{"id":3069,"date":"2019-09-27T13:30:00","date_gmt":"2019-09-27T11:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=3069"},"modified":"2020-12-07T17:23:14","modified_gmt":"2020-12-07T16:23:14","slug":"ethnomusikologie-und-gender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/09\/27\/ethnomusikologie-und-gender\/","title":{"rendered":"Ethnomusikologie und Gender"},"content":{"rendered":"<b>Intersektionale Perspektiven auf Musik, Geschlecht und Sexualit\u00e4t<\/b><\/p>\n<p>Die Ethnomusikologie besch\u00e4ftigt sich oft mit Musik und Tanz jener Menschen, die als \u201eanders\u201c wahrgenommen werden. Daf\u00fcr muss allerdings nicht in entlegene Weltgegenden gereist werden \u2013 auch in Wien existieren unterschiedlichste Musikkulturen nebeneinander. Am Institut f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie (IVE) der mdw hat die Besch\u00e4ftigung mit Musik migrantischer Communities im Rahmen des Minderheitenschwerpunkts eine lange Tradition. Migrantische Gruppen sind h\u00e4ufig struktureller und individueller Diskriminierung ausgesetzt\u00a0\u2013 die Bedeutung der \u201eeigenen\u201c Musik ist in diesem Kontext gesellschaftlicher Marginalisierung signifikant. Eine sich seit den Migrationen des Sommers 2015 neu formierende diasporische Gruppe in \u00d6sterreich sind Afghan_innen, die mit nahezu 50.000 Menschen \u2013 darunter mehrheitlich junge m\u00e4nnliche Gefl\u00fcchtete \u2013 die gr\u00f6\u00dfte asiatische Community des Landes bilden. Den musikalischen und t\u00e4nzerischen Szenarien dieser Gruppe widmet sich ein seit 2016 laufendes Forschungsprojekt am IVE.<sup>1<\/sup><\/p>\n<p>Der Aufenthaltsstatus vieler afghanischer Gefl\u00fcchteter in \u00d6sterreich ist ungekl\u00e4rt, ihre Zukunft ungewiss \u2013 die Zahl negativer Asylbescheide und Abschiebungen nimmt zu. Zur politischen Unterdr\u00fcckung gesellen sich individuelle Diskriminierung im Alltag sowie eine mediale Berichterstattung, die seit Jahren erfolgreich das Bild des jungen, potenziell gewaltt\u00e4tigen, sexuell \u00fcbergriffigen jungen muslimischen Mannes zeichnet. Geschlecht und Sexualit\u00e4t scheinen in der europ\u00e4ischen Debatte um Flucht und \u201eAnderssein\u201c zentrale Positionen einzunehmen. Konservative migrationsfeindliche Stimmen in Politik und Medien machen sich pl\u00f6tzlich f\u00fcr Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Freiheit stark und erkl\u00e4ren die \u201eabweichenden\u201c Geschlechter- und Sexualit\u00e4tskonzepte zum Nachweis f\u00fcr un\u00fcberbr\u00fcckbare kulturelle Unterschiede und \u201eR\u00fcckst\u00e4ndigkeit\u201c. Ethnosexismus nennt Gabriele Dietze diese \u201eKulturalisierung von Geschlecht, die ethnisch Markierte aufgrund ihrer Position in einer angeblich problematischen oder \u201ar\u00fcckst\u00e4ndigen\u2018 Sexualit\u00e4t oder Sexualordnung diskriminiert\u201c (Dietze 2016: 178).<\/p>\n<figure id=\"attachment_3071\" aria-describedby=\"caption-attachment-3071\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3071 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image0-13-1024x645.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"535\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image0-13-1024x645.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image0-13-300x189.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image0-13-768x483.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image0-13-850x535.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/post-1_image0-13.jpg 1903w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3071\" class=\"wp-caption-text\">Afghanische Jugendliche beim Clubbing in der Arena34, 1110 \u00a9 Marko K\u00f6lbl<\/figcaption><\/figure>\n<p>F\u00fcr dieses Zusammentreffen von Migration und Diaspora mit Geschlecht und Sexualit\u00e4t sind Musik und Tanz ein besonders aufschlussreiches Analysefeld, in das im Fall afghanischer Gefl\u00fcchteter auch soziale Kategorien, wie Ethnizit\u00e4t, Nationalit\u00e4t respektive Aufenthaltsstatus, Alter, Bildung und Klasse hineinwirken. Ein detaillierter Blick auf das Zusammenwirken dieser verschiedenen Ungleichheitsdimensionen \u2013 in der Geschlechterforschung Intersektionalit\u00e4t genannt \u2013 erm\u00f6glicht nicht nur das Aufzeigen von Mehrfachdiskriminierungs- und Marginalisierungsprozessen, er hilft auch, die mannigfaltigen Einflussgr\u00f6\u00dfen auf die gruppeneigenen Konzeptualisierungen von Geschlecht und Sexualit\u00e4t nachvollziehbar zu machen, die sich in Musik und Tanz deutlich abbilden.<\/p>\n<p>In den letzten 40 Jahren herrschten in Afghanistan aufeinanderfolgende Kriege, die sich auch auf Geschlechter- und Sexualit\u00e4tspolitiken sowie den Status von Musik und Tanz auswirkten und weiterhin auswirken. Insbesondere die Taliban-\u00c4ra bedeutete einen absoluten Einschnitt in die gesellschaftlichen M\u00f6glichkeiten von M\u00e4dchen und Frauen. Au\u00dferfamili\u00e4rer Kontakt zwischen M\u00e4nnern und Frauen wurde nahezu unm\u00f6glich. Die Taliban erlie\u00dfen auch ein Musikverbot, Musikinstrumente und -kassetten wurden \u00f6ffentlich verbrannt und Tanzen sowie Musikmachen und -h\u00f6ren mit Strafen geahndet (vgl. Baily 2017). Auch nach Ende der Taliban-Herrschaft wirkt deren repressive Politik in Form von gesellschaftlichen Konventionen fort, gegen die aber \u2013 vor allem in der Musik \u2013 Widerstand geleistet wird.<\/p>\n<p>Beispielsweise erhebt die afghanische Popdiva Aryana Sayeed ihre Stimme f\u00fcr Geschlechtergerechtigkeit und fordert damit erfolgreich konservative Positionen in Afghanistan heraus. In ihren Liedern verhandelt sie Themen wie Gewalt an Frauen, patriarchale Unterdr\u00fcckung und die Disziplinierung von Frauenk\u00f6rpern, in ihren Musikvideos und B\u00fchnenshows stellt sie als tanzende Frau sexuelle Moralvorstellungen infrage, ihre Outfits widersetzen sich den herrschenden Kleidungskonventionen. Dies f\u00fchrt durchaus zu Kontroversen: Afghanische Geistliche verurteilen ihr \u201es\u00fcndhaftes\u201c Auftreten, sie wird zum Ziel politisch motivierter Anschl\u00e4ge, Konzerte in Afghanistan m\u00fcssen immer wieder aus Sicherheitsgr\u00fcnden abgesagt werden. Gerade damit regt sie allerdings die Debatte zu Frauenrechten im Land wirksam an. Dass Aryana Sayeed soziale Konventionen derart herausfordern kann, h\u00e4ngt nicht zuletzt mit ihrer Biografie zusammen. Sie ist als Kind \u00fcber Pakistan in die Schweiz gefl\u00fcchtet und lebt und arbeitet jetzt von London aus. Als K\u00fcnstlerin der Diaspora beeinflusst sie ma\u00dfgeblich das musikalische Geschehen Afghanistans \u2013 bezeichnend f\u00fcr die afghanische Musikszene, die ohne ihr globales diasporisches Netzwerk um einiges \u00e4rmer w\u00e4re.<\/p>\n<p>Stars wie Aryana Sayeed geben regelm\u00e4\u00dfig Konzerte in den Zentren der diasporischen Communitys des globalen Nordens, zu denen nun auch Wien geh\u00f6rt. Das Angebot ist reich: Konzerte der Superstars, Performances von lokalen Musiker_innen, private Feiern, Hochzeiten. Besonders wichtig ist dabei das Tanzen, das eine M\u00f6glichkeit der kollektiven k\u00f6rperlichen Ausverhandlung von diasporischer Identit\u00e4t bietet \u2013 ein positiv besetztes \u201eAfghanisch-Sein\u201c abseits des anti-muslimischen Rassismus in Medien und Politik. Da gemischtgeschlechtliches Tanzen als sexualmoralisches Tabu gilt, ist gleichgeschlechtliches Tanzen die soziale Norm, genauer gesagt, gleichgeschlechtliches Tanzen unter M\u00e4nnern. Das zeigt \u2013 ebenso wie die charakteristischen kunstfertigen K\u00f6rperbewegungen der tanzenden M\u00e4nner \u2013 die enge Verwobenheit von Tanz, Geschlechtervorstellungen und kulturellen Traditionen. Dabei treten auch alternative Konzepte von M\u00e4nnlichkeit zum Vorschein.<\/p>\n<p>F\u00fcr afghanische Frauen allerdings ist es in \u00d6sterreich nicht einfach, unbeschwert bei \u00f6ffentlichen Veranstaltungen zu tanzen \u2013 ein Problem, dessen sich Sonja Latifi angenommen hat. Die \u00d6sterreicherin, die im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern von Kabul nach Wien fl\u00fcchten musste, m\u00f6chte Frauen die M\u00f6glichkeit geben, Musik und Tanz ohne die Gefahr sozialer \u00c4chtung genie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Sie achtet bei ihren Veranstaltungen penibel darauf, dass keine Fotos und Videos von Besucherinnen \u00fcber Social-Media-Kan\u00e4le den Konzertsaal verlassen, um ihren G\u00e4stinnen kompromittierende Situationen zu ersparen. \u00dcber das erste Konzert ihrer Eventagentur \u201eKhatera Event\u201c erz\u00e4hlt sie: \u201eIch habe wirklich gesehen, wie die Frauen sich freuen. Als sie sich bei mir nach dem Konzert bedankt haben, mich umarmt haben, sind ihnen die Tr\u00e4nen gekommen.\u201c Ihr eigener Emanzipationsprozess inspirierte sie zu ihrem Engagement im Empowerment afghanischer Frauen: \u201eIch m\u00f6chte den Frauen helfen. Ich m\u00f6chte erm\u00f6glichen, dass sich Frauen weiterentwickeln, weiterbilden k\u00f6nnen, dass sie sich mehr trauen.\u201c Sonja Latifis l\u00e4ngerfristige Vision ist es, dass sich diese sozialen Neuerungen normalisieren und nicht zuletzt, dass Menschen miteinander tanzen k\u00f6nnen \u2013 unabh\u00e4ngig von Geschlecht oder Herkunft.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>Dietze, Gabriele. 2018. \u201eEthnosexismus. Sex-Mob-Narrative um die K\u00f6lner Sylvesternacht\u201c, in: movements. Journal for Critical Migration and Border Regime Studies 2\/1 (2016), S. 177\u2013185, <a href=\"http:\/\/movements-journal.org\/issues\/03.rassismus\/10.dietze--ethnosexismus.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/movements-journal.org\/issues\/03.rassismus\/10.dietze&#8211;ethnosexismus.html<\/a> (Zugriffsdatum: 1. Juli 2018).<\/p>\n<p>Baily, John 2017. <i>War, Exile and the Music of Afghanistan. The Ethnographer\u2019s Tale<\/i>, New York: Routledge.<\/p>\n<p><em><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/em><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/ive\/forschungsprojekt-refugees\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">mdw.ac.at\/ive\/forschungsprojekt-refugees<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ethnomusikologie besch\u00e4ftigt sich oft mit Musik und Tanz jener Menschen, die als \u201eanders\u201c wahrgenommen werden. 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