{"id":3418,"date":"2019-11-24T20:53:17","date_gmt":"2019-11-24T18:53:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=3418"},"modified":"2019-11-29T07:44:34","modified_gmt":"2019-11-29T06:44:34","slug":"potenziale-kuenstlerischer-forschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/11\/24\/potenziale-kuenstlerischer-forschung\/","title":{"rendered":"Potenziale k\u00fcnstlerischer Forschung*"},"content":{"rendered":"Die folgenden \u00dcberlegungen reflektieren k\u00fcnstlerische Forschung im Feld der bildenden K\u00fcnste aus einem wissenschafts- sowie kunsttheoretischen Interesse heraus. Sie benennen \u2013 in Anlehnung an die Geschichte der modernen Kunst und ihrer Theorie \u2013 \u00e4sthetische Praktiken und Aspekte, die als Charakteristika einer spezifisch k\u00fcnstlerischen Forschung verfolgt werden k\u00f6nnen und f\u00fcr die aktuellen Herausforderungen unserer Auseinandersetzung mit der Welt, insbesondere der Frage des Wissens, vielversprechend sind.<\/p>\n<p>Artistic Research geh\u00f6rt f\u00fcr viele Studienanf\u00e4nger_innen wie das Zeichnen zum k\u00fcnstlerischen Instrumentarium. Gleichwohl ist die k\u00fcnstlerische Forschung mit einer Kritik von K\u00fcnstler_innen, Wissenschaftler_innen und Akteur_innen des Kunst(markt)-Systems konfrontiert, die sie aus dem Feld der Kunst auszugrenzen sucht. Einem Mantra gleich kehrt konstant der Vorwurf wieder, dass nunmehr auch die Kunst akademisiert und unter das Diktat der Wissensproduktion gestellt werde und somit ihre kreativen, ja widerspenstigen Potenziale verliere. Statt an die Grenzen des Wissens zu erinnern, die Wissensproduktion zu problematisieren oder sich unbewussten Prozessen zuzuwenden, in denen sich auch Unvorhersehbares ereignen k\u00f6nne, werde die k\u00fcnstlerische Forschung zum Wissenslieferanten. Ist es aber tats\u00e4chlich so einfach, Kunst, Wissen, Forschung durch Polarisierungen zu (unter)scheiden und welche (Macht-)Interessen sind damit jeweils verbunden? Setzt das Dispositiv des Kunstmarktes tats\u00e4chlich widerspenstige und unvorhersehbare Potenziale frei? Mir scheint die ausgrenzende Kritik heute eine weniger vielversprechende Strategie denn die Pluralisierung des Kunstfeldes.<\/p>\n<p>F\u00fcr die k\u00fcnstlerische Forschung lassen sich vielf\u00e4ltige Genealogien erstellen. So erforschte die historische Avantgarde die \u00e4sthetischen Mittel hinsichtlich ihrer Kraft, das Leben zu durchdringen und zu ver\u00e4ndern. Sie verabschiedete den Subjektivit\u00e4ts-Mythos, setzte an die Stelle des K\u00fcnstlergenies den K\u00fcnstler-Ingenieur und lehnte die Repr\u00e4sentation der sichtbaren Welt als blo\u00dfe Illusionsmalerei ab. Der (m\u00e4nnlich vorgestellte) K\u00fcnstler sollte Forscher werden.<a href=\"#footnote1\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Dieses Selbstverst\u00e4ndnis findet sich im 20. Jahrhundert immer wieder, verkn\u00fcpft etwa mit \u00f6konomischen Fragen,<a href=\"#footnote2\"><sup>2<\/sup><\/a> mit interdisziplin\u00e4ren kollaborativen Arbeitsweisen zwischen Kunst und Technologie<a href=\"#footnote3\"><sup>3<\/sup><\/a> oder mit dem Wunsch, die k\u00fcnstlerische Praxis in der Gesellschaft zu verankern<a href=\"#footnote4\"><sup>4<\/sup><\/a>. Der k\u00fcnstlerische Anspruch war nicht (mehr) jener, avantgardistisches Modell f\u00fcr die Gesellschaft zu sein, Kunst sollte aber ebenso wenig als Gegenmodell zur Gesellschaft fungieren. Mit der Anlehnung und Aneignung von Forschungsmethoden aus den empirischen Wissenschaften wie der Sozialwissenschaft stellten K\u00fcnstler_innen die M\u00f6glichkeiten und Funktionen von Kunst zur Disposition und er\u00f6ffneten neue Verschr\u00e4nkungen mit der Gesellschaft und aktuellen Fragen.<\/p>\n<p>In ihrer heutigen institutionalisierten Form der Bologna-Reform ist k\u00fcnstlerische Forschung Teil des Dispositivs Wissen. Sie agiert nicht in einem freien Au\u00dfen, sondern entwickelt in Relation zu den g\u00fcltigen Normen und Konventionen ihre Strategien und Grenzg\u00e4nge im Feld des Wissens. Dabei kann sie auf spezifisch k\u00fcnstlerisch-\u00e4sthetische Praktiken, Techniken und Verfahren, wie sie in der Moderne ausgebildet wurden, zur\u00fcckgreifen. Zum methodischen Werkzeugkasten der k\u00fcnstlerischen Forschung geh\u00f6ren insofern jene \u00e4sthetischen Praktiken, welche die moderne Kunst in ihrer sich von der Wissenschaft abgrenzenden Ausdifferenzierung entwickelt hat. Den Potenzialit\u00e4ten der Darstellung f\u00fcr unsere Wahrnehmung wie f\u00fcr unser Denken von Welt kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. In der Geschichte der \u00c4sthetik und der modernen Kunst meint die Repr\u00e4sentation von Wirklichkeit deren Darstellung <i>und<\/i> Herstellung. \u00c4sthetische Praktiken zielen auf die Produktivit\u00e4t des Sehens und nicht auf ein wiedererkennendes Sehen ab, sie arbeiten mit Widerspr\u00fcchen, mit Irritationen, mit Ambivalenzen, mit Vieldeutigkeit und an den Grenzen des Wissens. Sie suchen nach dem, was sich der Positivierung widersetzt, unm\u00f6glich erforschbar ist, aber doch als M\u00f6glichkeit einbezogen werden muss. Eine k\u00fcnstlerische Forschung, die auf \u00e4sthetische Praktiken zur\u00fcckgreift, schafft Bedingungen f\u00fcr eine Transformation dessen, was ist, und fragt nach den M\u00f6glichkeiten anderer Weisen des Wissen sowie nach einem anderen Wissen.<\/p>\n<p>* Von der Autorin gek\u00fcrzte Version des Textes: \u201eK\u00fcnstlerische Forschung\u201c, in: Jens Badura, Selma Dubach, Anke Haarmann u.\u2009a. (Hg.): K\u00fcnstlerische Forschung. Ein Handbuch, Z\u00fcrich, Berlin: diaphanes 2015, S. 65\u201368.<\/p>\n<p><em>Fu\u00dfnoten:<\/em><\/p>\n<p><span id=\"footnote11\"><small>1. Alexander Rodtschenko: Alles ist Experiment: der K\u00fcnstler-Ingenieur, Hamburg 1993 (Original 1920).<\/small><\/span><br \/>\n<span id=\"footnote12\"><small>2. Tom Holert: \u201eK\u00fcnstlerische Forschung. Anatomie einer Konjunktur\u201c, in: Texte zur Kunst, Heft 82, Juni 2011, \u201eArtistic Research\u201c, S. 38\u201363.<\/small><\/span><br \/>\n<span id=\"footnote13\"><small>3. Douglas Davis: Vom Experiment zur Idee. Die Kunst des 20. Jahrhunderts im Zeichen von Wissenschaft und Technologie, K\u00f6ln 1975 (Original 1972).<\/small><\/span><br \/>\n<span id=\"footnote14\"><small>4. Eremit? Forscher? Sozialarbeiter? Das ver\u00e4nderte Selbstverst\u00e4ndnis von Ku\u0308nstlern, Ausst.-Kat. Kunstverein und Kunsthaus Hamburg, Reinbek 1979. Vgl. auch Elke Bippus: \u201e(Kunst)Forschung. Eine neuartige Begegnung von Ethnologie und Kunst\u201c, in: Reinhard Johler, Christian Marchetti, Bernhard Tschofen, Carmen Weith (Hg.) Kultur_Kultur. Denken. Forschen. Darstellen, M\u00fcnster, New York u. a. [Waxmann] 2013, S. 284\u2013291.<\/small><\/span><\/p>\n<p><b>Infobox Artistic Research<\/b><\/p>\n<p>Die Debatte um k\u00fcnstlerische Forschung ist im deutschsprachigen Raum aufs Engste mit der Bologna-Reform verkn\u00fcpft und wird seit den 2000er-Jahren insbesondere in der Schweiz und in \u00d6sterreich bildungspolitisch mit der Einf\u00fchrung von Forschungsinstituten, Master- und PhD-Programmen sowie durch universit\u00e4re F\u00f6rderprogramme und -richtlinien vorangetrieben. Im Unterschied zu vereinzelten, allerdings immer wiederkehrenden Appellen nach k\u00fcnstlerischer Forschung in der Geschichte der Kunst, erf\u00e4hrt die k\u00fcnstlerische Forschung seither durch Tagungspublikationen, Journale und Handb\u00fccher, aber auch au\u00dferuniversit\u00e4re Institutionen, Netzwerke und Projekte eine erh\u00f6hte Sichtbarkeit. Impulsgebend f\u00fcr die institutionelle Perspektivierung von k\u00fcnstlerischen Praktiken als Forschung waren aber zun\u00e4chst die Universit\u00e4tsreformen in Gro\u00dfbritannien und in Skandinavien in den 1990er-Jahren. Der Historiker und Rektor des Londoner Royal College of Art Christopher Frayling f\u00fchrte 1993 die Unterscheidungen \u201eresearch into art\u201c, \u201eresearch for art\u201c und \u201eresearch through art\u201c ein, nicht allein um verschiedene Weisen des Forschens in den K\u00fcnsten zu systematisieren, sondern auch um damit \u201eKunst als Forschung\u201c zu institutionalisieren und neu eingef\u00fchrte Doktoratsprogramme zu legitimieren.<\/p>\n<p><b>Weitere grundlegende Literatur dazu:<\/b><\/p>\n<p>Henk Borgdoff, \u201eThe Debate on Research in the Arts\u201c, in: <i>Sensuous Knowledge \u2013 Focus on Artistic Research and Development<\/i>, Nr. 2, Bergen 2006, Online-Ressource: <a>ips.gu.se\/digitalAssets\/1322\/1322713_the_debate_on_research_in_the_arts.pdf<\/a><\/p>\n<p>Henk Borgdorff: \u201eDie Debatte \u00fcber Forschung in der Kunst\u201c, in: <i>K\u00fcnstlerische Forschung. Positionen und Perspektiven<\/i> (subTexte 03, Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste, Intitute for Performing Arts and Film), Z\u00fcrich 2009, 23\u201351.<\/p>\n<p>Christopher Frayling: Research in Art and Design, London: Royal College of Arts Research Papers, Vol.\u00a01., No.\u00a01, 1993\/94. <a>researchonline.rca.ac.uk\/384\/3\/frayling_research_in_art_and_design_1993.pdf<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artistic Research geh\u00f6rt f\u00fcr viele Studienanf\u00e4nger_innen wie das Zeichnen zum k\u00fcnstlerischen Instrumentarium. 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