{"id":3809,"date":"2020-02-26T16:27:06","date_gmt":"2020-02-26T15:27:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=3809"},"modified":"2020-02-27T13:07:52","modified_gmt":"2020-02-27T12:07:52","slug":"interview-mit-shzr-ee-tan-anlaesslich-der-podiumsdiskussion-studieren-ohne-diskriminierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2020\/02\/26\/interview-mit-shzr-ee-tan-anlaesslich-der-podiumsdiskussion-studieren-ohne-diskriminierung\/","title":{"rendered":"Interview mit Shzr Ee Tan"},"content":{"rendered":"Ich m\u00f6chte auf zwei Formulierungen zur\u00fcckkommen, die Sie in die Podiumsdiskussion eingebracht haben: Zum einen auf das Zitat \u201eWhat are you prepared to give up?\u201c Von wem stammt es? Zum anderen sprachen Sie in Zusammenhang mit dem Kolonialismus des britischen Empires \u00fcber die Notwendigkeit von \u201eundoing the script\u201c: Wie definieren Sie diesen Begriff?<\/p>\n<figure id=\"attachment_4047\" aria-describedby=\"caption-attachment-4047\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4047\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Diskriminierung_web_c-stp_021_5837-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Diskriminierung_web_c-stp_021_5837-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Diskriminierung_web_c-stp_021_5837-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Diskriminierung_web_c-stp_021_5837-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Diskriminierung_web_c-stp_021_5837-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Diskriminierung_web_c-stp_021_5837-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Diskriminierung_web_c-stp_021_5837-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4047\" class=\"wp-caption-text\">Shzr Ee Tan \u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>Shzr EeTan (SET): <\/b>Das Zitat stammt von Chi-chi Nwanoku, einer britischen Musikerin nigerianischer und irischer Herkunft, die sehr engagiert die Inklusion von Black and Minority Ethnics (BME) in den klassischen Musikbetrieb vorantreibt. Sie wollte eine Reflexion \u00fcber die privilegierten Positionen von Musiker_innen anregen und hat in Gro\u00dfbritannien eine breite Diskussion \u00fcber Privilegienabbau angesto\u00dfen. Nwanoku gr\u00fcndete 2015 das Chineke! Orchestra, das erste professionelle Orchester in Europa, das sich mehrheitlich aus BME-Musiker_innen zusammensetzt.<\/p>\n<p>Mit dem Begriff Skript beziehe ich mich u.a. auf Richard Schechner und Erving Goffman, wei\u00dfe Theoretiker der Soziologie und Intercultural Theory. Ich glaube, dass wir in unserem t\u00e4glichen Leben, und nicht nur auf der B\u00fchne, in unseren Gespr\u00e4chen nach bestimmten Skripts bzw. Regeln auftreten. Ich spreche zum Beispiel mit Ihnen oder meinem Vorgesetzten anders als mit meiner Mutter, weil meine jeweiligen Beziehungen zu allen dreien aufgrund der Umst\u00e4nde und Hierarchien, in denen wir uns befinden, unterschiedlich sind. Meine Wortwahl, mein Tonfall und sogar meine K\u00f6rpersprache \u00e4ndern sich. Manchmal sind die Unterschiede auf unterschiedliche Intimit\u00e4t und relationale Professionalit\u00e4t zur\u00fcckzuf\u00fchren, aber oft folgen wir einem soziokulturellen Skript, das durch die fortgesetzten und ungleichen Machtstrukturen der Gesellschaft vorgegeben ist, in der manche Menschen unbewusst \u201eden Schw\u00e4cheren spielen\u201c m\u00fcssen, um \u00fcberhaupt ein Gespr\u00e4ch f\u00fchren zu k\u00f6nnen, blo\u00df weil es einfacher ist. Sich gegen ein solches Skript zu wehren, erfordert sowohl viel Anstrengung als auch viel Mut.<\/p>\n<p><b><\/b>Wie k\u00f6nnen nun Individuen erm\u00e4chtigt werden, dem Skript nicht zu folgen oder es zu \u00e4ndern? Welche Spielr\u00e4ume f\u00fcr die inklusive und geschlechtergerechte Ausgestaltung von Lehre, Wissenschaft und Forschung an Kunstuniversit\u00e4ten sind daf\u00fcr n\u00f6tig, Stichwort \u201esafe spaces\u201c?<\/p>\n<p><b>SET: <\/b>Ich arbeite als Leiterin der Stelle f\u00fcr Gleichbehandlung, Diversit\u00e4t und Inklusion an der School of Performing and Digital Arts des Royal Holloway, wo die Community der Studierenden sehr international ist. Internationale Studierende zahlen h\u00f6here Studiengeb\u00fchren als die lokalen Studierenden. Oft erfahren diese Studierenden erstmals in England Diskriminierung in Form von Mikroaggressionen wie zum Beispiel Augenrollen oder Bemerkungen \u00fcber den Akzent, die aber nie offen angesprochen werden. In ihren Herkunftsl\u00e4ndern waren diese Studierenden Teil einer Mehrheit, die meisten davon allerdings aus besser gestellten Klassen. Unter internationalen Studierenden gibt es leider h\u00e4ufig eine Klassenhomogenit\u00e4t. Um zu den Mikroaggressionen zur\u00fcckzukehren: Sie verwandeln sich durch Wiederholung in strukturelle Unterdr\u00fcckung, die wirklich schlimme psychische Konflikte bei den Betroffenen ausl\u00f6sen kann. Es ist, als ob man jeden Tag eine zus\u00e4tzliche Last von 10 kg mit sich herumschleppt, st\u00e4ndig den Leuten erkl\u00e4ren muss, woher man <i>wirklich<\/i> kommt, oder dass man der englischen Sprache m\u00e4chtig ist, bevor man als Forscherin ernst genommen wird. Das ist unbezahlte, emotionale Arbeit. Deshalb sollte man nicht einfach sagen, dass Diskriminierung bedeutet, jemandes Gef\u00fchle seien verletzt worden, sondern diese Verletzungen gehen viel tiefer und sind strukturell bedingt.<\/p>\n<p>Zur Notwendigkeit von \u201esafe spaces\u201c m\u00f6chte ich sagen, dass wir zum Beispiel im Rahmen des Forschungsprojektes mit Maiko Kawabata einen Study Day zum Thema Cultural Imperialism and the New ,Yellow Peril\u2018 in Western Classical Music im Juni 2019 organisiert haben. Dort luden wir im offenen Forum die Teilnehmer_innen dazu ein, kleine Breakout-Gruppen zu bilden. Das waren \u201esafe spaces\u201c, die funktioniert haben, in denen alle sehr frei und offen gesprochen haben. Noch wichtiger ist, dass wir \u2013 und ich schlie\u00dfe hier Verb\u00fcndete ein \u2013 auch in diesen R\u00e4umen Fehler machen und Fragen stellen konnten, ohne beurteilt zu werden.<\/p>\n<p><b><\/b>Haben Sie Vorschl\u00e4ge, wie man universit\u00e4re Gremien, wie zum Beispiel Berufungskommissionen, inklusiver gestalten k\u00f6nnte?<\/p>\n<p><b>SET: <\/b>Ich denke, dass unsere Gremien am Department for Music am Royal Holloway bis jetzt nicht \u00fcber eine offizielle Strategie verf\u00fcgen, die tats\u00e4chlich die Besetzung der Gremien zwingend inklusiver bzw. diverser macht \u2013 aufgrund der geringen Gr\u00f6\u00dfe des Departments k\u00f6nnen wir uns allerdings jedes Mal aufs Neue aktiv darum bem\u00fchen. Verpflichtend ist jedoch f\u00fcr alle bei Stellenantritt ein Unconscious-Bias-Training, eine verpflichtende Weiterbildung \u00fcber unbewusste Vorurteile, die sich in diskriminierendem Verhalten \u00e4u\u00dfern. Neben der begr\u00fc\u00dfenswerten Vision, dass nicht nur die Studierenden, sondern auch das Universit\u00e4tspersonal diverser werden sollte, m\u00f6chte ich aber auch auf die Gefahr der Identit\u00e4tspolitik hinweisen, wie sie mittlerweile in den USA praktiziert wird: Einzelne marginalisierte Gruppen werden in einer ungesunden Opfer-T\u00e4ter-Dynamik gegeneinander ausgespielt, anstatt Pluralit\u00e4t auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung aus dem Englischen von Karoline Feyertag.<b><\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/index.php\/2020\/02\/24\/undoing-the-script-studieren-ohne-diskriminierung-zur-veranstaltung-zum-internationalen-tag-der-menschenrechte-an-der-mdw\/\">Zum Artikel &#8222;Undoing the Script&#8220; Studieren ohen Diskriminierung. Zur Veranstaltung zum Internationalen Tag der Menschenrechte an der mdw<\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Shzr Ee Tan war Diskutantin bei der Podiumsdiskussion anl\u00e4sslich des Menschenrechtstags am 10. Dezember 2019 an der mdw.<\/p>\n","protected":false},"author":105,"featured_media":4047,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[924,196,957],"class_list":["post-3809","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-report","tag-2020-1","tag-interview","tag-menschenrechtstag"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3809","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/105"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3809"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3809\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4115,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3809\/revisions\/4115"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4047"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}