{"id":3911,"date":"2020-02-24T18:02:21","date_gmt":"2020-02-24T17:02:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=3911"},"modified":"2020-03-10T10:46:33","modified_gmt":"2020-03-10T09:46:33","slug":"chorische-figurationen-musik-theater-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/02\/24\/chorische-figurationen-musik-theater-film\/","title":{"rendered":"Chorische Figurationen: Musik \u2013 Theater \u2013 Film"},"content":{"rendered":"<h1>Ein Symposium der mdw Gender Studies in Kooperation mit der New York University<\/h1>\n<h5>Der Verschr\u00e4nkung von Geschlechter- und kulturwissenschaftlicher Chorforschung widmete sich am 10. und 11. J\u00e4nner 2020 ein<a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/ikm\/chorische-figurationen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> internationales Symposium der Gender Studies am IKM<\/a> der mdw in Kooperation mit dem German Department der New York University. Renommierte Expert_innen aus \u00d6sterreich, den USA und Deutschland stellten zwei Tage lang ihre Sichtweisen auf die Relation von Chor und Figurenbildung vor. Sichtbar wurde dabei vor allem, wie politisch die Besch\u00e4ftigung mit \u00c4sthetik sein kann, denn von der Auseinandersetzung mit dem Chor in den darstellenden K\u00fcnsten aus wurde die f\u00fcr die mdw so zentrale Frage nach der Bestimmung von Diversit\u00e4t noch einmal gestellt und nicht zuletzt auf den Wandel gegenw\u00e4rtiger Geschlechterverh\u00e4ltnisse bezogen. Dabei entpuppte sich das Veranstaltungsthema als besonders produktiv f\u00fcr die aktuellen Diskussionen um \u201ekinship\u201c \u2013 also um neue Formen verwandtschaftlicher Bezugnahme jenseits herk\u00f6mmlicher, paternaler Bindungen.<\/h5>\n<figure id=\"attachment_3914\" aria-describedby=\"caption-attachment-3914\" style=\"width: 923px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3914 size-full\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image1-17.jpg\" alt=\"\" width=\"923\" height=\"677\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image1-17.jpg 923w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image1-17-300x220.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image1-17-768x563.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image1-17-850x623.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 923px) 100vw, 923px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3914\" class=\"wp-caption-text\">Thomas K\u00f6ck: Kudlich in Amerika, Schauspielhaus Wien, 2020 \u00a9 Matthias Heschl<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eMachen Sie, was Sie wollen. Das einzige, was sein muss, sind griechische Ch\u00f6re.\u201c Sp\u00e4testens mit Einar Schleefs legend\u00e4rer Burgtheater-Inszenierung von Elfriede Jelineks <i>Ein<\/i> <i>Sportst\u00fcck<\/i> 1998, aus dem diese nicht minder ber\u00fchmte Anweisung stammt, wurde die Frage nach chorischen Darstellungsweisen zu einem zentralen Gegenstand kulturwissenschaftlicher Forschung. Im Rahmen des Symposiums wurde der historisch angereicherte, auf Musik und Theater verweisende Chorbegriff nun keineswegs mobilisiert, um unsere Selbstversicherung in einer vermeintlich europ\u00e4ischen, jahrtausendealten Tradition zu propagieren.Vor dem Hintergrund sich fundamental wandelnder gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse, neuer Versammlungsformen, neuer famili\u00e4rer Muster, neuer Vorstellungen von Geschlechtlichkeit, diente der Rekurs auf antike Ch\u00f6re stattdessen dazu, sich \u00fcber unsere Gegenwart zu verst\u00e4ndigen \u2013 und zwar \u00fcber die konkrete Arbeit am k\u00fcnstlerischen Material. Entsprechend ging es darum, gemeinsam ein Verst\u00e4ndnis mdw-spezifischer, von der \u00c4sthetik ausgehender Gender Studies zu entwickeln. Auf der H\u00f6he heutiger Theoriebildung waren die Beitr\u00e4ge dem Studium k\u00fcnstlerischer Ph\u00e4nomene und den Schnittstellen zu den dr\u00e4ngenden politischen Fragen unserer Gegenwart gewidmet.<\/p>\n<p>Dabei zeigte sich, wie eng die Geschichte kritischer feministischer Forschung mit dem verkn\u00fcpft ist, was heute \u00fcber den Begriff des Chors diskutiert wird: \u201eWeiblichkeit\u201c wurde in den 1970er-Jahren als Gedankenfigur f\u00fcr das eingesetzt, was dem m\u00e4nnlich normierten Bild \u201edes Menschen\u201c als Zentrum der Welt vorausgesetzt ist. Die Weiblichkeitsmetaphorik korrespondiert mithin mit der Figur des Chors, aus dem der Protagonist im Theater erst hervortritt. Haben sich Fragen des Geschlechts l\u00e4ngst intersektional diversifiziert, so hat sich auch das Feld chorischer Darstellungen deutlich ausdifferenziert und von der Repr\u00e4sentation sozialer Gruppen verabschiedet. Vor diesem Hintergrund war der erste Veranstaltungstag den darstellenden K\u00fcnsten und der aktuellen Bezugnahme auf die Antike gewidmet. Nach der Begr\u00fc\u00dfung durch die Vizerektorin f\u00fcr Organisationsentwicklung, Gender &amp; Diversity Gerda M\u00fcller bestimmten die Organisator_innen Evelyn Annu\u00df (mdw-Professur Gender Studies) und Sebastian Kirsch (NYU, Humboldt Fellow) einleitend die Reflexion von \u201eDiversit\u00e4t\u201c als Schnittstelle zwischen Geschlechter- und Chorforschung. Was die mdw-Diversit\u00e4tsstrategie mit chorlyrischen Fragmenten aus dem 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zu tun haben k\u00f6nnte, f\u00fchrte die bislang an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum lehrende Theaterwissenschaftlerin Ulrike Ha\u00df vor. Die jungen M\u00e4dchen aus diesen noch vor der antiken Trag\u00f6die stammenden Ch\u00f6ren wurden als Figuren jenseits eines zweigeschlechtlich gedachten Genealogieverst\u00e4ndnisses pr\u00e4sentiert. Damit wurde die Antike auf unsere heutigen Diskussionen um Transgender, drittes Geschlecht oder Patchwork-Familien beziehbar. Sebastian Kirsch, dessen Buch <i>Chor-Denken <\/i>gerade erschienen ist, kn\u00fcpfte mit seiner Lekt\u00fcre der aristophanischen Kom\u00f6die an die Frage nach nichtbin\u00e4ren Verh\u00e4ltnisnahmen an und verschob sie auf den Bezug zum Kosmos. Sein Beitrag r\u00fcckte damit in die N\u00e4he der Diskursverschiebungen in den Gender Studies: Ging es etwa in Judith Butlers <i>Das Unbehagen der Geschlechter <\/i>zu Beginn der 1990er-Jahre noch um die Dekonstruktion von heterosexuellen Normen, so tritt mit Blick auf die Geschlechterforschung im Zeichen des Klimawandels das Imaginieren anderer, spezies\u00fcbergreifender Verwandtschaftsverh\u00e4ltnisse in den Vordergrund.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3915\" aria-describedby=\"caption-attachment-3915\" style=\"width: 923px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3915 size-full\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image2-5.jpg\" alt=\"\" width=\"923\" height=\"676\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image2-5.jpg 923w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image2-5-300x220.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image2-5-768x562.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image2-5-850x623.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 923px) 100vw, 923px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3915\" class=\"wp-caption-text\">Thyestes Br\u00fcder! Kapital. Anatomie einer Rache, Kasino am Kempelenpark, Wien, 2019, Regie: Claudia Bosse, theatercombinat \u00a9 Eva W\u00fcrdinger<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Erfurter Komparatistin Bettine Menke, bekannt f\u00fcr ihre Studien zur Figuration, zur Herstellung von Figuren in der Sprache und auf der B\u00fchne, widmete ihren Beitrag dem Nachleben des antiken Kom\u00f6dienchors in der neuzeitlichen komischen Figur. Diese sei immer schon als unabschlie\u00dfbarer Haufen dargestellt worden, in dem sich nicht zuletzt geschlechtlich codierte Ausst\u00fclpungen grotesk vermischten. Das lieferte bereits den Ausblick auf aktuelle chorische Erscheinungsformen. Im voll besetzten spiel|mach|t|raum wurde entsprechend rege und kenntnisreich diskutiert. Das Symposium glich einer offenen Werkstatt und ging schlie\u00dflich in einen Artist Talk mit der Regisseurin und Leiterin des Wiener theatercombinats Claudia Bosse \u00fcber. Ausgangspunkt war Bosses viel beachtete Inszenierung von Senecas <i>Thyestes, <\/i>die wenige Wochen zuvor in Wien Premiere hatte<i>.<\/i> Denn diese Inszenierung zeichnete<i> <\/i>sich durch einen genuin diversen Chor aus, in dem sich die K\u00f6rper trotz ihrer Nacktheit den herk\u00f6mmlichen sexualisierten oder rassistischen Markierungen entzogen. Daran wurde die Gegenw\u00e4rtigkeit der Besch\u00e4ftigung mit antikem Material nochmals in besonderer Weise deutlich.<\/p>\n<p>Der zweite, von der Wiener Theaterwissenschaftlerin Monika Meister (IKM und Max Reinhardt Seminar) moderierte Teil des Symposiums erweiterte den Blick auf die angrenzenden K\u00fcnste und stellte die Relation zum Politischen in den Vordergrund. Er\u00f6ffnet wurde der Tag mit einem Vortrag der mdw-Musiksoziologin Rosa Reitsamer. Ausgehend von \u201eHor 29. Novembar\u201c, einem Wiener Do-it-yourself-Gesangschor, besch\u00e4ftigte sie sich damit, wie sich Aktivist_innen \u00fcber k\u00fcnstlerische Praktiken organisieren und damit auf gesellschaftliche Auseinandersetzungen um Geschlechtlichkeit und Migration einwirken. Die New Yorker Germanistin Elisabeth Strowick nahm in einer beeindruckenden Lekt\u00fcrearbeit Gottfried Kellers Mitte des 19.\u00a0Jahrhunderts verfassten Bildungsroman <i>Der gr\u00fcne Heinrich <\/i>zum Ausgangspunkt, um die Chordiskussion vom Feld der darstellenden Kunst auf die Literatur zu \u00fcbertragen. Damit wurde die \u00dcbersetzbarkeit der bisherigen Diskussion um chorische Auff\u00fchrungspraktiken offenbar.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3916\" aria-describedby=\"caption-attachment-3916\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3916 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image3-4-1024x528.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image3-4-1024x528.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image3-4-300x155.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image3-4-768x396.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image3-4-1536x792.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image3-4-2048x1055.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image3-4-850x438.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3916\" class=\"wp-caption-text\">Les Perses, Th\u00e9atre du Gr\u00fctli, Genf, 2006, Regie: Claudia Bosse, theatercombinat \u00a9 Christian Bort<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bevor das Symposium mit der Premiere von Elsa-Sophie Jachs und Thomas K\u00f6cks Chorarbeit <i>Kudlich in Amerika <\/i>im Schauspielhaus ausklang, untersuchte Andrea Krauss vom German Studies Department der NYU die bislang unver\u00f6ffentlicht gebliebenen, gescheiterten Marx-Lekt\u00fcren der Philosophin Hannah Arendt, um den Chorbegriff noch einmal in seinen je spezifischen Bedeutungen f\u00fcr unterschiedliche Forschungsfelder diskutierbar zu machen. So erm\u00f6glichte das ebenso international wie hochkar\u00e4tig besetzte Symposium<i> <\/i>erste Einblicke in ein disziplinen\u00fcbergreifendes Arbeitsfeld kulturwissenschaftlich orientierter Gender Studies, in dem sich wissenschaftliche und k\u00fcnstlerische Forschung verbinden und die Arbeit an und mit den K\u00fcnsten ernst genommen wird. In neuer Besetzung wird an der New York University im kommenden Herbst ein Folgeworkshop stattfinden, dessen Ziel es ist, deutsch- und englischsprachige Forschungsans\u00e4tze noch st\u00e4rker miteinander in Dialog zu bringen und hierbei vor allem die Auseinandersetzung mit Intersektionalit\u00e4tsfragen zu akzentuieren. Vor Ort sind aus der Tagung zwei weitere Initiativen entstanden: Die Studierenden Dagmar Tr\u00f6stler (Gender Studies) und Cosima Baum (B\u00fchnenbild) haben zusammengefunden, um gemeinsam eine chorische Performance zu realisieren, die im Mai \u00f6ffentlich gezeigt werden soll. Zudem ist ein Workshop zur k\u00fcnstlerisch-wissenschaftlichen Chorforschung mit Angeh\u00f6rigen der mdw in Planung.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Symposium der mdw Gender Studies in Kooperation mit der New York University.<\/p>\n","protected":false},"author":188,"featured_media":3913,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[924,949,950,948],"class_list":["post-3911","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-research","tag-2020-1","tag-chor","tag-chorische-figurationen","tag-reseaerch"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3911","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/188"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3911"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3911\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4849,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3911\/revisions\/4849"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3913"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3911"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3911"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3911"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}