{"id":3841,"date":"2020-02-24T18:13:41","date_gmt":"2020-02-24T17:13:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=3841"},"modified":"2020-02-27T07:17:23","modified_gmt":"2020-02-27T06:17:23","slug":"phaenomen-beethoven-meilensteine-zwischen-kanon-und-bizarrerie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/02\/24\/phaenomen-beethoven-meilensteine-zwischen-kanon-und-bizarrerie\/","title":{"rendered":"\u201ePh\u00e4nomen Beethoven\u201c \u2013  Meilensteine zwischen Kanon und Bizarrerie"},"content":{"rendered":"Beethovens Werke gelten als musikalische Meilensteine \u2013 f\u00fcr Komponist_innen, Interpret_innen und H\u00f6rer_innen gleicherma\u00dfen. Seine neun Symphonien l\u00f6sten im 19. Jahrhundert eine \u201eKrise der Symphonik\u201c (Carl Dahlhaus) aus, deren Druck noch Brahms, Bruckner und Mahler auf ihren Schultern versp\u00fcrten. Die 32 Sonaten bezeichnete bereits Hans von B\u00fclow als das \u201eNeue Testament\u201c der Klavierliteratur. Und das bisweilen sehr dissonante, schr\u00fcndige \u201eSp\u00e4twerk\u201c, besonders die sp\u00e4ten Streichquartette, fordert selbst noch Ohren des 21. Jahrhunderts heraus.<\/p>\n<p>Das Neue, Unerwartete, Exzentrische in Beethovens Werken war bereits zu seinen Lebzeiten ein Garant f\u00fcr Erfolg \u2013 was sich eindrucksvoll in den erschienenen Rezensionen spiegelt: Die am h\u00e4ufigsten verwendeten Adjektive lauten dort \u201eunverst\u00e4ndlich\u201c und \u201ebizarr\u201c \u2013 und zwar von den fr\u00fchen Kompositionen bis hin zu den sp\u00e4ten. Beethoven haftete in Wien das Image des \u201ejungen Wilden\u201c an, und die tonangebende Society, darunter viele Adelige, liebten und sch\u00e4tzten diesen Zug. \u2013 Was f\u00fcr ein Kontrast zur heutigen Wahrnehmung von Beethoven als Klassiker, der modellhafte Kunstwerke schuf!<\/p>\n<p>In der Musikgeschichtsschreibung wird Beethoven mit Vorliebe als erster Komponist portr\u00e4tiert, der als Genie in Wien aus seinem Inneren sch\u00f6pfte und von der Vermarktung seiner Werke ohne festes (kirchliches oder h\u00f6fisches) Dienstverh\u00e4ltnis leben konnte. Man kann das so sehen. Aber es tradiert eigentlich ein der Genie\u00e4sthetik des 19. Jahrhunderts verpflichtetes Bild, das sich verfestigt hat, aber allenfalls zum Teil Beethovens komplexer Lebenswirklichkeit entspricht. Im Folgenden m\u00f6chte ich daher dieses Bild an drei Beispielen entlang der Erkenntnisse der j\u00fcngeren Beethoven-Forschung modifizieren:<\/p>\n<p><i>I. Der Hofmusiker (einst: freier Komponist)<br \/>\n<\/i>Beethoven wurde als Enkel eines Hofkapellmeisters und Sohn eines Hofmusikers an der Hofkapelle der K\u00f6lner Kurf\u00fcrsten in Bonn musikalisch umfassend ausgebildet. Bereits mit elf Jahren wirkte er als Organist regelm\u00e4\u00dfig in der Hofkapelle bei der Kirchenmusik mit, bald darauf auch als Bratscher in der Oper und als Pianist und Improvisator in der h\u00f6fischen Kammer und bei Hofkonzerten. (Dass diese Lebensphase in der Musikgeschichtsschreibung kaum je ernsthaft behandelt wird, ist ein auffallendes Rezeptionsph\u00e4nomen.) Diese h\u00f6fisch-musikalische Sozialisation bildete die Basis f\u00fcr Beethovens sp\u00e4teres Schaffen: Er lernte an dem musikliebenden Hof das aktuelle internationale Repertoire kennen, musizierte t\u00e4glich mit anderen hervorragenden Hofmusikern (etwa Anton Reicha oder den Br\u00fcdern Romberg) auf Weltniveau und lernte dabei, die erw\u00fcnschten Funktionen und Rahmenbedingungen von Musik sowie die damit verbundenen Erwartungshaltungen einzusch\u00e4tzen. Wie wir heute wissen, w\u00e4re f\u00fcr ihn eine Anstellung als Hofkapellmeister sogar noch in weit fortgeschrittenem Alter erstrebenswert gewesen<\/p>\n<p><i>II. Der kommunikative Netzwerker (einst: einsames Genie)<br \/>\n<\/i>Verschiedene Pers\u00f6nlichkeiten vom Bonner Hof hatten daf\u00fcr gesorgt, dass Beethoven nach seiner Ankunft an seinem neuen Ausbildungsort Wien Eingang in die tonangebenden Adelskreise finden w\u00fcrde. Beethoven bem\u00fchte sich sehr, die entsprechenden Erwartungen auch zu erf\u00fcllen \u2013 nicht zuletzt gab er sein weniges Geld auch f\u00fcr Per\u00fcckenmacher und aktuelle Mode aus. Zun\u00e4chst machte er sich als Pianist und Improvisator einen Namen. Er wohnte im Hause des F\u00fcrsten-Ehepaars Lichnowsky und wirkte dort an den w\u00f6chentlichen Konzerten mit. Nach und nach etablierte er sich auch als Komponist und trat (erst) im Jahr 1795 mit seinem Opus 1 \u2013 drei Klaviertrios \u2013 werbewirksam auf den Plan. Auch in seinen Kompositionen spiegelt sich vielfach die Verwobenheit mit der Gesellschaft seiner Zeit wider: Viele seiner Werke sind auf bestimmte Situationen oder Personen ma\u00dfgeschneidert, wof\u00fcr nicht selten die Widmung des Erstdrucks einen Anhaltspunkt liefert<\/p>\n<p><i>III. Werke mit immenser Ausdrucksbreite (einst: heroisch hoch drei)<br \/>\n<\/i>Beethoven war eine komplexe Pers\u00f6nlichkeit mit vielen Interessen und Kontakten. Die nach seiner Ertaubung, in den letzten zehn Lebensjahren gef\u00fchrten Konversationshefte erm\u00f6glichen einen Einblick in die Vielfalt an Themen aus Politik, Musik, Theater, Gesellschaft, Glaube und Kirche, Bildung und Philosophie, die die Zeitgenoss_innen mit Beethoven diskutierten. Wenn man ihn als so vielf\u00e4ltig interessierten, humorvollen, manchmal auch br\u00fcsken, aber oft sehr empathischen Menschen erlebt, l\u00e4sst sich auch die gro\u00dfe Bandbreite an Gef\u00fchlen besser verstehen, die seine Musik auszudr\u00fccken vermag: Seine Musik ist kommunikatives Medium und keineswegs \u2013 wie so h\u00e4ufig konstatiert \u2013 nur autobiografischer Spiegel seines Inneren. Nachdem in der Rezeption (biografisch wie musikalisch) so lange das Heroische im Mittelpunkt stand, unsere heutige Gesellschaft aber mit diesem Begriff gar nicht mehr so viel verbindet, scheint es an der Zeit, sich beim Spielen und H\u00f6ren von Beethovens Werken wieder f\u00fcr die Spannweite an Gef\u00fchlen und Ideen zu \u00f6ffnen, die seine Musik kommuniziert. Das gro\u00dfe, bisweilen auf engstem Raum fast disruptiv wirkende Ausdrucksspektrum vermag gerade in der heutigen Zeit zu fesseln und braucht weniger denn je unter dem Nimbus des \u201eKlassischen\u201c versteckt zu werden. Besonders faszinierend f\u00fcr mich sind dabei Passagen, die das Innige, Zeitlose, Verlorene, Jenseitige oder Utopische zu verk\u00f6rpern scheinen. Dieser \u201eleise\u201c Beethoven scheint mir bis heute noch viel zu wenig entdeckt.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Jubil\u00e4umsjahr 2020 w\u00fcnsche ich mir, dass wir die vielen Aktivit\u00e4ten rund um Beethoven als Chance begreifen, Beethovens \u0152uvre nicht nur als klassischen Kanon perpetuiert zu wissen, sondern uns wieder auf das Querst\u00e4ndige, einst als \u201ebizarr\u201c Empfundene, darin einzulassen. Das erfordert Mut. Es gilt, selten gespielte Werke neu zu entdecken, einzustudieren und in passenden Kontexten aufzuf\u00fchren \u2013 und die H\u00f6rer_innen auf diese Entdeckungsreisen mitzunehmen. Und es gilt, sich den allzu vertrauten Werken mit frischem Geist zu n\u00e4hern. Wagen wir dies, wird uns Beethovens Musik immer wieder Wege zu bislang unentdeckten Ausdruckswelten er\u00f6ffnen.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beethovens Werke gelten als musikalische Meilensteine \u2013 f\u00fcr Komponist_innen, Interpret_innen und H\u00f6rer_innen gleicherma\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"author":181,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[924,932,934,935,933,854],"class_list":["post-3841","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-special","tag-2020-1","tag-beethoven2020","tag-kanon","tag-ludwig-van-beethoven","tag-phaenomen-beethoven","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/181"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3841"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3841\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3993,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3841\/revisions\/3993"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}