angaben sind ern\u00fcchternd. In Summe wurden 2.552 entfallene Veranstaltungstermine und Verdienstentg\u00e4nge pro Veranstalter_in bzw. Auftraggeber_in von 40 bis 40.000 Euro (Auslandsauftritte in Japan) in einer Gesamth\u00f6he von knapp 550.000 Euro angef\u00fchrt. Nur 15 Veranstalter_innen haben zumindest teilweise (bspw. Proben) entsch\u00e4digt.\u00a0Viele Befragte sprechen bereits im April von einer \u201eexistenzbedrohenden Situation\u201c, in der sie ihre laufenden Kosten nicht decken k\u00f6nnen, und beklagen die \u201ehohe Ungewissheit\u201c.<\/p>\n<p>Die\u00a0IG Kultur hat eine Online-Befragung unter Veranstalter_innen durchgef\u00fchrt. 368 Vereine und Veranstalter_innen nennen 4.000 abgesagte Veranstaltungen, 291 Frageb\u00f6gen beziffern den finanziellen Schaden bis 13. April mit 4,5\u00a0Mio.\u00a0Euro. Bei Weiterf\u00fchrung der von der Regierung getroffenen Ma\u00dfnahmen bis Ende Juli wird der Schaden auf 10,7\u00a0Mio.\u00a0Euro gesch\u00e4tzt. Um diesen abzufedern, werden Mietvertr\u00e4ge und Mitarbeiter_innen gek\u00fcndigt und geplante Aktivit\u00e4ten eingestellt. Schon vor der Krise sind in etwa nur ein Viertel der Mitarbeiter_innen angestellt, der Rest sind Selbstst\u00e4ndige.<\/p>\n<p>Die nach einer ersten Schockstarre zahlreich eingerichteten Hilfsma\u00dfnahmen k\u00f6nnen den entstandenen Ausfall nicht decken und helfen b\u00fcrokratischer und langsamer als versprochen. Als EPUs k\u00f6nnen Freischaffende beim H\u00e4rtefallfonds der Bundesregierung um maximal 6.000\u00a0Euro ansuchen \u2013 f\u00fcr einen Verdienstentfall bis voraussichtlich 31.\u00a0August (Stand Mitte April 2020). Viele K\u00fcnstler_innen erf\u00fcllten zumindest in Phase\u00a01 die Voraussetzungen nicht. Eine Alternative (beides geht nicht) stellt der mit 5\u00a0Mio.\u00a0Euro dotierte Covid-Fonds der K\u00fcnstlersozialversicherung dar. Nach den Angaben auf der Website mit Stand 21. April wurden knapp 636.500 Euro an 882 (von 2.559) Personen ausbezahlt, das sind im Schnitt je 722\u00a0Euro an 34\u00a0Prozent der Antragsteller_innen. Hier hat die Phase\u00a02 noch nicht begonnen.<\/p>\n<p>Auch die medial wirksamen digitalen Angebote sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits schaffen sie begehrte, manchmal bezahlte Auftrittsm\u00f6glichkeiten, wenngleich vor leeren Zuschauerr\u00e4umen (wie z.\u2009B. der Jazz-Zustellservice des Porgy &amp; Bess mit \u201epay as you wish\u201c oder die <i>Moments Musicaux<\/i> des Wiener Konzerthaus). Im Radio wird, oft zu Randzeiten, vermehrt Musik aus \u00d6sterreich gespielt. Andererseits liegt die Bef\u00fcrchtung nahe, dass die aktuelle Diskussion und Berichterstattung in der breiten \u00d6ffentlichkeit und Politik ein falsches Gef\u00fchl der Sicherheit erzeugt, indem sie auf den gef\u00f6rderten Kulturbereich oder bekannte Musiker_innen, die Songs wie <i>We are the world<\/i> einspielen und -singen, fokussiert. Denn gr\u00f6\u00dftenteils sind Online-Aktivit\u00e4ten nicht mit nennenswertem Einkommen \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume verkn\u00fcpft. Nachhaltige digitale Einkommens- bzw. Erl\u00f6smodelle sind selten.<\/p>\n<p>Viele freischaffende Musiker_innen arbeiten ohne Sicherheitsnetz. Dies geschieht nicht aus Leichtsinn, sondern weil Gagen h\u00e4ufig zu niedrig sind, Vertr\u00e4ge nicht immer schriftlich und zumeist als Werkvertr\u00e4ge geschlossen werden \u2013 eine im Kontext von Konzertauftr\u00e4gen fragliche Praxis. Nun sind diese Musiker_innen auf ausreichende und leicht zug\u00e4ngliche finanzielle Unterst\u00fctzung angewiesen. Die freie Musikszene ben\u00f6tigt jedoch f\u00fcr eine gesicherte Zukunft dringend nachhaltige Ma\u00dfnahmen und Konzepte, die Information, Planungssicherheit und angemessene Entlohnung, zum Beispiel in Form von Mindesthonorars\u00e4tzen \u2013 zumindest im gef\u00f6rderten Bereich \u2013 und einer Vermeidung von Scheinselbstst\u00e4ndigkeit, gew\u00e4hrleisten. Sonst wird es auch nach Corona nicht gut.<\/p>\n<h1><\/h1>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Balkonkonzerte gegen soziale Distanz. Gratis-Streamingangebote von Opern- und Konzerth\u00e4usern. Virale Musikvideos bringen uns zum Lachen. Die Medien sind voll von Berichten \u00fcber Auftritte im Netz und digitalen Charity-Konzerten. 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