{"id":3096,"date":"2019-09-27T13:31:55","date_gmt":"2019-09-27T11:31:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=3096"},"modified":"2020-03-10T10:37:59","modified_gmt":"2020-03-10T09:37:59","slug":"ich-kann-alles-sein-ich-kann-nichts-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/09\/27\/ich-kann-alles-sein-ich-kann-nichts-sein\/","title":{"rendered":"Ich kann alles sein. Ich kann nichts sein."},"content":{"rendered":"<b>Das k\u00fcnstlerische Forschungsprojekt <i>Confronting Realities<\/i> rollt die brisante Frage nach der sozialen Herkunft von K\u00fcnstler_innen auf und beleuchtet dabei Grenzen und Chancen der Filmproduktion.<\/b><\/p>\n<p>Schauspielen, Filme machen, Kunst schaffen \u2013 das klingt nach Freiheit, nach endlosen Gedankenr\u00e4umen, nach Unabh\u00e4ngigkeit. Ist es auch, sagen Bruno Kratochvil und Tamim Fattal, die im Rahmen des Pilotprojekts mit Negin Rezaie und Enzo Brumm den Essayfilm <i>Dreamers. Disformed figures of our past<\/i> umsetzen. Dennoch hat die Traumfabrik Kunst ihre Arbeiter_innen fest im Griff, denn sie ist selbst eine Produktionsst\u00e4tte, die kategorisiert, hierarchisiert, ein- und ausschlie\u00dft. D\u00fcrfen die eigene Lebensgeschichte, die eigenen Tr\u00e4ume und W\u00fcnsche Platz finden, in einem oft hierarchischen Produktionsverh\u00e4ltnis? Ja, kommt man entgegen vielf\u00e4ltiger Ausschlussmechanismen von Herkunft \u00fcber Status, Alter, Geschlecht und Religion \u00fcberhaupt dazu, sie zu erz\u00e4hlen?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.filmakademie.wien\/de\/confronting-realities\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><i>Confronting Realities<\/i><\/a> will genau das: Erz\u00e4hlen. Das k\u00fcnstlerische Forschungsprojekt gibt seinen Teilnehmenden theoretisches und praktisches Handwerkszeug f\u00fcr eine filmische Aufarbeitung der eigenen Soziobiografie. Sechs Studierende der Filmakademie arbeiten mit acht Performer_innen in einem Workshop und anschlie\u00dfendem Filmlabor daran, Herkunft und Lebensrealit\u00e4ten aller Beteiligten als Materialfundus f\u00fcr filmisches Geschichtenerz\u00e4hlen zu erkunden. Barbara Wolfram, die das Projekt an der Filmakademie Wien gemeinsam mit Nina Kusturica, Christina Wintersteiger und Elena Meilicke unter der Leitung von Claudia Walkensteiner-Preschl betreut, konnte insbesondere dank ihrer Arbeit mit der Evolve Theatre Company Performer_innen aus diversen sozialen Hintergr\u00fcnden als Artistic Researcher gewinnen. Mit dem Projekt m\u00f6chte sie sich aus dem tendenziell homogenen Kunsthochschulhintergrund herausbewegen und den Teilnehmer_innen erm\u00f6glichen, ihren Blickwinkel zu ver\u00e4ndern. Denn in der Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, so Wolfram, merke man schnell, mit wie vielen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten man geradezu ahnungslos lebt. \u201eWir sind \u00e4u\u00dferst privilegiert. Ich verstehe es als unsere Bringschuld, Lebensrealit\u00e4ten kennenzulernen, die von unseren divergieren. Wir k\u00f6nnen keine Schicksale ausgleichen, uns selbst aber mit dem Leben anderer konfrontieren. Es liegt in unserer Verantwortung, die gef\u00fchlte und gelebte Wirklichkeit filmisch so darzustellen, wie sie f\u00fcr die Betroffenen tats\u00e4chlich ist. Und eben nicht unsere Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_3099\" aria-describedby=\"caption-attachment-3099\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-3099\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image1-9-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image1-9-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image1-9-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image1-9-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image1-9-850x637.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image1-9.jpg 1902w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3099\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Christina Wintersteiger\/Filmakademie Wien<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Projekt bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Selbstreflexion und Fremdwahrnehmung. Neben grundlegender theoretischer Begriffsarbeit stehen daher Gef\u00fchl und K\u00f6rper im Zentrum des Workshops. \u201eAus dem Kopf raus kommen\u201c ist Programm: Wolfram, selbst Theaterschaffende, Psychologin und Filmwissenschaftlerin im PhD an der Filmakademie, f\u00fchrt die Studierenden und Performer_innen durch unterschiedliche Strategien an die Auseinandersetzung mit der eigenen Autosoziobiografie heran. Aufmerksamkeits\u00fcbungen sowie Selbst- und Gruppenwahrnehmung sollen erm\u00f6glichen, auch die k\u00f6rperlich verankerte Biografie kennenzulernen \u2013 etwa indem sie Erinnerung an Ger\u00fcche, Geschm\u00e4cker, Ger\u00e4usche animieren. Die Teilnehmenden werden \u00fcber einen Fragebogen an die Biografiearbeit im Kontext der sozialen Klasse herangef\u00fchrt. Auch das Unbewusste spielt eine zentrale Rolle in der Auseinandersetzung: Mithilfe eines biografischen und eines abstrakten Fragebogens (z.\u2009B. \u201eHow do I make a cup fall in love with me?\u201c) werden die Teilnehmenden dazu angehalten, ihre Emotionen zu benennen und sich au\u00dferdem \u00fcber unbewusste Ausschlussmechanismen klar zu werden.<\/p>\n<p>Dass hier intime Themen und starke Gef\u00fchle hochkommen, war Barbara Wolfram und dem Team von Anfang an bewusst: \u201eEs ist wichtig, die Teilnehmenden abzuholen. Wir haben versucht, darauf vorzubereiten, welche Emotionen aufkommen k\u00f6nnen \u2013 Scham ist bei der Bearbeitung von Autosoziobiografien ein besonders wichtiges Thema. Grunds\u00e4tzlich gilt: Alles darf, nichts muss gesagt werden.\u201c<\/p>\n<p>Die intensive Zusammenarbeit in den entstandenen drei Projektgruppen schafft Vertrauen f\u00fcr die Bearbeitung schwieriger Lebenserfahrungen. Im Projekt <i>Dreamers. Disformed figures of our past<\/i> \u00fcbersetzt Drehbuchstudent Bruno Kratochvil die Lebensrealit\u00e4ten dreier Performer_innen filmisch: Tamim Fattal ist Syrer und asylberechtigt, spielt erfolgreich am Theater in der Josefstadt; Enzo Brumm ist ein Fashionmodel aus Hamburg und studiert am Max Reinhardt Seminar; Negin Rezaie ist K\u00fcnstlerin und Performerin, aus dem Iran geflohen und lebt ohne Asylstatus in Wien. Die K\u00fcnstler_innen blicken gemeinsam auf gesellschaftliche Zust\u00e4nde, die sich in ihren Biografien festschreiben \u2013 von Aufenthaltstitel \u00fcber Sch\u00f6nheitsideale und Geschlecht.<\/p>\n<p>Die Gruppe will ihren individuellen, durchaus divergierenden Lebenserfahrungen Gemeinsamkeiten entgegensetzen. F\u00fcr Bruno Kratochvil ist diese Kontroverse stets pr\u00e4sent: \u201eIch kann nicht authentisch erz\u00e4hlen, wie es Tamim oder Negin auf der Flucht ergangen ist. Was ich machen kann, ist, ihnen Raum f\u00fcr ihre Geschichten zu geben. Ich suche Bilder, die ein Gef\u00fchl oder Eindr\u00fccke von damals widerspiegeln k\u00f6nnen \u2013 diese lassen sich leicht im Leben der anderen wiederfinden. Denn was uns eint, sind Einsamkeit, Liebe, Trauer und nicht zuletzt unsere Tr\u00e4ume und Hoffnungen.\u201c<\/p>\n<p><i>Confronting Realities<\/i> wird f\u00fcr Kratochvil zum Sprachrohr: Geschichten wollen zuallererst erz\u00e4hlt werden, weil sie auf etwas hinweisen m\u00f6chten \u2013 und werden so politisch. Auch die Gef\u00fchle auf der Leinwand sind Politik, zeigen sie doch eine tiefe Ber\u00fchrung, einen Missstand auf. Dem Beschreiben und Darstellen wohnt so eine immense Macht inne, die Kratochvil als zentral f\u00fcr das Projekt ansieht: \u201eAus einer passiven Haltung, wo andere uns anschauen und uns Dinge zuschreiben k\u00f6nnen, kommen wir hier in eine Position des Aktiven, des Schaffenden.\u201c","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das k\u00fcnstlerische Forschungsprojekt Confronting Realities rollt die brisante Frage nach der sozialen Herkunft von K\u00fcnstler_innen auf und beleuchtet dabei Grenzen und Chancen der Filmproduktion.<\/p>\n","protected":false},"author":160,"featured_media":3098,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[808,827,828,50,829],"class_list":["post-3096","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-film","tag-2019-3","tag-culturalheritage","tag-filmakademie","tag-filmakademie-wien","tag-theresa-aichinger-fankhauser"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3096","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/160"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3096"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3096\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4199,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3096\/revisions\/4199"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3098"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3096"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3096"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3096"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}