{"id":3447,"date":"2019-11-29T08:00:03","date_gmt":"2019-11-29T07:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=3447"},"modified":"2019-12-06T14:59:58","modified_gmt":"2019-12-06T13:59:58","slug":"kreative-missverstaendnisse-methodologien-der-inspiration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/11\/29\/kreative-missverstaendnisse-methodologien-der-inspiration\/","title":{"rendered":"Kreative (Miss)Verst\u00e4ndnisse \u2013 Methodologien der Inspiration"},"content":{"rendered":"<b>Ein k\u00fcnstlerisches Forschungsprojekt gef\u00f6rdert vom Fonds zur F\u00f6rderung der wissenschaftlichen Forschung<\/b><\/p>\n<p><b>Menschen \u2013\u00a0Kreativit\u00e4t \u2013\u00a0Solidarit\u00e4t \u2013 Inspiration<\/b><\/p>\n<p>Was motivierte einen \u00f6sterreichischen Komponisten und eine Musikerin aus Taipei zur Zusammenarbeit mit den Tao, einer indigenen Community auf der Orchideeninsel (Lanyu)? Neugier? Oder die Faszination einer wundersch\u00f6nen Insel und eines Gesangsstils, der so speziell ist, dass westliche Notenschrift ihn nicht erfassen kann? War es die Suche nach Inspiration?<\/p>\n<p>Seit 2005 besuchen Bratschistin Wei-Ya Lin, die sp\u00e4ter Ethnomusikologin wurde, und Johannes Kretz, ein Komponist mit Fokus auf elektronischer Klangproduktion, regelm\u00e4\u00dfig die Tao-Community. Sie sammeln Lieder, machen Interviews, versuchen, die Verbindung zwischen Singen und Leben der Tao zu verstehen. Ein Ergebnis davon war die Forschung, die in die Dissertation Musik im Leben der <i>Tao: Tradition und Innovation<\/i> (2015) von Wei-Ya Lin m\u00fcndete. Andere Ergebnisse waren Kompositionen von Johannes Kretz, die traditionelle Tao-Ges\u00e4nge und europ\u00e4ische zeitgen\u00f6ssische Kunstmusik zusammenf\u00fchren.<\/p>\n<p>2016 f\u00fchrte diese Zusammenarbeit zur Realisierung des abendf\u00fcllenden Tanztheaters <i>Maataw \u2013 the floating island<\/i> am Nationalen Theater in Taipei. Es pr\u00e4sentierte nicht nur die Sch\u00f6nheiten von dem Leben, dem Tanz und der Musik der Tao, sondern legte \u2013 auf kritische, emotionale und politische Weise \u2013 den Finger auf die sozialen, wirtschaftlichen und \u00f6kologischen Anliegen dieser Community.<\/p>\n<p>2018 wurde der n\u00e4chste Schritt durch eine Dreijahresf\u00f6rderung des FWF (PEEK-Programm) des k\u00fcnstlerischen Forschungsprojekts <i>Kreative (Miss)Verst\u00e4ndnisse \u2013 Methodologien der Inspiration<\/i> an der mdw erm\u00f6glicht. Ausgangspunkt ist dabei die Frage, ob das Verstehen immer dazu geeignet ist, Menschen zu verbinden; oder umgekehrt, ob Missverst\u00e4ndnisse immer trennend wirken m\u00fcssen. Von 2018 bis 2021 verfolgt das Projekt mit mehreren wechselseitigen Besuchen der Projektteilnehmer_innen aus Taiwan und \u00d6sterreich und gemeinsamen Workshops, k\u00fcnstlerischer Forschung, Improvisation, Komposition und Performance mehrere Ziele: Durch das Verbinden von Vergangenheit und Zukunft soll die Tao-Community in ihrer kulturellen Identit\u00e4t gest\u00e4rkt, der Bruch zwischen den Generationen gemildert und eine m\u00f6gliche Basis daf\u00fcr gelegt werden, dass die Tao ihre Traditionen \u2013 auch durch etwaige Transformationen ihrer Praxen \u2013 vor dem v\u00f6lligen Verschwinden bewahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3450\" aria-describedby=\"caption-attachment-3450\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3450 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image1-4-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image1-4-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image1-4-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image1-4-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image1-4-850x638.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/post-1_image1-4.jpg 1413w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3450\" class=\"wp-caption-text\">V. l. n. r.: Chien Hsiang Lin, Hui Ye, Wei-Ya Lin, Samu Gryllus, Zheng Kuo, Johannes Kretz, Hsinya Huang, I-Ming Liao, Chien-Ping Kuo \u00a9 Wolfgang Liebhart<\/figcaption><\/figure>\n<p>Weiters werden Komponist_innen europ\u00e4ischer zeitgen\u00f6ssischer Kunstmusik Methodologien entwickeln, die es ihnen erm\u00f6glichen, skalierbare Kompositionen zu realisieren, deren musikalische Ideen und Inhalte in verschiedenen Manifestationen umgesetzt werden k\u00f6nnen, welche dann in den verschiedenen Kontexten von Zuh\u00f6rer_innen verstanden und gesch\u00e4tzt werden k\u00f6nnen. Durch die F\u00f6rderung des FWF k\u00f6nnen diese Fragen in einem gr\u00f6\u00dferen Team von indigenen und nicht-indigenen aus Taiwan und \u00d6sterreich k\u00fcnstlerisch Forschenden angegangen werden. Neben den Projektleiter_innen (Johannes Kretz und Wei-Ya Lin) arbeiten im Kernteam Samu Gryllus, Wolfgang Liebhart, Ming Wang, Hui Ye, Syaman Vongayan (Han-Name: Chien-Ping Kuo), Si Pehbowen (Han-Name: Zheng Kuo), Sinan Sakayan und Chien-Hsiang Lin zusammen, unterst\u00fctzt und beraten von Sandeep Bhagwati, Iris ter Schiphorst, Bernd Brabec de Mori, Marc-Antoine Camp, Cheng-Hsien Yang, Tasos Zembylas, Fang-Yi Lin, Chiao-Hua Chang und Daliah Hindler.<\/p>\n<p>So kann der Raum zwischen Verstehen und Missverstehen in unterschiedlichsten Perspektiven ausgelotet, und dessen Bedeutung f\u00fcr das Leben der Menschen klarer verortet werden. Dies erfordert viel Reflexion, Sensibilit\u00e4t und das Einbeziehen von methodischen und ethischen Fragestellungen. Inspiration erh\u00e4lt hier eine modifizierte Bedeutung: wechselseitig wertgesch\u00e4tzter, absichtlicher und reziproker k\u00fcnstlerischer Einfluss auf der Basis von Solidarit\u00e4t. Dabei wird durchaus auch zu kreativen Missverst\u00e4ndnissen in der Interaktion zwischen Forschung und k\u00fcnstlerischen Praxen ermutigt. Beides, Verstehen und Missverstehen kann zu positiven Entdeckungen und Inspiration f\u00fchren, nicht nur im K\u00fcnstlerischen, sondern auch in Form von neuen Forschungsfragen und gesellschaftlich wirksamen Initiativen.<\/p>\n<p>In den ersten beiden intensiven Workshopphasen im Januar 2019 in Wien und im August und September 2019 auf der Orchideeninsel ergaben sich bereits wichtige Erkenntnisse, Erfahrungen und Arbeitsfelder: Auf der Basis von Feldforschung mit Zug\u00e4ngen aus der Ethnomusikologie und k\u00fcnstlerischen Forschung gelang es, erste Bereiche des Tao-Repertoires zu identifizieren, welche sowohl f\u00fcr angewandte Ethnomusikologie als auch f\u00fcr allf\u00e4llige k\u00fcnstlerische und soziomusikalische Transformationen verwendbar sein k\u00f6nnten. Erste Interventionen, die die verschiedenen Tao-Generationen ebenso wie die Musikschaffenden aus Europa verbinden, f\u00fchrten zu vielversprechenden Ergebnissen.<\/p>\n<p>Ein auf Deutsch, aber im Tao-Gesangsstil <i>Anood<\/i> gesungenes H\u00f6flichkeitslied eines \u00d6sterreichers bei einem mehrt\u00e4gigen Hausfertigungsfest der Tao \u2013 welches dreifach mit Antwortliedern bedacht wurde \u2013 er\u00f6ffnet Zug\u00e4nge f\u00fcr die weitere Zusammenarbeit. Die Entdeckung eines weiteren, bisher von der Grundlagenforschung noch nicht dokumentierten Gesangstypus der Tao bringt neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Das Projekt, als Erkennungssignal f\u00fcr die M\u00fcllabfuhr auf Lanyu, anstelle des in Taiwan \u00fcblichen synthetischen Abspielens des Beginns von Beethovens <i>F\u00fcr Elise<\/i> eine kulturell und \u00e4sthetisch ad\u00e4quatere Alternative zu entwickeln, ist sowohl k\u00fcnstlerisch als auch kulturpolitisch eine interessante Initiative. Noch l\u00e4sst sich nicht sagen, wie sich die vielen Elemente des Projekts letztlich zu einer gemeinsamen k\u00fcnstlerischen Skulptur (im Sinne von Beuys) verbinden werden. Aber vielversprechende erste Schritte wurden bereits gesetzt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mdw.ac.at\/creativemisunderstandings\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">mdw.ac.at\/creativemisunderstandings<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 2005 besuchen Bratschistin Wei-Ya Lin, die sp\u00e4ter Ethnomusikologin wurde, und Johannes Kretz, ein Komponist mit Fokus auf elektronischer Klangproduktion, regelm\u00e4\u00dfig die Tao-Community.<\/p>\n","protected":false},"author":173,"featured_media":3449,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[888,892,154,854,52],"class_list":["post-3447","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2019-4","tag-artistic-research","tag-science","tag-special","tag-wissenschaft"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3447","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/173"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3447"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3447\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3691,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3447\/revisions\/3691"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3449"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3447"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3447"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3447"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}