{"id":3106,"date":"2019-09-27T13:33:29","date_gmt":"2019-09-27T11:33:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=3106"},"modified":"2019-12-10T10:32:44","modified_gmt":"2019-12-10T09:32:44","slug":"sapere-aude-pop-ulis-mus-ik-forschung-im-postfaktischen-zeitalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/09\/27\/sapere-aude-pop-ulis-mus-ik-forschung-im-postfaktischen-zeitalter\/","title":{"rendered":"SAPERE AUDE! POP\/ULIS\/MUS\/IK\/FORSCHUNG IM POSTFAKTISCHEN ZEITALTER"},"content":{"rendered":"<b>Der Druck auf Pop\/Musik\/Forscher_innen und -P\u00e4dagog_innen, die sich in ihrer Arbeit kritisch mit Rechtspopulismus und Rechtsextremismus befassen, ist hoch. Beschimpfungen und Verleumdungskampagnen in \u201esozialen\u201c Netzwerken, Hassmails, Klageandrohungen und St\u00f6rungen im Unterricht sind g\u00e4ngige Strategien der Einsch\u00fcchterung. Die mdw st\u00e4rkt couragierten Wissenschaftler_innen und P\u00e4dagog_innen mit einem Workshop den R\u00fccken.<\/b><\/p>\n<p>Im Februar dieses Jahres kritisierte der renommierte Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer in einem Interview, das er dem Deutschlandfunk gab, einen zu laxen und h\u00e4ufig wenig souver\u00e4nen Umgang vieler Hochschulen und Universit\u00e4ten mit rechtspopulistischen und rechtsextremen Tendenzen. Grosso modo nehmen viele Verantwortliche die gegenw\u00e4rtigen \u201eautorit\u00e4ren Versuchungen in der Gesellschaft offensichtlich nicht ernst\u201c<sup>1<\/sup>, so seine Diagnose. Dies ist nicht zuletzt deshalb problematisch, so Heitmeyer, weil der aktuelle \u201eautorit\u00e4re Nationalradikalismus auf die Institutionen dieser Gesellschaft\u201c<sup>2<\/sup> abzielt \u2013 also eine Destabilisierung von Bildungseinrichtungen wie Schulen, (Fach-)Hochschulen und Universit\u00e4ten im Sinne hat. Dass diese Strategie zum Teil bereits Fr\u00fcchte tr\u00e4gt, zeigt sich etwa in der Konjunktur, die \u201ealternative Fakten\u201c seit einigen Jahren erleben (nicht umsonst k\u00fcrte die Gesellschaft f\u00fcr deutsche Sprache den Begriff \u201epostfaktisch\u201c 2016 zum Wort des Jahres) und in einer damit verbundenen, zunehmend sp\u00fcrbar werdenden Intellektuellen- und Wissenschaftsfeindlichkeit. In der konkreten Forschungs- und Lehrpraxis lassen sich gerade unter Studierenden und Doktorand_innen Unsicherheiten ausmachen. \u2013 Kann man heute eigentlich noch zu musikpolitischen Themen arbeiten, ohne sich psychisch und finanziell schwer zu besch\u00e4digen? \u201eWas mache ich denn, wenn mich nun eine Band oder ein Konzertveranstalter klagt, weil ich in meiner Studie zu dem Schluss komme, diese Gruppe, die da auftritt, propagiert rechtes Gedankengut?\u201c, ist eine h\u00e4ufig gestellte Frage. Nachsatz einer Studentin: \u201eIch bin ja nicht Matthias Naske!\u201c<sup>3<\/sup><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind Menschen, die sich in Forschung und Lehre mit Rechtsextremismus und mit rechtspopulistischen Tendenzen in der Vergangenheit und\/oder Gegenwartskultur auseinandersetzen, ihre Erkenntnisse in die \u00d6ffentlichkeit transferieren und kritisch an den entsprechenden gesellschaftlichen Debatten teilnehmen, in letzter Zeit vermehrt mit au\u00dferordentlichen Belastungen konfrontiert, die sie selten offen verbalisieren k\u00f6nnen und mit welchen sie dennoch im Alltag zurechtkommen m\u00fcssen. Kritische Personen sollen mundtot gemacht werden. Dies betrifft selbstverst\u00e4ndlich auch Forschende und Lehrende im Feld der Musik, und zwar in zunehmendem Ma\u00dfe.<\/p>\n<p>Das hat zum einen mit dem gegenw\u00e4rtigen politischen Klima zu tun \u2013 Forschen und Lehren unter versch\u00e4rften gesellschaftspolitischen Bedingungen sozusagen. Zum anderen evozieren diese Bedingungen \u2013 und dies ist die erfreuliche Nachricht \u2013 langsam aber sicher Gegenwehr: Aktuell l\u00e4sst sich eine vergleichsweise starke Hinwendung der Musikforschung, insbesondere der Popular Music Studies, zu aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Fragestellungen konstatieren. So widmete beispielsweise die <i>\u00d6sterreichische Musikzeitschrift<\/i> dem Thema \u201eMusik in Zeiten des Populismus 2017\u201c ein eigenes Heft.<sup>4<\/sup> Die Gesellschaft f\u00fcr Popularmusikforschung e. V. wird im \u00adNovember 2019 unter dem Titel <i>One Nation under a Groove \u2013 \u201aNation\u2018 als Kategorie popul\u00e4rer Musik?<\/i> an der Johannes Gutenberg-\u00adUniversit\u00e4t Mainz tagen und damit popul\u00e4re Musiken auf (imaginierte) Konstruktionen von Nation(en) kritisch befragen. Und Mario Dunkel von der Carl von Ossietzky Universit\u00e4t Oldenburg erforscht aktuell in einem Gro\u00dfprojekt gemeinsam mit Kolleg_innen aus Italien, den Niederlanden, \u00d6sterreich und Ungarn, welche Rolle popul\u00e4rer Musik bei der massenhaften Verbreitung und Verankerung rechtspopulistischer Ideen zukommt \u2013 eine Idee, die die (private) Volkswagen-Stiftung mit knapp einer Million Euro f\u00f6rdert.<sup>5<\/sup><\/p>\n<p>Couragierte Schritte wie diese gilt es institutionell zu unterst\u00fctzen. Heitmeyer tritt vehement f\u00fcr strukturelle Lehr-, Weiterbildungs- und Informationsangebote ein, die Hochschulen und Universit\u00e4ten ihren Angeh\u00f6rigen m\u00f6glichst dauerhaft zur Verf\u00fcgung stellen sollten.<sup>6<\/sup> Die mdw als eine Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst, an der aktuell \u00fcber 4.000 Menschen aus mehr als 70 L\u00e4ndern studieren, lehren, lernen, arbeiten und forschen, versteht sich als ein Ort der offenen, neugierigen Begegnung, der transkulturellen Kooperation und des respektvollen Umgangs miteinander.<\/p>\n<p>Um mutigen Forscher_innen (egal, in welchem Qualifikationsstadium) und P\u00e4dagog_innen den R\u00fccken zu st\u00e4rken, bietet das Zentrum f\u00fcr Weiterbildung der mdw in Kooperation mit der hmdw und mit der International Association for the Study of Popular Music \u2013 German Speaking Branch (IASPM-D-A-CH) im Oktober dieses Jahres einen Workshop unter dem Titel <i>Positionen! Kompetent umgehen mit rechtspopulistischen und -extremen Provokationen<\/i> an. In diesem Workshop haben die Kursteilnehmer_innen die M\u00f6glichkeit, sich in einem gesch\u00fctzten Rahmen \u00fcber ihre Erfahrungen auszutauschen. Dar\u00fcber hinaus werden zwei geladene Rechtsextremismus-Expert_innen Strategien vermitteln, die es den Kursteilnehmer_innen erlauben, auf verbale Angriffe und Provokationen besonnen und kompetent zu reagieren. Eine juristische Beratung informiert au\u00dferdem dar\u00fcber, ob und in welchem Umfang Angeh\u00f6rige von Universit\u00e4ten im Falle einer Klage juristischen Schutz genie\u00dfen bzw. ob individuelle juristische Vorkehrungen Sinn machen, sofern man im Feld des Rechtsextremismus und Rechtspopulismus lehrt und forscht (oder dies vorhat). POP\/ULIS\/MUS\/IK\/FORSCHUNG? Nur Mut!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/zfw\/kurse\/?kursid=1167\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><b>Workshop: Positionen! Kompetent umgehen mit rechtspopulistischen und -extremen Provokationen<\/b><\/a><\/p>\n<p><strong><em>Fu\u00dfnoten<\/em><\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Deutschlandfunk: \u201eRechte Bewegungen an Hochschulen. Universit\u00e4ten nehmen die Situation nicht ernst\u201c. Wilhelm Heitmeyer im Interview mit Benedikt Schulz. Sendung vom 6.\u20092.\u20092019. Online: <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/rechte-bewegungen-an-hochschulen-universitaeten-nehmen-die.680.de.html?dram:article_id=440346\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/rechte-bewegungen-an-hochschulen-universitaeten-nehmen-die.680.de.html?dram:article_id=440346<\/a> (Abfrage: 10.\u20097.\u20092019).<\/li>\n<li>Ebd.<\/li>\n<li>Der derzeitige Leiter des Konzerthauses Wien, Matthias Naske, hatte in einem Interview, das er Judith Hecht von der Zeitung <i>Die Presse<\/i> im Mai 2017 gab, gesagt, er halte Andreas Gabaliers Auftritt im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins im April desselben Jahres f\u00fcr einen \u201eFehler\u201c, \u201e[w]eil das Signale sind. Man muss wissen, wer Gabalier ist, wof\u00fcr er steht, und dann abw\u00e4gen\u201c (online: <a href=\"https:\/\/diepresse.com\/home\/wirtschaft\/uebergeld\/5213660\/KonzerthausChef-Naske_Man-muss-wissen-wofuer-Gabalier-steht\">https:\/\/diepresse.com\/home\/wirtschaft\/uebergeld\/5213660\/KonzerthausChef-Naske_Man-muss-wissen-wofuer-Gabalier-steht<\/a>, Abfrage: 11.\u20097.\u20092019). Naske erhielt daraufhin nicht nur eine anonyme Morddrohung (vgl. https:\/\/diepresse.com\/home\/kultur\/medien\/5229863\/GabalierKlage_Morddrohung-gegen-Naske), sondern Gabalier klagte Naske auf seine Aussagen hin durch drei Instanzen \u2013 wenn auch erfolglos (vgl. z.\u2009B.: <a href=\"https:\/\/diepresse.com\/home\/kultur\/popco\/5378258\/Hymne-MachoSprueche_Gabalier-verliert-Prozess-weil-er-selbst-oft\">https:\/\/diepresse.com\/home\/kultur\/popco\/5378258\/Hymne-MachoSprueche_Gabalier-verliert-Prozess-weil-er-selbst-oft<\/a>, Abfrage: 11.\u20097.\u20092019).<\/li>\n<li>\u00a0Europ\u00e4ische Musikforschungsvereinigung Wien (Hg.): \u201eGreat again? Musik in Zeiten des Populismus\u201c. \u00d6sterreichische Musikzeitschrift, Jahrgang 72, Heft 6, 2017. Wien: Hollitzer.<\/li>\n<li>N\u00e4here Informationen zum Projekt z.\u2009B. unter <a href=\"https:\/\/uol.de\/news-detail\/wenn-musik-politisch-wird-2441\">https:\/\/uol.de\/news-detail\/wenn-musik-politisch-wird-2441<\/a>\/ (Abfrage: 18.\u20097.\u20092019).<\/li>\n<li>Vgl. Endnote 1.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Druck auf Pop\/Musik\/Forscher_innen und -P\u00e4dagog_innen, die sich in ihrer Arbeit kritisch mit Rechtspopulismus und Rechtsextremismus befassen, ist hoch. 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