{"id":2816,"date":"2019-04-30T08:18:21","date_gmt":"2019-04-30T06:18:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=2816"},"modified":"2019-04-30T08:18:21","modified_gmt":"2019-04-30T06:18:21","slug":"orchesterspiel-ist-wahrscheinlich-die-komplexeste-kommunikationsform-der-menschheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2019\/04\/30\/orchesterspiel-ist-wahrscheinlich-die-komplexeste-kommunikationsform-der-menschheit\/","title":{"rendered":"\u201eOrchesterspiel ist wahrscheinlich die komplexeste Kommunikationsform der Menschheit.\u201c"},"content":{"rendered":"<strong>Ein Gespr\u00e4ch mit Helmut Zehetner, Professor f\u00fcr Orchestererziehung an der mdw<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2818\" aria-describedby=\"caption-attachment-2818\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2818\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner2.jpg\" alt=\"Helmut Zehetner\" width=\"1000\" height=\"544\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner2.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner2-300x163.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner2-768x418.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner2-850x462.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2818\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wie w\u00fcrden Sie Au\u00dferirdischen oder jemandem, der vielleicht noch nie im Konzert war, das Wesen eines Orchesters beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Helmut Zehetner (HZ):<\/strong> Das Wesen eines Orchesters ist es, mithilfe eines umfassenden Klangspektrums sowohl emotionale als auch intellektuelle Inhalte zu transportieren. Wir alle werden \u00fcber das Geh\u00f6r bereits im Mutterleib gepr\u00e4gt, daher f\u00fchlen wir uns dann am wohlsten, wenn die Kl\u00e4nge, die auf uns zukommen, diesen Erfahrungen am \u00e4hnlichsten sind. Wahrscheinlich haben die Menschen mit ihren Instrumenten versucht, hier etwas Kreativit\u00e4t hinzuzuf\u00fcgen, um die Intensit\u00e4t noch zu steigern. Das Ergebnis ist bis heute, zumindest was die Klassik betrifft, das gro\u00dfe Symphonieorchester.<\/p>\n<p><strong>Sie entstammen ja selbst einem Klangk\u00f6rper, dem als Kollektiv sehr ausgepr\u00e4gte Charakteristika zugeschrieben werden. Was ist denn ein Orchester f\u00fcr ein Wesen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>HZ:<\/strong> Das ist wirklich schwer zu beantworten, aber letztlich ist es eine menschliche Gesellschaft im Kleinen, vielleicht sogar vergleichbar mit einer Schulklasse, die eine gewisse Lebenszeit zusammen verbringt und sich einer gemeinsamen Aufgabe widmet. Da entstehen bestimmte Verhaltensmuster und Profilierungsw\u00fcnsche einzelner Individuen. Im Orchester ist es \u00e4hnlich, obwohl die Aufgaben durch die Partitur und die Stimmen nat\u00fcrlich festgelegt sind. Im Prinzip ist es eine Gemeinschaft, die versucht, ein mithilfe einer unvollkommenen Notation niedergeschriebenes, von einem Komponisten erdachtes Werk wieder erstehen zu lassen. Weil es jedes Mal neu entstehen muss, m\u00fcssen wir jedes Mal versuchen, dabei so \u00fcberzeugend und authentisch wie m\u00f6glich zu sein. Das geht manchmal \u00fcber die reine Partiturtreue hinaus.<\/p>\n<p><strong>Wie lassen sich diese Ziele an einem Haus wie der mdw an die Studierenden vermitteln, von denen viele (auch) Einzelk\u00e4mpfer_innen sind, die vor allem ihre solistischen Qualit\u00e4ten entwickeln wollen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>HZ:<\/strong> Der Hauptteil liegt nach dem Erarbeiten der Stimmen im Zusammenspiel der einzelnen Gruppen, weil das Ergebnis auch den heutigen Perfektionserwartungen des Publikums entsprechen soll. Das Spielen im Orchester ist die komplexeste Kommunikationsform, die die Menschheit entwickelt hat. Nirgends sonst gibt es gleichzeitig derart viele unterschiedliche \u00c4u\u00dferungen zur selben Zeit, ohne dass sich das Ganze in kleinere Gruppen aufl\u00f6st. Es ist entscheidend, dass jede_r Einzelne wei\u00df, wie sich ihr und sein Part zum Ganzen verh\u00e4lt. Daher ist f\u00fcr mich der wichtigste Punkt, das Geh\u00f6r zu schulen. Wir sind heute sehr stark visuell konditioniert, obwohl die Ohren im Vergleich zu den Augen das vielseitigere Sinnesorgan sind. Man kann um die Ecke h\u00f6ren, aber nicht sehen. Wir trainieren das jedoch f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht. Jede_r Musiker_in kann relativ schnell das Lesen einer Partitur erlernen. Das H\u00f6ren einer Partitur ist viel schwieriger, aber es ist die Voraussetzung daf\u00fcr, dass man einen wirklich intensiven Zusammenklang und eine intensive Kommunikation erreichen kann. Das ist der zentrale Punkt, der bei uns in der Orchestererziehung stattfindet. Und dadurch vermitteln wir auch, dass diese Arbeit etwas Tolles und Befriedigendes sein kann.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2819\" aria-describedby=\"caption-attachment-2819\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2819\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner3.jpg\" alt=\"Helmut Zehetner\" width=\"1000\" height=\"636\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner3.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner3-300x191.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner3-768x488.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner3-850x541.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2819\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Besonders dann, wenn dann das Webern Symphonie Orchester einen seiner j\u00e4hrlichen Auftritte im Wiener Musikverein absolviert.<\/strong><\/p>\n<p><strong>HZ:<\/strong> Nat\u00fcrlich. Unser Ziel war immer ein absolutes Spitzenprodukt. Dass man einmal in der Ausbildung in einem der wichtigsten Konzerts\u00e4le der Welt mit ganz gro\u00dfen Dirigent_innen etwas erleben darf, das etwas ganz Besonderes ist, \u2013 dieses Gef\u00fchl f\u00fcr die Studierenden zu erm\u00f6glichen, war f\u00fcr mich der innere Auftrag. Dass es gelungen ist, verdankte ich auch einer gl\u00fccklichen Konstellation zum richtigen Zeitpunkt. Dadurch, dass wir sowohl beim Musikverein als auch bei der Jeunesse in einem Zyklus vertreten sind, haben wir einen ausverkauften Saal und ein begeistertes Publikum.<\/p>\n<p><strong>Sie arbeiten ja das ganze Studienjahr \u00fcber, w\u00e4hrend sich das Orchester bereits zu einem Kollektiv entwickelt, und dann kommen f\u00fcr die Endproben die gro\u00dfen Pult-Stars hinzu. Wie findet das Erarbeitete mit den jeweiligen Handschriften der Dirigent_innen zusammen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>HZ:<\/strong> Es muss am Ende interpretatorisch und hinsichtlich der k\u00fcnstlerischen Aussage nat\u00fcrlich das Konzert dieser Dirigentin oder dieses Dirigenten sein. Unsere Aufgabe hier am Haus bei der Vorbereitung in den Einzelstimmproben und Gruppenproben ist es, die St\u00fccke erstklassig zu erarbeiten. Nat\u00fcrlich folgen hier meine Kolleg_innen und ich unseren eigenen Vorstellungen und erkundigen uns gleichzeitig danach, wie der Dirigent oder die Dirigentin die Interpretation in etwa anlegt, zum Beispiel was die Tempi betrifft. Wir m\u00f6chten aber nicht alles bereits zu stark darauf zuschneiden. Denn es geh\u00f6rt zum Lernprozess \u2013 und wir sind immer noch eine Ausbildungsst\u00e4tte mit Lehrveranstaltungen \u2013, den Sprung von der Vorstellung einer Dirigentin oder eines Dirigenten zu einer\/einem anderen mit v\u00f6llig unterschiedlichen Ideen mitzumachen. Das braucht man in der Praxis sehr h\u00e4ufig. Ich hatte einmal als Extrembeispiel mit den Wiener Philharmonikern Aufnahmen von <em>Cos\u00ec fan tutte<\/em> mit Nikolaus Harnoncourt und am Abend eine Vorstellung mit Riccardo Muti \u2013 dieselben Musiker_innen in einer 180-Grad-Drehung. Aber das ist auch unglaublich faszinierend. Orchestermusiker_innen m\u00fcssen sich dem anpassen, was gew\u00fcnscht wird, unabh\u00e4ngig davon, ob sie alles guthei\u00dfen. Diese Flexibilit\u00e4t ist im Berufsalltag ungeheuer wichtig.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/S-r0CDeBzCs\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Wie bedeutsam ist die Ausbildung in der Gattung Oper, die Sie mit regelm\u00e4\u00dfigen eigenen Produktionen im Schlosstheater Sch\u00f6nbrunn pflegen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>HZ:<\/strong> Die Oper ist eine ganz andere Herausforderung als das Konzert auf dem Podium. Sie ist die h\u00e4rteste, aber auch die beste Schule f\u00fcr Orchestermusiker_innen. Deswegen ist es mir wichtig, jede Saison eine Produktion zu machen. Es ist nun einmal so, dass\u00a0die S\u00e4nger_innen dominieren, dazu kommt die r\u00e4umliche Distanz. Daher ist auch hier die Kultivierung des Geh\u00f6rs der Orchestermusiker_innen entscheidend daf\u00fcr, wie gut sich die Ebenen mischen. Das kann eine Dirigentin oder ein Dirigent allein gar nicht leisten, vieles m\u00fcssen die Musiker_innen aus ihrer Erfahrung heraus beisteuern. Das Raumgef\u00fchl aus dem Orchestergraben heraus m\u00fcssen sie einfach lernen, ebenso wie die Interaktion mit den S\u00e4nger_innen. Wenn man sp\u00e4ter ein Engagement in einem Opernorchester bekommt, ist man dankbar, das zu einem gewissen Grad bereits erlebt zu haben. Die ersten Jahre in einem Repertoiretheater mit vielen Vorstellungen fast ohne Proben sind jedenfalls ein Sprung ins kalte Wasser \u2013 je mehr Erfahrung man hat, um schnell reagieren zu k\u00f6nnen, umso besser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_2817\" aria-describedby=\"caption-attachment-2817\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2817\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner.jpg\" alt=\"Helmut Zehetner\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner.jpg 400w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zehetner-200x300.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2817\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Helmut Zehetner<\/strong><\/p>\n<p>Geboren 1955 in Amstetten, ist seit 1980 Geiger im Orchester der Wiener Staatsoper, seit 1983 Mitglied der Wiener Philharmoniker (Stimmf\u00fchrer der 2. Violinen), daneben als Kammermusiker und Dirigent diverser internationaler Kammerorchester t\u00e4tig. Von 1997 bis 2014 leitete er die Streicherabteilung beim Internationalen Orchesterinstitut Attergau, seit 2008 ist er Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Orchestererziehung an der mdw.<\/p>\n<p>Im April 2019 dirigierte Lorenzo Viotti das Konzert des Webern Symphonie Orchesters im Musikverein. Im Schlosstheater Sch\u00f6nbrunn stand zuvor Mozarts <em>Le Nozze di Figaro<\/em> mit Dirigent Christoph U. Meier auf dem Programm.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Helmut Zehetner, Professor f\u00fcr Orchestererziehung an der mdw Wie w\u00fcrden Sie Au\u00dferirdischen oder jemandem, der vielleicht noch nie im Konzert war, das Wesen eines Orchesters beschreiben? Helmut Zehetner (HZ): Das Wesen eines Orchesters ist es, mithilfe eines umfassenden Klangspektrums sowohl emotionale als auch intellektuelle Inhalte zu transportieren. 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