{"id":3489,"date":"2019-11-25T14:31:00","date_gmt":"2019-11-25T13:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=3489"},"modified":"2019-11-28T20:25:04","modified_gmt":"2019-11-28T19:25:04","slug":"heinrich-schenker-im-perspektivenwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/11\/25\/heinrich-schenker-im-perspektivenwechsel\/","title":{"rendered":"Heinrich Schenker im Perspektivenwechsel"},"content":{"rendered":"<b>Vom Musiktheoretiker zum Gegenstand historischer Forschung<\/b><\/p>\n<p>Im Februar 2019 startete an der mdw das dreij\u00e4hrige Drittmittelprojekt <i>Heinrich Schenker, Tageb\u00fccher 1915\u20131919: kommentierte Edition<\/i>. Es markiert einen weiteren H\u00f6hepunkt in der historischen Auseinandersetzung mit dem Wiener Theoretiker.<\/p>\n<p>International bekannt f\u00fcr seine Theorie von der hierarchischen Struktur tonaler Musik, besitzt Heinrich Schenker (1868\u20131935) heute einen bedeutsamen Platz in der Geschichte der Musik. Mithilfe einer von ihm entwickelten Reduktionsmethode lassen sich in der Tiefenstruktur tonaler Werke organische Zusammenh\u00e4nge offenlegen, f\u00fcr die Schenker die Begriffe Urlinie und Ursatz pr\u00e4gte. W\u00e4hrend Schenker selbst bis an sein Lebensende als Autor und Privatlehrer ohne akademische Position gewirkt hatte, emigrierten viele seiner j\u00fcdischen Sch\u00fcler in die USA und verankerten Schenkers Theorie in der akademischen Welt. Die Analyse nach Schenker errang im Studienplan zahlreicher amerikanischer Musiklehranstalten eine f\u00fchrende Stellung.<\/p>\n<p>In Europa wurde Schenkers Lehre zun\u00e4chst nur z\u00f6gerlich aufgenommen. Daf\u00fcr verantwortlich waren neben der Vertreibungspolitik der Nazis vor allem Schenkers polemische Tonart und seine antimoderne Haltung, die beide in Amerika kaum eine Rolle spielten, da die originalen Schriften dort weitgehend nicht rezipiert wurden. Im deutschsprachigen Raum verursachten sie jedoch eine Skepsis gegen\u00fcber Schenker, die eine Besch\u00e4ftigung mit seiner Theorie oft erschwerte. Dennoch konnte sich Schenkers Lehre in den 1950er-Jahren an der Wiener Musikakademie, der heutigen mdw, etablieren. Zu verdanken haben wir dies Franz Eibner, einem Enkelsch\u00fcler Schenkers und damaligen Akademiedozenten. Was mit fakultativen Abendkursen begann, f\u00fchrte \u00fcber lehrplangebundene Seminare hin zur Schaffung der Lehrkanzel f\u00fcr Tonsatz nach Heinrich Schenker, in deren Rahmen 1976 der Lehrgang f\u00fcr Tonsatz nach Heinrich Schenker in Kraft trat, der f\u00fcr Studierende aller Fachrichtungen sowie Gasth\u00f6rer_innen belegbar war und zudem Pflichtvorlesungen f\u00fcr Kompositions- und Dirigentensch\u00fcler_innen vorsah.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3491\" aria-describedby=\"caption-attachment-3491\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3491 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image0-7-1024x725.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"602\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image0-7-1024x725.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image0-7-300x212.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image0-7-768x543.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image0-7-104x74.jpg 104w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image0-7-850x601.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3491\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich Schenker \u00a9 Special Collections &amp; University Archives, University of California, Riverside<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die von Eibner gef\u00fchrte Lehrkanzel wurde 1986 von Peter Barcaba \u00fcbernommen und 1992 aufgelassen. Der Lehrgang blieb vorerst bestehen, jedoch wurde seine Semesterzahl 1997 von sechs auf vier gek\u00fcrzt. Die Leitung hatte von 1994 bis 2006 Martin Eybl inne, danach Patrick Boenke. 2010 wurde der Lehrgang schlie\u00dflich eingestellt. Studierende haben seitdem weiterhin die M\u00f6glichkeit, Lehrveranstaltungen zur Schenker-Analyse als freie Wahlf\u00e4cher zu belegen, wobei sich das Lehrangebot 2017 abermals reduziert hat. Trotzdem kann die mdw heute von sich behaupten, die einzige Hochschule Europas zu sein, an der gr\u00fcndliche Kenntnisse in der Analyse nach Schenker in einem mehrsemestrigen Curriculum erworben werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein R\u00fcckgang des Angebots an Lehrveranstaltungen zur Schenker-Analyse l\u00e4sst sich nicht nur an der mdw beobachten. Selbst im Zentrum des \u201eSchenkerismus\u201c, den USA, zeichnet sich an vielen Musiklehranstalten eine \u00e4hnliche Entwicklung ab. Der Hauptgrund daf\u00fcr liegt in der Intensivierung der Auseinandersetzung mit Stilrichtungen aus der Zeit vor 1700 und nach 1900. Dabei handelt es sich weitgehend um Musik jenseits der harmonischen Tonalit\u00e4t, die sich mit Schenkers analytischer Methode nur bedingt oder gar nicht erschlie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Parallel zu diesen Entwicklungen macht sich ein steigendes Interesse an Schenkers Person im kultur- und sozialgeschichtlichen Kontext sowie am ideengeschichtlichen Kontext seiner Theorie bemerkbar. In letzter Zeit wandten sich einzelne Autoren verst\u00e4rkt historischen Fragen zu, was dadurch beg\u00fcnstigt wurde, dass mittlerweile Schenkers polemische Streitschriften in englischer \u00dcbersetzung vorliegen und zahlreiche Dokumente aus seinem Nachlass auf der frei zug\u00e4nglichen Website <i>Schenker Documents Online<\/i> (SDO) erschienen sind.<\/p>\n<p>Einen ersten H\u00f6hepunkt der herrschenden Tendenz zu historischen Fragestellungen markierte das internationale Symposium <i>Schenker-Traditionen<\/i>, das zusammen mit der Ausstellung <i>Rebell und Vision\u00e4r. Heinrich Schenker in Wien<\/i> 2003 an der mdw stattfand. Von 2007 bis 2010 und von 2014 bis 2017 war die mdw Standort zweier vom \u00f6sterreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) gef\u00f6rderter Projekte, in deren Rahmen Schenkers Tageb\u00fccher 1912\u20131914, 1918\u20131925 und 1931\u20131935 auf SDO publiziert wurden. 2016 wurde an der mdw erstmals ein musikhistorisches Seminar zu Schenker und seinem soziokulturellen Umfeld angeboten.<\/p>\n<p>Schenkers Biografie erweist sich in vielerlei Hinsicht als ein ergiebiges Forschungsthema. Schenker entfaltete in Wien ein breites T\u00e4tigkeitsfeld, aus dem sich ein gro\u00dfes Netz an beruflichen Beziehungen ergab. Im Laufe seines Lebens wirkte er auch als Komponist, Dirigent, Pianist, Zeitungskritiker und Herausgeber von Noten. Ein vor allem f\u00fcr die Identit\u00e4tsforschung interessanter Aspekt in seinem Leben ist jener, dass Schenker ein assimilierter Jude deutschnationaler Gesinnung war, der eine Konversion nie ernsthaft erwog. Informationen dazu liefern uns seine minuti\u00f6s gef\u00fchrten Tageb\u00fccher. Diese geben nicht nur Aufschluss \u00fcber seine pers\u00f6nlichen Lebensumst\u00e4nde, sondern bieten auch tiefe Einblicke in die damalige Kulturszene Wiens.<\/p>\n<p>Im Februar 2019 startete an der mdw ein weiteres dreij\u00e4hriges FWF-Projekt zu Schenker, das eine kommentierte Edition seiner Tageb\u00fccher 1915\u20131917 und seines politischen Nachkriegstagebuchs 1918\/19 vorsieht. Zusammen mit einer englischen \u00dcbersetzung werden die Texte bis 2022 auf die Website SDO gestellt, womit es dort zu einem Abschluss der zweisprachigen Gesamtausgabe von Schenkers Tageb\u00fcchern kommt. Mit dem Projekt, das vom Autor dieser Zeilen geleitet wird, kann die mdw ihr Profil als Institution mit einem Schwerpunkt auf Schenker erneut sch\u00e4rfen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mdw.ac.at\/schenkerlehrgang\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">mdw.ac.at\/schenkerlehrgang<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.schenkerdocumentsonline.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">schenkerdocumentsonline.org<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Februar 2019 startete an der mdw das dreij\u00e4hrige Drittmittelprojekt  Heinrich Schenker, Tageb\u00fccher 1915\u20131919: kommentierte Edition . 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