{"id":3889,"date":"2020-02-27T08:35:08","date_gmt":"2020-02-27T07:35:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=3889"},"modified":"2020-05-26T17:04:03","modified_gmt":"2020-05-26T15:04:03","slug":"ueber-die-kunst-sich-tot-zu-stellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/02\/27\/ueber-die-kunst-sich-tot-zu-stellen\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Kunst sich tot zu stellen"},"content":{"rendered":"<h1>Ein Projekt \u00fcber das Sterben am Max Reinhardt Seminar<b><\/b><\/h1>\n<p>Romeo trinkt Gift und Julia ersticht sich mit einem Dolch, Stella trinkt Gift und Fernando erschie\u00dft sich, Woyzeck ermordet Marie im Blutrausch mit zahllosen Messerstichen, Ferdinand t\u00f6tet Luise und sich selbst mit Gift, Moritz erschie\u00dft sich im Wald und Wendla stirbt durch eine Abtreibung.<\/p>\n<p>Wer Schauspieler_in wird, hat in seinem Beruf zwangsl\u00e4ufig viel mit dem Tod zu tun. \u201eWir sterben sehr viel\u201c, sagt Ulrike Arnold, \u201ewir sterben und wir t\u00f6ten, auf der B\u00fchne und im Film.\u201c Die M\u00fcnchener Schauspielerin und Regisseurin ist seit J\u00e4nner f\u00fcr eine Gastregie am Max Reinhardt Seminar und gestaltet gemeinsam mit der Dramaturgin Ulrike Syha und sieben Schauspielstudierenden den Abend <i>\u00dcber die Kunst sich tot zu stellen <\/i>(2. bis 6. M\u00e4rz 2020). Obwohl das Thema Sterben, insbesondere in der klassischen Dramenliteratur, am Theater eine gro\u00dfe Rolle spielt (\u201eVieles endet im Tod oder kann nur durch den Tod gel\u00f6st werden.\u201c), gibt es, wie die beiden Theatermacherinnen festgestellt haben, kaum Auseinandersetzung mit diesem B\u00fchnenvorgang, und auch an den Schauspielschulen steht die Besch\u00e4ftigung mit dem Sterben nicht explizit auf dem Stundenplan. Man gehe wohl davon aus, dass der Tod sp\u00e4ter von der Regie \u201eso oder so\u201c gel\u00f6st werde, sagt Arnold, die sich freut, nun in Wien gerade mit \u201ejungen Studierenden \u00fcber diesen Teil ihres Berufs zu sprechen, da sie als Schauspieler_innen sehr bald mit gro\u00dfen, schweren Themen und Ereignissen zu tun haben, die ihnen in ihrem Leben vielleicht noch nicht pers\u00f6nlich widerfahren sind, aber auch zu fragen: Was bedeutet es eigentlich, 20 Minuten auf der B\u00fchne zu liegen und dem St\u00fcck nur noch reglos zuzuh\u00f6ren?\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_3893\" aria-describedby=\"caption-attachment-3893\" style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image2-3.jpg\" rel=\"lightbox-0\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3893 size-medium\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image2-3-205x300.jpg\" alt=\"\" width=\"205\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image2-3-205x300.jpg 205w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image2-3.jpg 677w\" sizes=\"auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3893\" class=\"wp-caption-text\">Ulrike Arnold \u00a9 Janine Guldener<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als Ausgangsmaterial des Abends dienen klassische Texte (B\u00fcchner, Schiller, Shakespeare, Wedekind), erg\u00e4nzt durch zeitgen\u00f6ssische Autor_innen und Theorie. \u201eWir haben festgestellt, dass viele zeitgen\u00f6ssische St\u00fccke den Sterbevorgang vermeiden und eine Art Leerstelle produzieren, w\u00e4hrend die klassischen Texte expliziter sind und genau erkl\u00e4ren, wer wie mit dem Dolch erstochen wird\u201c, erz\u00e4hlt Dramaturgin Ulrike Syha. Wichtig ist ihr die Arbeit auf Augenh\u00f6he mit den Studierenden, die sie dazu ermutigt hat, sich selbst einzubringen. \u201eEs ist ein Projekt, das mit den Studierenden w\u00e4chst und gemeinsam weiterentwickelt wird. Es geht uns auch darum, auf ihre Impulse einzugehen: Wie f\u00fchlt sich das an, auf der B\u00fchne f\u00fcnf Mal hintereinander zu sterben? Was ergibt sich daraus?\u201c Das Projekt am Max Reinhardt Seminar wird als Arbeitsatelier, als Labor verstanden, aus dem das St\u00fcck, das letztlich aufgef\u00fchrt werden wird, diskursiv erarbeitet wird.<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre sch\u00e4rft auch den Blick f\u00fcr Klischees. Die weiblichen Schauspielerinnen sollen nicht ausschlie\u00dflich Opfer spielen, sagt Ulrike Arnold und \u201ealle Darsteller_innen sollen in ihren Qualit\u00e4ten vorkommen k\u00f6nnen\u201c. Der Vergleich klassischer mit zeitgen\u00f6ssischen Dramen zeige zudem, wie sich die Haltung der Gesellschaft zum Sterben gewandelt hat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3892\" aria-describedby=\"caption-attachment-3892\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image1-15.jpg\" rel=\"lightbox-1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3892 size-medium\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image1-15-300x203.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"203\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image1-15-300x203.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image1-15-768x520.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image1-15-850x576.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/post-1_image1-15.jpg 923w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3892\" class=\"wp-caption-text\">Ulrike Syha \u00a9 Bo Lahola<\/figcaption><\/figure>\n<p>Kann man Sterben nachspielen? Es ist schlie\u00dflich eine Erfahrung, die keine Schauspielerin, kein Schauspieler schon gemacht hat. Ulrike Arnold und Ulrike Syha geht es in dem Projekt <i>\u00dcber die Kunst sich tot zu stellen<\/i> nicht um technische Tricks oder handwerkliche Kniffe, es geht um die Reflexion und Introspektion und darum, die Studierenden auch f\u00fcr ihre pers\u00f6nlichen Grenzen zu sensibilisieren. \u201eM\u00e4nner nehmen das Sterben oft sehr sportlich: Dramatische B\u00fchnentode, Schwertk\u00e4mpfe oder eine Schlachtszene, wo minutenlang gemeuchelt wird \u2013 das kann aus einer technisch-sportlichen Sicht Spa\u00df machen\u201c, sagt Arnold und fordert dennoch, das Thema Selbstschutz bereits in der Ausbildung vermehrt zu diskutieren. \u201eIch bin selbst schon lange am Theater, aber wenn ich abends auf der B\u00fchne mit f\u00fcnf Litern Kunstblut jemanden get\u00f6tet habe, kann ich hinterher nicht einfach in die Kantine gehen und ein Schnitzel bestellen. So funktioniert das nicht. Ich brauche da einen Moment des ritualisierten Abschiednehmens, muss zehn Minuten innehalten, das St\u00fcck beenden und zur\u00fcck in den Alltag finden.\u201c Selbstschutz, Selbstorganisation und \u00d6konomie seien f\u00fcr Schauspieler_innen unerl\u00e4sslich, das Bewusstsein daf\u00fcr solle auch an den Schauspielschulen gesch\u00e4rft werden.<\/p>\n<p>Auch Syha m\u00f6chte die Studierenden ermutigen, genau in sich hineinzuh\u00f6ren: \u201eMan muss f\u00fcr sich selbst ausloten, wann man ein Unbehagen gegen\u00fcber einem Thema f\u00fcr die eigene k\u00fcnstlerische Arbeit nutzbar machen kann und wo es nicht mehr weiterf\u00fchrt oder sogar Schaden anrichtet. Sterben auf der B\u00fchne ist f\u00fcr diese Prozesse ein ideales Modell, wo man seine Grenzen gut ausloten kann. Wir m\u00f6chten untersuchen, wo dieses Unbehagen sitzt, bei allem Spa\u00df, den man mit viel Theaterblut auch haben kann \u2013 denn diese Zweischneidigkeit gibt es!\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/maxreinhardtseminar\/ueber-die-kunst-sich-tot-zu-stellen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zu den Terminen am Max Reinhardt Seminar<\/a><\/p>\n<div id=\"gtx-trans\" style=\"position: absolute; left: 139px; top: 1004.17px;\">\n<div class=\"gtx-trans-icon\"><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Schauspieler_in wird, hat in seinem Beruf zwangsl\u00e4ufig viel mit dem Tod zu tun. 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