{"id":317,"date":"2016-09-28T15:42:41","date_gmt":"2016-09-28T13:42:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=317"},"modified":"2016-12-01T11:53:12","modified_gmt":"2016-12-01T10:53:12","slug":"korvat-auki-ohren-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2016\/09\/28\/korvat-auki-ohren-auf\/","title":{"rendered":"Korvat auki! Ohren auf!"},"content":{"rendered":"<strong>\u00d61-Journalist Peter Kislinger zeichnet einen Querschnitt des mdw Festival &#8217;16-Programms rund um Nordische Kompositionen und schildert, dass schon Jean Sibelius mit den Vorstellungen vom &#8222;Typisch Nordischen&#8220; zu k\u00e4mpfen hatte.<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Musik ist in den nordischen L\u00e4ndern so verwurzelt wie der Orangenbaum.\u201c So h\u00f6hnte noch um 1800 Hegel. 200 Jahre sp\u00e4ter exportieren diese L\u00e4nder, allen voran Finnland, mehr Musik und MusikerInnen in den S\u00fcden als dieser Orangen in den Norden. Musik aus diesen L\u00e4ndern wird gern auf Klischees reduziert: Nordisches Licht, Melancholie, Stille, K\u00e4lte, Natur. Musik ist aber ein souver\u00e4ner Staat mit eigenen Gesetzen.<\/p>\n<p>Worin liegt das Besondere nordischer Musik beziehungsweise der modernen Musik des Nordens? Meine Antwort seit Jahren: Es gibt keine nordische Musik, wie es auch keine moderne Musik gibt. Was haben die Vierteltonkompositionen Sampo Haapam\u00e4kis mit Ahos 16 polystilistischen Sinfonien, diese mit Lindbergs <em>Kraft<\/em> und dieses mit dessen <em>Al largo<\/em> gemeinsam? Was Rautavaaras serielle 4. Sinfonie Arabescata mit seiner 7. Sinfonie <em>Angel of Light<\/em>, was P\u00e4rts erste drei Sinfonien mit <em>Fratres<\/em>, was P\u0113teris Vasks Violinkonzert <em>Distant Light<\/em> mit Saariahos elektroakustischem <em>Jardin secret<\/em>, dieses mit ihrem sinfonischen <em>Orion<\/em>, was verbindet die Klarinettenkonzerte von Aho, Eliasson, Hakkola, Fagerlund, Kaipainen, Rautavaara, Saariaho, Tiensuu? Sie stammen von Menschen, die im Norden geboren wurden und in den letzten 40 Jahren entstanden sind. Ich b\u00f6te, w\u00fcrde ich den Euromillionen-Jackpot gewinnen, den gesamten Gewinn, wer das Nordische oder Baltische, gar Finnische, Schwedische, Lettische,\u00a0Litauische aus den Werken heraush\u00f6ren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Sowohl in Finnland als auch anderswo, meinte Mikko Heini\u00f6, finnischer Komponist und Musikwissenschaftler, sei es ein weit verbreiteter Glaube, dass Musik aus Finnland naturgegeben typisch finnisch sei. Nicht weit dann der Schluss, dass \u201eMusik, die gewisse Stilelemente einsetzt, von Natur aus typisch finnisch etc.\u201c sei. Dieses Missverst\u00e4ndnis plagte schon Jean Sibelius. Nationale Schule, \u201eErscheinung aus den W\u00e4ldern\u201c, Wiesen und 187.888 Seen. Sonderlich mehr f\u00e4llt manchen KonzertbesucherInnen, auch MusikkritikerInnen, in unseren Breiten immer noch nicht ein. Seine eigentliche Leistung, meinte Sibelius 1915 im Alter von 50, sei nicht erkannt. Der selbstironische Tagebuchseufzer \u201eF\u00fcr die meisten wirst du eine Erscheinung aus den W\u00e4ldern bleiben\u201c wird bis heute in Mitteleuropa als Zeitungsaufh\u00e4nger missbraucht. Als \u201eunverwechselbar finnisch\u201c wurde 1892 seine eigenwillige <em>Kullervo-Sinfonie<\/em> abgestempelt. Damals wie heute wollte man finnischen Sommer, finnisches Vogelgezwitscher, Waldweben, den Schall eines Sch\u00e4ferhorns h\u00f6ren. Beneidenswert diese F\u00e4higkeit, aus all dem das Finnische herauszuh\u00f6ren und die Nationalit\u00e4t<br \/>\nvon Zugv\u00f6geln identifizieren zu k\u00f6nnen. Diese F\u00e4higkeit war Produkt einer PR-Kampagne. Einen Monat vor der Urauff\u00fchrung wurde sie gestartet. Die Presse beschrieb <em>Kullervo<\/em> als \u201eecht finnisch\u201c, \u201eh\u00f6chst originell\u201c und als \u201edas bedeutendste finnische Musikwerk, das je geschaffen wurde.\u201c Wochen zuvor hatte man noch \u00fcber die \u201esehr schwierige Sprache\u201c den Kopf gesch\u00fcttelt. \u201eDie Melodien erkennen wir als unsere, obwohl wir sie nie auf diese Weise geh\u00f6rt haben.\u201c Grund: Der schwedischsprachige Sibelius hatte erst im Alter von Mitte 20 finnische Volkslieder kennen gelernt, verlie\u00df sich aber nicht auf Folklore, sondern begann bereits in Wien (1890\/91) seinen eigenen Stil zu formen. <em>Kullervo<\/em> wurde dann dem \u00fcberwiegend schwedischsprachigen, aber fennophil\u00a0eingestellten, musikalisch mitteleurop\u00e4isch sozialisierten Konzertpublikum als typisch finnisch verkauft. Die archaische Wirkung der <em>Kullervo-Sinfonie<\/em> bewerkstelligt Sibelius aber nicht mit finnischer Folklore, sondern mittels dreier Kunstgriffe: Kirchentonarten, Quartenharmonik, 5\/4-Metren.<\/p>\n<p>Der heuer am 27. Juli verstorbene Einojuhani Rautavaara (*1928) hatte in den 70er-Jahren gemahnt, dass das \u201eBewusstsein von tausenden von Jahren w\u00e4hrender europ\u00e4ischer Musiktradition\u201c im 20. Jahrhundert \u201enoch nicht erwachsen\u201c geworden sei. Stile und Techniken seien Elemente \u201eein- und desselben dichten Gewebes.\u201c Er spricht nicht von Stilmischung, sondern von seinem \u201eGlauben an Synthese\u201c, war sich aber bewusst, dass gegens\u00e4tzliche Stile und Kompositionsmethoden zum Bruch mit Tabus jeglichen Systems f\u00fchren. Tabus seien \u201eoft nicht viel mehr als Zeugnisse von Kurzsichtigkeit und oftmals Rassismus.\u201c Um das, was \u201eder Zeitgeist fordert\u201c, um \u201eZeitgem\u00e4\u00dfes\u201c, hat er sich sp\u00e4testens seit <em>Cantus arcticus<\/em> (1972) nicht mehr gek\u00fcmmert: \u201eZeitgem\u00e4\u00dfe Musik? Was soll das sein? Die Zeit fordert \u00fcberhaupt nichts, Menschen ja, und deren Forderungen sind zeitbedingt.\u201c Wer in der Kunst \u201emit der Zeit geht, ist verurteilt, hinter ihr zur\u00fcckzubleiben. So schnell kann man nicht schauen, schon sind aus radikalsten Modernisten rabiateste Konservative geworden. Es n\u00fctzt aber nichts, hochn\u00e4sig zu sagen: Wenn meine Kunst nicht im Einklang mit der Zeit ist, so ist das die Schuld der Zeit. Mir w\u00e4re lieber, meine Musik w\u00e4re zeitlos als im Gleichklang mit der Zeit.\u201c<\/p>\n<p>Seine Sch\u00fcler Aho, Lindberg, Salonen haben sich, obwohl stilistisch anders verfahrend, \u00e4hnlich ge\u00e4u\u00dfert, am prononciertesten Kalevi Aho (*1949): \u201eTypisch f\u00fcr die europ\u00e4ische Gegenwart ist ein Freiheitsideal, das auf Oszillation und Pluralit\u00e4t beruht. Daraus leite ich die Unm\u00f6glichkeit ab, von einem Zentrum der Musikentwicklung zu sprechen. Ich finde es irgendwie bewundernswert, wie provinziell und chauvinistisch Auffassungen in Paris, London oder Wien sein k\u00f6nnen. Die Kreise moderner Musik sind dort nicht gr\u00f6\u00dfer als in Finnland. Vieles, was vor Kurzem als progressiv galt, ist heute veraltet. Das Neue des musikalischen Materials ist kein Wert an sich. Neues entsteht nicht nur aus neuartiger Kompositionstechnik. Wichtiger sind Inhalt, Gehalt und was ich die musikalische Dramaturgie nenne.\u201c<\/p>\n<p>Korvat auki! Ohren auf! Den Werken der KomponistInnen, von denen viele hier genannt wurden, zuh\u00f6ren. Wer wei\u00df: Vielleicht werde ich meine Wette sogar verlieren.<\/p>\n<ul>\n<li>Einige Veranstaltungen des mdw Festival&#8217;16 finden Sie zum Nachh\u00f6ren- und -sehen in der <a href=\"http:\/\/www.mdw.ac.at\/mdwMediathek\/index_onDemand.php\" target=\"_blank\">mdw Mediathek<\/a>.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00d61-Journalist Peter Kislinger zeichnet einen Querschnitt des mdw Festival &#8217;16-Programms rund um Nordische Kompositionen und schildert, dass schon Jean Sibelius mit den Vorstellungen vom &#8222;Typisch Nordischen&#8220; zu k\u00e4mpfen hatte. &#8222;Musik ist in den nordischen L\u00e4ndern so verwurzelt wie der Orangenbaum.\u201c So h\u00f6hnte noch um 1800 Hegel. 200 Jahre sp\u00e4ter exportieren diese L\u00e4nder, allen voran Finnland, &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":24,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[95,111,130,115],"class_list":["post-317","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-music","tag-2016-3","tag-festival","tag-nordic","tag-nordisch"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/24"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=317"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":512,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317\/revisions\/512"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=317"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=317"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}